Sonntag, 18. September 2016

Der Geheimniskrämer (2. Kapitel)


Polizei (1)

Kriminalhauptkommissar Faust Pegelmann massierte sich dem Nasenrücken. Das erste Mal seit den Anfangstagen seiner Berufslaufbahn fühlt er sich überfordert.
Man hatte im Nordosten der Stadt einer Leiche gefunden. Der Mann war Opfer eines Tötungsdeliktes. Ihm war in einem stark verwitterten Haus aus nächster Nähe in den Kopf geschossen worden. Ein Anwohner hatte die Polizei gerufen, nachdem er mehrere Männer aus dem Haus hatte rennen sehen. Er hatte sich das Nummernkennzeichen des Fluchtautos gemerkt. Eine erste Überprüfung ergab, dass die Kennzeichen vorgestern als gestohlen gemeldet waren.
Im Haus selber hatte es an verschiedenen Stellen Versuche gegeben, Kabel zu entfernen. In allen Räumen bis auf dem, in dem die Leiche lag, hingen sie halb fertig aus den Wänden heraus gerissen. Der frische Mörtel auf dem Boden überlagerte den restlichen Dreck.
Pegelmann sprach mit einem Kollegen, der bereits mehrere Fälle mit Kabeldiebstahl bearbeitet hatte, und zeigte ihm Fotos vom Tatort.
"Es gibt da organisierte Banden aus Osteuropa, die sehr professionell vorgehen. Die wissen genau, wo sie suchen müssen. Sie reißen nur dort die Wand auf, wo sich die Kabel befinden. Das gleiche Vorgehen hast du auch hier. Sonst findest du keine anderen Blessuren, die von grober Gewalt herkommen. Es ist recht ungewöhnlich, dass sie zwischendurch abbrechen und verschwinden."
Die Spurensicherung hatte verschiedene Abdrücke von Schuhen und Fingern gefunden. Es gab mehrere DNA-Spuren an Zigarettenstummeln und Essensresten sowie Rückstände von Körpersäften, die im Umfeld der Leiche gesichert werden konnten.
Jetzt lag es an ihm und seinen Kollegen, die gefundenen Spuren mit dem Tathergang in Verbindung zu setzen.
Der Leichnam trug keine Dokumente bei sich, die zur Identifizierung dienten. Ein männlicher Weißer mit blonden Haaren, blauen Augen und kräftigem Körperbau. Keine Tätowierungen oder Körperschmuck. Bekleidet war er mit einer knielangen Stoffhose, einem blauweiß kariertem Hemd sowie einer dunklen Jacke. Dazu trug er weiße Socken, weiße Turnschuhe und eine blaue Kappe ohne erkennbare Markenzugehörigkeit. Alles günstige Massenware ohne Gebrauchsspuren, die auf längeren Besitz hindeuteten.
In keiner ihrer Listen war der Mann aufgetaucht. Seine Fingerabdrücke waren bei ihnen nicht registriert. Es gab auch keine Vermisstenanzeige, die mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte.
Der einzige Gegenstand, der bei dem Mann gefunden worden war, hatte ihm der Gerichtsmediziner aus der Hosentasche gezogen. Es war ein karierter Zettel gewesen, so geheimnisvoll zusammen gefaltet wie Mädchen es zu Pegelmanns Schulzeit getan hatten.
Und genau dieses Stück Papier bereitete Pegelmann Kopfzerbrechen. Auf dem Zettel befanden sich Buchstaben in seltsamer Reihenfolge. Sie waren fein säuberlich mit Füller geschrieben worden. Jeder Buchstabe füllte ein Kästchen aus.
Bei der näheren Untersuchung der Umgebung des Tatorts waren sie auf einen Abfalleimer aufmerksam geworden, der sich zwischen den Bänken einer winzigen Grünanlage befand. Neben dem üblichen Müll fanden die Ermittler noch zwei weitere dieser Zettel. Genauso akribisch gefaltet und ordentlich beschrieben. Es war die gleiche Schrift. Nur die Textinhalte lauteten anders.
Der zweite Zettel wiederholte die Buchstabenreihenfolgen "eop" und "qjz". Der dritte unterschied sich zu den vorherigen. Er beinhaltete eine Zahlenkombination und war wesentlich kürzer in seiner Nachricht.
Pegelmann hatte sich noch nie mit Kryptologie beschäftigt. Die letzten anderthalb Stunden hatte er Seiten im Internet durchforstet, die ihm dieses Feld der Wissenschaft näher brachten. Jetzt dampfte sein Kopf vom Informationsüberfluss. Sie mussten einen Experten anfordern in der Hoffnung, dass diesem Buchstabenwirrwarr eine Codierung zu Grunde lag und es nicht einfach irgendein Unsinn war.
Selbst, wenn der Zettelinhalt nichts mit dem Mord zu tun haben sollte, könnte er bei der Identifizierung der Leiche oder wichtiger Zeugen helfen.
Die zahlreichen DNA-Spuren, die am Tatort gefunden worden waren, konnten hilfreich sein, wenn sie dem Verbrechen zugeordnet werden konnten. Anwohner hatten ausgesagt, dass die Abrisshäuser durchaus nicht unbewohnt waren.
Pegelmann blätterte durch die Unterlagen mit den Zeugenaussagen. Er hatte einige der Anwohner selber vernommen. Es war viel Ärger und Verdruss über die leer stehenden Gebäude zum Ausdruck gekommen.
Da hängen manchmal Obdachlose herum. Sie scheißen in die Straße und die leeren Glasflaschen liegen überall herum. Ich habe deswegen mal die Polizei gerufen, aber das hat gar nichts gebracht. Hier konnte man früher einmal so schön wohnen, aber seit der Wende geht es hier den Bach ab.
Informationen über das Tötungsdelikt hingegen waren kaum dabei herum gekommen. Niemand hatte einen Schuss gehört. Außer dem Zeugen Laslo 
Retacović hatte niemand die Männer im Haus oder den weißen Transporter beobachtet. Eine Anwohnerin hatte geäußert, bei offenem Fenster geschlafen und ein Motorengeräusch wahrgenommen zu haben. Die Uhrzeit wusste sie nicht genau zu benennen, aber es war vor Sonnenaufgang gewesen.
Bei diesem Gebäude hängen manchmal Jungen herum, die hier, Sie wissen schon, Männer treffen. Dann verschwinden sie kurz. Jeder weiß ganz genau, was da abgeht. Und niemand macht etwas dagegen!
Es war tatsächlich eine Spermaspur an einer Hauswand gefunden worden so wie ein benutztes Kondom. Pegelmann hatte Fälle aus der Stricherszene mit Raubüberfällen und versuchtem Totschlag bearbeitet. Die Motive basierten meistens auf Habsucht oder Eifersucht. Die Täter waren emotional aufgeladen und agierten weitaus unsauberer als es hier der Fall war.
Es passte nicht.

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