Montag, 27. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 9)

Die Erzählung beginnt hier.
In Dennys Kopf schrillte es für einen Moment. Jetzt kam also das Ende. Umzingelt von Gegnern. Verletzt. Kein Ausweg vorhanden. Nur Zähne und Fangseile. Seine Zukunft bestand aus dem Warten auf das Getötet werden.
Nein! Es durfte nicht alles umsonst gewesen sein. Denny fühlte die Wut in sich hoch kommen. Er wollte dieses furchtbare Szenario der brennenden Stadt lebendig hinter sich lassen. Er wollte nicht der Masse an toten Menschen angehören. Er wollte weiter atmen. Er wollte überleben.
Um das zu erreichen, hatte er sich heute mehr als einmal weg gedreht und war weiter gerannt statt zu helfen. Dabei war er nicht allein gewesen. Er hatte sich mit einer ihm fremden Person zusammen getan. Sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet und waren dabei von einer brenzligen Situation in die nächste gestolpert. Sie hatten es geschafft, bis jetzt nicht gefangen zu werden. Jetzt waren sie angeschlagen. Aber sie befanden sich nicht in einer Sackgasse. Sie mussten nur an einem dieser Außerirdischen vorbei. Der Eingang des City-Tunnels war zum Greifen nah.
Denny packte Metze und zog ihn in den Eingangsbereichs eines kleinen Geschäftes. Die Tür stand offen. Denny schlug sie hinter sich zu. Es war ein winziges Fachgeschäft für Gewürze.
Die Wände hingen voller unterschiedlicher Mischungen. Entweder waren sie fertig in Plastiktüten verpackt oder sie befanden sich in großen Gefäßen ordentlich an der Wand aufgereiht. Eine Leiter diente zum Erreichen der oberen Bereiche der Wandregale. Denny packte die Leiter und verbarrikadierte mit ihr die Eingangstür.
Er hörte Metze niesen. Einzelne zerbrochene Glasbehälter lagen auf dem Boden. Der intensive Geruch der ausgeschütteten Waren stieg ihm in die Nase. In dem Moment knallte es auch schon. Zwei der Außerirdischen schlugen gegen die Eingangstür. Sie zersplitterte. Nicht nur das Glas zersprang. Auch das Holz der Tür knackte.
Die Außerirdischen rissen die Tür aus den Angeln und schleuderten sie weg. Beide versuchten durch die Tür zu gelangen. Dabei stießen sie aneinander und begannen zu grunzen und sich gegenseitig zu schubsen. Der rechte von ihnen gewann. Er griff nach der Leiter, während der andere sich daran wandte, das Schaufenster kaputt zu schlagen. Die Leiter schien dem Außerirdischen Probleme zu bereiten. Er drosch auf das Gerät ein. Dabei verhakten seine Arme in den Sprossen.
Metze begann, ihn wüst zu schimpfen. Denny bekam dies nur als Randerscheinung mit. Er starrte auf das Glas links von ihm im Regal. Meersalz stand auf dem Etikett. Er griff es, schraubte es auf und schüttete dem Außerirdischen den Inhalt ins Gesicht.
Das Wesen stieß einen atemberaubend lauten, schrillen Ton aus. Für einen Moment dachte Denny, sein Trommelfell würde platzen.
"Denny!", schrie Metze. Denny hörte an der Stimmlage des Punks dessen Erleichterung.
Der Außerirdische wich zurück. Seine langgliedrigen Hände auf sein Gesicht gelegt, drehte er seinen Oberkörper in alle Richtungen und stieß dabei wiederholt kreischende Geräusche aus. Der andere Außerirdische, der das Fenster bearbeitet hatte, glitt zur Eingangstür. Kaum war sein Gesicht zu sehen, bekam er von Metze eine rotpulvrige Substanz ins Gesicht geschleudert. Chili.
"Greif dir was! Sprint zum Tunnel!", brüllte Denny seinen Begleiter an. Er packte eines der anderen Salzgläser. Neben den beiden lädierten Außerirdischen rollte schon die nächsten an. Sie schwangen ihre Lassos. Metze sprang hinter Denny hervor und warf mehrere kleine Flaschen in die Richtung der Wesen. Denny erkannte am Geruch, dass es Essig und Öl waren. Sie zersplitterten. Die Außerirdischen reagierten nicht mit ähnlichen Schmerzgeräuschen wie die anderen beiden, zogen sich aber für einen Moment aus der Gefahrenzone zurück.
Das war genau der Vorsprung, auf den Metze und Denny gehofft hatten. Sie rannten die Passage entlang. Denny hörte ein Lasso hinter sich auf den Boden knallen. Er schlug einen Haken, um die Säule herum, die den Eingang zur Passage markierte.
Draußen nieselte es leicht. Der Himmel war grau. Rauch lag über dem Markt, auf dem noch von einer Veranstaltung vom Wochenende eine Bühne aufgebaut war. Vor ihnen lag der Eingang zum City-Tunnel.
Von rechts kam das Geräusch. Denny fühlte das Seil noch bevor er den Außerirdischen sehen konnte. Einem Schlag auf die Brust gleich zog sich das Lasso um ihn. Es schnürte die Arme an seinen Rumpf. Schmerz schoss durch seinen Oberkörper. Er ließ das Glas mit dem Salz fallen.
Denny begann zu schreien. Er knickte zur Seite, als der Außerirdische an dem Seil riss. Er wandte den Kopf. Der Außerirdische, der ihn gefangen hatte, kam nicht aus der Passage. Er hatte unter den Arkaden des Alten Rathauses gewartet. Dennys Körper wurden über den Asphalt geschliffen. Er zappelte. Das Seil war so eng geschlungen, dass es ihm die Luft aus den Lungen presste. Seine Stimme versagte. Wo war Metze? Er sah den Begleiter nicht mehr, hörte ihn nur seinen Namen rufen.
Vor ihm geiferte das außerirdische Wesen. Es kam auf ihn zugerutscht, das Maul weit aufgerissen.
In dem Moment brüllte jemand "HALT!" Eine Glasflasche kam angeflogen. Denny hörte wie sie zerbrach. Es roch nach Benzin. Kurz darauf stieg eine Stichflamme auf, die Dennys Gesicht gefährlich nah kam. Der Rauch strömte in seine Lungen. Das Feuer knisterte direkt vor ihm. Die Hitze brannte in seinen Augen. Er begann wild zu zappeln. Die Wut von eben war verraucht. Die blanke Angst war zurück. Eingeschnürt am Boden liegend würde er lebendig verbrennen. Denny schloss die Augen.
Zwei Hände griffen nach ihm. Sie packten das Seil. Rissen ihn vorwärts. Finger griffen in seine Haare und tauchten seinen Kopf in eine Pfütze. Seine Haare hatten wirklich gebrannt. Jetzt spürte er die kühlende Nässe. Er griff an seinen Schopf. Er pochte und schmerzte.
Jemand sprach mit ihm. Er öffnete die Augen wieder. Ein Mädchen mit einem Messer in der Hand stand vor ihm. Sie hatte ihn losgeschnitten.
"Beeil dich! Schnell in den Tunnel!" Sie hielt ihm die Hand hin und half ihm hoch. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, während um sie herum weitere Molotowcocktails explodierten. Er sah verschiedene Menschen hin und her rennen. Auf dem ganzen Marktplatz verteilen sich kleine Brandherde. Bewegungslose Außerirdische. Tote Menschen. Richtung Hainstraße ratterte tatsächliche eine Maschinenpistole.
Denny hielt sich am Geländer fest, als er die Stufen herunter stolperte zum Eingang der Haltestation. Kaum hatte er die Tür hinter sich gelassen, fiel ihm Metze um den Hals. Mit Tränen in den Augen stammelte er: "Alter, ich dachte, du wärst tot."
"Nein. Ich wurde gerettet." Das Sprechen reizte immer noch seinen Rachen. Wie viel Rauch hatte er eingeatmet?
"Hier sind ganz viele Menschen", plapperte Metze los. "Es gibt einen Durchgang zum Bayrischen Bahnhof, sagen sie. Es kommt Militär, sagen sie."
Sie bewegten sich zu dem langen Treppengang, der runter zu den Gleisen führte. Die Aufzüge waren blockiert worden. Es führte nichts außer diesen Treppen zur unterirdischen Haltestation. Denny zitterte beim Gehen am ganzen Körper. Metze humpelte. Er hätte sich das Bein verdreht, sagte er.
Die Rolltreppe funktionierte nicht mehr. Sie stiegen langsam herunter. Auf den Bahngleisen warteten kleine Gruppen an Menschen. Frauen, Männer, Kinder. Personen jeglicher Altersgruppen und sozialer Herkunft. Einer der Obdachlosen der Innenstadt befand sich unter ihnen. Denny fühlte erneut tiefe Scham in sich brennen, als er die Blinde erkannte, die er an der Nikolaikirche hatte hocken sehen und die jetzt auf einem der Wartebänke saß. Eine andere Frau unterhielt sich mit ihr und hielt ihr die Hand.
Aber Denny bemerkte auch die zugedeckten, leblosen Körper am anderen Ende der Station. Viele der Lebenden trugen Verbände. Zwei Männer in greller Sanitätsuniform waren umgeben von mehreren Personen mit sichtbaren Verletzungen.
Unten angekommen sprach sie eine Frau an, ob sie etwas trinken möchten. Sie gab ihnen jeweils eine kleine Flasche Wasser.
"Wie geht es jetzt weiter?", fragte Metze.
"Keine Ahnung." Die Frau nahm einen Schluck aus ihrer eigenen Wasserflasche. "Hier unten sind wir erst mal sicher. Wasser gibt es über die Becken der Toilettenräume und zu essen haben wir ein bisschen hier im Kiosk gefunden. Wenn ihr verletzt seid, meldet euch da vorne bei dem Mann mit der gelben Weste. Er sortiert die Verletzten für die Sanitäter vor." Sie warf Denny einen kritischen Blick zu. "Du siehst echt übel aus. - Wir haben Kontakt mit der Bundeswehr. Es wird bald irgendeine Maßnahme anlaufen. Solange wollen wir hier warten und Leute sammeln."
"Können wir rüber zum Bayrischen Bahnhof durchgehen?"
"Die Durchgänge sind verbarrikadiert, damit diese Typen nicht durchkommen. Der Weg zum Bahnhof ist komplett zusammen gestürzt."
"Wer sind die Leute, die da oben kämpfen?", fragte Denny.
Die Frau zuckte mit den Schultern. "Das sind Leute wie du und ich", sagte sie.



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