Mittwoch, 8. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 6)

Die Erzählung beginnt hier.
Es dauerte nicht lange, bis Denny sich wieder beruhigt hatte.
"He, alles klar bei dir?", fragte Metze leise.
"Ja, danke. Es musste nur mal raus."
"Bei mir auch."
Denny schnüffelte. "Alter."
"Tut mir leid. Ich hab mich vor Angst voll gepieselt. Es tropft schon auf den Boden durch."
Denny fühlte das Lachen in sich hoch kommen. "Nimm das, tödlicher Außerirdischer: Bevor du mich umbringst, bepinkel ich dich noch."
Sie kicherten beide unterdrückt.
"Wie weit war er hier drin?", wollte Metze wissen.
"Bis zum Fenster."
"Hast du ihn gesehen?"
"Ja."
"Wie sah er aus?"
"Irgendwie - also nicht menschlich. Wie eine klotzige Schnecke, nur ohne Schleim, dafür mit einem Insektenauge und langen Armen. Kennst du diese Videos aus der Tiefsee, wo sie Tiere von dort zeigen, und du denkst nur: 'Unsinn. Das kann es nicht geben.' So ungefähr. Oh, und sie haben sehr lange Zähne."
Metze schüttelte den Kopf. "Weißt du. Ich war grad auf dem Weg von der Karli in die Innenstadt. Auf einmal dreht meine Hündin völlig durch. Sonst ist Juni die liebste der Welt. Sie knurrt und ihr Fell sträubt sich. Ich will sie beruhigen, aber sie schnappt nach mir. Das hat sie noch nie gemacht. Sie ist dann zum Ring-Café gelaufen. Ich bin ihr hinterher. Dann kamen die Blitze und ich habe sie aus den Augen verloren. Hoffentlich geht's ihr gut."
Denny versuchte es mit aufmunternden Worten. "Bestimmt, Mann. Sie versteckt sich einfach nur und wartet auf dich in eurem Zuhause."
"Ich hab kein Zuhause. Ich penn grad bei einem Kumpel."
"Hm." Da wusste Denny nicht, was er antworten sollte. Sie schwiegen kurz.
"Wir können hier nicht bleiben", sagte Denny. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir müssen irgendwohin, wo sie Schwierigkeiten haben, hin zu gelangen und wo wir Fluchtmöglichkeiten haben."
"Sie können keine Treppen gehen, ne?"
"Ja, aber in Häusern kommen sie von oben."
"Haben sie irgendwelche Schwachpunkte?"
"Keine Ahnung."
"Du hast doch einen gesehen, oder?"
"Ja, aber eben auch nur gesehen. Sie haben auf dem Rücken zwei blaue Flecken, die aussehen wie Gehirne. Vielleicht ist das ein Schwachpunkt. Aber sie können sich schnell wenden."
"Was soll das heißen? Sie können sich schnell wenden?"
"Als das Ding wieder heraus gekrochen ist, hat es sich nicht mit dem ganzen Körper umgedreht, sondern der Teil mit dem Kopf und den Armen sind ist einfach in die andere Richtung gerutscht."
"Das klingt verdammt abgefahren." Metze runzelte die Stirn. "Wo würdest du drauf schlagen?"
"Wenn nicht auf den Rücken, dann auf das Auge", überlegte Denny.
"Wir brauchen irgendwas als Waffe."
"Vielleicht können wir die Tische zerlegen. Die sind doch bestimmt nur zusammen geschraubt."
"Und wo soll es dann hin gehen?"
"Zu einem Ort in der Nähe hier. Viele Treppen. Wenig Fahrstühle. Versteckmöglichkeiten."
Sie überlegten. Denny kannte jedes einzelne Haus in der Innenstadt von seiner Fassade her. Wie sie innen drin ausgestattet waren, wusste er nicht.
"Der City-Tunnel. Ohne Fahrstuhl können sie da nicht runter", raunte Metze. "Im Bahnhof ist eine Bullenstation. Die haben Waffen."
"Die Außerirdischen haben den Bahnhof kaputt geschossen mit ihren Blitzen."
"Du meinst, vielleicht ist der Tunnel eingefallen?"
"Keine Ahnung."
"Mir fällt grad nichts Besseres ein. Sind in Tunneln nicht immer Notausgänge? Da könnten wir durch, wenn's eng wird."
"Gilt das nicht nur für Autobahntunnel?"
"Wir könnten bis zum Bayrischen Bahnhof vorgehen. Da kenne ich ein paar Schlupfwinkel."
Denny fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, im Dunkeln der Gleise zu warten. Aber die Treppen und die Tiefe der Anlage waren verlockend. Hier waren sie definitiv in Gefahr. Vielleicht kam der Außerirdische zurück. Draußen gab es wenigstens verschieden Wege wegzurennen.
Er atmete tief durch. "Lass es uns so machen: Wir bewegen uns zum Markt. Wenn wir zwischendurch ein besseres Versteck finden, dann lass uns da bleiben."
"In Ordnung."
Sie kletterten wieder aus ihrem Versteck heraus. Von draußen war nach wie vor Kampflärm zu hören. Immer noch schlugen Blitze in die Gebäude ein. Zwischendurch klirrte Glas. Keine Schüsse mehr. Der Regen hatte nachgelassen.
Denny bemerkte ein Waschbecken in der Ecke des Zimmers. Er beugte sich runter und ließ frisches Wasser in seinen Mund laufen, bis er sich gesättigt fühlte. Metze hockte an der Ecke zur Tür und warf einen Blick nach draußen.
"Hier ist nichts mehr", flüsterte er. Er griff in seine Hosentasche und holte ein kleines Messer hervor und begann in Windes Eile zwei Tische auseinander zu montieren. Jetzt hatten sie Waffen. Zwei Eisenstangen. Blau lackiert.
"Können wir die als Schild benutzen?" Denny hob einen Tisch hoch. Nein. Zu schwer. Zu unhandlich.
"Scharfe Zähne. Lange Arme. Wendiger Körper", erinnerte Denny. Metze nickte.
Sie schlichen aus dem Seminarraum vorwärts zum Treppenhaus. Die Anzeige des Aufzugs war erloschen. Der Strom war immer noch weg. Und in dem Moment, in dem Denny Metze darauf aufmerksam machen wollte, hörte er vor ihnen ein Geräusch.
Der Außerirdische war nach wie vor in ihrer Etage. Er kam durch den entgegen gesetzten Flur auf sie zu. Hinter sich zog er eine zusammen geschnürte Person. Denny merkte, wie die Eisenstange in seiner schwitzigen Hand rutschte.
Das Wesen war aufgerichtet genauso groß wie er. Es erblickte sie und begann zu grunzen.
Metze erstarrte in seiner Bewegung. Denny griff nach seinem Arm und zog ihn zur Treppe. "Alter, lass uns hier abhauen."
"Das ist ja furchtbar", hauchte Metze. "Mach, dass wir hier wegkommen."
Sie gaben ihre gebückte Haltung auf und rannten die Treppen hinunter.




"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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