Dienstag, 26. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 6)

Sie kam aus dem Badezimmer. Tybalt lehnte mit verschränkten Armen an ihrem Schreibtisch und starrte sie an. Es war das erste Mal, dass sie Zorn in seinem Gesicht wahr nahm. Sie bekam Angst.
"Was ist los?" Die Frage starb auf ihrer Zunge. Auf dem Tisch lagen eine Tüte Gras und mehrere Umschläge mit Kokain.
"Du bunkerst Drogen in deiner Wohnung", knurrte er. Für einen Moment dachte sie, er würde ihr gegenüber handgreiflich werden.
"Ja, das stimmt."
"Ich glaube es nicht, Angelique. Jetzt reagiere nicht so gleichgültig!"
"Warum regst du dich darüber auf? Weil sie illegal sind?"
"Scheißdreck, Angelique! Sag mir, warum du sie nimmst!"
"Um abzuschalten."
"Um dich besser zu fühlen, was?"
"Richtig."
"Seit wann konsumierst du?" Als Angelique zögerte, fragte er eindringlicher: "Wie lange schon, Angelique?"
"Seit Jahren, aber nur sporadisch. Manchmal mehr. Manchmal gar nicht."
"Ich will, dass du es lässt."
"Das hört sich einfacher an als es ist, Tybalt."
"Angelique, schau mich an und wiederhole, was ich sage: Hör mit den Drogen auf!"
Angelique schluckte hart. Sie erwiderte Tybalts Blick. Ihre Hände zitterten. "In Ordnung, Tybalt. Ich höre auf."

Edward nahm einen zusammen gerollten Geldschein und zog die erste Linie. Er hielt ihr das Röhrchen hin. Angelique nahm es und schnupfte die zweite.
"Das ist nicht das erste Mal, dass du das machst", bemerkte er.
"Nein." Sie schloss die Augen.
Wenn Tybalt heute Abend kommt, wird er es sofort wissen. Er wird fort gehen und nie mehr zurückkehren.
"Ich muss nach Hause", murmelte sie und stand auf. Ohne zurückzublicken pfiff sie nach Goliath und verließ die Wohnung. Sie konnte Edward schimpfen hören, aber was bedeutete das schon?

Angelique saß am Küchentisch. Sie starrte auf die Tischkante.
Wie kann ich mich so schuldig fühlen? Tybalt kommt heute nicht. Er wird auch morgen nicht auftauchen und wenn doch, dann ist alles schon vorbei. Ich konsumiere seit Jahren. Ich bin immer ich selbst geblieben. Ich war nie abhängig. Warum will er mir auf einmal etwas verbieten, was mir nicht schadet? Soll ich mein Glück in dem Moment suchen, in dem er hier ist, und dazwischen taub durch das Leben ziehen? Warum beeinflusst mich das dermaßen? Warum beginnt die Sehnsucht nach ihm in dem Moment, wenn die Tür hinter ihm zuschlägt? Ich habe noch nie jemanden vermisst in meinem Leben und auf einmal, wenn er geht, verliert meine Welt an Wert. Bin das überhaupt noch ich? Ich lebe nur noch von Türöffnung zur Türschließung.
"Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, dich kennen gelernt zu haben, Angel. Du bist zu außergewöhnlich, um dich aus meinem Gedächtnis zu streichen. Du hast dich dort längst eingebrannt."
Ich hätte das Zeug nicht schnupfen sollen. Er wird toben. Er wird es mir sofort ansehen. Er weiß, was ich denke.
Wie gut es sich angefühlt hat. 
Angelique richtete sich auf und musterte ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Er wird nicht bei mir bleiben wollen. Er wird mich verlasen.
Das Telefon klingelte. Sie nahm ab. "Ja."
"Angelique. Ich dachte schon, du würdest nie mehr dran gehen."
"Hallo Lora."
"Mensch, ich habe so oft an dich gedacht und mir Sorgen gemacht. Warum hast du dich nicht mehr gemeldet?"
"Ich war beschäftigt."
"Mit dem Studium? Hast du deinen Master durch bekommen?"
"Nein, ich habe aufgehört."
"Abgebrochen? Du? Warum das? Du hast Talent und -"
"Lora, hör bitte damit auf. Es ist vorbei."
"Und was willst du jetzt machen?"
"Ich werde verschwinden. Ich habe keine Zeit mehr." Angelique legte auf.




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