Sonntag, 9. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (12. Kapitel)


Dagan

Er hatte Hunger. Sein Magen krampfte jetzt noch schlimmer als gestern. Und gestern hatte er um die Uhrzeit noch weniger gegessen gehabt als heute. Heute hatte er Glück gehabt. Eine Klasse verzogener Landkinder hatte in der Innenstadt vor dem Zeitgeschichtlichen Forum herum gehangen. Ein Junge hatte sich Pommes geholt, die er dann nicht mit die Ausstellung nehmen durfte. Er hatte sie in den Müll geworfen. Dagan hatte sie herausgefischt und aufgegessen. Die Pommes waren noch warm gewesen. Eines der Mädchen aus der Klasse hatte ihn mit offen stehen Mund angestarrt. Er hatte sie angegrinst. Er wusste, wie er aussah. Die Mayonnaise wirkte bizarr weiß auf seinen dreckigen Zähnen. Oder was von seinen Zähnen von übrig war. Zwei hatte ihm sein Stiefvater ausgetreten.
Dagan war kaum älter als die Jugendlichen, die anscheinend auf Klassenfahrt in die Stadt gekommen waren. Jetzt hingen sie hier mit ihren coolen, modischen Rucksäcken in der Innenstadt und fuchtelten affig mit ihren Smartphones herum. Für einen absurden, kurzen Moment stellte sich Dagan vor, wie er sie zu einer besonderen Stadtführung einlud, zu der Stadt, wie er sie kannte. Kommt, Kinder, ich zeige euch eine Welt voller Hunger und Scheiße.
Dagan war nicht sein richtiger Name. Den Name, den sein Mutter ihm gegeben hatte, würde er nie wieder benutzen. Sie hatte ihn nicht zum Arzt gefahren, als er blutüberströmt am Boden gelegen hatte. Sie hatte die Lehrer und das Jugendamt angelogen, als man auf seine Verletzungen aufmerksam geworden war. Sie hatte seine ausgetretenen Zähne in den Restmüll geworfen. Sie hatte den Missbrauch gesehen und sich weggedreht.
Jetzt lebte Dagan auf der Straße. Immer auf der Flucht vor der Polizei und Leuten, die sich an sein Gesicht erinnerten. Die Narben machten ihn unverkennbar. Er hatte sich in eine Parallele zurückgezogen, die noch schlimmer war, aber hier hatte er zumindest selbst die Kontrolle.
"Pass auf deine Zähne auf", sagte der Typ, der auf dreckige Straßenjungen stand, während Dagan vor ihm kniete. Aber es war Dagan, der entschied, ob er mit ihm gehen wollte, kein Stiefvater, keine Mutter, niemand zwang ihn zu etwas außer er selbst. Er bekam Geld, über das er selbst verfügen konnte. Das hatte er vorher noch nie gehabt.
Es war endlich Sommer. Die Kühle bei Nacht war erträglich. Über ein Seitenfenster war er in ein leer stehendes Haus geklettert. Der Ort war nicht unbekannt. Es war jemand vor ihm hier gewesen, aber die Fäkalien in der Ecke des Raums, der früher mal ein Bad gewesen war, waren so fest eingetrocknet, dass sich nicht mal mehr Fliegen darum kümmerten.
Hier empfand er es als einigermaßen sicher. Die beiden Häuser lagen an einer Straßenkreuzung gegenüber einer kleinen Parkanlage. Hinter den Grundstücken befand sich ein künstlich angelegtes Waldgebiet, das den Lärm der nahen Schnellstraße abhalten sollte. Die nächsten Anwohner lebten auf der anderen Seite der Straße. Es ging kaum einer je an diesen Häusern hier vorbei.
Dagan hatte auf dem Markt ein Bündel Bananen geklaut. Er aß eine davon und warf die Schale aus dem Fenster. Er trank etwas von dem Wasser, das er an der öffentlichen Toilette im Petersbogen aus dem Hahn abgezapft hatte.
In dem Moment hörte er Stimmen. Zwei Männer unterhielten sich. Es war kein Streit, aber eine deutliche Meinungsverschiedenheit. Sie befanden sich im Haus nebenan, ebenfalls ein Abrisshaus. Es hatte mehrere Eingänge, die er nicht alle gleichzeitig einsehen konnte. Deshalb hatte sich Dagan für das andere entschieden.
Er schlich an das vernagelte Fenster und lugte durch eine kleine Lücke zwischen den Brettern hervor. Er sah einen Mann mit den Händen in den Hüften gestemmt. Eine Kappe verdeckte Teile seines Gesichtes. Seine dunkle Jacke hing offen über einem hellen Hemd.
"Es gibt nicht mehr Geld", sagte eine Stimme, deren Herkunft Dagan nicht sehen konnte.
"Glaubst du, ich weiß nicht, wer du bist. Ich muss nur ein paar mehr Information -"
Die andere Stimme war undeutlich zu hören. Es knallte. Der Mann mit der Kappe sank zu Boden.
"Fuck!", sagte jemand.
Dagan drehte sich vom Fenster weg und drückte sich an die Wand. Ein Mord. Ein Toter. Und er in der Nähe. Er musste sofort weg. Dagan griff nach seiner Tasche und seinem Schlafsack, den er noch nicht ausgerollt hatte.
Er kletterte so schnell wie möglich aus dem Haus heraus. Zu seinem Glück war das Fenster von dem anderen Haus aus nicht einsehbar. Gebückt huschte er zur anderen Straßenseite. Dort befand sich ein mit Kies ausgelegtem Platz, auf dem ein Autoverkäufer gebrauchte Wagen zum Verkauf anbot. Dagan rannte weiter, an dem Supermarkt vorbei, wo er manchmal containern ging, weiter bis zur nächsten Haltestation der Straßenbahn. Bloß weit weg von hier. Die Stadt war zu klein, um sich zu verstecken. Hier in der Nähe gab es eine Schnellstraße zum Industriegebiet. Die LKW-Fahrer nahmen manchmal Anhalter mit. Gegen Dienstleistungen. Aus Gutmütigkeit. Dagan würde ihnen sogar sein letztes Geld bieten. Hauptsache weg von hier.



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