Samstag, 12. März 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 2)

An einem Samstagmorgen schien die Sonne nur lau in die offenen Fenster des Appartements hinein. In ihren matten Strahlen glitzerten gemächlich einzelne Staubkörnchen. Von draußen erklangen die Geräusche einer nicht allzu fernen Autobahn. Sie mischten sich zu den uneinheitlichen Jazzklängen aus der Nachbarwohnung und dem Streit des Ehepaars im unteren Stockwerk. Angelique saß am Küchentisch und beschmierte ihren Toast mit Butter.
"Reichst du mir bitte die Marmelade", wandte sie sich an Finn Finnte.
Er hob missbilligend seine Augenbrauen, bei denen sie den Verdacht hegte, er zupfe sie. "Du solltest nicht soviel Süßes zu dir nehmen", ermahnte er sie.
Sie blickte ihn an. "Gib mir bitte die Marmelade!"
Er griff nach dem Glas und reichte es ihr. "Das setzt bei dir alles sofort an. Ich würde wetten, du hast wieder ein Kilo zugenommen."
"Wieder?"
"Ich merk's doch, wenn ich dich anfasse, dass du fülliger geworden bist."
Angelique starrte Finn Finnte an. "Du legst Wert darauf, dass ich dünn bin?"
"Na, hör mal! Ich möchte nicht, dass meine Freunde über mich lästern, ich wäre mit einer Fetten zusammen."
Angelique neigte den Kopf. "Wären es echte Freunde, würden sie nicht über dich lästern."
"Willst du sagen, ich hätte keine echten Freunde? Ich verstehe mich nun mal gut mit vielen Leuten. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Sie sind wie ich."
"Oberflächlich, ignorant und kleinlich?"
"Was?"
"Arrogant, selbstherrlich und scheinheilig?"
"Sag mal."
"Verlogen, opportunistisch und charakterlos?"
Finn Finnte starrte sie ungläubig an. Sein Kinn war nach unten geklappt. Sie konnte die Reste des Frühstücks zwischen seinen Zähnen sehen.
"Ach, ich vergaß: Besserwisserisch, geschwätzig und feige?"
Das brachte ihn dazu zu reagieren. Finn Finnte sprang auf. Der Stuhl kratzte schmerzhaft über den Fußboden. "Das reicht!", herrschte er sie an. "So darf niemand mit mir reden."
"Junge, werd' erst mal zwanzig."
"Ich weiß überhaupt nicht, was ich bei dir gesucht habe."
"Solange du noch weißt, wo der Ausgang ist." Angelique deutete mit dem Messer, an dem sich Reste von Butter und Marmelade sammelten, zur Tür. "Viel Glück auf deiner weiteren Suche."
"Was?" Er machte eine unschlüssige Kopfbewegung, die weniger einem Schütteln glich als einer Nervenzuckung.
Angelique biss in ihren Toast, kaute, schluckte. "Das ist meine Wohnung. Weißt du noch? Du standest vor einer Woche hier auf der Matte, weil du es bei deinen Eltern nicht mehr ausgehalten hast. Sie würden dich einfach nicht verstehen. ich verstehe dich nur zu gut. Deshalb muss ich dich wieder herauswerfen."
Er ballte die rechte Faust zusammen. "Warte - du! Das bekommst du zurück. Glaub mir, du wirst es noch bereuen, Finn Finnte verarscht zu haben."
Damit rannte er aus der Wohnung. Die Haustür knallte laut. Angelique starrte sie einen Moment an, bevor sie anfing zu lachen. Sie griff zum Telefonhörer und rief Tybalt an.
In einem kleinen Dorf an der Nordküste Afrikas griff ein braun gebrannter Arm nach einem Mobiltelefon. Ein anderer bedeutete der hübschen Schwarzen, die neben ihm im Bett lag, ruhig zu sein. Sie musterte ihn gelassen und zündete sich eine Zigarette an. Tybalt schaute auf die Nummer im Display. Der Anflug eines Lächelns erhellte kurz seine Gesichtszüge.
"Angel, was gibt's?", meldete er sich.
Angelique erzählte ihm, was passiert war. "Ach, Tybalt, du hättest sein Gesicht sehen müssen. Diese süße kindische Wut."
"Wie alt, sagtest du, war er?"
"Ach. Wen kümmert's? Am Anfang war es noch lustig." Angelique griff nach einem der sauberen Messer aus dem Messerblock.
"Er langweilte dich?"
"Schon nach ein paar Tagen. Wann kommst du wieder, Tybalt? Ich vermisse dich."
"Warte noch, Angel. Bevor du dich versiehst, stehe ich vor deiner Tür."
"Und dann bleibst du?"
"Für immer."
"Du weißt, dass das Unsinn ist, Tybalt. Siehst du, was ich mache, wenn du länger weg bist? Ich missbrauche kleine Jungs, um meine Langeweile zu unterdrücken." Die Klinge glitt über ihre Haut. "Wie läuft es bei dir? Hast du eine schöne Frau neben dir?" 
"Wie könnte ich?"
"Schlag mich, aber belüge mich nicht, Tybalt."
"Bist du eifersüchtig?"
"Nein." Ein dünnes Rinnsal Blut bahnte sich seinen Weg durch die Haut. "Tybalt. Ich meine es ernst. Komm bald wieder. Bitte. Sonst fange ich an, ernsthafte Dummheit zu begehen."
"Hast du mit den Drogen aufgehört?"
"Ich habe nichts mehr in der Wohnung. Aber, wenn du hier wärst, wäre es einfach für mich, es zu vergessen."
"Für immer?"
"Für immer ist wie niemals. Es existiert nicht, Tybalt."
Tybalt seufzte. "Ich möchte nicht mit dir streiten, Angel. Ich komme bald zu dir und, glaub mir, dann fangen wir beide dein neues Leben an."
"Ich warte, Tybalt, aber nicht mehr lange." Sie legte auf und begann, den Tisch abzuräumen. Anschließend setzte sie sich vor ihren Skizzenblock und betrachtete ihre letzten Zeichnungen. Tybalt. Immer wieder Tybalt und sie. Sie berührten sich nie und trotzdem hingen sie durch all die Linien zusammen.
Seine Augen, dachte Angelique, seine Augen bekomme ich nie richtig hin.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen