Mittwoch, 24. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 2)

Die Erzählung beginnt hier.
Er war den Weg schon oft zu Fuß gegangen. Vom Augustusplatz bis runter zum Bahnhof. Die leichte Steigung des Weges war ihm nie groß aufgefallen. Jetzt kam ihm der Weg vor wie der längste Berg der Welt. Die blinde Panik ließ ihn an allem und jedem vorbeihechten. Er sprintete so leichtsinnig über ungeschützte Fläche rannte. Es kümmerte ihn nicht - bis ihm kurz vor Ende der Steigung die Luft erneut komplett wegblieb und er keuchend stehen blieb. Er sah einen Mann auf sich zukommen.
"Aus dem Weg, du Penner!" Er schlug mit der Faust nach Denny, der zurückwich. Er prallte an die Fensterscheibe eines Bekleidungsgeschäftes. Sie rettete ihn vor dem Hinfallen.
Er sah mehrere Personen über den Augustusplatz rennen. Hinter dem Gewandhaus glühte es in den Himmel hinein. Brannte das Ring-Café? Es sah ganz danach aus. Die Menge Menschen aus dieser Richtung war enorm. Und alle rannten den Weg runter zum Bahnhof. Eine Frau, ihre Stöckelschuhe in der Hand tragend, hetzte an ihm vorbei. Er griff nach ihr, mehr in einem Reflex als in einem durchdachten Akt. Sie hatte geweint. Ihre Schminke lief in breiten Bächen ihre Wangen herunter.
"Lassen Sie mich los!", brüllte sie ihn an.
"Da unten ist die Hölle los!"
"Ich komme grad aus der Hölle." Sie schrie in einem hohen Ton auf. "Da vorne zerfleischen sie Menschen." Sie riss sich los und rannte weiter.
Denny sah zum Gewandhaus. In dessen Fenster spiegelten sich die andauernden Blitzeinschläge, die jetzt auch den Augustusplatz heimsuchten.
Eine weitere Welle an Geschrei erreichte ihn. Vor der Oper stob eine Gruppe Menschen auseinander. Für einen Augenblick erblickte Denny grelle, ringförmige Objekte, welche sich rasant um einzelne Personen zogen und sie in einem gewaltvollen Akt zu Boden zerrten und weg schleiften.
Ich muss mich verstecken, dachte er.
"Steh hier nicht so rum." In dem Moment sprang jemand neben ihm hervor und zog ihn hinter einer der Eingangssäulen des Krochhauses. Sie verharrten kurz, während weitere Menschen an ihnen vorbei rannten.
"Wir müssen uns verstecken", wiederholte Denny seine Gedanken.
"Sag mir wo und ich folge dir." Die Person, die ihn gepackt hatte, war einer der Punks, die tagsüber in der Innenstadt bettelten. Piercings ließen seine Augenbrauen etwas über die Lider hängen. Selbst hier zwischen Rauch und tötenden Lichtstrahlen stank er noch nach Zigaretten und schalem Bier.
"Da vorne ist eine Tür. Lass uns da rein."
Geduckt bewegten sie sich zur Tür. Der Punk zog mit aller Gewalt am Türknauf. 
"Eh, Alter. Die geht nicht auf." Wahllos schlug er mit der Faust auf die Klingelschilder. "Lasst uns rein! Lasst uns rein!"
Ein Hitzestrahl erfasste sie. Ein Blitz war unmittelbar vor dem Haus eingeschlagen. Sofort drückten sich Denny und der Punk in die Nische des Eingangs.
"Fuck. Fuck. Fuck. Fuck."
Denny hörte den anderen das aussprechen, was ihm selbst durch den Kopf jagte.
Getrampel näherte sich. Zwei junge Frauen sprangen zu ihnen in die Nische.
"Scheiße." Die Braunhaarige von ihnen knallte mit der Faust gegen die Glasscheibe. "Hier ist auch zu. Wir müssen ins Seminargebäude. Da sind viele Versteckmöglichkeiten."
"Was für ein Sem-?", schrie Denny sie an.
"Die Uni, Mann", antwortete der Punk. "Die ist riesig."
In dem Moment, die Frauen rannten schon weiter, wurde die Tür hinter ihnen aufgestoßen. Denny bekam den Türknauf ins Rückrat und brüllte vor Schmerzen auf. Zwei Männer in Anzügen schubsten sie zur Seite und hetzten rechts zur Goethestraße hinaus. Einer drehte sich noch zu ihnen zurück und rief: "Die sind auf dem Dach! Scheiße! Auf dem Dach!"
Den Kopf noch zu ihnen ihnen gewandt, sah er das gelbe Objekt nicht auf ihn zuschnellen. Es war ein leuchtend grelles Seil, das sich in Windeseile um den Mann legte und zusammenzog. Mit einem schrillen Laut, der ihm aus der Kehle wrang, wurde er nach rechts gezogen.
"Mann, Alter, weg hier!" Der Punk zog Denny an der Jacke aus der Ecke heraus und sie sprangen die Treppen herunter und rannten durch die Passage zur Ritterstraße.




"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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