Dienstag, 15. März 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 3)

"Warum schleppst du mich an einem Samstagabend her?", beschwerte sich Lora. "Was soll ich hier? Ich habe keine Ahnung von Gedichten und solchen Kram. Das ist doch alles nur ein Zusammenwürfeln von Worten, die sich toll anhören."
Angelique warf der Frau neben ihr einen Blick zu. "Denkst du das wirklich, Lora?"
"Jetzt tu' nicht als würde es dich überraschen."
"Es kümmert mich nicht einmal. Warum bist du überhaupt mitgekommen, wenn du es nicht magst?"
Lora zuckte mit den Schultern. "Ich fand, wir sollten noch mal etwas miteinander unternehmen."
Angelique kramte in ihrer Handtasche. "Wenn das der einzige Grund für dich ist, kannst du nach Hause fahren."
Sie reichte Lora ihren Autoschlüssel. Die starrte sie verdutzt an. "He, so war das doch gar nicht gemeint."
"Warum nimmst du sie nicht einfach und machst dir einen schönen Abend? Ich möchte den Abend her genießen und das kann ich nicht, wenn du neben mir sitzt und dich langweilst."
Lora griff nach dem Schlüssel. "Du bist mir nicht böse?"
"Nein."
Die Freundin lächelte. "Danke. Ich werfe ihn dir in den Briefkasten."
"Mach das." Angelique schaute Lora einen kurzen Moment hinterher, wie sie zurück zum Parkplatz stakste und dabei bemüht war, ihren Minirock nicht allzu hoch rutschen zu lassen.
"Wo möchte Ihre Freundin denn hin?", fragte sie eine Stimme.
Sie wandte sich um und erblickte einen Mann, der sich unbemerkt neben sie gestellt hatte. Er sah wie Mitte Dreißig aus, war jedoch älter. Längere blonde Haare hingen ihm in Strähnen ins Gesicht herein. Sein Kinn und seine Wangenknochen waren ausgeprägt, die Haut auf seiner Stirn war vom Runzeln geprägt.
Himmel! Was für Augen, dachte Angelique. Wenn ich es schaffe, die zu malen, kann ich mich groß nennen.
"Sie hat sich entschlossen, ihren Abend doch nicht Rilkes Elegien zu widmen", antwortete sie und versuchte, seinem Blick standzuhalten. Er blinzelte nicht, zwinkerte nicht. Ihre Augen begannen zu schmerzen. Allmählich verlagerte er sein Augenmerk von ihr auf Lora.
"Das ist wirklich schade. Sie hätte etwas lernen können."
"Nein. Es ist in Ordnung, dass sie gegangen ist. Jetzt kann sie den Abend damit verbringen, sich jemanden aufzugabeln, von dem sie am Montag wieder verlassen wird."
"Sie scheinen keine sehr hohe Meinung von Ihrer Freundin zu haben."
"Nein."
"Aber sie ist Ihre Freundin?"
"Nein."
Braun getupfte Augen. Solche hatte sie noch nie gesehen. Das waren mindestens drei verschiedene Brauntöne, die mit dem Lichteinfall variierten. Und eine Spur von Gold, dachte Angelique. Goldene Augen wie ein Dämon sie haben würde.
"Mein Name ist Tybalt Yeditzki." Er reichte ihr seine Hand. "Mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Angelique."
"Und wie weiter?"
"Das ist nicht relevant, Tybalt. Es ist nur der Stempel meiner toten Eltern."
Er lächelte. "Aha."
Angelique betrachtete sein Gesicht genauer und entdeckte ein kleines Muttermal auf der Oberlippe. Der Ansatz eines Dreitagebartes versteckte es fast.
"Dürfte ich Sie denn zu einem Getränk einladen, nachdem Sie Ihre Aufmerksamkeit Rilke geschenkt haben?"
Sie musste daran, dass sie heute noch nichts Richtiges gegessen hatte. Ein Fehler. Sie hatte sich selbst versprochen, in Zukunft mehr auf sich zu achten, aber die alten Gewohnheiten ließen sich schwer brechen.
"Aber gern, Tybalt." Sie lächelte ihn an.

Nach der Lesung lud Tybalt sie in eine kleine Pizzeria ein.
"Wie fandest du es?", fragte er, nachdem ihr Essen serviert worden war.
"Enttäuschend."
Er zeigte sich überrascht. "Warum?"
"Ich mochte seine Stimme nicht. Es war, als würde man eine Sonate Beethovens auf einem ungestimmten Kaschemmenklavier vortragen."
"Ein harsches Urteil. Studierst du Germanistik oder etwas in die Richtung?"
"Grafikdesign und Kunstgeschichte."
"Oh, eine kleine Künstlerin. Und hoffentlich mal eine große?" Er schaffte es, das ohne den leisesten Hauch Ironie zu sagen.
Langsam drehte sie ihr Weinglas zwischen den Fingern. "Nein. Ich bin nicht bahnbrechend genug, um etwas auszurichten. Aber ich liebe Kunst in allem, was sie sein kann. Und wie ist es bei dir?"
"Ich bin in keinster Weise musisch begabt. Ich liebe es nur, mich mit den Künsten auseinanderzusetzen."
"Welche ist deine liebste?"
"Die der Worte." Er lächelte.


Tybalt bestand darauf, Angelique nach Hause zu bringen.
"Du hast sehr wenig gegessen", erwähnte er, nachdem sie einige Minuten schweigend gegangen waren.
„Ich gewöhne mich gerade wieder ans Essen."
"Du bist in Therapie?"
"Seit langem nicht mehr. Ich habe nicht aus ei­nem bestimmten Grund aufgehört zu essen. Ich wollte einfach nicht mehr."
"Du wolltest nicht mehr?"
"Aber jetzt will ich wieder."
"Du drehst dir die Dinge, wie du sie brauchst."
"Anstatt mich von ihnen drehen zu lassen, richtig."
"Und das ist wichtig."
"Das wichtigste."
"Diese Naivität überrascht mich. Wie alt bist du, Angelique? – Ach, antworte nicht. Eigentlich ist es egal. Es klingt sehr char­mant, wie du das von dir gibst. Aber es gibt zu viele Einflüsse, denen du dich nicht widersetzen kannst, weil sie so subtil sind, dass du sie gar nicht wahrnimmst."
"Du hast nicht verstanden, was ich meine."
"Ach so."
"Und deinen Sarkasmus kannst du dir sparen."
"Angelique." Tybalt blieb stehen und sah sie an. "Ich habe verstanden, was du meinst. Ich verur­teile das auch nicht. Sollte ich den Eindruck gemacht haben, ist das sicherlich ein Irrtum. Ganz im Gegenteil: Ich fin­de es toll, dass du dir eigene Gedanken machst."
Angelique musterte sein Gesicht. "Ist Tybalt dein richtiger Name?"
"Nein."
"Aus Romeo und Julia, nicht wahr?"
"Eigentlich. Mein erster Hund hieß so. Ich gab ihm dem Namen, weil er mir gut gefiel. Heute habe ich ihn lediglich entliehen."
"Und jetzt trägst du einen Hundenamen."
"So aussagekräftig wie das klingt, ist es nicht. Möchtest du die große, umfassende Wahrheit wis­sen?"
"Nein." Sie schlang die Arme um ihren Bauch. "Ich wohne hier ganz in der Nähe. Vielleicht sehen wir uns ja noch mal wieder."
Damit lächelte sie ihn ein letztes Mal an und überquerte die Straße. Tybalt schaute ihr hinterher und über­legte kurz, ihr heimlich zu folgen, entschied sich jedoch dagegen.
Angelique durchquerte ein paar Gassen, bis sie zu einer der großen Hauptstraßen kam. Sie stellte sich in einen dunklen Hauseingang und zählte langsam von hundert rückwärts. Tybalt war ihr nicht gefolgt. Es hätte sie enttäuscht.

Sie winkte einem Taxi und fuhr zu ihrer Wohnung.


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