Montag, 3. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (10. Kapitel)

Wendla (1)

"Wendla, hast du", Senta Herder öffnete die Zimmertür ihrer Tochter, während sie sprach. Sie blieb mitten im Satz stehen, als sie bemerkte, wie Wendla zusammenfuhr und schnell etwas unter ihr Schreibheft schob.
"Ja, Mama, was ist denn?" Wendla drehte sich zu ihr um, halb lächelnd.
"Wie weit bist du mit deinen Hausaufgaben?" Senta betrat das Kinderzimmer und stellte sich neben Wendla, die an ihrem Tisch saß und offensichtlich ihre Schulaufgaben verrichtete. Ein Heft lag vor ihr. Dazu hatte sie das Deutschbuch aufgeschlagen.
"Ich habe gerade mit Deutsch angefangen."
"Was macht ihr gerade in Deutsch?" Senta nahm das Heft in die Hand. Sie bemerkte sehr genau, wie Wendla kurz das Gesicht verzog.
"Wir sollen eine Kurzgeschichte zusammen fassen."
"Hat das hier etwas mit eurem Unterricht zu tun?" Senta griff nach dem kleinen, grünen Heftchen, das ihre Tochter vor ihr hatte verbergen wollen. Sie wusste schon, was es ist, bevor sie den Titel las.
Wendlas Stimme kam leise und zögerlich. "Nein."
Senta seufzte. Sie setzte sich auf den Tisch und schaute auf Wendla herunter. "Wendla, was soll das? Wir hatten darüber geredet, ob du dieses Buch lesen darfst, und ich habe es dir verboten. Warum habe ich es dir verboten?"
Wendla ließ den Kopf hängen. "Weil ich noch zu jung bin."
"Genau. Du bist erst elf Jahre alt und ich möchte nicht, dass du das Buch schon liest. Deshalb werde ich es dir jetzt wegnehmen. Ich bin sehr enttäuscht von dir, weil du dir das Buch aus dem Bücherregal genommen hast, obwohl ich es dir untersagt habe."
"Aber sie heißt genau wie ich." Wendla kamen kurz die Tränen. "Sonst hat nie jemand meinen Namen."
"Wendla, deine Oma hatte diesen Namen. Ich habe dich nicht ohne Grund nach ihr benannt. Sie war ein kluger und herzensguter Mensch. Sie war jemand Besonderes. Genau wie du."
"Ich bin auch besonders reif für mein Alter. Das Buch wird mir nicht schaden."
"Netter Versuch, Wendla. Mach jetzt bitte deine Hausaufgaben fertig. Wir müssen nachher noch einkaufen fahren."
Senta schloss die Tür wieder. Sie hörte Wendla leise "Oh, Manno!" rufen.

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