Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (15. Kapitel)

Pegelmann

Am Tagesende stattete Pegelmann dem Standboxsack in seinem Keller einen längeren Besuch ab. Zu gerne hätte er seine Wut an den beiden Anwälten ausgelassen. Wie sich wohl Typen mit manikürten Fingernägeln wehrten, wenn sie schön eins in die Fresse geschlagen bekämen.
Hans Gustav Haselmann.
Pflegekind einer Familie aus Niedersachsen. Seine echten Eltern waren kaum in Erscheinung getreten. Die Pflegefamilie hatten ihn nie adoptiert. Die Eltern verweigerten die Aussage. Deren beiden leiblichen Kinder zeigten sich wenig gesprächsbereit. Die Tochter arbeitete im Bundesinnenministerium in Berlin.
"Er war nicht mein Bruder. Er war nur bei uns in Pflege", giftete sie Pegelmann am Telefon an. "Er zog mit achtzehn bei uns aus und ich habe ihn nie wieder gesprochen."
Den Sohn hatte es als Onkologe in die Schweiz verschlagen.
"Ich bin Arzt. Ich helfe Leuten zu überleben. Hans hat einen Lebensweg eingeschlagen, den ich nicht gut heißen kann, und wenn er jetzt tot ist, dann ist das sein eigenes Verschulden."
Nach der Schule war Haselmann gegen den Willen der Pflegeeltern nach Baden-Württemberg gezogen und hatte sich bei Heckler & Koch zum Industriekaufmann ausbilden lassen. Da war er bereits volljährig und sie hatten keine Handhabe mehr über ihn gehabt. Nach der Lehre, die er mit recht ordentlicher Leistung bestanden hatte, verlor sich seine Spur. Er war kurze Zeit in München gemeldet gewesen. Sein ehemaliger Arbeitgeber kommunizierte über die Rechtsabteilung.
Sie werden den Täter eh nie finden. Dieser kriechende Wichser von einem Anwalt mit seiner Uhr aus Glashütte ließ die Wut in Pegelmann wie ein Stromschlag durch den Körper rasen.
Nächste Woche würden Details im Rahmen einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit getragen werden. Vielleicht führte die Veröffentlichung einiger Informationen zu neuen Zeugen oder Hinweisgebern.
Wenigstens einige der angedachten Ermittlungsansätze konnten mittlerweile ausgeschlossen werden.
Die drei besoffenen Typen waren der Brandstiftung angeklagt. Einer saß bereits in Haft, weil bei ihm noch eine Bewährungsstrafe lief. Sie hatten keine Verbindung zu dem Toten oder zu dem Tötungsdelikt.
Die Frau, die drei Tage vor der Tat mit ihrer Affäre vor Ort gevögelt hatte, und mit ihrem anonymen Hinweis gescheitert war, hatte ihre Aussage unter hysterischem Herumgeheule getätigt. Pegelmann war froh, nicht vor Ort gewesen zu sein. Dafür hätten ihm echt die Nerven gefehlt. Immerhin wurde das vor Ort gefundene Kondom nicht mehr mit dem Mord assoziiert.
Der weiße Transporter blieb verschwunden. Inwiefern die Kabeldiebe in das Tötungsdelikt verwickelt waren, blieb offen. Der Zeitpunkt des Todes wurde vom Gerichtsmediziner auf etwa vierundzwanzig Stunden vor dem Leichenfund datiert. Vielleicht waren es einfach Kriminelle, die am falschen Ort zugeschlagen und dann ziemlich schnell die Fliege gemacht hatten, als sie die Leiche entdeckt hatten. Wenn sie so professionell gearbeitet hatten, wie der Kollege es geäußert hatte, dann war der Wagen längst zerlegt und die Einzelteile unauffindbar verschrottet oder anderswo eingebaut.
Blieb noch der Junge. Moritz Markovitz. 14 Jahre. Das Jugendamt hatte für ihn einen Platz im betreuten Wohnen gefunden, wo er unter therapeutischer Beobachtung stand. Pegelmann gab ihm zwei Wochen, dann würde er wieder auf der Straße unterwegs sein. Aber er war noch nicht mit ihm fertig. Er würde herausfinden, was der Junge beobachtet hatte.
Es war ein dämlicher Zufall, dass der Name des Jungen in einen anderen Zusammenhang mit der Leiche gebracht werden konnte.
Moritz ist entlassen und liegt erschossen an der Mauer. 
Was hatte er sich den wegen dieser verschlüsselten Texte den Kopf zerbrochen. Sie machten in keiner Konstellation Sinn. Frühlings Erwachen. Er hatte sich das kleine Büchlein sogar gekauft und es halb gelesen, halb durchblättert. Es  war ein Theaterstück über pubertierende Jugendliche. Zwei der Hauptprotagonisten starben, der dritte türmte aus der Besserungsanstalt. Der fünfte Mai war der Geburtstag des weiblichen Hauptcharakters Wendla. Sie starb mit vierzehneinhalb Jahren nach einer verunglückten Abtreibung.
Vielleicht hatte Haselmann die Blätter aus Zufall irgendwo gefunden und eingesteckt. Auf den drei Zetteln fanden sich so viele Fingerabdrücke, dass sie schwer zu isolieren waren. Einer davon war anhand der Größe laut Spurensuche vermutlich einem Kind zuzuordnen. Es befanden sich neben Haselmanns noch zwei weibliche DNA-Spuren an den Zetteln. Herkunft ungeklärt.
Pegelmann wickelte die Handbandage ab und massierte sich die Finger. Er war lange genug Polizist, um zu wissen, dass manche Verbrechen Zeit brauchten, um gelöst zu werden. Auch ein im Untergrund lebender, mutmaßlicher Waffenhändler hinterließ Spuren im Leben. Irgendwann würden sie zu Tage kommen.
Bald ging der Fall zu den Akten und Pegelmann würde sich einem neuen Tötungsdelikt in der Stadt widmen. Doch er würde warten. Haselmann war tot, aber seine Geschichte ging erst richtig los. Alles schrie nach einer Fortsetzung und Pegelmann würde geduldig warten, bis er daran war, seine Rolle komplett auszuspielen.



ENDE

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