Montag, 26. September 2016

Der Geheimiskrämer (6. Kapitel)


Ein Notruf bei Nacht

Es war fünf Tage her, dass sie die Leiche gefunden hatten. Anke Siekheim hatte mit den Polizisten gesprochen. Sie hatte Pressevertretern, die bei ihr geklingelt hatten, Rede und Antwort gestanden. Sie hatte jedem in ihrer Familie und Bekanntenkreis davon erzählt.
Im Haus gegenüber war ein Mord geschehen. Die Identität des Opfers veröffentlichte die Polizei nicht. Sie hatten bisher auch keinen Täter oder auch nur einen Verdächtigen verhaftet.
Eine Leipziger Internetzeitung hatte einen recht interessanten Artikel darüber verfasst, zu welcher Investmentgruppe dieses Abrisshaus eigentlich gehörte. Zur Zeit war es wohl in der Hand einer britischen Immobilienfirma. Diese kommunizierte über eine Londoner Anwaltskanzlei und dort reagierte man recht eisig auf Interviewanfragen.
Kaum nehmen sie uns den Tatort weg, passiert hier mal etwas Echtes, was man verfilmen könnte, hatte Anke gedacht.
Sie war stolz auf sich, dass sie der Polizei etwas hatte mitteilen können. Sie schlief gern bei offenem Fenster. So hatte sie den lauten Motor des Wagens gehört, nach dem die Polizei jetzt suchte. Vielleicht waren es ja die Mörder? Dann müsste sie ihre Aussage bestimmt vor Gericht wiederholen, wenn es soweit wäre.
Auch in dieser Nacht schlief sie mit offenem Fenster. Das Klirren von Glas weckte sie.
Sag bloß, da geschieht schon wieder etwas, dachte sie und stand auf, um einen Blick herauszuwerfen. Die Laternen dieses Straßenabschnittes hatten sich bereits ausgeschaltet, aber der automatische Bewegungsmelder des Hauseinganges erhellte die Nacht. Im Lichtpegel waren die Rücken dreier Männer zu sehen. Sie hielten jeder einen Gegenstand in der Hand. Einer von ihnen hantierte mit einem Sturmfeuerzeug herum. Es fiel ihm aus der Hand auf den Boden. Umständlich hob er es wieder auf. Kurz darauf entflammten drei Feuerquellen. Die Männer warfen sie auf das immer noch mit Polizeiband abgesperrte Grundstück.
"Es darf nicht wahr sein", hauchte Anke und griff zu ihrem Telefon. Ihre Hände zitterten, als sie die 110 wählte. Sie stellte sich seitlich an das Fenster und lugte heraus.
Einer der Männer lachte, als die drei weg rannten. Sie kannte das Lachen. Es war von einem der Asis aus dem Nachbarhaus.


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