Mittwoch, 5. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (11. Kapitel)


Polizei (3)

Das Telefon klingelte.
"Pegelmann", knurrte der Kriminalhauptkommissar in den Hörer.
"Faust, es ist mir eine Freude, dich am Apparat zu haben."
"Waskoya, ich muss in eine Vernehmung. Ich bin nur an einer einzigen Nachricht interessiert, die du mir überbringen kannst."
"Wow, deine Laune ist aber im Keller."
"Hör auf! Ich wurde heute um halb vier wach geklingelt. Eine Gruppe besoffener Vollidioten haben Molotow-Cocktails auf das Objekt geworfen, in dem die Leiche gefunden wurde. Sie sagten, sie wollten ein Zeichen setzen gegen Schwuchteln und Kinderschänder. Einer von denen hatte so stark getankt, dass er sich im Bus vollgepisst hat. Also heiter mich bitte mit einer guten Nachricht auf."
"Mein Freund hat den Text dekodiert. Willst du wissen, wie?"
"Jetzt nicht. Was steht drin?"
"Ich lese vor." Waskoya räusperte sich. "Erster Text: 'Moritz ist entlassen und liegt erschossen an der Mauer.' Zweiter Text: 'Melchior ist Philosoph und in der Anstalt.' Dritter Text: 'Wendla ist tot 14½ 5.5.' Ende.
Pegelmann ging im Kopf noch mal die Nachrichten durch. "'Wendla ist tot'? Ist das ein Hinweis auf eine zweite Leiche?"
"Ich konnte mir auch keinen Reim draus machen, also habe ich die Namen Moritz, Melchior und Wendla einfach mal gegoogelt. Und jetzt kommt es: Es sind die Hauptcharaktere eines Theaterstücks namens Frühlings Erwachen von Frank Wedekind aus dem Jahr 1891."
"Hä?"
"Das habe ich mir auch gedacht. Ich scanne dir die Auflösung ein und schicke sie dir per Mail. Falls jemand fragt: Natürlich war ich das Genie hinter der Lösung."
"Waskoya, ich dank dir vielmals. Keine der Informationen bringt mich gerade weiter, aber es schön, sie zu haben."
"Du schuldest mir etwas. Seid ihr mit den Ermittlungen weiter?"
"Mal sehen. Ich habe eine frische Lieferung aus Berlin, die damit zu tun hat."

Die Lieferung war namenlos, minderjährig und schmerzhaft dünn. Pegelmann überflog ein letztes Mal die Unterlagen, die vor ihm lagen. Der Junge war dabei beobachtet worden, wie er in einer Kaufhalle verschiedene Lebensmittel geklaut hatte. Das Sicherheitspersonal hatte die Polizei gerufen und die Berliner Kollegen hatten ihn kurz darauf festgesetzt. Trotz seiner mageren Erscheinung hatte er sich recht tatkräftig zur Wehr gesetzt. Auf dem Revier kam dann heraus, dass seine Fingerabdrücke in Zusammenhang mit einem Tatort gebracht wurden.
Weil der Junge offensichtlich noch ein Kind war, war jemand vom Jugendamt bei der Vernehmung mit dabei. Aber auch die Frau mit dem Universitätsabschluss in Sozialpädagogik hatte ihn bisher nicht zum Reden gebracht.
Er war frisch geduscht und die Sozialarbeiterin hatte ihm neue Kleidung gegeben. Er versank förmlich in dem dunklen Kapuzensweatshirt. Zusammen gekauert, den Kopf zwischen die hoch gezogenen Schultern gekeilt, starrte er auf den Tisch. Hoffentlich hatten sie ihm auch etwas zu essen gegeben.
Pegelmann faltete die Hände über den Papieren vor ihm zusammen. "Ich habe in meinen Akten leider keinen Verweis auf deinen Namen. Du bist meiner Einschätzung nach noch minderjährig. Deshalb sage ich du. Mein Name ist Faust Pegelmann. Ich bin leitender Ermittler des Sonderkommission 'Haus'. Wir haben eine uns unbekannte Leiche gefunden und wir vermuten, dass du uns etwas dazu sagen kannst. Du willst uns deinen Namen nicht nennen, wahrscheinlich, weil du Angst hast, wir würden dich für etwas belangen, oder dich wieder in eine häusliche Situation zurück bringen, die dich dazu gebracht hat, lieber auf der Straße leben zu wollen. Mir ist die Problematik nicht unbekannt. Wir sind die Bullen. Du willst nicht mit uns reden. Deswegen sage ich dir jetzt, wie ich dich einordne. Deine Fingerabdrücke und deine DNA sind in Tatortnähe - hörst du? - in der Nähe gefunden worden. An einer Bananenschale, um genau zu sein. Wir haben kein Indiz dafür, dass du am Tötungsdelikt beteiligt warst. Wir sehen dich als Zeugen, nicht als Verdächtigen. Vielleicht hast du etwas gesehen oder gehört, was uns dazu bringt, den oder die Täter zu ermitteln, damit es zu einem Verfahren und zu einer Verurteilung kommt. Wenn du als Zeuge aussagst, brauchen wir deine Daten. Wir müssen dir einen Namen und eine Adresse zuordnen können. Wir können dich hier nicht ewig fest halten. Wenn du nicht zu deinen Eltern zurück willst, dann regeln wir das. Du hast zu keinem Zeitpunkt mit negativen Auswirkungen zu kämpfen, wenn du für uns aussagst. Ganz im Gegenteil: Wir werden dir entgegen kommen."
Der Junge hatte kein einziges Mal aufgeschaut. Nicht die geringste Bewegung ließ darauf schließen, dass er Pegelmanns Ansprache positiv oder negativ einordnete.
Die Sozialarbeiterin schaute betreten rein. Sie war noch jung. Die beiden anderen anwesenden Beamtinnen warfen sich skeptische Blicke zu. Frauen wirkten bei Verhören mit Jugendlichen oft beruhigend. Deswegen hatte er die Kolleginnen mit zum Verhör genommen.
Pegelmann trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. "Sag uns deinen Namen, Junge. Wir kriegen ihn so oder so heraus. Noch hast du alle Trümpfe in der Hand. Ab jetzt verlierst du sie nur noch. Ich will dir nichts Böses. Aber ich will auch meinen Mordfall lösen."
Die Sozialarbeiterin legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Er wich ihr mit einer Bewegung aus und sie zog sich sofort zurück.
Pegelmann wartete noch mal etwa eine Minute. Dann räusperte er sich. "Gut. Das hier führt uns gerade nicht weiter. Wenn du dich entscheidest, doch eine Aussage zu tätigen, kannst du sie jederzeit schriftlich verfassen. Ich gebe dir das Formular mit. Du kannst mich per Mail erreichen. Ich höre dir zu, wenn du etwas zu sagen hast."
Wann war er das letzte Mal so nett mit einem Zeugen umgegangen? Etwas an dem Kind regte Mitleid in Pegelmann. Der Junge lebte nicht einfach so auf der Straße. Da spielte sich eine lange, wahrscheinlich furchtbare Geschichte im Hintergrund ab, die ihn seelisch zerrüttete. Er würde gute Gründe haben, niemandem zu trauen.
Pegelmann versuchte es mit einem letzten Anlauf. "Sagen dir die Namen Moritz, Melchior und Wendla etwas?"
Beim ersten Namen zuckte der Junge zusammen. Es war eine kaum merkliche, aber für den geübten Beobachter Pegelmann sichtbare Reaktion.
Der Junge schüttelte den Kopf.
Das mit dem Lügen musst du aber noch üben, dachte Pegelmann.


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