Freitag, 26. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 3)

Die Erzählung beginnt hier.
Selbst in der Nebenstraße herrschte das Chaos. Menschen rannten in alle Richtungen. Frauen, Männer, Kinder, Senioren. Alleine oder in Gruppen. Eine blinde Frau saß an die Rückwand der Nikolaikirche gepresst und klammerte sich an ihren Blindenstock. Denny konnte erkennen, dass sie wieder und wieder etwas rief. In seinen Augen brannten Tränen, weil er zuviel Angst verspürte, um zu ihr herüberzulaufen und ihr zu helfen. Dieser Impuls, wegrennen zu wollen, ließ das Blut durch seine Adern preschen. Seine Beinmuskeln fühlten sich schwer an. Sein Rücken schmerzte noch vom Stoß der Tür. Und irgendwo kapitulierte sein Gehirn. Der Typ hatte sie noch gewarnt, nur um dann selbst gefangen zu werden. Ermordet vielleicht? Starben diese Menschen, um die sich die Lassos legten oder wurden sie irgendwohin gebracht? Das waren sicherlich wichtige Fragen, aber in erster Linie schrie in Dennys Kopf alles nach Sicherheit und Überleben. Das war es. Er wollte hier nicht sterben. Er wollte auch nicht verschleppt werden. Was genau da auch angriff, war sekundär. Er wollte einfach durchhalten und am Leben bleiben.
Er drehte der blinden Frau den Rücken zu. Der Punk, sein einsamer Mitstreiter, bemerkte seine Tränen, und nickte nur. Für einen kurzen Moment war Denny dankbar. Er war nicht alleine mit seiner Angst.
Sie stellten ihre Taktik um und statt zu rennen, huschten sie nun gebückt zum nächsten Hauseingang eines Antikwarengeschäftes. Ein Blitz schlug in die Alte Nikolaischule ein. Putz und Ziegel rutschten wie eine Lawine vom Dach herunter und ergossen sich als ohrenbetäubender Gesteinsregen auf die Tische und Stühle des Restaurants im Erdgeschoss. Aus dem entstandenen Loch kletterte ein Mann. Untersetzt, Halbglatze, das helle Hemd voller Blutflecken. Er streckte die Arme hoch zur Wolkendecke und schrie einige Worte heraus. Dann stolperte er vorwärts und stürzte sich vom Gebäude.
"Alter." Der Punk griff nach Dennys Handgelenk und drückte. "Sag mir deinen Namen! Sag mir, wie du heißt! Ich will nicht alleine sterben", flehte er in rauer Stimmlage. Ein erneuter Blitz schlug in ihrer Nähe ein und und hinterließ ein Aufzucken in den feuchten Augen des Punks.
"Ich bin Denny. Mit E." Wieso sagte er das? Sein ganzes Lebens hatte er sich so vorgestellt, weil die Leute seinen Namen immer falsch schrieben.
"Ich bin Metze." Metze schniefte, dann sagte er: "Machen wir los."
Eine Sirene ließ sie beide zusammenfahren. Ein Polizeiauto schoss um die Ecke in die Ritterstraße und hielt mit einer Vollbremsung. Die Türen wurden aufgerissen. Eine Handvoll Polizisten sprang heraus. Drei rannten in die dortige Dienststelle. Die anderen gingen hinter dem Fahrzeug in Deckung. Sie zogen ihre Waffen und feuerten in Richtung Goethestraße. Die Wolkendecke riss auf. Sonnenlicht fiel auf den Asphalt.
"Was-?", begann Metze, aber Denny zog seinen Kopf mit aller Kraft herunter und schützte mit seinem Arm ihrer beider Sichtfelde. Die Hitzewelle der zwei aufeinander folgenden Blitze erfasste sie. Denny fühlte, wie sich seine Kleidung aufheizte. Kein angenehmes Gefühl. Zu oft durfte er nicht mehr in der Nähe von diesen Blitzen sein, bevor es unerträglich wurde.
Kaum war die Welle vorbei, riss Metze sich los und schaute die Straße runter. Der Polizeiwagen loderte. Die Körper brannten. Einer der Polizisten lebte noch. Er lag seitlich aufgestützt auf dem Boden und hielt mit zitternder Hand weiter seine Waffe hoch. Er schoss sein Magazin leer und sackte zurück.
"Weiter, Metze. Uns darf es nicht genauso gehen."
Aus dem Augenwinkel erkannte er etwas Gelbes, Schlaufenförmiges, was auf der anderen Seite des Platzes aus der Nikolaistraße herausgeschnellt kam.
"Sie sind nahe. Weg hier!"
"Warte!" Metze stieß einen Tisch um, auf welchem der Antikladen Bücher ausgestellt hatte. "Wenn wir uns breit machen, kann uns das Seil nicht erfassen."
"Metze. Das ist gut. Das ist gut!"
Sie packten den Tisch und hoben ihn hoch. Er war schwerer als gedacht, aber für den kurzen Weg, der vor ihnen lag, durchaus geeignet. Metze ging voran. Denny folgte. Hinter ihrem Schutzschild verschanzt überquerten sie den Fußgängerbereich der Grimmaischen Straße. Dort klingelten bei mehreren Geschäften der Feueralarm. Fensterscheiben waren eingeschlagen worden. Kleidung und leere Verpackungen lagen vor der Ladenzeile. Denny sah Leute mit Händen voller Ware davon laufen.
"So assi bin nicht mal ich", hörte er Metze schnaufen. "Die Stadt brennt und die Leute gehen plündern."
"Fresse! Weiter!", grollte Denny. Konsumkritik war das letzte, worüber er jetzt nachdenken wollte. Die Grimmaische Straße war schnell überquert. Vor ihnen ragten die Treppen zum weißroten Seminargebäude der Universität Leipzig auf. Kurz zweifelte er an ihrer Entscheidung, sich dort verstecken zu wollen. Die zahlreichen Fenster erlaubten großzügige Einblicke in die Räumlichkeiten. Denny hörte ein Geräusch, das wie das Knallen einer Peitsche klang. Etwas schlug auf seinem Kopf auf. Denny blickte nach oben und erkannte eines der gelben Lassos, wie es sich in der Luft über ihn zusammenzog.
"Metze, lauf!" Er stieß den Tisch von sich und sprang in großen Schritten die Treppen hoch. Er riss die Tür auf. In der Spiegelung des Türglases erkannte er eine unförmige, graugelbe Gestalt, die sich ihnen von hinten näherte. Ein erhobener Arm ließ das Seil in der Luft kreisen. Sie waren im Visier. Ihnen blieben Sekunden.
Metze und er stürmten in das Gebäude. "Nach oben", brüllte Metze und rannte die Treppen hoch. Aus dem Sichtfeld. Aus der Fangzone. Denny folgte ihm gleichauf.
Der Türschließer ließ die Tür sanft in ihre Ausgangsposition zurückgleiten. Von draußen schnellte ein erneut geworfenes Seil mit aller Gewalt dagegen und prallte am Glas ab.



"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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