Samstag, 4. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 5)

Die Erzählung beginnt hier.
Dennys Körper verkrampfte. Die Luft, die er ausatmete, hinterließ eine feuchte Spur auf der Deckenverkleidung. Er öffnete die Augen wieder und blinzelte durch den Schlitz zum Fußboden herunter. Ganz leises Schaben erfüllte den Raum. Und er hörte noch etwas. Abgedämpfter Gesang und Gitarrenklänge.
Als der Horror los ging, hatte er die Kopfhörer abgenommen, aber die Musik nicht abgestellt. Die Hörer baumelten aus seiner Jacke heraus. Wieso war das auf einmal so laut?
Denny hatte das Gefühl, dass er sich zusammen kauern und nur noch weinen wollte. Er war dem Tod so nahe und jetzt versaute er sich jegliche Chance zu überleben. Er brauchte kein Pech, um zu sterben. Seine eigene Dummheit reichte vollkommen aus.
Er presste die Lippen aufeinander. Er durfte sich nicht bewegen. Jedes Rascheln würde die Aufmerksamkeit des Außerirdischen auf ihr Versteck lenken. Wie gut waren seine Ohren? Wie gut seine Nase? Roch er ihre Anwesenheit? Sah er den Spalt in der Deckenverkleidung? Wenn es nur einer war, konnten sie ihn dann überwältigen?
Denny warf einen Blick herüber zu Metze. Der hielt seine Ohren mit beiden Händen zu. Die Augen fest verschlossen murmelte er lautlos zu sich selbst.
Die Sinne weg rationalisieren. Verblendung als Flucht.
Denny konnte das nicht. Den Körper bis auf die kleinsten Muskeln angespannt, heftete er den Blick auf dieses kleine Fenster, das nur graues Linoleum offenbarte.
Das Schaben kam näher. Langsam. Schob sich etwas in sein Sichtfeld. Kein Schatten ging ihm voraus. Es kam.
Denny vergaß die leise plärrenden Kopfhörer, als er den Außerirdischen erblickte. Ein auf den ersten Blick unförmiges Wesen, farblich irgendwo zwischen grau, gelb und grün angesiedelt. Ein Klotz als Gestalt. Vielleicht Fett. Eher Muskeln. Die haarlose Haut wirkte formbar, wenn auch die Gestalt durchaus stabil aussah.
Von diesem Kloßartigen Körper gingen zwei Extremitäten aus. Eher Armen als Beinen ähnlich. Denny konnte keine Knochenstruktur ausmachen. Ellbogen besaß dieses Wesen nicht. Diese Arme gingen in mehrere Finger über. Sie waren länger als menschliche und Denny nannte sie nur Finger, weil sie dieser Beschreibung am nächsten waren. Es gab keine Handfläche. Die Extremität spaltete sich einfach in mehrere kleine andere auf. Die Finger hielten eines der gelben Lassos.
Die Arme waren schmal verglichen zum massiven Körper. Sie dienten nicht der Fortbewegung. Eine Wellenförmige Bewegung des unteren Bereichs des Körpers sorgte für das Vorankommen. Ähnlich wie bei einer Schnecke, nur ohne Schleim.
Auf der Oberseite des Körpers saß ein zylindrischer Kopf mit einem nach vorne gerichtetem Sehorgan. Es erinnerte Denny an die Augen von Insekten. Kein Augapfel, keine Pupille, sondern ein starres Netz aus kleinen schwarzen Punkten, die sich nicht bewegten, sondern nur vorne ausgerichtet blickten, einem Raubtier ähnlich.
Unter dem Auge öffnete sich eine Mundhöhle mit Zahnreihen. Denny konnte von seinem Standort aus nicht erkennen, aus welchen Einzelheiten das Gebiss bestand. Es gab keinen erkennbaren Kiefer. Rumpf und Kopf gingen nahtlos ineinander über und wurden nur von diesem lippenlosen Maul getrennt. Aus diesem stachen einzelne Zähne hervor. Spitze, lange, scharfe Zähne.
Bei all den Diskussionen über eine mögliche Kommunikation mit intelligentem Leben im All, war stets ein positiver, aufgeschlossener Tenor als Grundlage gebraucht worden. Was geschah, wenn die Gefräßigkeit den Verstand besiegte? Was geschah, wenn die Intelligenz der Gegenseite dazu diente, Tötungsstrategien zu entwickeln?
Aber sie mussten eine höhere Intelligenz haben als ein Tier, das nur auf Nahrungssuche ist. Sie hatten Raumschiffe gebaut. Sie hatten Energiestrahlen entwickelt, die Gebäude in Schutt und Asche legen konnten. Sie warfen ein Lasso mit einer nervenaufreibender Zielgenauigkeit. Das sprach von Entwicklung, Verstand und Geschick.
Der Außerirdische bewegte sich weiter und Denny konnte einen genaueren Blick auf seine Rückenpartie werfen. Dunkelblaue Stränge liefen dort in zwei ballförmige Knotenpunkte zusammen. War das sein Nervenzentrum? Oben im Kopf konnte es nicht sein. Über den Augen endete der Schädel wie schief abgeschnitten.
Es machte ein Geräusch. Dieses Grunzen. Ein dunkler, tiefer Ton, ganz hinten aus der Kehle.
Es wusste, dass sie in diesem Raum waren. Es sah sie nur nicht. Ging es jetzt die einzelnen Möglichkeiten durch? Wie lange waren sie hier oben sicher? Würde es Sinn machen, den Überraschungsmoment zu nutzen, jetzt schnell aus der Decke zu springen, das Wesen mit einem Stuhl zu schlagen und die Tür von der anderen Seite zu schließen. Oder rechnete es damit, angegriffen zu werden? Denny wollte den Zähnen nicht zu nahe kommen.
Unter ihm schlug der Außerirdische gegen das Fensterglas. Metze und Denny zuckten beide zusammen. Metze war aus seiner Agonie erwacht und starrte nun mit offenem Mund an Denny vorbei in den dunklen Raum ihres Versteckes.
Richtig. Er hatte ja das Fenster aufgelassen. Konnte der Außerirdische mit seiner Statur überhaupt bis zur Straße schauen? Vielleicht ging er davon aus, dass sie gesprungen waren. Wie auch immer. Das Wesen blieb im Raum. Denny konnte nicht sagen, wie lange. Seine innere Uhr lief Amok. Vielleicht waren es nur zwanzig Sekunden. Vielleicht fünf Minuten.
Ein langer Moment voller Bewegungslosigkeit. Leise Musik. Lärm von draußen. Schreie. Das dumpfe Zusammenbrechen von Gebäuden, wenn die Blitze einschlugen. Autoreifen quietschten. Er hörte wiederholt Schüsse.
Und dann kam ein neues Hintergrundgeräusch hinzu. Es begann zu regnen. Nicht leicht, sondern in Strömen. Das Wasser färbte die Geräuschkulisse noch dunkler. Und übertönte fast die Schritte, die sich dem Raum näherten.
Oh bitte, komm nicht rein, bettelte Denny in seinem Kopf. Vergebens. Schuhsohlen quietschten auf dem Boden.
"Sind hier noch Leute? Sie sind fast alle - Oh, fuck!" Eine angsterfüllte, hohe Stimme. Die Person rannte davon.
Das Wesen stieß ein weiteres Grunzgeräusch aus. Denny sah, wie es sich wieder auf die Tür zu bewegte. Dabei drehte es sich nicht um hundertachtzig Grad, wie ein Mensch es tun würde, sondern richtete einfach seinen Rumpf in die andere Richtung aus und kroch davon. In einer Geschwindigkeit, die nicht zu unterschätzen war.
Die Angreifer waren keine Schnecken. Sie verfolgten ihre Ziele. Und sie hatten Meterlange Lassos, mit denen sie rennende Menschen einfangen konnten. Selbst ohne Seile blieben sie Kolosse mit fürchterlichen Zähnen und langgliedrigen Extremitäten.
Denny wartete, bis sich das Schaben außer Hörweite befand. Er griff in seine Jackentasche und schaltete die Musik aus.
Sein Smartphone in der Hand schalt er sich einen Narren. Wieso hatte er kein Video gemacht? Er schaute auf das Display. Weil er auf der Arbeit das Gerät stets lautlos stellte, hatte er die Kontaktversuche nicht vernommen. 28 unbeantwortete Anrufe. Seine Mutter. Seine Schwester. Sein bester Freund. Mehrere Sofortnachrichten.
Bist du ok?
Denny, bitte melde dich.
Seine Hand zitterte, als er antwortete: Verstecke mich. Bin am Leben. Melde mich wenn kann. Er schluckte und fügte hinzu: Ich hab euch alle lieb.
Er schaltete das Telefon aus, um den Akku zu schonen. Dann schlug er die Hände vor das Gesicht und ließ den Tränen freien Lauf.




"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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