Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (komplette Serie)

Sie hebt den Kopf und schaut in die Ferne. Die Sonne sendet das letzte Licht zu ihr. Ein leichter Wind weht. Er streichelt ihre Haut auf die zarte Weise unbekümmerter Natur. Sie neigt ihren Kopf leicht und der Wind gleitet an ihrem Gesicht den Hals herunter zum Nacken.
Ein leichtes Lächeln besetzt ihre Lippen. Sie schließt die Augen. Nur die Melodie des Windes spielt in ihrem Kopf. Jeder andere Gedanke löst sich auf. Kein Zögern mehr.
Der abendliche Schatten legt sich über sie und sie öffnet die Augen wieder. Die Sonne ist untergegangen. Letzte orangefarbene Streifen zeugen von ihrer einstigen Anwesenheit. Der Himmel zeigt sich bereits dunkel. Einige Sterne durchbrechen die Schwärze mit ihrem Funkeln, ihnen allen voraus die Venus.
Der Wind wird jetzt kälter. Sie streckt beide Hände in die Luft. Sie will ihn fühlen, doch er entweicht ihrem Griff.
"Du bist wie ich", murmelt sie, "auch du gehst nur deinen Weg."
Langsam nähert sie sich dem Geländer. Sie beugt sich vornüber. Der Blick nach unten verliert schnell an Schärfe.
Sie richtet sich wieder auf und schaut noch einmal in die Richtung der entschwundenen Sonne. Dann klettert sie über die Brüstung und springt.

An einem Samstagmorgen schien die Sonne nur lau in die offenen Fenster des Appartements hinein. In ihren matten Strahlen glitzerten gemächlich einzelne Staubkörnchen. Von draußen erklangen die Geräusche einer nicht allzu fernen Autobahn. Sie mischten sich zu den uneinheitlichen Jazzklängen aus der Nachbarwohnung und dem Streit des Ehepaars im unteren Stockwerk. Angelique saß am Küchentisch und beschmierte ihren Toast mit Butter.
"Reichst du mir bitte die Marmelade", wandte sie sich an Finn Finnte.
Er hob missbilligend seine Augenbrauen, bei denen sie den Verdacht hegte, er zupfe sie. "Du solltest nicht soviel Süßes zu dir nehmen", ermahnte er sie.
Sie blickte ihn an. "Gib mir bitte die Marmelade!"
Er griff nach dem Glas und reichte es ihr. "Das setzt bei dir alles sofort an. Ich würde wetten, du hast wieder ein Kilo zugenommen."
"Wieder?"
"Ich merk's doch, wenn ich dich anfasse, dass du fülliger geworden bist."
Angelique starrte Finn Finnte an. "Du legst Wert darauf, dass ich dünn bin?"
"Na, hör mal! Ich möchte nicht, dass meine Freunde über mich lästern, ich wäre mit einer Fetten zusammen."
Angelique neigte den Kopf. "Wären es echte Freunde, würden sie nicht über dich lästern."
"Willst du sagen, ich hätte keine echten Freunde? Ich verstehe mich nun mal gut mit vielen Leuten. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Sie sind wie ich."
"Oberflächlich, ignorant und kleinlich?"
"Was?"
"Arrogant, selbstherrlich und scheinheilig?"
"Sag mal."
"Verlogen, opportunistisch und charakterlos?"
Finn Finnte starrte sie ungläubig an. Sein Kinn war nach unten geklappt. Sie konnte die Reste des Frühstücks zwischen seinen Zähnen sehen.
"Ach, ich vergaß: Besserwisserisch, geschwätzig und feige?"
Das brachte ihn dazu zu reagieren. Finn Finnte sprang auf. Der Stuhl kratzte schmerzhaft über den Fußboden. "Das reicht!", herrschte er sie an. "So darf niemand mit mir reden."
"Junge, werd' erst mal zwanzig."
"Ich weiß überhaupt nicht, was ich bei dir gesucht habe."
"Solange du noch weißt, wo der Ausgang ist." Angelique deutete mit dem Messer, an dem sich Reste von Butter und Marmelade sammelten, zur Tür. "Viel Glück auf deiner weiteren Suche."
"Was?" Er machte eine unschlüssige Kopfbewegung, die weniger einem Schütteln glich als einer Nervenzuckung.
Angelique biss in ihren Toast, kaute, schluckte. "Das ist meine Wohnung. Weißt du noch? Du standest vor einer Woche hier auf der Matte, weil du es bei deinen Eltern nicht mehr ausgehalten hast. Sie würden dich einfach nicht verstehen. ich verstehe dich nur zu gut. Deshalb muss ich dich wieder herauswerfen."
Er ballte die rechte Faust zusammen. "Warte - du! Das bekommst du zurück. Glaub mir, du wirst es noch bereuen, Finn Finnte verarscht zu haben."
Damit rannte er aus der Wohnung. Die Haustür knallte laut. Angelique starrte sie einen Moment an, bevor sie anfing zu lachen. Sie griff zum Telefonhörer und rief Tybalt an.
In einem kleinen Dorf an der Nordküste Afrikas griff ein braun gebrannter Arm nach einem Mobiltelefon. Ein anderer bedeutete der hübschen Schwarzen, die neben ihm im Bett lag, ruhig zu sein. Sie musterte ihn gelassen und zündete sich eine Zigarette an. Tybalt schaute auf die Nummer im Display. Der Anflug eines Lächelns erhellte kurz seine Gesichtszüge.
"Angel, was gibt's?", meldete er sich.
Angelique erzählte ihm, was passiert war. "Ach, Tybalt, du hättest sein Gesicht sehen müssen. Diese süße kindische Wut."
"Wie alt, sagtest du, war er?"
"Ach. Wen kümmert's? Am Anfang war es noch lustig." Angelique griff nach einem der sauberen Messer aus dem Messerblock.
"Er langweilte dich?"
"Schon nach ein paar Tagen. Wann kommst du wieder, Tybalt? Ich vermisse dich."
"Warte noch, Angel. Bevor du dich versiehst, stehe ich vor deiner Tür."
"Und dann bleibst du?"
"Für immer."
"Du weißt, dass das Unsinn ist, Tybalt. Siehst du, was ich mache, wenn du länger weg bist? Ich missbrauche kleine Jungs, um meine Langeweile zu unterdrücken." Die Klinge glitt über ihre Haut. "Wie läuft es bei dir? Hast du eine schöne Frau neben dir?" 
"Wie könnte ich?"
"Schlag mich, aber belüge mich nicht, Tybalt."
"Bist du eifersüchtig?"
"Nein." Ein dünnes Rinnsal Blut bahnte sich seinen Weg durch die Haut. "Tybalt. Ich meine es ernst. Komm bald wieder. Bitte. Sonst fange ich an, ernsthafte Dummheit zu begehen."
"Hast du mit den Drogen aufgehört?"
"Ich habe nichts mehr in der Wohnung. Aber, wenn du hier wärst, wäre es einfach für mich, es zu vergessen."
"Für immer?"
"Für immer ist wie niemals. Es existiert nicht, Tybalt."
Tybalt seufzte. "Ich möchte nicht mit dir streiten, Angel. Ich komme bald zu dir und, glaub mir, dann fangen wir beide dein neues Leben an."
"Ich warte, Tybalt, aber nicht mehr lange." Sie legte auf und begann, den Tisch abzuräumen. Anschließend setzte sie sich vor ihren Skizzenblock und betrachtete ihre letzten Zeichnungen. Tybalt. Immer wieder Tybalt und sie. Sie berührten sich nie und trotzdem hingen sie durch all die Linien zusammen.
Seine Augen, dachte Angelique, seine Augen bekomme ich nie richtig hin.

"Warum schleppst du mich an einem Samstagabend her?", beschwerte sich Lora. "Was soll ich hier? Ich habe keine Ahnung von Gedichten und solchen Kram. Das ist doch alles nur ein Zusammenwürfeln von Wörtern, die sich toll anhören."
Angelique warf der Frau neben ihr einen Blick zu. "Denkst du das wirklich, Lora?"
"Jetzt tu' nicht als würde es dich überraschen."
"Es kümmert mich nicht einmal. Warum bist du überhaupt mitgekommen, wenn du es nicht magst?"
Lora zuckte mit den Schultern. "Ich fand, wir sollten noch mal etwas miteinander unternehmen."
Angelique kramte in ihrer Handtasche. "Wenn das der einzige Grund für dich ist, kannst du nach Hause fahren."
Sie reichte Lora ihren Autoschlüssel. Die starrte sie verdutzt an. "He, so war das doch gar nicht gemeint."
"Warum nimmst du sie nicht einfach und machst dir einen schönen Abend? Ich möchte den Abend her genießen und das kann ich nicht, wenn du neben mir sitzt und dich langweilst."
Lora griff nach dem Schlüssel. "Du bist mir nicht böse?"
"Nein."
Die Freundin lächelte. "Danke. Ich werfe ihn dir in den Briefkasten."
"Mach das." Angelique schaute Lora einen kurzen Moment hinterher, wie sie zurück zum Parkplatz stakste und dabei bemüht war, ihren Minirock nicht allzu hoch rutschen zu lassen.
"Wo möchte Ihre Freundin denn hin?", fragte sie eine Stimme.
Sie wandte sich um und erblickte einen Mann, der sich unbemerkt neben sie gestellt hatte. Er sah wie Mitte Dreißig aus, war jedoch älter. Längere blonde Haare hingen ihm in Strähnen ins Gesicht herein. Sein Kinn und seine Wangenknochen waren ausgeprägt, die Haut auf seiner Stirn war vom Runzeln geprägt.
Himmel! Was für Augen, dachte Angelique. Wenn ich es schaffe, die zu malen, kann ich mich groß nennen.
"Sie hat sich entschlossen, ihren Abend doch nicht Rilkes Elegien zu widmen", antwortete sie und versuchte, seinem Blick standzuhalten. Er blinzelte nicht, zwinkerte nicht. Ihre Augen begannen zu schmerzen. Allmählich verlagerte er sein Augenmerk von ihr auf Lora.
"Das ist wirklich schade. Sie hätte etwas lernen können."
"Nein. Es ist in Ordnung, dass sie gegangen ist. Jetzt kann sie den Abend damit verbringen, sich jemanden aufzugabeln, von dem sie am Montag wieder verlassen wird."
"Sie scheinen keine sehr hohe Meinung von Ihrer Freundin zu haben."
"Nein."
"Aber sie ist Ihre Freundin?"
"Nein."
Braun getupfte Augen. Solche hatte sie noch nie gesehen. Das waren mindestens drei verschiedene Brauntöne, die mit dem Lichteinfall variierten. Und eine Spur von Gold, dachte Angelique. Goldene Augen wie ein Dämon sie haben würde.
"Mein Name ist Tybalt Yeditzki." Er reichte ihr seine Hand. "Mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Angelique."
"Und wie weiter?"
"Das ist nicht relevant, Tybalt. Es ist nur der Stempel meiner toten Eltern."
Er lächelte. "Aha."
Angelique betrachtete sein Gesicht genauer und entdeckte ein kleines Muttermal auf der Oberlippe. Der Ansatz eines Dreitagebartes versteckte es fast.
"Dürfte ich Sie denn zu einem Getränk einladen, nachdem Sie Ihre Aufmerksamkeit Rilke geschenkt haben?"
Sie musste daran, dass sie heute noch nichts Richtiges gegessen hatte. Ein Fehler. Sie hatte sich selbst versprochen, in Zukunft mehr auf sich zu achten, aber die alten Gewohnheiten ließen sich schwer brechen.
"Aber gern, Tybalt." Sie lächelte ihn an.

Nach der Lesung lud Tybalt sie in eine kleine Pizzeria ein.
"Wie fandest du es?", fragte er, nachdem ihr Essen serviert worden war.
"Enttäuschend."
Er zeigte sich überrascht. "Warum?"
"Ich mochte seine Stimme nicht. Es war, als würde man eine Sonate Beethovens auf einem ungestimmten Kaschemmenklavier vortragen."
"Ein harsches Urteil. Studierst du Germanistik oder etwas in die Richtung?"
"Grafikdesign und Kunstgeschichte."
"Oh, eine kleine Künstlerin. Und hoffentlich mal eine große?" Er schaffte es, das ohne den leisesten Hauch Ironie zu sagen.
Langsam drehte sie ihr Weinglas zwischen den Fingern. "Nein. Ich bin nicht bahnbrechend genug, um etwas auszurichten. Aber ich liebe Kunst in allem, was sie sein kann. Und wie ist es bei dir?"
"Ich bin in keinster Weise musisch begabt. Ich liebe es nur, mich mit den Künsten auseinanderzusetzen."
"Welche ist deine liebste?"
"Die der Worte." Er lächelte.

Tybalt bestand darauf, Angelique nach Hause zu bringen.
"Du hast sehr wenig gegessen", erwähnte er, nachdem sie einige Minuten schweigend gegangen waren.
„Ich gewöhne mich gerade wieder ans Essen."
"Du bist in Therapie?"
"Seit langem nicht mehr. Ich habe nicht aus ei­nem bestimmten Grund aufgehört zu essen. Ich wollte einfach nicht mehr."
"Du wolltest nicht mehr?"
"Aber jetzt will ich wieder."
"Du drehst dir die Dinge, wie du sie brauchst."
"Anstatt mich von ihnen drehen zu lassen, richtig."
"Und das ist wichtig."
"Das wichtigste."
"Diese Naivität überrascht mich. Wie alt bist du, Angelique? – Ach, antworte nicht. Eigentlich ist es egal. Es klingt sehr char­mant, wie du das von dir gibst. Aber es gibt zu viele Einflüsse, denen du dich nicht widersetzen kannst, weil sie so subtil sind, dass du sie gar nicht wahrnimmst."
"Du hast nicht verstanden, was ich meine."
"Ach so."
"Und deinen Sarkasmus kannst du dir sparen."
"Angelique." Tybalt blieb stehen und sah sie an. "Ich habe verstanden, was du meinst. Ich verur­teile das auch nicht. Sollte ich den Eindruck gemacht haben, ist das sicherlich ein Irrtum. Ganz im Gegenteil: Ich fin­de es toll, dass du dir eigene Gedanken machst."
Angelique musterte sein Gesicht. "Ist Tybalt dein richtiger Name?"
"Nein."
"Aus Romeo und Julia, nicht wahr?"
"Eigentlich. Mein erster Hund hieß so. Ich gab ihm dem Namen, weil er mir gut gefiel. Heute habe ich ihn lediglich entliehen."
"Und jetzt trägst du einen Hundenamen."
"So aussagekräftig wie das klingt, ist es nicht. Möchtest du die große, umfassende Wahrheit wis­sen?"
"Nein." Sie schlang die Arme um ihren Bauch. "Ich wohne hier ganz in der Nähe. Vielleicht sehen wir uns ja noch mal wieder."
Damit lächelte sie ihn ein letztes Mal an und überquerte die Straße. Tybalt schaute ihr hinterher und über­legte kurz, ihr heimlich zu folgen, entschied sich jedoch dagegen.
Angelique durchquerte ein paar Gassen, bis sie zu einer der großen Hauptstraßen kam. Sie stellte sich in einen dunklen Hauseingang und zählte langsam von hundert rückwärts. Tybalt war ihr nicht gefolgt. Es hätte sie enttäuscht.

Sie winkte einem Taxi und fuhr zu ihrer Wohnung.

Tybalt frühstückte in einem kleinen Stehcafé in der Nähe der Universität. Belustigt belauschte er die Gespräche über Politik und Kunst um sich herum. Viele der Studenten hatten eine sehr wichtige Meinung.
Er versuchte, sich Angelique zwischen diesen Menschen vorzustellen, aber seine Fantasie brachte es nicht zustande.
Vielleicht fand er sie auf dem Campus. Kunstgeschichte und Grafikdesign hatte sie gesagt, studiere sie. Tybalt ging davon aus, dass sie gelogen hatte, aber es war einen Versuch wert.
Er frühstückte zu Ende und machte sich auf dem Weg zur Hochschule. Aufmerksam beobachtete er die Gegend. Seine Augen fanden Angelique nicht, dafür aber erblickte er ein anderes Mädchen. Sie hastete an ihm vorbei. Tybalt schnellte einen Schritt nach vorn und hielt sie am Arm fest.
"Spinnst du, du Penner!", fauchte sie ihn an.
Tybalt hielt sie noch einen Moment fest, bevor er sie losließ. "Ich hatte keine andere Chance, dich zum Stehen bleiben zu zwingen. Du bist Angeliques Freundin. Du warst auch anfangs auch bei der Rilke-Lesung. Angelique und ich haben uns da kennen gelernt."
Lora seufzte. "Was willst du von mir wissen?"
"Wo wohnt Angelique?"
"Warum sollte ich dir das sagen? In der Regel interessiert sich Angelique nicht für Leute, die sie kennen lernen."
Tybalt konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen. "Glaub mir, diesmal interessiert es sie definitiv."
Lora legte den Kopf schief und musterte ihn von oben nach unten. "Kann ich mir nicht vorstellen", erwiderte sie süffisant.
"Verrate mir wenigstens ihren Nachnamen."
"Mieran."
"Wie dieser Komponist?"
"Welcher Komponist?"
"Ist schon gut. Jetzt sag mir, wo sie wohnt."
"Warum suchst du sie?"
"Sie hat ihre Zeichenmappe bei mir vergessen."
Lora blickte ihn an und nickte. "In Ordnung. Ich sage dir, wo sie wohnt. Wenn du ihr Ärger machst, bin ich sehr schnell bei der Polizei für eine Aussage, glaub mir."

Angelique schlief noch, als es an der Tür schellte. Beim vierten Klingeln stand sie auf. Beim Gang zur Tür zog sie ihren Morgenmantel an. Sie öffnete ohne durch den Türspion zu schauen. Tybalt blickte ihr entgegen.
"Guten Morgen", begrüßte er sie.
Angelique warf einen Blick auf ihre Küchenuhr. Halb zwei. "Lora?"
"Ist das ihr Name?"
"Komm herein." Angelique trat beiseite und ging voran in die Küche. "Möchtest du Kaffee?"
"Nein, danke." Er setzte sich an den Küchentisch. "Ich traf Lora an der Uni und fragte sie."
"Hat sie sich wichtig gemacht?"
"Sie hatte Angst vor, dich zu verärgern."
"Ich mag es nicht, weitervermittelt zu werden."
"Sie drückte es anders aus. Sie sagte, du hättest kein Interesse an Leuten, die dich kennen lernen."
"Im Gegensatz zu ihr ist bei mir eine zusammen verbrachte Nacht kein Beziehungsbeginn."
"Ich habe ihr erzählt, du hättest deine Zeichenmappe bei mir vergessen."
"Wie einfältig sie ist. Ich zeichne seit Monaten nur noch auf der Staffelei."
Sie sprachen kein Wort, bis der Kaffee durchgelaufen war und sie sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.
"Lora hat mir noch mehr verraten", sagte Tybalt dann. Angelique hob nur die Augenbrauen. "Dein Nachname lautet Mieran. Wie der Komponist Valdur Mieran. Kennst du ihn?"
"Er ist mein Halbbruder und wie mir öfters bestätigt wurde, der einzige in meiner Familie mit Talent."
"Liebt ihn deine Familie mehr als dich?"
Angelique zog die Schultern hoch. "Wer weiß das schon so ganz genau? Das eine Kind bringt Prestige in die Familie und das andere bringt das Erbe durch. Das eine Kind wird gefördert und das andere wird zum Geburtstag angerufen. Das eine Kind dankt immer öffentlich den Eltern und das andere ist nur angeheiratet."
Angelique trank Kaffee und musterte Tybalt über den Tassenrand hinweg. Sie lächelte leicht.
Das Telefon klingelte. Der Anrufbeantworter sprang an. Loras nervöse Stimme erklang: "Angelique, ich glaube, ich habe Scheiße gebaut. Da ist heute ein Typ auf mich zugekommen und hat mich überredet, deinen Namen und deine Adresse herauszurücken. Er wirkte nicht wie einer deiner sonstigen Kerle. Er sagte, er hätte deine Zeichenmappe. Hoffentlich bist du jetzt nicht böse auf mich. Ich konnte nicht anders. Er hat mich unangenehm gedrängt. Nachher dachte ich noch, ich hätte wenigstens nach seinem Namen fragen können, aber das ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Er hat mich vollkommen überrumpelt. Bitte melde dich bei mir und sag mir, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Nachher war das irgendein Perverser. Ruf mich bitte an!"
"Ein Lügner, kein Perverser", korrigierte Tybalt. "Wirst du sie anrufen?"
"Vermutlich nicht."
"Wird sie einfach so herkommen?"
"Sie weiß, dass ich das nicht mag."
Tybalt griff über den Tisch hinweg nach Angeliques Gesicht und streichelte es mit dem Daumen. "Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, dich kennen gelernt zu haben, Angel. Du bist zu außergewöhnlich, um dich aus meinem Gedächtnis zu streichen. Du hast dich dort längst eingebrannt."
Angelique verzog das Gesicht zu einem wohlwollendem Grinsen.
"Ich werde nicht mehr lange in der Stadt sein, aber die Zeit hier möchte ich mit dir verbringen."
Angelique nickte. "Ja, lass uns das machen."

Angelique stieß einen Pfiff aus. Sie hörte Goliath herantrotten. Der Pitbull setzte sich vor sie hin und blickte mit großen Augen zu ihr hoch. Sein rhythmisches Hecheln bezeugte seine Aufregung. Er wusste ganz genau, dass sie jetzt spazieren gehen würden. Angelique kraulte ihn hinter den Ohren und er japste erfreut.
Draußen machte sich ein heller Frühlingstag breit. Erstes zartes Grün zeigte sich an den Bäumen. Ein kalter Wind behielt sich jedoch das Vorrecht. Trotz Sonnenschein war es kalt. Die Promenade am Kanal war nahezu leer.
Ihre Route führte sie am Wasser entlang. Goliath sprang um sie herum und lief von einem interessanten Geruchsfeld zum anderen. Der Rüde war nun drei Jahre alt. Tybalt hatte ihn ihr geschenkt, als er zu ihr gezogen war.
"Angelique, macht es dir etwas aus, wenn ich zu dir ziehe?"
"Nein."
Das hieß nicht, dass er öfters anwesend war als vorher. Er tauchte sporadisch auf und blieb für unregelmäßige Zeiträume. Der längste hatte drei Monate gedauert, der kürzeste zwei Stunden.
Nach wie vor wusste Angelique nicht, was sein Beruf war. Weder kannte sie seinen richtigen Namen noch war ihr bekannt, wo er sich aufhielt, wenn er nicht bei ihr war. Nach ihrer ersten Nacht zusammen, hatte er sie gefragt: "Willst du denn nichts von mir wissen?"
"Sag lieber nichts, als dass du lügst. Ich möchte nicht, dass etwas zwischen uns steht, Tybalt. Wenn du mich wegen deiner Arbeit belügen musst, will ich es nicht wissen."
Damit war das Thema für sie abgehakt gewesen. Er hatte es nicht wieder angesprochen. Wenn Tybalt bei ihr war, herrschte Ruhe in ihrem Kopf und nicht wie jetzt das Chaos.
Es fehlte ihr an Konzentration. Sie schlief kaum noch. Ihre Masterarbeit lag in Brüchen. Einzelne Sätze wiesen nicht mal eine zusammen hängende Grammatik auf.
Etwas weiter entfernt bellte ein großer Hund. Ein Mann kam ihr mit einer Deutschen Dogge entgegen. Angelique begegnete dem Herrn öfter während ihrer täglichen Spaziergänge. Sie hatten bereits mehrmals kurz angehalten und miteinander geredet.
Er lächelte sie schon an.
Das ist das beste, was mir passieren kann. Ablenkung. Egal, was für welche. Hauptsache effizient.
"Guten Tag", begrüßte er sie und blieb stehen. Die Dogge und Goliath umkreisten und beschnupperten sich. "Auch mal wieder unterwegs?"
"Scheint so."
"Jedes Mal, wenn ich Sie mit dem Pitbull sehe, frage ich mich, wie so eine zarte Person so einen bulligen Hund haben kann."
"Es gibt keine bösen Hunde. Solange mich niemand bedrängt, ist er harmlos."
"Ich hoffe, ich bedränge Sie nicht, wenn ich Sie auf einen Kaffee einlade?"
Sie kannte das Schema. Leicht lächeln, erst in die Ferne, dann ihn ansehen. "Nein. Das ist noch im Rahmen."
Sie liefen nebeneinander her zu einem kleinen Kaffeehaus in der Nähe. Dort bestellten sie sich beide Getränke. Die Hunde lagen unter dem Tisch.
Sein Name lautete Edward. Er arbeitete bei einem Steuerberater und lebte in Scheidung.
"Und Sie?", erkundigte er sich.
"Ich studiere Kunstgeschichte und Grafikdesign."
"So etwas hätte ich auch gern studiert, aber es gab zu viele, die mir überlegen waren und dann bin ich zu BWL herübergewechselt."
"Ist BWL wirklich so trocken, wie es oft beschrieben wird?"
"Teilweise." Er nahm einen Schluck vom Kaffee. "Aber das Leben besteht nicht nur aus Spaß und Unterhaltung."
"Sie haben gesagt, Sie leben in Scheidung?"
"Ja. Meine Frau ist vor kurzem erst aus der Wohnung ausgezogen. Wir haben keinen Kontakt mehr außer über unsere Anwälte."
"Klingt unangenehm."
"Es ist besser als vorher. Irgendwann wurde sie krankhaft eifersüchtig. Einmal legte sie sich mit der Briefträgerin an, weil sie mir zugelächelt hatte."
"Haben Sie Kinder?"
"Nein. Zum Glück."
"Und der Hund bleibt bei Ihnen?"
"Ja. Der Hund braucht viel Platz. Den kann ich ihr bieten und meine Frau nicht. Das war ja auch das Lächerliche: Nachher war sie sogar eifersüchtig auf Rina. Ich verbrächte mehr Zeit mit der Hündin als mit ihr, hat sie mir vorgeworfen."
Angelique leerte ihre Tasse. "Sie erfüllt also das Klischee einer streitsüchtigen Ehefrau?"
"Ja. Ich bin so froh, dass ich sie nicht mehr in der Wohnung ertragen muss. Möchten Sie sie mal sehen?"
"Ihre Frau?"
"Meine Wohnung. Sie liegt nicht allzu fern von hier und sie lohnt sich. Jetzt, wo meine Frau ihre Sachen bereits abgeholt hat, ist es zwar etwas leerer, aber wir haben einen unfassbar schönen Ausblick über den Kanal."
Angelique willigte ein. Edward bezahlte und führte sie dann zu einem Häuserblock, der etwa hundert Meter Luftlinie von dem Café entfernt lag. Angelique kannte diese Gegen. Als sie nach einer passenden Wohnung gesucht hatte, hatte ihr Makler sie auch in eines der Appartements hier geführt.
Die Wohnung war genau wie Angelique sie sich vorgestellt hatte. Kühl und modern eingerichtet mit eingerahmten Nachempfindungen Paul Klees an den Wänden und Outlet-Designermöbeln. Edward führte sie herum und hatte zu jedem Dekorationsgegenstand eine Anekdote aus einem anderem Urlaub zu erzählen.
Schließlich setzten sie sich auf das Sofa. Edward griff in seine Jackettasche und zog einen kleinen Umschlag heraus.
"Möchtest du?", fragte er und zog auf dem Tisch zwei Linien. Angelique starrte auf das Kokain und überlegte.

Sie kam aus dem Badezimmer. Tybalt lehnte mit verschränkten Armen an ihrem Schreibtisch und starrte sie an. Es war das erste Mal, dass sie Zorn in seinem Gesicht wahr nahm. Sie bekam Angst.
"Was ist los?" Die Frage starb auf ihrer Zunge. Auf dem Tisch lagen eine Tüte Gras und mehrere Umschläge mit Kokain.
"Du bunkerst Drogen in deiner Wohnung", knurrte er. Für einen Moment dachte sie, er würde ihr gegenüber handgreiflich werden.
"Ja, das stimmt."
"Ich glaube es nicht, Angelique. Jetzt reagiere nicht so gleichgültig!"
"Warum regst du dich darüber auf? Weil sie illegal sind?"
"Scheißdreck, Angelique! Sag mir, warum du sie nimmst!"
"Um abzuschalten."
"Um dich besser zu fühlen, was?"
"Richtig."
"Seit wann konsumierst du?" Als Angelique zögerte, fragte er eindringlicher: "Wie lange schon, Angelique?"
"Seit Jahren, aber nur sporadisch. Manchmal mehr. Manchmal gar nicht."
"Ich will, dass du es lässt."
"Das hört sich einfacher an als es ist, Tybalt."
"Angelique, schau mich an und wiederhole, was ich sage: Hör mit den Drogen auf!"
Angelique schluckte hart. Sie erwiderte Tybalts Blick. Ihre Hände zitterten. "In Ordnung, Tybalt. Ich höre auf."

Edward nahm einen zusammen gerollten Geldschein und zog die erste Linie. Er hielt ihr das Röhrchen hin. Angelique nahm es und schnupfte die zweite.
"Das ist nicht das erste Mal, dass du das machst", bemerkte er.
"Nein." Sie schloss die Augen.
Wenn Tybalt heute Abend kommt, wird er es sofort wissen. Er wird fort gehen und nie mehr zurückkehren.
"Ich muss nach Hause", murmelte sie und stand auf. Ohne zurückzublicken pfiff sie nach Goliath und verließ die Wohnung. Sie konnte Edward schimpfen hören, aber was bedeutete das schon?

Angelique saß am Küchentisch. Sie starrte auf die Tischkante.
Wie kann ich mich so schuldig fühlen? Tybalt kommt heute nicht. Er wird auch morgen nicht auftauchen und wenn doch, dann ist alles schon vorbei. Ich konsumiere seit Jahren. Ich bin immer ich selbst geblieben. Ich war nie abhängig. Warum will er mir auf einmal etwas verbieten, was mir nicht schadet? Soll ich mein Glück in dem Moment suchen, in dem er hier ist, und dazwischen taub durch das Leben ziehen? Warum beeinflusst mich das dermaßen? Warum beginnt die Sehnsucht nach ihm in dem Moment, wenn die Tür hinter ihm zuschlägt? Ich habe noch nie jemanden vermisst in meinem Leben und auf einmal, wenn er geht, verliert meine Welt an Wert. Bin das überhaupt noch ich? Ich lebe nur noch von Türöffnung zur Türschließung.
"Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, dich kennen gelernt zu haben, Angel. Du bist zu außergewöhnlich, um dich aus meinem Gedächtnis zu streichen. Du hast dich dort längst eingebrannt."
Ich hätte das Zeug nicht schnupfen sollen. Er wird toben. Er wird es mir sofort ansehen. Er weiß, was ich denke.
Wie gut es sich angefühlt hat. 
Angelique richtete sich auf und musterte ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Er wird nicht bei mir bleiben wollen. Er wird mich verlasen.
Das Telefon klingelte. Sie nahm ab. "Ja."
"Angelique. Ich dachte schon, du würdest nie mehr dran gehen."
"Hallo Lora."
"Mensch, ich habe so oft an dich gedacht und mir Sorgen gemacht. Warum hast du dich nicht mehr gemeldet?"
"Ich war beschäftigt."
"Mit dem Studium? Hast du deinen Master durch bekommen?"
"Nein, ich habe aufgehört."
"Abgebrochen? Du? Warum das? Du hast Talent und -"
"Lora, hör bitte damit auf. Es ist vorbei."
"Und was willst du jetzt machen?"
"Ich werde verschwinden. Ich habe keine Zeit mehr." Angelique legte auf.

Während sie springt, gleitet der Wind an ihrem Körper entlang. Erhellt ihn für wenige Sekunden, bis er in der Dunkelheit aufgeht. Jetzt will sie ihn nicht nur mehr spüren. Sie will Teil von ihm werden. Sein Widerstand.
Und bald, bald wird es soweit sein, denkt sie. Sie will lachen. Sie schließt die Augen.
In der Ferne hört sie Tybalts Stimme. Sein tiefes Lachen hat immer wunderbar in ihren Ohren geklungen. Es ist ihr liebstes Geräusch. Tybalts wirkliches Lachen erklingt selten. Er lächelt eher.
Tybalt nimmt ihr Gesicht zwischen seine Hände. "Angelique. Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe", flüstert er, bevor er sie das letzte Mal verlässt. "Alles ist erträglicher, weil du bei mir bist."
Sie legt ihre Hände auf seine. "Danke, dass du das sagst."
Er lacht. Weil er froh ist. Er empfindet Glück. In dem Moment kann er es fassen.
"Wie weit wirst du von mir entfernt sein?", fragt sie ihn, bevor er sie das erste Mal verließ.
Mit seinem kleinen Finger zeichnet er ihre Gesichtskonturen nach. "Entfernung ist unbedeutend, Angel. Kilometer sind Sekunden. Fern ist nur, als was du es betrachtest. Du bist immer bei mir.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen