Lani (komplette Serie)


   

Das erste Mal traf ich Lani auf dem Augustusplatz. Ich weiß noch ganz genau, wie sie da saß, als mein Blick auf sie fiel. Mit angezo­ge­nen Knien kauerte sie auf den Stu­fen vor der Oper. Ihr schokoladenfarbiges Haar wehte im Wind. In reflexartigen Bewegungen strich sie es sich immer wie­der aus dem Gesicht. Der Wind deplatzierte es sofort wieder.
    Normalerweise hätte ich sie nicht einmal bemerkt. Nur eine Jugendliche. Doch sie hockte dort wie ein Fötus zusammen gekauert. Sie wirkte so alleine. Ich wollte nur an ihr vorbeigehen, aber ich blieb stehen.
    Als mein Schatten auf sie fiel, hob sie den Kopf und blickte mich überrascht an. Ihre Augen wa­ren leicht ver­quollen und gerötet. In diesem Moment schalt ich mich einen Idioten. Was, um alles in der Welt, machte ich hier ge­rade? Rumstehen und Glotzen wie ein Idiot.
    „Hallo“, begrüßte ich sie.
    Sie nickte ein wenig verwundert. „Hallo.“
    Ihre Stimme klang ganz dunkel – ein herber Widerspruch zu ihrem niedlichen Ausse­hen. Unzäh­lige Som­mer­sprossen sammelten sich auf ihrem sanft gerundeten Gesicht. Ihre dunkelbrau­nen Au­gen besaßen einen exotischen, mandelförmigen Schnitt. Ich wusste nicht, in welchen Teil der Erde ich ihre Herkunft einordnen sollte, obwohl ich auf eine Schule mit Schülern aus zig verschiedenen Nationen ging.
    Ihr erstaunter Gesichtsausdruck ließ auf Erklärungsbedarf schließen. Verdammt, wie sollte ich et­was begrün­den, was ich selbst nicht verstand?
    „Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen? Du siehst so verloren aus.“
    Sie lächelte. Leicht. Ganz leicht. Und senkte ihren Blick zu Boden. Ich bemerkte die Traurigkeit, die für einen kurzen Moment ihr Gesicht überzog.
    „Ich hab mich verlaufen“, antwortete sie schließlich, „und habe darauf gewartet, dass mich je­mand findet.“
    Und so war es. Ich hatte sie gefunden. Die Quelle in der Wüste.
    „Also, soll ich dir helfen?“, erkundigte ich mich erneut.
    „Wenn du dich hier auskennst.“ Sie nannte mir den Namen einer Straße und ich schlug vor, sie dorthin zu begleiten.
    „Das würdest du machen?“, lächelte sie mich an. Doch es war wieder kein strahlendes Lächeln. Sehr reserviert. „Obwohl du mich gar nicht kennst? Das ist sehr lieb von dir.“
    Ich bot ihr meine Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie bedankte sich mit einem kurzen Blick. Wir machten uns auf den Weg zur Haltestelle. Der Bäcker auf der anderen Straßenseite erweckte meine Aufmerksamkeit.
    „Ich hab noch nicht gefrühstückt. Hast du Hunger?“
    „Tierischen. Aber ich hab kein Geld dabei.“
    „Ich kann dir welches leihen.“
    Normalerweise verlieh ich nie mein Geld, weil ich niemandem traute, es auch zurückzuzahlen. Aber in die­sem Moment hätte ich geschworen, dass Lani mich nicht betrügen würde. Jemand, der zusammen gekauert auf eine öffentlichen Platz hockte und darauf wartete, dass man ihn fand, zog einen nicht ab.
    Sie blickte mich mit großen Augen an. „Das wäre klasse. Natürlich gebe ich es dir zurück.“
    Ich kramte ein paar Münzen aus meinem Portemonnaie und wir holten uns beide ein belegtes Brötchen. Als wir dann in der Straßenbahn saßen, fing ich erst wieder mit einem Gespräch an.
    „Wo kommst du denn eigentlich her?“
    „Ach, den Ort kennst du bestimmt nicht. Er liegt im Vogtland und hat nur etwa achthundert Einwohner. Wir sind erst gerade hergezogen, weil mein Vater hier ei­nen neuen Job angenommen hat. Und du? Müsstest du nicht eigentlich in der Schule sein?“
    „Dasselbe könnte ich dich fragen.“
    „Ich hab Mittlere Reife und aufgehört. 
    „Hätte ich auch gern, aber die Lehrer wollten mich lieber noch ein Jahr da behalten.“
    Sie musterte mich kühl. „Und das dankst du ihnen, indem du schwänzt?“
    Ich verdrehte die Augen und sagte nichts mehr zu dem Thema. „Ich heiße übrigens Scott.“

Kur­ze Zeit später stand ich in einer winzigen Wohnung, die noch nach frischer Farbe roch. Die Wände strahlten in einem angenehmen Hellgrün. Ich sah mich ungeniert um. Die Möbel be­standen größtenteils aus Bam­bus. Der Teppichboden war dunkelbraun. Die Stühle um den runden Tisch waren mit bun­ten Leinen bezogen. Vergrößerte Fotos an der Wand zeugten von einer Vor­liebe für die Südsee.
    Lani bemerkte mein Interesse an den Bildern und erklärte: „Meine Mutter kommt aus der Do­mi­ni­kanischen Republik. Sie ist sehr Heimatbezogen.“
    „Warst du auch schon mal da?“
    „Nein. Wir wollten nächsten Sommer hin fliegen.“
    „Wollten?“
    Sie zögerte leicht. „Der Flug ist sehr teuer. Wir wissen nicht, ob wir uns das leisten können – jetzt nach dem Umzug.“
    „Es würde sich auf jeden Fall lohnen. Dort muss es wunderschön sein.“ Ich sah die Szenerie förmlich vor Au­gen: Der weiße Sandstrand, die großen Palmen, die Sonne brannte, das türkise Meer schlug sanfte Wellen heran, vom nahen Urwald er­klan­gen Geräusche exotischer Tiere und in der Luft lag der Duft süßer Früchte.
    „Ist es.“ Lani sprach es aus mit der Überzeugung ungebrochenen Glaubens. Sie rückte einen Bildrahmen zu­recht. „Manchmal wünschte ich mir ...“ Sie sprach nicht weiter.
    „Was denn?“
    „Ach, ist nicht wichtig.“
    „Sag schon.“
    Sie wandte sich ab. „Na, eben dort zu sein. Bis an mein Lebensende. Ich hab da eine Familie. Sie sind sehr arm – verglichen zu allem, was in Deutschland so wichtig ist. Und doch sind sie – unge­hemmt. Ich stehe in Briefkontakt mit meiner Cousi­ne. Sie ist achtzehn und hat schon zwei Kinder. Sie führt ein hartes Leben und – das inter­essiert dich si­cherlich nicht wirklich.“
    „Doch, doch“, widersprach ich schnell und fragte mich, woher plötzlich ihre Bitterkeit kam. „Aber du bist noch jung. Willst du wirklich bis an dein Lebensende da leben? Schließlich sind es noch einige Jährchen.“
    Ich meinte es ironisch. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, wandte sie sich ab.
    „Du wartest sicherlich auf dein Geld“, hörte ich sie murmeln.
    „Lani, habe ich etwas Falsches gesagt?“ Sie antwortete nicht. „Wenn ja, dann tut’s mir leid.“
    „Du entschuldigst dich ohne zu wissen, warum, richtig?“
    Sie schaute mich nicht an, aber ich sah die Tränen in ih­ren Augen. Ich war schockiert und erwi­derte nichts. Lani verließ kurz den Raum und kam mit einer Geldbörse in der Hand zurück. Sie drückte mir vier Euro in die Hand.
    „Hier, ich hab’s passend. Behalte den Rest. Als Dankeschön. Warst echt nett zu mir.“
    Während sie redete, drängte sie mich zur Haustür. Ich stammelte, dass es nicht nötig wäre und danke und – 
    „Tschüss, Scott.“ Die Tür krachte, als Lani sie ins Schloss warf. Ich stand ein­fach nur mit offenem Mund da und starrte sie unmittelbar unter dem Guckloch an. Ich hatte schon meine Faust gehoben, um zu pochen, als ich dachte: Das ist das verkehrteste, was du jetzt machen kannst. Ich ließ die Hand fallen und schaute auf meine Uhr. Kurz nach elf.

Lani ging mir nicht aus dem Kopf. Gammelte ich in der Schule an meinem Platz herum, verwandelten sich meine Striche in zusammen gekauerte Lanis mit ver­quollenen Au­gen. Fälschte ich zu Hau­se meine Entschuldigungen, begann ich darüber nachzuden­ken, dass Fernbleiben nicht die richtigen Art war, sich bei den Lehrern fürs Sitzenbleiben lassen zu rächen. Kam ich an einem Reisebüro mit karibischen Schau­fens­ter­bil­dern vorbei, stellte ich mir La­ni und ihre Cousine vor, wie sie mit den beiden Kin­dern im Meer baden gingen, lachten und Spaß hatten. Und wenn ich gerade nichts machte, überlegte ich, was für Gründe Lani ge­habt hatte, mich rauszuwerfen. Hatte sie meine Bemerkung ausländerfeindlich ge­deutet? Aber das war sie nicht gewesen. Und wenn sie das hinein interpretierte, phantasierte sie sich ganz schön etwas zusammen. Hatte ich sie beleidigt? Wenn ja, war sie eine Mimose. Aber das kon­nte ich mir beides nicht richtig vorstellen. Vielleicht war sie auch einfach nur mit ihrer Lebenssitua­tion un­zufrieden und ich hatte sie dar­an erinnert.
    „Du hörst auch echt nichts“, erklang eine belustigte Stimme.
    Ich schaute vom Fernseher zur Zimmertür. Dort stand Edgar mit verschränkten Armen.
    „Hä?“
    „Mann, ich hab fünf Mal geklingelt und sogar deine Mutter nach dir schreien hören.“
    Ich zuckte mit den Schultern. „Jetzt bist du hier. Zocken wa ‘ne Runde?“
    „Klar.“
    Edgar pflanzte sich neben mich. Ich schaltete die Spielkonsole an.
    „An was hast'n du grad gedacht?“
    „Nur so überlegt.“
    Edgar von Lani erzählen? Dass ich über sie grübelte wie er über die aktuelle Bundesligatabelle? Frauen waren unlogischen Gedankenwege folgende Wesen, die nicht verstanden, was Abseits war, immer zu­sammen auf Toilette gehen mussten und über andere ih­rer Art in gemeinster Weise lästerten, wäh­rend die zwei Meter daneben standen. (Seine Meinung, nicht meine.)
    „Was ist eigentlich mit dir los, Scotsman?“
    „Wie jetzt?“
    „Generell. Du erscheinst zwei Tage lang pünktlich zum Unterricht und hast sogar die Mathehaus­aufgaben gemacht.“
    Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Wenn ich zu oft fehle, lassen die mich vielleicht noch mal durch­rasseln.“
    „Verdammt. Wirst vernünftig, was?“
    „Scheint so.“

Ich beschloss, Lani noch einmal aufzusuchen. Da stand etwas zwischen uns, das unbedingt geklärt werden muss­te. Ich wusste, würde ich nicht die Gründe ihres Verhaltens erfahren, würde ich mich noch zu Tode grü­beln. Der Beschluss beschäftigte mich den ganzen Tag. Am liebsten wäre ich schon vormittags zu ihr gegangen, aber das würde sie sicherlich verärgern, darum wartete ich die verdammten sechs Stunden ab und fuhr dann zu ihr.


Gerade, als ich ankam, verließ ein anderer Hausbewohner das Gebäude. Ich schlüpfte durch die Tür und nahm auf den Weg in den dritten Stock immer zwei Stufen auf einmal. Vor der Haustür at­mete ich tief durch und klingelte. Eine Frau öffnete. Sie war Anfang vierzig, ähnelte Lani sehr und trug ausländi­sche Klei­dung. Lanis Mutter.
    „Hallo. Mein Name ist Scott. Ich bin ein Bekannter Ihrer Tochter. Ist sie vielleicht da?“
    „Nein, sie ist gerade Obst kaufen.“ Sie sprach mit einem angenehmen spani­schen Akzent in der Stimme. „Sie wird gleich wiederkommen. Möchtest du hier auf sie warten?“
    Ich willigte ein. Sie trat beiseite und bot mir, noch während ich hereinkam, eine Tasse Kaffee ein. Ich nahm auch dieses Angebot an und setzte mich auf ihr Geheiß an den runden Tisch.
    „Seit wann kennst du Lani?“
    „Oh, wir haben uns vor ein paar Tagen auf dem Augustusplatz getroffen. – Danke.“
    Sie hatte Kaffee eingeschüttet und reichte mir nun die Tasse. Das Milch- und Zuckerangebot nahm ich reichlich in Anspruch.
    „Sie hat mir nicht erzählt, dass sie dich getroffen hat.“ Sie machte eine Pause, bevor sie mich ent­schuldigend anlächelte. „Lani lernt nicht schnell Menschen kennen. Sie ist ein vor­sichtiges Mädchen.“
    Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, und nahm stattdessen einen Schluck aus der Tasse. Überrascht hielt ich inne und spülte das Getränk in meinem Mund herum. Das war kein gewöhnlicher Kaffee. Sein Aroma war intensiv. Bestimmt frisch geröstet. Ich schluckte ihn herunter.
    „Dieser Kaffee schmeckt aber lecker. Was ist das für einer?“
    „Es ist dominikanischer. Er ist hier in Deutschland nicht zu kaufen.“
    „Ist es in der Republik wirklich so schön wie auf diesen Fotos?“
    Sie lächelte. „Noch viel schöner.“
    „Kommt es Ihnen hier nicht sehr ungemütlich vor?“
    „Es ist sehr kalt.“
    Ein Schlüssel wurde im Schloss herum gedreht und plötzlich stand Lani mit einer Plastiktüte im Zim­mer. Sie starrte mich an. Ich verschüttete fast meinen Kaffee.
    „Hallo Lani. Dein Freund Scott wollte dich besuchen kommen.“
    Lani nickte und hob die Hand mit der Obsttüte. „Sie hatten Birnen im Angebot. Da hab ich auch noch welche von ihnen genommen.“
    „Ist in Ordnung.“
    Lanis Mutter ergriff den Beutel und verschwand damit in der Küche. Nun waren Lani und ich al­leine im Raum.
    „Lani, also, ich ähm ...“
    „Stopp!“ Ihr Blick huschte zur angelehnten Küchentür. „Komm mit.“
    Beim Sprechen verließ sie schon den Raum. Ich folgte ihr durch einen Flur in ein kleines Zim­mer. Es war hell und freundlich eingerichtet und im Gegensatz zu mei­nem aufgeräumt. An den Wänden hin­gen große Bilder von exotischen Blumen. Sie blieb an der Tür stehen und schloss sie hinter mir. Ein argwöhnischer Blick traf mich.
    „Mir ist unsere Begegnung nicht mehr aus dem Kopf gegangen, Lani.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Weißt du, ich hab echt oft drüber nachgedacht, was ich falsch gemacht hab, dass du so barsch ge­wesen bist, aber mir ist nichts eingefallen. Deshalb bin ich noch mal hergekommen, um das mit dir zu klären. Weil es mich echt be­schäftigt, weißt du.“
    „Du hast überhaupt nichts falsch gemacht. Mach dir keine Gedanken“, wies sie ab.
    „Aber – “
    „Scott, bitte! Es war nur eine Laune von mir. Ich bin vollkommen grundlos ausgeflippt.“
    „Das glaube ich dir nicht, Lani. Ich hab nur erwähnt, dass du noch jung bist und da machst du gleich ‘ne Szene?“
    „Ja, das tue ich.“
    Ich schnaufte und setzte an ihr zu widersprechen.
    „Scott, hör auf! Kannst du dir nicht vorstellen, dass nicht jeder von uns alt werden wird?“
    „Natürlich weiß ich das. Wie aber kommst du darauf, dass du nicht lange leben wirst?“
    „Weil ich einen Gehirntumor hab.“
    Sie spie die Worte aus wie Gift. Unmittelbar von ihnen getroffen ließ ich mich auf das Bett sinken. Fassungslos starrte ich abwech­selnd sie und den Boden an. Dieses schöne Mädchen. Und hinter ihren Augen lauerte der Tod. „Du – ?“
    „Ja. Ich habe Krebs.“
    Leise Worte. So endgültig. Jetzt machte ihr Verhalten Sinn. Ein Gehirntumor. Ver­dammt! Wer hätte denn an so etwas gedacht? Ich nahm ihre Tränen wahr und wollte ihr keine weiteren Schmer­zen zufügen, a­ber ich musste etwas sagen. Ich fühlte mich schuldig, weil ich ihr diese Unterhaltung aufzwang.
    „Lani, ‘tschuldige, ich wollte nicht ...“
    „Außer meiner Familie weiß niemand etwas davon, also sprich nicht darüber. Nicht mal mit ihnen. Ich möchte nicht, dass sie daran erinnert werden, dass ich – “ Sie brach ab und wandte mir ihren Rü­cken zu.
    „Lani, das ist – furchtbar.“ Furcht. Ja. Wäre ich Lani, hätte ich einfach nur Furcht. Vor allem.
    „Das brauchst du mir nicht sagen.“
    „Seit wann weißt du es denn? – Also, nein! Du musst mit mir nicht darüber reden. Wirklich nur wenn du willst. Ich, ähm, kann auch wieder gehen. Das wird wohl das beste sein.“ Ich stand auf. Sie schüttelte den Kopf.
    „Brauchst du nicht. Vielleicht“, sie sprach es zögernd aus, „tut’s mir ja gut, mal mit wem zu re­den – auch wenn ich dich gar nicht kenne.“ 
     Lani wandte sich mir wieder zu und wir schauten uns lange Zeit in die Augen. Diese dunkelbraunen Augen, wieder einmal von Tränen umgeben. Ihre Unterlippe bebte leicht. Sie hatte ihre Ar­me vor ihrer Brust verschränkt und ihre Finger krallten sich in die Oberarme.
    „Sie haben mir damals ein Jahr gegeben. Davon habe ich noch drei Monate.“
    „Drei Monate“, murmelte ich. In einem Monat gab es Zeugnisse. Ich hatte in fünf Monaten Ge­burtstag und in sieben Monaten war Weihnachten. Was war das für eine Rechnung im Gegensatz zu dem Gedanken, dass man in drei Monaten sterben würde? „Bist du nicht in Behandlung?“
    „Ich bin in ärztlicher Obhut. Die Ärzte haben mir mitgeteilt, dass sie zwar versuchen können, mir mit Chemotherapie ein bisschen Zeit zu verschaffen, aber es gibt keine Heilungschancen.“
    „Wie viel Zeit ist ein bisschen?“
    „Meinst du denn nicht, ich hätte mich erkundigt, wie diese Chemotherapien aussehen? Was da abläuft? Was das anging, waren die Ärzte sehr erfahren. Sie gaben mir bereitwillig jegliche Aus­kunft gegeben. Und ich will es nicht. Ich will sterben wie ich jetzt bin und nicht als haarlose, abge­zehrte Außerirdische. Ich muss mir selbst nichts beweisen. Ich weiß, dass ich lebe und ich weiß, dass ich bald sterben werde.“
    „Lani – “
    „Scott, fang nicht an mich überreden zu wollen! Meine Eltern haben das bereits ver­sucht. Es hat kei­nen Sinn. Ich will nicht in einem Krankenhausbett mit ei­ner Men­ge Schläuche und lauter Gift in meinem Körper sterben.“
    Ich schwieg erneut und setzte mich wieder auf das Bett. Lani setzte sich neben mich. Als sie an­fing zu spre­chen, klang ihre Stimme sehr ruhig: „Scott, sieh mich an. Du kennst mich kaum und reagierst trotzdem wie ein langjähriger Freund. Das ist unglaublich nett von dir. Niemand zuvor hat sich je mir gegenüber so verhalten. Das, was ich dir gerade eben erzählt hab, ist schwer verdaulich. Wer will schon wissen, wann er stirbt? Meine restliche Zeit möchte ich in Frieden verbringen. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr zur Schule gehe oder eine Ausbildung anfange.“
    Es klopfte an der Tür. Lanis Mutter lugte herein und ließ ihren Blick einmal zwischen uns her schweifen.
    „Scott, magst du deinen Kaffee noch oder soll ich ihn wegschütten?“
    Ich stand auf. „Entschuldigen Sie. Den hab ich vollkommen vergessen. Ich trinke ihn sofort.“
    Lanis Mutter nickte und verschwand wieder. Wir beide kamen ihr nach. Im Esszimmer holte sich auch Lani eine Tasse Kaffee.
    „Hast du schon Mittag gegessen?“, erkundigte sie sich, während sie Zucker und Milch portionierte.
    „Nein. Ich hab zu Hause was stehen.“
    Es war vollkommen surreal. Gerade eben hatte sie mir mitgeteilt, dass sie todkrank war, wir hat­ten uns gegen­seitig er­bost angeschnauzt und jetzt saßen wir hier am Tisch und unterhielten uns, als wäre nichts gewesen. Von dem Schrecken, der mir widerfahren war, war nur ein kleiner fester Bro­cken zurückgeblieben, der ein ungemütli­ches Gefühl in mir ausbreitete.
    Während wir redeten, ließ sie sich nicht anmerken, ob sie Ähnliches empfand. Schließlich war der Kaffee aus­getrunken. Bisher war ich noch nie in die Privatsphäre eines Menschen eingedrungen und ich begann, mich unwohl zu fühlen. Ich musste erst mal darüber nachdenken, warum ich auf einmal auf eine mir so fremde Art handelte. Oder warum ich überhaupt handelte. Sonst machte ich mir auch keine Gedanken darüber. Mir war meistens alles egal.
    Im Hintergrund klapperte Lanis Mutter in der Kü­che und summ­te eine mir fremde Melodie.
    Ich räusperte mich. „Ich gehe dann mal, Lani.“
    „In Ordnung.“
    Sie begleitete mich zur Tür. „Wenn du, ähm, möchtest, können wir uns noch mal treffen.“
    „Klar. Wann du kannst.“
    Wir tauschen noch unsere Nummern aus und ich verließ das Haus.


Wir lagen auf der Wiese vor dem Zooschaufenster. Es war ein ange­nehm warmer Freitag­nach­mittag. Musik schallte herüber. Es wurde gegrillt. Leute spielten Fußball oder Frisbee. Lani und ich lagen wie ein Ruhepol bewegungslos zwischen den anderen. Wir hatten grad beide ein großes Eis geschlachtet.

    „Wenn wir uns jetzt öfter mal treffen, Scott“, fing Lani an, „kommst du da überhaupt noch mit deinen Haus­auf­gaben klar?“
    Das war typisch Lani. Sie fing einen Satz an, der alles Mögliche nach sich ziehen konnte und dann fügte sie etwas Banales wie Schule hinzu.
    „Ich bin nicht der Typ, der sich stundenlang damit aufhält.“
    „Das heißt, du schreibst sie fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn ab“, tadelte sie mich.
    Ich zuckte mit den Schultern. „Du hast schon erreicht, dass ich regelmäßig zur Schule gehe, Lani. Einen Mus­terschüler wirst du nie aus mir machen.“
    „Was hab ich erreicht? Ich hab nie gesagt, dass du – “
    „Bei unserem ersten Treffen hast du etwas in die Richtung erwähnt. Daraufhin hab ich ein schlechtes Gewis­sen bekommen.“
    „Und jetzt hast du das Schwänzen aufgehört?“
    „Größenteils.“
    Sie schwieg einen Moment. Ihr entzückter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie äußerst begeistert von ihrem positiven Einfluss auf mich war.
    „Hat sich denn etwas in der Schule geändert?“
    „Ein paar Sprüche von Seiten der Lehrer gab’s. Oh – und ich kenne mittlerweile die Gesich­ter meiner Klassenkameraden.“
    „Das ist doch schon mal ein Anfang.“
    Über diesen spöttischen Kommentar lächelte ich nur. Ich liebte es, einfach mit Lani her­umzuhängen. Wir lachten viel. Spielten Airhockey in einem Lokal. Ich brachte ihr Skateboard-Fahren bei. Sie lehrte mich ein bisschen Spanisch. Wenn wir es uns leisten konnte, gingen wir ins Kino, schauten niveau­lose Teeniekomö­dien oder übertriebene Actionfilme.
    In die Dramen gingen wie nie.
    „Lani, kann ich dich mal was fragen?“
    Sie antwortete nicht. Ich kannte das mittlerweile. Lani zeigte sich gern mundfaul. Würde sie et­was gegen meine Frage haben, würde sie es sagen. Aber sie zeigte keinerlei Reaktion, wie sie da mit ihrem Kopf auf meinen Bauch gelegt in den Himmel starrte. 
    „Hast du einen Traum, den du dir erfüllen möchtest?“
    Bei meiner Frage drehte Lani ihr Gesicht zu mir und funkelte mich verärgert an. „Ich hab doch gesagt, dass du mich zu nichts überreden sollst.“
    „Nein, nein! Das, was du denkst, meine ich nicht. Ich spreche von Sehnsüchten. Einen heimlichen Wunsch.“
    Sie bettete ihren Kopf wieder und wandte ihren Blick zum dunkelblauen Himmel. „Ich will nicht hier sterben.“
    „Nicht hier in Leipzig?“
    „Nein, nicht in Deutschland. An Leipzig hab ich zu wenig Erinnerungen. Wir wohnen ja noch nicht lange hier. Aber an den Ort, in dem wir vorher gelebt haben, hab ich viel Schlechtes erfahr­en.“
    „Sie haben dich fertiggemacht?“
    „Hab mal braune Haut auf dem Land. Als wir fortzogen, gab es niemand, dem ich es erzählen konnte, weil niemand traurig deswegen gewesen wäre.“
    „An so einen Ort würde ich auch nicht zurückdenken wollen.“
    Ich hatte auch nicht großen Freundeskreis, aber ein paar richtige Kumpels, Edgar zum Beispiel. Wir würden uns niemals über theologische Ansichten unterhalten, aber das war ein Zeichen unserer Freundschaft: Um uns zu verstehen, mussten wir nicht miteinander reden.
    Ich seufzte in mich rein. Mal wieder verglich ich La­nis Welt mit meiner. Immer, wenn sie von ih­rem Leben er­zählte, wollte ich Parallelen zu meinem ziehen. Ich fand selten welche.
    „Ich“, Lani setzte sich auf und starrte über alle Menschen hinweg zum Horizont, „würde zu gerne das Geburtsland mei­ner Mutter kennen lernen. Von klein auf bin ich mit ihm aufgewachsen ohne jemals dort gewesen zu sein. Ich fühle mich dem Land so verbunden. Ich spreche ihre Sprache. Ich kenne das Dorf mei­ner Mutter von Fotos und Erzählungen. Seit Jahren schreibe ich mir mit meiner Cousine, habe sie nie getroffen und kenne sie doch. Das alles hinterlässt eine Leere in mir. Als hätte man mir Erinnerungen geklaut und mir bleibt die Mög­lichkeit verwehrt, sie zurückzuholen. Wir hatten geplant hinzuflie­gen, hatten angefangen, Geld zu sparen, möglich lange zu bleiben. Dann kam meine Krankheit. Das Geld ist jetzt größtenteils weg.“ Sie stockte. „Das ist schmerzhaft. Meine Eltern mussten soviel aufgeben für mich, im Wissen, dass sie mich trotz allem verlieren werden.“
    Aus Trost legte ich meinen Arm um sie und drückte sie an mich. Etwas, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Lani schaute mich nur an und setzte zu einem halben Lächeln an. Sie drückte meinen Unterarm kurz. Ich ließ meinen Arm wieder von ihrer Schulter gleiten.
    „Es ist nicht mehr schlimm, Scott. Ich träume nicht mehr. Träume bringen nun mal nichts Anderes mit sich als das Aufwachen.“
    Sie legte ihren Kopf wieder auf meinen Bauch und wir sprachen nicht mehr darüber. Mir ging das Thema nicht aus dem Kopf.

In der Pause saßen Edgar und ich in unserem kleinen Schulcafé. Er malträtierte den Lack des Ti­sches mit einer Schere und ich starrte ein Loch in den Boden.
    „Was bist du so schweigsam, Scotsman?“
    Ich zuckte mit den Schultern.
    „Machste dir Gedanken wegen Englisch?“
    „Ach, dass der Stanze mich zusammen geschissen hat, juckt mich nicht. Ich denk über was An­dres nach.“
    „Darf man wissen, worüber?“
    „Ich brauch dringend eine Arbeit. Weißt du was?“
    Edgar musterte mich. „Nee, aber ich kann mich ja mal umhorchen.“
    „Wär cool, danke.“
    Ich beschloss, mich nicht auf Edgars Abhördienste zu verlassen, sondern machte mich am gleichen Tag noch auf die Suche. In mehreren Geschäften fragte ich nach, ob sie dort Arbeit für mich hätten. Alle lehnten ab. Schließlich fand ich in einer kleinen Kaufhalle einen Aushang: Aushilfe gesucht. Drei­mal nachmittags, von sechzehn bis zwanzig Uhr, fünf Euro die Stunde. Morgen könnte ich anfangen.
    Die Arbeit war simpel: Ware aus- und einsortieren und etikettieren. Mein Chef war ein Unsymphat. Er halste mir die ganze Drecksarbeit auf. Plötzlich zerhackte ich Kakerlaken und schrubbte mona­telang nicht mehr gesäuberte Regale. Hätte mich mei­ne Mutter gesehen, wäre sie in einen an Wahnsinn grenzen­den Lachanfall ausgebrochen. Aber ich bekam mein Geld pünktlich.
    Mit Lani konnte ich mich nur noch treffen, wenn ich nicht arbeiten musste. Fußballschauen mit Edgar fiel auch immer öfters flach.
    Mittlerweile hatte ich Lani von meinem besten Kumpel Edgar erzählt. Ich hatte sie auch gefragt, ob sie ihn kennen lernen wollte, aber sie hatte abgelehnt – glücklicherweise. Ir­gendwie gehörten Edgar und Lani nicht in den selben Raum.
    Edgar wusste hingegen überhaupt nichts von Lani. Er dachte sich nichts Böses dabei, wenn wir uns in letzter Zeit seltener trafen. Zwei Wochen, nachdem ich die Ar­beit im Supermarkt angefangen hatte, kam er mit der Nachricht, dass sein Onkel einen Aushilfskellner für seine Bar suchte. Ich legte meine Schicht im Supermarkt am Freitag eine Stunde vor und stand nun freitags und samstags von zwanzig bis vierundzwanzig Uhr hinterm Tre­sen, genau wie am Sonntag von zehn bis dreizehn Uhr.

Am Freitag kam ich wie sonst auch um zwanzig nach sieben nach Hause. Meine Mutter saß am Esstisch und las eine Illustrierte.
    „Hallo“, begrüßte ich sie.
    „Hallo. Scott, kann ich mal grad mit dir reden?“
    Ich blickte auf die Uhr. „Klar.“
    Sie legte die Zeitschrift fort und starrte mich an. „Was ist eigentlich in letzter Zeit mit dir los? Du bist kaum noch zu Hause“, begann sie.
    „Ich bin viel unterwegs.“
    Der Zweifel in ihrem Blick irritierte mich. „Warum auf einmal soviel und früher eher selten?“
    Ich war überrascht, dass ihr das aufgefallen war. Sie war doch selber an­dauernd ar­beiten. Weil ich nicht wusste, was ich antworten sollte, sagte ich gar nichts.
    „Scott, dein Vater und ich machen uns Sorgen um dich. Du bist nie da und wenn, bist du in dei­nem Zimmer. Bist du denn immer noch mit Edgar befreundet? Er kommt in letzter Zeit gar nicht mehr her.“
    „Natürlich bin ich noch mit Edgar befreundet. Wir schauen doch regelmäßig Fußball zusammen in der Bar seines Onkels“, log ich.
    „Und was ist mit der restlichen Zeit?“
    Ich hielt kurze inne und betrachtete meine Mutter. Ihr Gesicht spiegelte ehrliche Besorg­nis wider. So egal, wie ich immer gedacht hatte, war ich ihr wohl doch nicht. Mein schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort.
    „In Ordnung. Ich habe gelogen. Ich kellnere in der Bar von Edgars Onkel und arbeite als Warenauffüller in einer Kaufhalle.“
    Sie fühlte sich mit meiner Begründung nicht zufrieden. „Wozu brauchst du das Geld? Bisher bist du mit deinem Taschengeld immer gut ausgekommen.“
    „Das Geld ist nicht für mich.“
    „Wirst du erpresst?“
    Ich lachte kurz auf. „Nein.“
    „Nimmst du Drogen?“
    „Mutter, nein!“ Jetzt verging mir das Lachen. „Das Geld ist für keine illegale Angelegenheit. Ich will einfach mehr Geld auf meinem Konto wissen.“
    Sie glaubte mir nicht. Wie sie die Lippen schürzte und nicht wusste, ob sie mich oder den Boden ansehen sollte. Meine Mutter fehlte die Überzeugung, ihr Sohn könnte etwas Ehrliches vollbringen.
    „Scott, wenn du in Schwierigkeiten bist, bitte sag es mir. Ich werde mit deinem Vater reden. Zu­sammen kön­nen wir dir helfen.“
    Ich seufzte. „Warum glaubst du mir nicht? Hast du so wenig Vertrauen in mich?“
    „Es wäre nicht das erste Mal, dass du lügst, Scott“, sagte sie leise und sah mich dabei nicht an.
    „Diesmal lüge ich nicht. Hör doch auf mich – bitte.“
    Sie antwortete nicht und ich ging ohne weiteren Kommentar wieder in mein Zimmer.

Meine Eltern trauten mir nicht mehr. Sie glaubten, ich wäre mit kriminellen Machenschaften zugange. Wenn sie mich jetzt ansahen, er­kannte ich die Fragen in ihren Augen. Früher hätte mir das nichts ausgemacht. Es hat eine lange Zeit gegeben, in der ich gewissenlos gelogen habe, was Schule und meinen sonstigen Zeitvertrieb anging. So haben meine Eltern zum Beispiel erst erfah­ren, dass ich sitzenblieb, als mein damaliger Klassenlehrer abends um halb zehn Uhr anrief – um auch ganz sicher zu sein, dass meine Eltern zu Hause waren. Er hatte den ge­fälsch­ten Un­ter­schriften auf meinen blauen Briefen nicht geglaubt.
    Sie haben danach geglaubt, mich mit Verboten gängeln zu können, aber ich habe alle gebrochen. Sie konnten mich schließlich nicht überprüfen. Irgendwann haben sie es dann aufgegeben, genau wie sie aufgehört hatten zu fragen, was ich mache, wie ich in der Schule liefe, wohin ich gehe.
    Dass sie sich die ganze Zeit trotzdem Gedanken um mich gemacht hatten, war mir entfallen. Jetzt fielen mir ihre stillen Blicke auf und riefen ein stetiges schlechtes Gewissen in mir hervor. Ihnen je­doch jetzt etwas von Lani zu erzählen, würde auch nicht bringen. Sie würden es mir nicht glauben. Ein Mädchen? Wie einfach willst du es dir denn noch machen?
    Das Thema beschäftigte mich die ganze Zeit über. Lani fiel auf, dass ich weniger ausgelassen war als sonst. Sie sprach mich darauf an, aber ich wink­te ab. Stress mit ‘nem Kum­pel, Stress mit der Schule, Stress zu Hause.
    „Scott, du lügst mich an“, schimpfte sie und blieb stehen. „Was soll das? Hab ich dir was getan?“
    „Nein, Lani. Ich hab einfach schlechte Laune. Das ist alles.“
    „Dann hast du also seit einer Woche jedes Mal schlechte Laune, wenn wir uns treffen. Sehr glaubhaft ist das nicht. Und da wir schon mal beim Thema sind: Warum halbierst du unsere Treffen von heu­t auf morgen?“
    „Wir schreiben momentan eine Menge Arbeiten. Ich will einfach raus aus dem Fünferbereich.“
    „Du willst mir ehrlich verklickern, dass du jeden Tag für die Schule lernst?“
    „Nein.“
    „Aber du hast es gerade getan! Scott, warum, zur Hölle, belügst du mich?“ Ihre Stimme war laut geworden und sie schubste mich kurz vor die Brust.
    „Ich muss viel nachhholen, okay?“
    „Du lügst weiter. Ich kenne dich, Scott. Du schreibst dir lieber ‘nen Haufen Spickzettel als wirk­lich zu lernen. Du fängst nicht von heute auf morgen an wie doof zu büffeln.“
    „Gut, ich sage dir die Wahrheit: Ich habe eine Arbeit in einer Kaufhalle angenommen.“
    Sie schwieg kurz. „Das soll alles sein? Wenn das stimmen würde, Scott, hättest du das nicht vor mir verheim­lichst. Ich will mich nicht in dein Leben einmischen, aber ich dachte, wir würden offen zueinander sein.“
    Als ich in ihren Augen Tränen sah, fühlte ich mich richtig schlecht. Ich hätte glatt mitheulen kön­nen, denn sie wiederholte die Frage, die ich meiner Mutter gestellt hatte: „Vertraust du mir so wenig?“
    „Nein, das ist es nicht! Ich kann es dir einfach nicht sagen, Lani.“
    „Du hast eine Freundin, nicht wahr?“
    „Was?“
    „Gib’s doch zu: Du hast eine andere Freundin.“
    „Nein.“ Ich gab auf. „Es bringt nichts, weiter zu reden. Du glaubst mir eh nicht. Ich hab dir die Wahrheit gesagt. Ob du sie glaubst, liegt an dir.“
    Ohne Abschiedsworte drehte ich mich um und verschwand in der nächsten Nebenstraße.

„Mal sehen, wer von euch darf mir denn jetzt seine Hausaufgaben vorlesen. Hm“, der Stanze ließ seinen Blick durch die Reihen schweifen, „Scott, von dir hab ich seit Monaten nichts mehr gehört.“
    „Dann haben Sie für diese Zeit glatt Ihr Gedächtnis verloren“, erwiderte ich.
    „Jetzt werd nicht frech, junger Mann. Lies deine Hausaufgaben vor.“
    Ich verfluchte ihn kurz und begann den hastig von Edgar abgeschriebenen Text vorzulesen. „The text is about a girl, which ...“
    „Who“, unterbrach der Stanze mich.
    „... who falls in love with a guy with the name Steve, but her love don’t ...“
    „Does not!“
    „ ... but her love does not bring anything, because he will go to...“
    „Is going to“
    „ ... because he is going to go to war, where he dies.“
    „Scott,“ der Lehrer schwieg kurz, „ist das dein Ernst?“
    „Sehen Sie mich lachen?“
    In der Klasse erklang unterdrücktes Gekichere.
    „Du solltest einen Einleitungssatz zu einer summary schreiben“, sagte der Stanze scharf. „Was du da gemacht hast, ist nicht mal Fünferniveau. Manchmal glaube ich echt, dass du das extra machst. Du bist schon mal sitzen geblieben, Scott.“ Kunstpause. „Für ein paar Wochen schien es so, als hättest du heimlich eine Erleuchtung gehabt, aber mittler­weile tust wieder alles dafür, diesen Eindruck zu zer­stören. Ich weiß nicht, wie oft ich dir das noch sagen soll: Das Leben ist kein Spiel. Beweg jetzt endlich mal deinen Hintern, verdammt!“
    Erleuchtung, dachte ich, ja, die habe ich echt gehabt.

Als ich nach Hause kam, lag ein Zettel auf den Tisch: Scott, eine Frau versucht dich zu errei­chen. Darunter war eine Telefonnummer gekritzelt. Lanis. Aber eine Frau? Lanis Stimme war ganz klar die eines Mäd­chens, meine Mutter würde sie nie als Frau bezeichnen. Ich griff nach dem Telefon, wählte. Es dauerte einige Zeit, bis jemand dran ging: „Hallo?“
    „Hallo, hier ist Scott. Ich glaube, Lani hatte bei mir angerufen.“
    Lanis Mutter schluchzte auf. „Nein, Scott, ich habe bei dir angerufen.“
    Mir wurde kalt. „Ist etwas mit Lani?“
    „Ach, Scott, es ist schrecklich. Lani ist gestern zusammen gebrochen. Sie ist jetzt im Kranken­haus.“
    Eine Kälteschauer fuhr meinen Rücken entlang. Ich starrte auf die Wand vor mir und konnte nicht aussprechen, was ich dachte. Es war soweit.
    „Scott, es ist nicht das erste Mal, dass so etwas ge­schieht.“
    „Kann ich ... also, ähm, ist sie ... Kann ich sie besuchen?“
    „Ja, natürlich.“
    Sie nannte mir Krankenhaus und Zimmernummer. Wir verabschiedeten uns voneinander. Zwanzig Minuten brauchte ich bis zum Krankenhaus. Schließlich stand ich ganz außer Atem vor der brauen Zimmer­tür. Ich klopfte kurz an und trat ein.
    Lani lag dort in einem Bett und blickte mir müde entgegen. Wie schlecht sie aussah! Ganz fahl im eingefalle­nem Gesicht, dunkle Ringe unter den Augen. Sie lächelte schwach.
    „Hallo Scott.“
    Ich blieb an der Tür stehen. „Hallo Lani! Deine Mutter hat mich angerufen“, sagte ich. „Wie, ähm, geht’s dir jetzt?“
    „Wieder besser.“
    „Du siehst nicht gut aus, ehrlich gesagt.“
    Sie nickte. „Kann ich mir vorstellen.“
    Ich trat ans Bettende und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ihre Krankheit war über die Zeit in meinen Hinterkopf gedrängt worden. Wenn ich mit ihr etwas unternommen hatte, hatte ich daran nicht gedacht. Jetzt war es auf einmal so präsent: Sie lag vor mir in einem Krankenhausbett.
    „Du bist ganz rot im Gesicht“, bemerkte sie.
    „Ich hab mich beeilt herzukommen.“
    „Du riechst auch unverkennbar nach Schweiß.“
    „Das lässt sich leider nicht vermeiden.“
    Wieder trat peinliche Stille ein. Wir beide schauten in entgegen gesetzte Richtungen und wuss­ten nicht, wie weiter.
    „Lani, ich hab keine Freundin“, platzte ich heraus.
    „Es war dumm von mir, das zu behaupten“, erwiderte sie. „Ich konnte es natürlich nicht bewei­sen, aber das war das einzige, was ich mir vorstellen konnte. Das mit der Schule glaube ich aller­dings immer noch nicht.“
    „Da hab ich wirklich gelogen.“
    „Was war es denn dann?“
    „Ich hab zwei Arbeitsstellen angenommen. Als Warenauffüller und als Kellner. Du hast gesagt, du würdest gerne zu deiner Familie reisen. Ich wollte dir diesen Wunsch erfüllen. Deshalb konnten wir uns nicht mehr so oft treffen.“
    Lani schwieg eine Sekunde, bis sie gerührt lächelte. „Scott, das ist so lieb von dir.“ Ihr stiegen Trä­nen in die Augen. „Jetzt fühle ich mich richtig mies, weil ich ganz schlecht von dir gedacht habe.“
    „Nein, Lani, nicht weinen“, sagte ich. „Das war nicht allzu glücklich, aber da tragen wir beide gleich viel Schuld dran. Ich hätte dich nicht belügen müssen, aber ich wollte dich eben überra­schen.“
    Sie schniefte und nickte. „Ich weiß nicht, was die Ärzte dazu sagen.“
    „Es wird immer kritischer, was?“
    „Ja.“ Lani nagte an ihrer Oberlippe. „Es kommt immer näher.“
    Ich setzte mich neben sie aufs Bett und nahm ihre Hand. Und diesmal ließ sie es zu.


Ein paar Tage darauf wurde Lani wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Ich wartete mit ihrer Mut­ter zu Hause, während ihr Vater sie abholte. Wir saßen an dem Tisch im Esszimmer. Er war gedeckt mit frischen Bröt­chen und Aufschnitt. Lanis Mutter und ich tranken dominikanischen Kaffee. Wir redeten über das Fernsehprogramm. Schlag den Raab. Wie lustig sie das fand.

    Wir hörten Geräusche vor der Eingangstür und wandten uns dorthin. Lani und ihr Vater kamen hinein. Ich hatte ihn das erste Mal vor zwei Tagen im Krankenhaus getroffen. Er war ein untersetz­ter Mann mit schon er­grauendem Haar. Seine Mimik hatte Gutmütigkeit ausgestrahlt, bis er an La­nis Krankenbett getreten war. Sie machte den gleichen verschlossenen Gesichtsausdruck wie er, wenn sie sich Sorgen machte.
    Lani lächelte, als sie mich erblickte. „Scott, es ist schön, dass du auch hier bist.“
    „Deine Mutter hat mich eingeladen.“
    „Musst du denn nicht arbeiten?“
    „Nein. Die Arbeit im Supermarkt habe ich gekündigt.“
    Ihr Vater und sie setzten sich zu uns an den Tisch und wir begannen zu essen.
    „Warum denn?“, fragte Lanis Vater.
    „Ich mochte die Arbeit nicht. Außerdem hab ich noch die Stelle in der Bar. Die reicht vollkommen. Das Trinkgeld kommt ja noch dazu. Das hatte ich vorher nicht mit eingerechnet.“
    „Scott hat nicht grundlos anfangen zu arbeiten“, bemerkte Lani und warf mir einen eindringli­chen Blick zu.
    „Was war denn der Anlass dazu?“, fragte ihr Vater.
    „Also, ähm“, ich starrte auf den Tisch, „Lani hatte mir gegenüber erwähnt, wie gerne sie einmal in die Domi­nikanische Republik reisen möchte. Deshalb hab ich be­gonnen Geld zu sparen, damit sie ihre Verwandten besuchen kann.“
    Ich bemerkte, dass Lanis Eltern mich anstarrten, und ich wurde rot.
    „Du hast das extra für Lani getan?“, fragte die Mutter.
    „Das hat er“, bestätigte Lani. „Ich wusste nichts davon. Ansonsten hätte ich ihn davon abge­bracht.“
    Mir wurde die Situation noch peinlicher, weil Lanis Eltern abwechselnd sich, Lani und mich an­schauten. Lanis Mutter traten die Tränen in die Augen.
    „Es wäre wundervoll, wenn Lani endlich mal ihre Familie kennen lernen würde“, sagte sie.
    „Also erlaubt ihr es mir?“, warf Lani ein.
    „Scott, das ist wirklich eine selbstlose Tat“, sagte ihr Vater. „Wir müssen jedoch natürlich erst mit Lanis Ärz­ten sprechen.“
    „Aber ihr verbietet mir es nicht?“
    „Nein, natürlich nicht“, sagte Lanis Mutter und alle drei lächelten mir zu.

Den ganzen Abend über bedankten sich die Eltern fortwährend bei mir. Sie waren ganz gerührt. Am Ende um­armte mich Lanis Mutter. Ich nahm ungern Abschied von ihnen, denn bei Lani zu Hause war es ge­müt­lich. Ich kam gegen halb zehn nach Hause. Im Wohnzimmer brannte noch Licht und ich trat kurz ein, um meine Eltern zu begrüßen. Sie saßen auf der Couch und schauten fern.
    „Hallo“,  sagte ich.
    Sie grüßten mich kurz zurück, schauten aber nicht vom Fernseher auf. Ich wandte mich bereits zum Gehen, als mein Vater sagte: „Scott, setz dich doch mal gerade zu uns.“
    Noch eine Predigt, in der sie an mir zweifeln werden, dachte ich, nahm dann aber Platz.
    Mein Vater schaltete den Ton aus und sagte: „Ich habe heute in deiner Schule angerufen, um mich zu erkundigen, ob du in letzter Zeit zum Unterricht gegangen bist. Dein Klassenlehrer berichtete mir, du würdest regelmäßig kommen und hättest sogar dein Verhalten im Un­terricht verbessert. Wir, deine Mutter und ich, waren darüber sehr überrascht, weil es gegen unsere Erwartun­gen sprach.“
    „Also keine neuen Drogengeschichten, die ihr mir unterjubeln wollt?“
    „Wer war die Frau, die für dich angerufen hat?“, fragte meine Mutter. Sie hatte diesen strengen Zug um den Mund. „Die mit dem spanischen Akzent.“
    „Das war die Mutter einer Freundin von mir.“
    „Du hast eine Freundin?“
    Ich kratzte mich am Nacken und begann ihnen von meiner Freundschaft zu Lani zu erzählen. Als ich damit endete, dass Lani heute aus dem Krankenhaus zurückgekommen war, blickte mich meine Mutter immer noch zweifelnd an.
    „Scott“, begann sie, aber mein Vater unterbrach sie: „Nein, Agatha, er wür­de sich nicht die Mühe machen, sich eine solch komplexe Geschichte auszudenken.“
    „Vertrauen ist immer ein guter Anfang“, sagte ich.
    „Mal sehen, ob es Lani wirklich gibt“, sagte mein Vater.
    Damit konnte ich leben. Ich wusste, ich war auf der richtigen Seite.

Lanis Ärzte äußerten Bedenken und rieten ab, aber Lani ließ sich davon nicht einschüchtern. Ih­re El­tern kauften das Ticket für sie. Sie würde bald fliegen. Das bedeutete für uns, dass auch unsere gemeinsame Zeit dem Ende nahte. Wenn wir uns jetzt trafen, hingen wir meistens im Park her­um und genossen die Zeit.
    „Wirst du es schaffen?“, fragte Lani mich, als wir über das Thema Schule sprachen.
    „Ich denke schon.“
    „Was heißt das, Scott?“
    „Der Stanze wird mir in Englisch die Fünf aufdrücken, aber ich kann sie mit ‘ner drei in Mathe ausgleichen. Bei meinen anderen Fünferfächern aus dem letzten Jahr hab ich mich auf ‘ne vier ver­bessert. Selbst in Musik, obwohl ich überhaupt nichts von dem Kram verstehe.“
    Ja, um Noten kümmerst du dich bisher wenig.
    Sehr lustig, Lani.
    „Vielleicht hast du eine bessere Note bekommen, weil du überhaupt mal zum Unterricht erschienen bist.“
    „Wahrscheinlich.“
    „Hier. Eine Ode an Scott.“ Lani zupfte einen längeren Grashalm aus, legte ihn zwischen ihre bei­den Dau­men und versuchte mit Pusten Töne zu erzeugen. Sie brachte mehrere komische Quietscher hervor. Ich musste la­chen. Sie grinste und warf ihr Musikinstrument weg.
    „Deine Widmung berührt mich zutiefst.“
    „Versuch’s doch selber“, rief sie und bewarf mich mit Gras.
    „Pass auf! Jetzt zeig dir, wie das geht.“ Ich fischte einen Halm aus meinem Haar, legte ihn genau wie Lani zwischen die Daumen und blies Luft durch den Schlitz. Anstatt irgendeines Tons hörte man jedoch nur mein Pusten. Lani fing an mich lauthals auszulachen.
    „Oh, Mann! Du bist ja noch schlechter als ich.“
    Sie pickte sich einen neuen Halm. Jetzt pusteten wir um die Wette. Ich schaffte es, mehrere Töne von mir zu geben, während Lani jetzt den Kniff heraus hatte und sehr eigenwillig Alle meine Entchen inter­pretierte. Sie kam immer wieder aus der Melodie, weil sie so sehr kichern musste wegen meiner kläglichen Versu­che. Ich lachte ebenfalls mit und hörte erst auf, als Lani überrascht hinter mich schaute. Ich drehte mich um und erkannte Edgar.
    „Hi Edgar!“
    „Hi Scott!“
    An seiner Anrede erkannte ich, dass er wegen Lani ziemlich baff war. Sie schaute ihn ebenfalls mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde an. „Lani, das ist Edgar, mein bester Kumpel, und Edgar, das ist Lani.“
    Ich überlegte kurz, ob ich ein „eine Freundin von mir“ oder „meine Freundin“ anhängen sollte, fand aber, dass beide Beschreibungen nicht ganz passten. Edgar würde sie vielleicht falsch verste­hen.
    „Hallo!“, begrüßte Lani ihn. „Setz dich doch zu uns.“
    „In Ordnung“, erwiderte er und ließ sich nieder. „Was habt ihr hier gerade gemacht?“
    „Oh, wir haben versucht, auf Grashalmen Musik zu machen“, sagte Lani vergnügt.
    Ich wurde leicht rot. Wenn Edgar und ich uns trafen, spielten wir Videospiele oder schauten fern, sprachen über Fußball oder über gar nichts. Manchmal trafen wir uns auch mit noch ein paar Freun­den und spielten Basketball oder Fußball. Dass er mich mit einem bildhübschen Mädchen dabei an­traf, wie wir versuchten, Töne mit Blättern zu erzeugen, war mir et­was peinlich. Aber er würde mich niemals dumm da stehen lassen. Schließlich war er ja mein bester Freund.
    „Scott, arbeitest du immer noch im Schuppen meines Onkels?“
    „Samstags und sonntags nur noch. Wieso?“
    „Seine andere Kellnerin ist schwanger geworden. Ich springe für sie ein.“
    „Cool. Dann sehen wir uns ja dann.“
    „Hm, er meinte übrigens, du wärst ‘n echter Kerl.“
    Ich zuckte mit den Schultern, weil ich es ja schlecht verneinen konnte. Edgar erwartete anschei­nend gar keine Antwort von mir, sondern wandte sich Lani zu. „Du kannst gern mal vorbeikom­men.“
    Lani lächelte. „Ja, gerne. Aber es geht nur noch diese Woche.“
    „Wieso das denn?“
    „Weil ich Ende nächster Woche abreise.“
    „Oh, wohin geht’s denn?“
    „Dominikanische Republik.“
    „In die DomRep? Wie cool! Gehst du nicht zur Schule?“
    „Nee, nach der zehnten bin ich abgegangen.“
    „Werde ich wahrscheinlich auch“, meinte Edgar, „muss aber erst mal schauen, wie’s mit ‘nem Ausbildungs­platz aussieht. Was machst du denn, Scott?“
    „Keine Ahnung. Ich schau mal, ob ich es bis zum Abi schaffe, und wenn nicht, werde ich mich einfach von Luft und Liebe ernähren.“
    Edgar und Lani schaute mich an, als hätte ich komplett den Verstand verloren. Und vielleicht hatte ich das auch. Auf einmal machte alles Sinn. Lernen für die Schule, Arbeiten, Geld sparen. Vielleicht würden mir meine Eltern bald wieder richtiges Vertrauen schenken. Ich hatte etwas gewonnen im Leben. Nämlich Zuversicht. Und Lani war Schuld, denn sie hatte ich beeindrucken wollen.
    „Wenn es das ist, was du machen willst.“ Lani legte sich auf den Grasboden und schloss die Augen. „Ich glaube, das wird ein ziemlich warmer Sommer werden.“
    „Meinst du, das Wetter hält an?“
    „Ja, noch ein paar Wochen. Es wird bestimmt noch heißer werden.“
    „Hoffentlich nicht. Es ist jetzt schon an die dreißig Grad und ich gehe schon ein.“ Ich bettete mich neben sie ins Gras und wir lagen zu dritt im Sonnenlicht.

Lani flog an einem Sonntag. In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Sie ging, um zu sterben, nicht, weil sie umzog. Wir konn­ten uns noch schreiben, aber irgendwann wür­de keine Antwort mehr von ihr kommen. Ich würde sie nie wiedersehen.
    Ich stellte mir vor, wie sie all ihre Verwandten traf, die sie nur von Erzählungen und Bilder kann­te, wie sie ihre bescheidene Unterkunft akzeptierte, wie sie mit den zahlreichen Kindern ihrer Cou­sinen und Cousins spielte, das Meeresrauschen genoss, und andauernd an ihre El­tern in Deutschland und vielleicht auch an mich zurückdachte, wie sie traurig sein würde, dass wir nicht bei ihr waren. Sie würde Schmerzen ertragen müssen. Aber alles in allem würde sie je­den Morgen froh sein, dort zu sein. Bis dann kein neuer Morgen mehr kommen würde.
    Bei dem Gedanken kamen mir das erste Mal die Tränen. Ich konnte sie nicht aufhalten. Der Ge­danke, dass ich Lani morgen das letzte Mal sehen würde, machte mich auf einmal unsagbar trau­rig. Der Abschied war für immer. Kein Licht mehr. Kein Lachen. Lani war fort.
    Als schließlich der Wecker klingelte, hatte ich kaum zwei Stunden geschlafen. Ich stand sofort auf. Meine El­tern, die darauf bestanden, mich zum Flughafen zu begleiten, schliefen noch. Ich be­trat das Badezim­mer und während ich mir die Zähne putzte, zitterte meine Hand. Beim Verlassen des Bades, kam mir mein Vater entgegen. Er kratzte sich den Kopf und nickte mir zu.
    Meine Mutter hatte mir gestern meine besten Klamotten frisch gebügelt über den Stuhl gelegt. Ich schlüpfte hi­nein und bereitete das Frühstück in der Küche vor. Meine Eltern kamen fast zeit­gleich herein. Wir spra­chen nicht, während wir aßen. Das Geschirr blieb auf dem Tisch stehen, weil wir zeitig losfahren wollten.
    Auf der Fahrt zum Flughafen verlor ich kein Wort. Mein Eltern unter­hielten sich leise über Angelegenheiten, die die Arbeit meines Vaters betrafen. Meine Mutter lenkte den Wagen auf den Parkplatz des Flughafens. Wir stiegen aus. Ich schaute zum Gebäude und spürte, wie es in meinem Inneren be­gann zu flattern.
    Wir hatten mit Lanis Eltern ausgemacht, wo wir uns trafen. Sie waren bereits da. Ich erkannte sie von weitem. Lani, die einen großen Strohhut trug, schaute sich in der Flughalle um. Als ihre Augen mich trafen, lächelte sie und wies ihre Eltern auf uns hin. Lani und ich umarmten uns zur Begrü­ßung, etwas, was wir noch niemals getan hatten. Unsere Eltern gaben sich einander die Hand. Lanis Mutter umarmte mich ebenfalls.
    „Du siehst ziemlich müde aus, Scott“, bemerkte Lani.
    Ich zuckte mit den Schultern. „Ich konnte letzte Nacht nicht schlafen.“
    Sehr wohl bemerkte ich, wie meine Eltern sich Blicke zuwarfen.
    Wir halfen Lani bei der Kofferabgabe. Schließlich kam der Moment, der mich nicht hatte schla­fen lassen. Lani umarmte erst ihren Vater, dann ihre Mutter. Diese fing an zu schluchzen. In Lanis Au­gen sah ich Tränen blitzen, a­ber sie weinte nicht. Meinen Eltern reichte sie die Hand. Meine Mutter umarmte sie kurz. Lanis Mutter wiederholte nur andauernd: „Oh, Lani, meine kleine Lani.“
    Lanis Vater stand mit verschlossenem Gesicht da. Seine Trauer war ihm anzumerken. Ich warf noch kurz einen Blick auf ihn, bevor Lani vor mir stand. Wir umarmten uns erneut. Ich drückte sie ganz fest an mich. Sie lächelte. Als ich sie wieder losließ, sagte sie: „Danke, Scott, vielen Dank für alles. Ich konnte leider nie richtig ausdrücken, was das für mich be­deutet.“
    „Das brauchst du auch nicht. Ich weiß es. Ich habe dir viel zu verdanken, Lani.“
    Ihr Lächeln vertiefte sich. Dann nahm sie ihr Handgepäck und den Hut. Sie lächelte jeden einzel­nen von uns noch einmal einzeln an und ging dann durch die Sicherheitskontrolle. Lanis Vater nahm seine zitternde Frau in die Arme. Lani wandte sich noch einmal um und ich konnte ih­re Tränen sehen, die nun ihr Gesicht herunterliefen. Sie hob ein allerletztes Mal die Hand und verschwand.

„Diese Lani“, bemerkte Edgar ganz unvermutet auf dem Nachhauseweg von der Schule, „ist sie deine Freundin?“
    „Ja.“ Es sprach sich ganz von alleine aus.
    „Wann kommt sie denn wieder? Ist schon ziemlich lange weg.“
    „Sie wird nie wiederkommen.“
    Edgar runzelte die Stirn. „Wie kannst du da sicher sein?“
    Ich schaute weg. Ich schaffte es nicht, vor meinem besten Freund zu weinen. „Weil sie nicht zu­rück kommen kann. Ich erzähle es dir ein anderes Mal, in Ordnung?“
    Er merkte, wie sehr mich das Thema traf, und schwieg.
    Wir verabschiedeten uns kurz vor meiner Wohnung. Ich trat ein. Meine Mutter hatte mir Essen kalt gestellt. Ich musste es nur noch in der Mikrowelle erwärmen. Ich warf einen Blick auf die Post, die auf dem Küchentisch lag. Zuoberst war ein an mich adressierter, hellblauer Brief. Lani.
    Ich ergriff den Umschlag, öffnete ihn. Doch anstatt eines Briefes, lagen nur Fotos bei. Das oberste zeig­te La­ni im Bikini und Wickelrock, auf einem anderen waren fünf Kinder zwischen zwei und zehn Jahren um sie versammelt. Sie standen am schneeweißen Strand, im Hintergrund türkises Meer. Links rankten Palmzweige ins Bild.
    Ein weiteres Foto zeigte ihr Zimmer, das sie mit einer unverheirateten Cousine teilte, wie ich von ihrer Mutter erfahren hatte. Es war klein, beherberg­te nur zwei schmale Betten, eine Kommode und einen Stuhl. Gegen­stände standen herum, zwei Schüsseln, Gläser, Tücher, eine Babyflasche, Lanis Hut.
    Das vierte Bild zeigte einen Markt. Lani, zwei der kleineren Kinder und noch drei Frauen, zwei ältere und eine jüngere, posierten vor einem Stand mit reichem Obstangebot. Sie verkauften dort an die Touristen. Auf jedem dieser Bil­der lächelte Lani, auf dem ersten am meisten. Und trotzdem waren die beiden letzten Bilder die schönsten. Eines zeige Lanis Gesicht in Großaufnahme. Sie lachte übers ganze Gesicht. Ihre Haut war eine Spur brauner geworden und ihre Sommersprossen hatten sich verdich­tet. Sie schaute rechts an der Linse vorbei.
    Beim letzten Bild musste ich unwillkürlich schlucken. Es zeigte nur ihre Augen. Diese mandel­förmigen, brau­nen Augen schauten mich direkt an. Sie schauten mit dem Hauch der Melancho­lie, mit der ich sie kennen gelernt hatte. Diese Spur des Schmerzes, die nie verschwand. Ich kannte Lanis Augen. Lanis Schmerz. Lanis Leben.
    Und wie sehr ich sie vermisse.

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