Freitag, 10. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 7)

Die Erzählung beginnt hier.
Die Tür nach draußen ging ungewöhnlich schwer auf. Denny registrierte dies mit einer kurzen Irritation. Der Regenschauer hatte aufgehört. Dicke Luft strömte ihnen entgegen. Es roch nach Benzin. Auf der Straße vor ihnen brannte ein Auto. Der Rauch reizte in den Lungen.
Sie überquerten den Platz vor dem Seminargebäude und rannten in die gegenüberliegende Nebenstraße.
"Halt, warte!", rief Metze. Denny stolperte leicht, als er aus dem Sprint stehen blieb. An der Straßenkreuzung befand sich eine Kaufhalle. Ihre Fenster waren eingeworfen worden. Einzelne Verpackungen lagen verstreut auf dem Boden. Metze stieg in den Laden ein. Denny drückte sich eng an eines der Schaufenster.
"Gewandgässchen", las er auf dem Straßenschild. Noch so eine kleine Straße der Leipziger Innenstadt, deren Name ihm nicht geläufig war, obwohl er sie ein paar Hundert Mal in seinem Leben entlang gelaufen war.
Die Häuser auf der linken Seite wiesen große, bogenförmige Schaufenster auf. Kleine Vorsprünge entstanden dort, wo die Fassade des Hauses die Fenster einrahmten.
Es dauerte nicht lange, bis Metze wieder kam. In den Armen trug er verschiedene Nahrungsmittel. Darunter auch zwei Bierflaschen, die er in seine Hosentaschen stopfte. Denny runzelte die Stirn. Er wusste nicht, ob er seine aufkommenden Wut herunter schlucken sollte.
"Ich dachte, du bist nicht so assi?"
"Ich hab Knast. Soll ich umkippen, oder was?" Metze biss in ein Brötchen. "Magst du auch was?"
"Nein! - Wo ist dein Schlagstock?"
"Scheiße. Der liegt noch -" Es knallten Seile. Schreie klangen auf. Metze sprang neben Denny in die Nische. Er nahm die gleiche angespannte Haltung an. Auf den Zehenspitzen stehend, nah an die Wand gedrückt.
Denny dachte: Einer kann sich in dieser Ecke verstecken. Der zweite fällt sofort auf, wenn jemand in die Straße schaut.
"Die sind nahe", flüsterte Metze.
"Sei ruhig!"
Ein Mann rannte die Straße herunter bis zum Seminargebäude. Er griff nach einem der Fahrräder, musste aber feststellen, dass diese angekettet waren. Er warf einen Blick über die Schulter, schrie auf und warf sich hin. Ein Lasso knallte über ihm zusammen und verhedderte sich an einem Fahrrad
Der Mann sprang wieder auf und rief etwas in einer Sprache, die Denny nicht kannte. Er steuerte auf die Tür zu und versuchte sie aufzuziehen. Auch er war überrascht, wie schwerfällig dies vonstatten ging. In dem Moment kam das Lasso erneut angeflogen. Es wickelte sich um ihn und wurde festgezogen. Der Mann strampelte und versuchte, sich aus der engen Umklammerung des Seils zu befreien. Mit einem Ruck wurde nieder gerissen. Er griff mit seinen Beinen nach einem der nahen Fahrradständer.
Denny war beeindruckt von dieser Widerstandskraft. Der Mann schaffte es, sich mit dem ganzen Körper in dem silbernen Fahrradständer zu verhaken. Dabei brüllte er weiterhin in der fremden Sprache. Der Außerirdische am Ende des Seils, der für Denny nicht zu sehen war, zog mit aller Gewalt am Lasso, konnte seinen Gefangenen aber nicht zu sich schleifen.
"Krass", flüsterte Metze. "Jetzt wissen wir, dass die Außerirdischen nicht ausländerfeindlich sind."
"Solche Kommentare kannst du dir sparen. Ich hab keinen Bock auf dummes Gelaber."
Denny huschte ohne weitere Ansage zur nächsten Nische vor. Metze ließ seine geraubten Vorräte kurzum fallen und kam hinterher. Immer wieder verharrten sie kurz zwischen den einzelnen Vorsprüngen. Sie hörten den Gefangenen fortwährend schreien. Denny lugte vorsichtig zurück und sah eine Gruppe Menschen aus dem Seminargebäude stürmen. Sie überquerten die Straße, genau wie Metze und er selbst zuvor und stürmten in die Kaufhalle.
"Halte durch! Wir retten dich", rief einer von ihnen. Sie kamen mit mehreren Spirituosenflaschen heraus und rannten davon. Kurz darauf knallte es. Denny vernahm noch einige Jubelrufe, während er weiter die Straße entlang eilte. Metze kam ihm hinterher. Es fing wieder leicht an zu regnen. Die Stimmlage des Geschreis änderte sich. Denny senkte den Blick zu Boden und erstarrte, fest an die Fensterscheibe gedrückt. Der gepflasterte Boden unter ihm war mit buntem Konfetti übersät. Wie absurd. Hier der Tod, da das Feuer und er war von Konfetti umgeben.
Die Glaswand hinter ihm vibrierte. Metze und er sprangen erschrocken nach vorne. Ein Außerirdischer befand sich im Geschäft, an dessen Fassade sie sich gerade gepresst hatten, und pochte an die Scheibe. Die Zentimeterlangen Zähne sprossen so schief aus dem Mund heraus, dass dieser nicht komplett schloss. Die gelben Hände schlugen wiederholt nur eine Armlänge von ihnen entfernt gegen das Glas. Und dieses Auge. - So nah wollte er dem Ganzen nicht kommen. Denny konnte für einen kurzen Moment nur schreien.
Metze warf keinen so langen Blick auf das Wesen, sondern sprintete aus dem Stand herüber zum Eingang der Messehof-Passage. Denny setzte ihm nach. Etwas klobiges Gelbes kam von links die Straße herunter geschossen. Metze und Denny erkannten gleichzeitig den Außerirdischen und warfen sich zu Boden. Seine Metallstange rutschte ihm aus der Hand und schepperte über den Asphalt.
Anscheinend beschleunigte der nasse Boden die Fortbewegung der Angreifer. Er schoss an ihnen vorbei und gab dabei stoßartig dunkle Geräusche von sich, als er, das Lasso schon mit Kreisbewegungen schwenkend, weiter rutschte.
Der Außerirdische, der sich im Laden befunden hatte, kam aus diesem heraus und fuchtelte dabei mit den Armen in Richtung seines Artgenossen.
Zwei von denen auf einmal. Und sie kommunizierten miteinander. Denny griff im Aufstehen nach seiner Waffe und rannte geradeaus in den Messehof.




"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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