Freitag, 2. Mai 2014

Der Abdecker

Seit Stunden warte ich auf das Gewitter. "Am frühen Nachmittag Regen und Sturm" haben sie im Wetterbericht geschrieben. Warum lese ich überhaupt noch Zeitungen? Nachrichten von gestern. Der Müll von morgen. Große Papierbögen, die den Boden bedecken und meine Schritte dämpfen. Was auch immer geschildert wird, es bleibt nicht für die Ewigkeit. Skaliertes zwischen Bildern. Keine echten Farben. Und jetzt die nächste Wiederholung des gleichen Themas in einer anderen Schattierung. Abgeklatscht. Ausgelobt. Aufgegeben. Es gibt keine echten Aufreißer mehr. Der Finger ist wichtig. Nicht die Wunde. Der Doktor kennt den Schmerz nicht, auch wenn er ihn diagnostizieren kann.
Oder geht es nur mir so? Meine Suche nach Schmerz, mein Streben nach Gefühl lässt mich jeden Tag zwischen den Blättern nach etwas suchen, was meine Aufmerksamkeit erregt, was mein Abstumpfen verneint. Manchmal begegne ich etwas, in dem ich mich sehen kann, etwas, in dem ich mich bewege, etwas, was Überschneidungen hervorbringt. Der Forscher in mir möchte finden.
Ich öffne das Fenster. Kalte Luft strömt hinein. Es riecht schon nach Umschwung. Die Wolken drücken sich zusammen. Wie schön dunkel es draußen wird mitten am Tag. Der Blitz naht. Bringt kurze Einsicht, bevor der Schlag des Donners für Aufruhr sorgt. Tief und laut. Zähl die Sekunden und du weißt, wie nah das Zentrum des Sturms ist.
Einzelne Tropfen treffen mein Gesicht. Ich muss das Papier fort bringen. Es auflösen lassen. Ich muss mich von ihm fern halten. Ich habe für Worte bezahlt, die sich mir anbiedern, die ich aber nie mein Eigen nennen werde. Was habe ich auch erwartet. Konkurrenz, Opposition, Einsicht. Und ich bekomme die Welt da draußen, extra komprimiert für mich. Brauche ich denn Komprimat? Komme ich weiter, wenn ich den Vorentscheidungen anderer vertraue? Was bringt mir die fremde Rede denn jetzt noch? Es ist nicht mein Wort, nachdem ich es vom Blatt entleihe. Meine Worte sind keinem zugänglich. Meine Gedanken sind nicht frei. Sie sind in meinem Kopf gebunden. Sie gehören mir und ich teile sie nicht. Aber ich muss sie beschützen vor Einflüssen, die sie madig machen.
Ich bin wieder hungrig. Der fertig gesetzte Baukasten für mein Gedankenspiel, dieses 'Was wäre wenn?' mit vorgegebenen Türen, sättigt mich nicht mehr.
Der Regen läuft meinen Hals herunter, kitzelt am Schlüsselbein und verfängt sich in meinem Hemd. Ich greife nach dem Papier auf dem Boden, hebe es auf und stapele es. Wie schwer es wiegt. Auf dem Weg zum Müllcontainer beginnt mein Arm zu krampfen. Kaum habe ich die Haustür geöffnet, tritt mir der Regen als eine Wand entgegen. Von allen Seiten empfängt mich ein ungeheurer Lärm. Mit gleicher Herkunft und unterschiedlichen Auswüchsen, beeindruckend auch ohne Donner. Er prasselt auf den Boden, gegen die Verdecke der Müllcontainer, auf die Autos meiner Nachbarn. Endlich erklingt wieder Rauschen aus dem Abfluss. Der Sturm verfrüht und mit fehlenden Details prognostiziert. Nach heißen Sommertagen riecht er unverkennbar. Wie konnte ich das vergessen?
Ich trete auf den blauen Müllcontainer zu. Jemand ist vor mir hier gewesen und hat den Deckel nicht wieder zugeschoben. Dumpfe Laute kommen aus der Öffnung. Die Tropfen fallen weich. Ich luge hinein und erkenne erste Auflösungserscheinungen. Dünne Werbung, dichte Buchstabenreihen, unscharfe Fotos, dunkler Karton. Alles zusammen und durcheinander ergibt es durchgenässt keinen Unterschied mehr zwischen den einzelnen Ursprungsformen.
Mit einer ausholenden Geste werfe ich meinen Stapel in den Container, greife nach dem Deckel und ziehe ihn zu. Ich mag Veränderung wollen, aber ich denke mit. Die Verwaltung hat es in ihrer Hausordnung so festgehalten: Es droht Ärger, wenn man den Deckel nicht schließt.

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