Mittwoch, 2. September 2015

Blaues Gestein

Nebel lag über den Wiesen des Rosentals. In kleinen, zähen Wolken ballte er sich über dem Boden zusammen. Hier am Zooschaufenster quellte er über den Zaun. Ein stilles Merkblatt, wie sich Tiere einsperren ließen, aber das Wetter sein eigener Herr blieb.
Es war früher Morgen, kurz nach fünf. Eric lief. Es war die letzte seiner drei Runden. Heute schien es ausgesprochen ruhig zu sein. Gestern erst hatte Eric ein Reh aufgeschreckt, was auf der Wiese geäst hatte. Es war hinweg gesprungen, herein in das angrenzende Waldgebiet.
Die Nacht über hatte es leicht geregnet. Die Luft war sehr angenehm. Das feuchte Gras strich an seinen Unterschenkeln vorbei. Der Tau mischte sich zu seinem Schweiß.
Den Rhythmus beachten. Einatmen. Ausatmen. Er lag gut in der Zeit. Sein Puls blieb gleich. Der Körper war auf Ausdauer trainiert.
Er passierte einen der aufgestellten Mülleimer. Eine Krähe zog etwas daraus hervor und flog damit weg. Es war etwas Großes gewesen. Eric warf ihr einen Blick hinterher.
Er stolperte.
Und fiel vorn über.
"Verdammt." Eric wischte sich den Dreck aus dem Gesicht. Sein rechtes Knie war leicht aufgeschrammt. Blut sammelte sich in dünnen Perlen auf der Haut.
Worüber war er gefallen? Er kannte die Unebenheiten im Boden. Ästen und größeren Steinen wich er erfahrungsgemäß aus. Er warf einen Blick zurück.
Tatsächlich. Dort lag ein Stein. Wieso hatte er ihn die letzten beiden Male, die er hier entlang gelaufen war, nicht bemerkt? Der Stein war groß wie eine Kinderfaust, leicht konisch geformt, matt schwarz mit durchbrechenden, intensiv blauen Elementen, die im aufkommenden Sonnenlicht funkelten.
Eric nahm den Stein in die Hand. Er war recht leicht und erinnerte von seiner Struktur an Vulkanstein, auch wenn keine sichtbaren Luftlöcher erkennbar waren. Die Form machte Eric stutzig. Glatte Ebenen, runde Kanten. Das war nichts ihm Bekanntes. Er starrte auf das Objekt in seiner Hand. Es war faszinierend, wie diese blauen Teilstücke das Licht auffingen und wieder von sich gaben.
Eric sah sich nicht um. Er steckte den Stein in die Tasche seiner Sporthose und lief weiter.

Es wurde ein langer Tag auf der Arbeit. Eric saß an seinem Platz und arbeite an Grafikentwürfen für ein neues Projekt. Der Auftraggeber hatte schon zweimal angerufen, um zu fragen, ob es früher fertig werden könnte. Nein. Unmöglich. Er saß zur Zeit alleine im Büro. Sein Kollege befand sich seit zwei Tagen im Urlaub. Das war in der Zeitkalkulation des Auftrags mit integriert gewesen.
Heute war Eric froh, dass ihm niemand über die Schulter schaute. Immer wieder öffnete er den Browser und schickte alles durch die Suchmaschinen, was ihn zum Thema Geologie einfiel. Er klickte sich durch Artikel um Artikel bei Wikipedia und durchstöberte Foren und Fachseiten. Zu seiner Überraschung war die Auswahl an blauen Steinen und Mineralien relativ groß. Sie fanden sich in unterschiedlichem Ausprägungen auf der ganzen Welt. Manche gab es sogar in Deutschland.
Wieso habe ich den Stein zu Hause gelassen?, dachte Eric.
Hier auf dem Bildschirm ähnelte sich das alles sehr. Chalkanthit, Azurit, Kinoit, Hauyn, Spektrolith, Lasurit, Vivianit. Er müsste sie in echt sehen, wie sie mit Licht reagieren, nur so zum Vergleich mit seinem Fundstück.
Und was hatte diese ungewöhnliche Form auf sich? Wie ein Kuchenstück ohne Ecken und Kanten, glatt geschliffen mit aus dem Kernstück herausbrechenden, blauen Fragmenten.
Eric sah auf die Uhr. Es waren noch zweieinhalb Stunden, bis er Feierabend machen konnte. Er hatte nichts erreicht. Weder war er bei seiner Aufgabe weitergekommen, die Werbegrafiken für den Kunden fertigzustellen noch hatte er herausgefunden, was ihn heute Morgen auf seiner Joggingrunde zu Fall gebracht hatte.
Er seufzte und schaute auf seine herausgesuchten Mineralien. Einige von ihnen konnten nachgewiesen werden, weil sie "in Salzsäure löslich" waren. Alles, was er las, sagte ihm, dass er sich einiges an Wissen aneignen musste, um ein Mineral richtig einordnen zu können. Was war ein "Pleochroismus"? Er sprach das Wort laut aus. Es klang immer noch fremd.
Der Gedanke kam ihm in den Sinn, einen Fachmann aufzusuchen. Aber was war, wenn der Stein etwas Besonderes darstellte? Etwas Wertvolles?
Eric erinnerte sich daran, wie weich sich die Oberfläche angefühlt hatte. Es war wenig Sonnenlicht vorhanden gewesen und die blauen Versatzstücke hatten schon gefunkelt.
Eric wollte den Stein behalten.

"Hast du noch nicht gekocht?" Elias beugte sich über die Couch und gab Eric einen Kuss auf den Kopf.
"Nee, ich hatte noch keine Zeit." Als Eric gehört hatte, wie Elias die Haustür aufschloss, hatte er den Stein schnell in seine Hosentasche gesteckt.
"Seit wann bist du hier?"
"Keine Ahnung. Dreiviertel Stunde oder so."
"Und da hattest du nicht Zeit, mal grad ein paar Nudeln ins Wasser zu werfen?"
"Nein. Ich war in Gedanken."
Eric starrte gezielt auf den Boden. Er konnte Elias' Blick auf sich spüren.
"Ist etwas passiert heute? Du warst schon nach dem Laufen so komisch."
"Nein. Nein." Eric lächelte schief. "Tut mir leid. Ich fühle mich heute einfach nicht so wohl. Ich kann dir nicht sagen, woran es liegt."
"Eric, du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du dich verschließt."
"Es ist nichts Ernstes, Elias. Mach dir keine Sorgen."
Elias schnaufte. Kurz darauf konnte Eric ihn in der Küche mit dem Geschirr klappern hören. Er legte seine Hand auf die ausgebeulte Hosentasche. Er brauchte ein Versteck. Wie sollte er Elias erzählen, dass ein blauer Stein ihn so sehr faszinierte, dass er ihn nicht teilen wollte?
Eric stand auf und verstaute den Stein in seiner Unterhosenschublade.

Elias ging vor ihm ins Bett. Er las, auf der Seite liegend, noch einen dieser skandinavischen Krimis, die er so mochte. Eric spülte die Teller vom Abendessen ab und kochte sich wie jeden Abend noch einen letzten Tee. Er hörte das Rascheln der Seiten, wenn Elias weiterblätterte. Mit der Teetasse in der Hand ging er raus auf den Balkon, der an das Schlafzimmer grenzte. Er sagte kein Wort, aber er fühlte, wie Elias ihm mit den Augen folgte.
Eric beugte sich über das Geländer und sog den Dampf des Getränks ein. Es war ein heller, warmer Abend. Aus der Nachbarschaft klang das ein oder andere Gespräch an sein Ohr. Die Straßenbahn ratterte die Nebenstraße entlang. Ein Hund bellte.
Eric ließ seinen Blick durch die Gegend schleifen. Am Nachbarhaus gegenüber war vor kurzem wieder Graffiti gesprüht worden. Irgendein Typ hatte seinen Schriftzug hinterlassen. Schon das dritte Mal in diesem Jahr. Immer derselbe Typ.
Für einen kurzen Moment flimmerte die Luft. Eric blinzelte. Das Ende der Schmiererei wurde auf einmal verdeckt. Von heißer Luft? Eric rieb sich über die Augen, aber der Eindruck blieb: Etwas hatte sich vor das Mauerwerk geschoben. Er fühlte sich an den Tarnmodus eines Videospiels erinnert, bei dem man chamäleonartig die Farben der Umgebung annahm.
Dort stand jemand auf der anderen Straßenseite an die Wand gelehnt. Er warf sogar einen leichten Schatten.
Eric spürte, wie sein Puls anfing zu rasen.
Der Hund fing wieder an zu bellen. Eric bemerkte, wie sich der Schatten bewegte. Auf einmal war der Schriftzug des Graffitis wieder vollständig zu lesen. In einer Reflexbewegung schüttete Eric seinen Rest Tee vom Balkon und betrat umgehend das Schlafzimmer. Er zog die Jalousie herunter und verriegelte die Balkontür.
"Wieso schließt du die Tür?" Elias sah von seinem Buch auf.
"Hörst du den Hund bellen? Ich möchte in Ruhe schlafen."
"Na dann ersticken wir halt heute Nacht zusammen." Elias drehte ihm den Rücken zu. Er legte sein Buch beiseite und löschte seine Nachttischlampe.
Es dauerte nicht lang, bis Elias regelmäßig atmete. Eric lag neben ihm und ließ seine Gedanken kreisen.
Etwas war mit diesem Stein nicht in Ordnung. Vielleicht sonderte er halluzigene Inhaltsstoffe ab oder beinhaltete etwas anderen Giftiges, was ihm das Hirn vernebelte. Eric hatte noch nie mit Wahnvorstellungen zu tun gehabt. Er steigerte sich in etwas hinein. Es gab keinen Tarnmodus. Seine Augen hatten ihm einen Streich gespielt.
Eric schaute herüber zum Schrank. Er merkte, wie müde er war. In weniger als sieben Stunden klingelte sein Wecker. Er musste dringend schlafen. Aber in seinen Fingern juckte es. Er würde es nicht aushalten können bis zum Morgen.
Und er stand auf, ging auf Zehenspitzen zum Schrank und holte den blauen Stein aus dessen Versteck.
Da lag er endlich wieder in seiner Hand. Selbst hier im minimalen Licht konnte er die blauen Stellen funkeln sehen. Wieso war es ihm noch nicht aufgefallen? Er hielt den Stein jetzt schon einige Minuten, aber die Wärme seiner Handflächen übertrug sich nicht auf das Mineral.
Eric legte sich wieder ins Bett. Er hielt den Stein mit beiden Händen ummantelt und drückte ihn an sich. Kurz darauf übermannte ihn die Müdigkeit. Er fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Eine kalte Brise zog an seinem Knie vorbei. Eric erwachte und schaute auf seinen Wecker. Kurz vor fünf. Gleich würde er klingeln. Eric langte herüber und schaltete den Alarm aus. Etwas stach in seine Seite. Er zuckte zusammen und griff nach dem Stein. Über Nacht war er in die Mitte der Matratze gewandert.
Draußen zwitscherten vereinzelt Vögel. Warum waren sie auf einmal so laut?
Die Balkontür stand offen.
Vielleicht hatte Elias sie die Nacht über geöffnet, um frische Luft herein zu lassen. Wie am Abend zuvor spürte Eric sein Herz auf einmal schneller schlagen. Mittlerweile hatte er sein Erlebnis am Abend als Illusion abgetan. Aber irgendwo ganz hinten in der letzten Ecke seines Kopfes hämmerte das Wissen gegen die Verdrängung.
Das erste Sonnenlicht des Tages strahlte durch die Balkontür in das Schlafzimmer. Eric sah sich im Raum um. Vor ihm an der Wand brach der Lichtstrahl vorzeitig ab. Die Raufasertapete glomm.
Was auch immer gestern vor den Nachbarhaus gestanden hatte, befand sich jetzt in seinem Schlafzimmer.
Eric wimmerte.
Keine drei Meter vor ihm befand sich etwas, was sich tarnen konnte. Was auch immer es war, es war nicht ohne Grund hier. Es war ihm gefolgt. Seine Nackenhaare stellten sich auf.
Eric warf einen kurzen Blick auf Elias, der immer noch fest schlief.
"Du willst das hier, nicht wahr?", sprach er leise und öffnete seine Hand mit dem Stein. "Aber ich möchte es auch." Seine Finger schlossen sich wieder um das Artefakt. Er starrte herausfordernd an die Wand.
Und für weniger als eine Sekunde verlor das Gegenüber seine Tarnvorrichtung. Es war blau und langbeinig mit einem schmalen Körper voller schwarzer Musterungen auf dem Rumpf. Es hatte Arme, die in zwei langen Fingern endeten. Es hatte ein langes, hornähnliches Gebilde statt eines Kopfes. Keine Augen. Keinen Mund. Nur schwarze Flecken.
Und schon verschwand das Wesen wieder in die Verborgenheit seiner Tarnung.
Eric schrie auf vor Schrecken. Er zuckte zurück an den Bettrand und warf in einer Bewegung der Abwehr das nächstbeste, was seine Hand griff.
Der Stein flog durch die Luft. Er prallte nicht gegen die Wand. Mitten in der Flugbahn wurde er farblos und verschwand im Raum.
"Was ist denn los?" Sein Schrei hatte Elias geweckt, der jetzt seine Lampe anschaltete. "Hast du schlecht geträumt?"
"Ich kann's nicht erklären, was es war." Tränen traten Eric in die Augen. Er suchte den Raum ab. Er konnte nichts erkennen.
"Jetzt ist es vorbei." Elias nahm Eric in den Arm und drückte dessen zitternden Körper an sich. Es dauerte eine Weile, bis sich Eric wieder beruhigt hatte. Elias stand auf und schloss die Balkontür. "Hast du die gestern doch noch geöffnet?"
Draußen begann der Nachbarshund zu bellen.

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