Donnerstag, 29. September 2016

Der Geheimniskrämer (9. Kapitel)


Ein weißer Transporter

Sie kamen in der Nacht. Der Fahrer des Ford Transits schaltete die Scheinwerfer aus, bevor er in die Straße einbog. Das Auto hielt vor dem Abrisshaus. Ein weißer Transporter wie dieser war hier in der Nähe des Industriegebiets keine Seltenheit. Niemand war der Wagen aufgefallen, als sie die letzten Tage öfters am Grundstück vorbei gefahren waren. Die aktuellen Nummernkennzeichen waren frisch gestohlen und montiert. Routine.
Zwei von ihnen hatten sich die Häuser vorher schon einmal angeschaut. Sie hatten tatsächlich noch Kupferleitungen gefunden. Das rechte der beiden Häuser konnte man leicht begehen. Eine Seitentür war bereits von fremder Hand aufgehebelt worden. Das andere hingegen war nur durch ein eingeworfenes Fenster betretbar. Alle anderen Fenster und Türen waren zugenagelt. Aber sie hatten ihr Werkzeug mit.
Kaum stand das Auto, öffnete sich die Schiebetür. Fünf dunkel gekleidete Männer stiegen eilig aus und bewegten sich zum rechten der beiden Häuser hin. Mit ihren Mützen und Handschuhen waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Der Beifahrer folgte ihnen, blieb allerdings zwischen Haus und Transporter stehen. Der Motor lief. Der Fahrer beobachtete die Straße durch die Spiegel. Ihm fiel auf, dass viele der bewohnten Häuser auf der gegenüberliegenden Seite die Fenster offen stehen hatten. Es war heute sehr heiß gewesen, weit über 30 Grad. Der Fahrer überlegte, ob er den Motor ausstellen sollte, weil er vielleicht jemanden wecken könnte. Das war gegen seine Anweisung. Sie mussten jederzeit so schnell wie möglich die Flucht ergreifen können.
In dem Moment sprang einer seiner Komplizen aus einem der zerstörten Fenster im Erdgeschoss. Er flüsterte dem Beifahrer hektisch etwas ins Ohr und zeigte mehrmals auf den zweiten Stock des Gebäudes. Der Beifahrer stieß einen kurzen Pfiff aus. Sofort kletterten alle vier restlichen Männer aus dem Haus heraus. Sie rannten zum Auto und sprangen herein.
Der Fahrer drückte schon auf das Gaspedal, als der Beifahrer noch dabei war, seine Tür zu schließen.
"Was ist passiert?", fragte einer der Männer durch das Verbindungsfenster.
"Da liegt eine Leiche im Haus", antwortete der Mann, der den Körper gefunden hatte.
"Was? Gestern lag da noch keine Leiche!"
"Hast du es nicht gesehen? Jemand hat ihm in den Kopf geschossen. Das ist noch nicht lang her."



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