Montag, 11. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 5)


Angelique stieß einen Pfiff aus. Sie hörte Goliath herantrotten. Der Pitbull setzte sich vor sie hin und blickte mit großen Augen zu ihr hoch. Sein rhythmisches Hecheln bezeugte seine Aufregung. Er wusste ganz genau, dass sie jetzt spazieren gehen würden. Angelique kraulte ihn hinter den Ohren und er japste erfreut.
Draußen machte sich ein heller Frühlingstag breit. Erstes zartes Grün zeigte sich an den Bäumen. Ein kalter Wind behielt sich jedoch das Vorrecht. Trotz Sonnenschein war es kalt. Die Promenade am Kanal war nahezu leer.
Ihre Route führte sie am Wasser entlang. Goliath sprang um sie herum und lief von einem interessanten Geruchsfeld zum anderen. Der Rüde war nun drei Jahre alt. Tybalt hatte ihn ihr geschenkt, als er zu ihr gezogen war.
"Angelique, macht es dir etwas aus, wenn ich zu dir ziehe?"
"Nein."
Das hieß nicht, dass er öfters anwesend war als vorher. Er tauchte sporadisch auf und blieb für unregelmäßige Zeiträume. Der längste hatte drei Monate gedauert, der kürzeste zwei Stunden.
Nach wie vor wusste Angelique nicht, was sein Beruf war. Weder kannte sie seinen richtigen Namen noch war ihr bekannt, wo er sich aufhielt, wenn er nicht bei ihr war. Nach ihrer ersten Nacht zusammen, hatte er sie gefragt: "Willst du denn nichts von mir wissen?"
"Sag lieber nichts, als dass du lügst. Ich möchte nicht, dass etwas zwischen uns steht, Tybalt. Wenn du mich wegen deiner Arbeit belügen musst, will ich es nicht wissen."
Damit war das Thema für sie abgehakt gewesen. Er hatte es nicht wieder angesprochen. Wenn Tybalt bei ihr war, herrschte Ruhe in ihrem Kopf und nicht wie jetzt das Chaos.
Es fehlte ihr an Konzentration. Sie schlief kaum noch. Ihre Masterarbeit lag in Brüchen. Einzelne Sätze wiesen nicht mal eine zusammen hängende Grammatik auf.
Etwas weiter entfernt bellte ein großer Hund. Ein Mann kam ihr mit einer Deutschen Dogge entgegen. Angelique begegnete dem Herrn öfter während ihrer täglichen Spaziergänge. Sie hatten bereits mehrmals kurz angehalten und miteinander geredet.
Er lächelte sie schon an.
Das ist das beste, was mir passieren kann. Ablenkung. Egal, was für welche. Hauptsache effizient.
"Guten Tag", begrüßte er sie und blieb stehen. Die Dogge und Goliath umkreisten und beschnupperten sich. "Auch mal wieder unterwegs?"
"Scheint so."
"Jedes Mal, wenn ich Sie mit dem Pitbull sehe, frage ich mich, wie so eine zarte Person so einen bulligen Hund haben kann."
"Es gibt keine bösen Hunde. Solange mich niemand bedrängt, ist er harmlos."
"Ich hoffe, ich bedränge Sie nicht, wenn ich Sie auf einen Kaffee einlade?"
Sie kannte das Schema. Leicht lächeln, erst in die Ferne, dann ihn ansehen. "Nein. Das ist noch im Rahmen."
Sie liefen nebeneinander her zu einem kleinen Kaffeehaus in der Nähe. Dort bestellten sie sich beide Getränke. Die Hunde lagen unter dem Tisch.
Sein Name lautete Edward. Er arbeitete bei einem Steuerberater und lebte in Scheidung.
"Und Sie?", erkundigte er sich.
"Ich studiere Kunstgeschichte und Grafikdesign."
"So etwas hätte ich auch gern studiert, aber es gab zu viele, die mir überlegen waren und dann bin ich zu BWL herübergewechselt."
"Ist BWL wirklich so trocken, wie es oft beschrieben wird?"
"Teilweise." Er nahm einen Schluck vom Kaffee. "Aber das Leben besteht nicht nur aus Spaß und Unterhaltung."
"Sie haben gesagt, Sie leben in Scheidung?"
"Ja. Meine Frau ist vor kurzem erst aus der Wohnung ausgezogen. Wir haben keinen Kontakt mehr außer über unsere Anwälte."
"Klingt unangenehm."
"Es ist besser als vorher. Irgendwann wurde sie krankhaft eifersüchtig. Einmal legte sie sich mit der Briefträgerin an, weil sie mir zugelächelt hatte."
"Haben Sie Kinder?"
"Nein. Zum Glück."
"Und der Hund bleibt bei Ihnen?"
"Ja. Der Hund braucht viel Platz. Den kann ich ihr bieten und meine Frau nicht. Das war ja auch das Lächerliche: Nachher war sie sogar eifersüchtig auf Rina. Ich verbrächte mehr Zeit mit der Hündin als mit ihr, hat sie mir vorgeworfen."
Angelique leerte ihre Tasse. "Sie erfüllt also das Klischee einer streitsüchtigen Ehefrau?"
"Ja. Ich bin so froh, dass ich sie nicht mehr in der Wohnung ertragen muss. Möchten Sie sie mal sehen?"
"Ihre Frau?"
"Meine Wohnung. Sie liegt nicht allzu fern von hier und sie lohnt sich. Jetzt, wo meine Frau ihre Sachen bereits abgeholt hat, ist es zwar etwas leerer, aber wir haben einen unfassbar schönen Ausblick über den Kanal."
Angelique willigte ein. Edward bezahlte und führte sie dann zu einem Häuserblock, der etwa hundert Meter Luftlinie von dem Café entfernt lag. Angelique kannte diese Gegen. Als sie nach einer passenden Wohnung gesucht hatte, hatte ihr Makler sie auch in eines der Appartements hier geführt.
Die Wohnung war genau wie Angelique sie sich vorgestellt hatte. Kühl und modern eingerichtet mit eingerahmten Nachempfindungen Paul Klees an den Wänden und Outlet-Designermöbeln. Edward führte sie herum und hatte zu jedem Dekorationsgegenstand eine Anekdote aus einem anderem Urlaub zu erzählen.
Schließlich setzten sie sich auf das Sofa. Edward griff in seine Jackettasche und zog einen kleinen Umschlag heraus.
"Möchtest du?", fragte er und zog auf dem Tisch zwei Linien. Angelique starrte auf das Kokain und überlegte.



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