Freitag, 1. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 4)

Tybalt frühstückte in einem kleinen Stehcafé in der Nähe der Universität. Belustigt belauschte er die Gespräche über Politik und Kunst um sich herum. Viele der Studenten hatten eine sehr wichtige Meinung.
Er versuchte, sich Angelique zwischen diesen Menschen vorzustellen, aber seine Fantasie brachte es nicht zustande.
Vielleicht fand er sie auf dem Campus. Kunstgeschichte und Grafikdesign hatte sie gesagt, studiere sie. Tybalt ging davon aus, dass sie gelogen hatte, aber es war einen Versuch wert.
Er frühstückte zu Ende und machte sich auf dem Weg zur Hochschule. Aufmerksam beobachtete er die Gegend. Seine Augen fanden Angelique nicht, dafür aber erblickte er ein anderes Mädchen. Sie hastete an ihm vorbei. Tybalt schnellte einen Schritt nach vorn und hielt sie am Arm fest.
"Spinnst du, du Penner!", fauchte sie ihn an.
Tybalt hielt sie noch einen Moment fest, bevor er sie losließ. "Ich hatte keine andere Chance, dich zum Stehen bleiben zu zwingen. Du bist Angeliques Freundin. Du warst auch anfangs auch bei der Rilke-Lesung. Angelique und ich haben uns da kennen gelernt."
Lora seufzte. "Was willst du von mir wissen?"
"Wo wohnt Angelique?"
"Warum sollte ich dir das sagen? In der Regel interessiert sich Angelique nicht für Leute, die sie kennen lernen."
Tybalt konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen. "Glaub mir, diesmal interessiert es sie definitiv."
Lora legte den Kopf schief und musterte ihn von oben nach unten. "Kann ich mir nicht vorstellen", erwiderte sie süffisant.
"Verrate mir wenigstens ihren Nachnamen."
"Mieran."
"Wie dieser Komponist?"
"Welcher Komponist?"
"Ist schon gut. Jetzt sag mir, wo sie wohnt."
"Warum suchst du sie?"
"Sie hat ihre Zeichenmappe bei mir vergessen."
Lora blickte ihn an und nickte. "In Ordnung. Ich sage dir, wo sie wohnt. Wenn du ihr Ärger machst, bin ich sehr schnell bei der Polizei für eine Aussage, glaub mir."

Angelique schlief noch, als es an der Tür schellte. Beim vierten Klingeln stand sie auf. Beim Gang zur Tür zog sie ihren Morgenmantel an. Sie öffnete ohne durch den Türspion zu schauen. Tybalt blickte ihr entgegen.
"Guten Morgen", begrüßte er sie.
Angelique warf einen Blick auf ihre Küchenuhr. Halb zwei. "Lora?"
"Ist das ihr Name?"
"Komm herein." Angelique trat beiseite und ging voran in die Küche. "Möchtest du Kaffee?"
"Nein, danke." Er setzte sich an den Küchentisch. "Ich traf Lora an der Uni und fragte sie."
"Hat sie sich wichtig gemacht?"
"Sie hatte Angst vor, dich zu verärgern."
"Ich mag es nicht, weitervermittelt zu werden."
"Sie drückte es anders aus. Sie sagte, du hättest kein Interesse an Leuten, die dich kennen lernen."
"Im Gegensatz zu ihr ist bei mir eine zusammen verbrachte Nacht kein Beziehungsbeginn."
"Ich habe ihr erzählt, du hättest deine Zeichenmappe bei mir vergessen."
"Wie einfältig sie ist. Ich zeichne seit Monaten nur noch auf der Staffelei."
Sie sprachen kein Wort, bis der Kaffee durchgelaufen war und sie sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.
"Lora hat mir noch mehr verraten", sagte Tybalt dann. Angelique hob nur die Augenbrauen. "Dein Nachname lautet Mieran. Wie der Komponist Valdur Mieran. Kennst du ihn?"
"Er ist mein Halbbruder und wie mir öfters bestätigt wurde, der einzige in meiner Familie mit Talent."
"Liebt ihn deine Familie mehr als dich?"
Angelique zog die Schultern hoch. "Wer weiß das schon so ganz genau? Das eine Kind bringt Prestige in die Familie und das andere bringt das Erbe durch. Das eine Kind wird gefördert und das andere wird zum Geburtstag angerufen. Das eine Kind dankt immer öffentlich den Eltern und das andere ist nur angeheiratet."
Angelique trank Kaffee und musterte Tybalt über den Tassenrand hinweg. Sie lächelte leicht.
Das Telefon klingelte. Der Anrufbeantworter sprang an. Loras nervöse Stimme erklang: "Angelique, ich glaube, ich habe Scheiße gebaut. Da ist heute ein Typ auf mich zugekommen und hat mich überredet, deinen Namen und deine Adresse herauszurücken. Er wirkte nicht wie einer deiner sonstigen Kerle. Er sagte, er hätte deine Zeichenmappe. Hoffentlich bist du jetzt nicht böse auf mich. Ich konnte nicht anders. Er hat mich unangenehm gedrängt. Nachher dachte ich noch, ich hätte wenigstens nach seinem Namen fragen können, aber das ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Er hat mich vollkommen überrumpelt. Bitte melde dich bei mir und sag mir, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Nachher war das irgendein Perverser. Ruf mich bitte an!"
"Ein Lügner, kein Perverser", korrigierte Tybalt. "Wirst du sie anrufen?"
"Vermutlich nicht."
"Wird sie einfach so herkommen?"
"Sie weiß, dass ich das nicht mag."
Tybalt griff über den Tisch hinweg nach Angeliques Gesicht und streichelte es mit dem Daumen. "Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, dich kennen gelernt zu haben, Angel. Du bist zu außergewöhnlich, um dich aus meinem Gedächtnis zu streichen. Du hast dich dort längst eingebrannt."
Angelique verzog das Gesicht zu einem wohlwollendem Grinsen.
"Ich werde nicht mehr lange in der Stadt sein, aber die Zeit hier möchte ich mit dir verbringen."
Angelique nickte. "Ja, lass uns das machen."

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