Sonntag, 16. März 2014

Lani (2/4)


Nur zur Erinnerung: Hier lernen sich Scott und Lani kennen.

Gerade, als ich ankam, verließ ein anderer Hausbewohner das Gebäude. Ich schlüpfte durch die Tür und nahm auf den Weg in den dritten Stock immer zwei Stufen auf einmal. Vor der Haustür at­mete ich tief durch und klingelte. Eine Frau öffnete. Sie war Anfang vierzig, ähnelte Lani sehr und trug ausländi­sche Klei­dung. Lanis Mutter.
    „Hallo. Mein Name ist Scott. Ich bin ein Bekannter Ihrer Tochter. Ist sie vielleicht da?“
    „Nein, sie ist gerade Obst kaufen.“ Sie sprach mit einem angenehmen spani­schen Akzent in der Stimme. „Sie wird gleich wiederkommen. Möchtest du hier auf sie warten?“
    Ich willigte ein. Sie trat beiseite und bot mir, noch während ich hereinkam, eine Tasse Kaffee ein. Ich nahm auch dieses Angebot an und setzte mich auf ihr Geheiß an den runden Tisch.
    „Seit wann kennst du Lani?“
    „Oh, wir haben uns vor ein paar Tagen auf dem Augustusplatz getroffen. – Danke.“
    Sie hatte Kaffee eingeschüttet und reichte mir nun die Tasse. Das Milch- und Zuckerangebot nahm ich reichlich in Anspruch.
    „Sie hat mir nicht erzählt, dass sie dich getroffen hat.“ Sie machte eine Pause, bevor sie mich ent­schuldigend anlächelte. „Lani lernt nicht schnell Menschen kennen. Sie ist ein vor­sichtiges Mädchen.“
    Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, und nahm stattdessen einen Schluck aus der Tasse. Überrascht hielt ich inne und spülte das Getränk in meinem Mund herum. Das war kein gewöhnlicher Kaffee. Sein Aroma war intensiv. Bestimmt frisch geröstet. Ich schluckte ihn herunter.
    „Dieser Kaffee schmeckt aber lecker. Was ist das für einer?“
    „Es ist dominikanischer. Er ist hier in Deutschland nicht zu kaufen.“
    „Ist es in der Republik wirklich so schön wie auf diesen Fotos?“
    Sie lächelte. „Noch viel schöner.“
    „Kommt es Ihnen hier nicht sehr ungemütlich vor?“
    „Es ist sehr kalt.“
    Ein Schlüssel wurde im Schloss herum gedreht und plötzlich stand Lani mit einer Plastiktüte im Zim­mer. Sie starrte mich an. Ich verschüttete fast meinen Kaffee.
    „Hallo Lani. Dein Freund Scott wollte dich besuchen kommen.“
    Lani nickte und hob die Hand mit der Obsttüte. „Sie hatten Birnen im Angebot. Da hab ich auch noch welche von ihnen genommen.“
    „Ist in Ordnung.“
    Lanis Mutter ergriff den Beutel und verschwand damit in der Küche. Nun waren Lani und ich al­leine im Raum.
    „Lani, also, ich ähm ...“
    „Stopp!“ Ihr Blick huschte zur angelehnten Küchentür. „Komm mit.“
    Beim Sprechen verließ sie schon den Raum. Ich folgte ihr durch einen Flur in ein kleines Zim­mer. Es war hell und freundlich eingerichtet und im Gegensatz zu mei­nem aufgeräumt. An den Wänden hin­gen große Bilder von exotischen Blumen. Sie blieb an der Tür stehen und schloss sie hinter mir. Ein argwöhnischer Blick traf mich.
    „Mir ist unsere Begegnung nicht mehr aus dem Kopf gegangen, Lani.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Weißt du, ich hab echt oft drüber nachgedacht, was ich falsch gemacht hab, dass du so barsch ge­wesen bist, aber mir ist nichts eingefallen. Deshalb bin ich noch mal hergekommen, um das mit dir zu klären. Weil es mich echt be­schäftigt, weißt du.“
    „Du hast überhaupt nichts falsch gemacht. Mach dir keine Gedanken“, wies sie ab.
    „Aber – “
    „Scott, bitte! Es war nur eine Laune von mir. Ich bin vollkommen grundlos ausgeflippt.“
    „Das glaube ich dir nicht, Lani. Ich hab nur erwähnt, dass du noch jung bist und da machst du gleich ‘ne Szene?“
    „Ja, das tue ich.“
    Ich schnaufte und setzte an ihr zu widersprechen.
    „Scott, hör auf! Kannst du dir nicht vorstellen, dass nicht jeder von uns alt werden wird?“
    „Natürlich weiß ich das. Wie aber kommst du darauf, dass du nicht lange leben wirst?“
    „Weil ich einen Gehirntumor hab.“
    Sie spie die Worte aus wie Gift. Unmittelbar von ihnen getroffen ließ ich mich auf das Bett sinken. Fassungslos starrte ich abwech­selnd sie und den Boden an. Dieses schöne Mädchen. Und hinter ihren Augen lauerte der Tod. „Du – ?“
    „Ja. Ich habe Krebs.“
    Leise Worte. So endgültig. Jetzt machte ihr Verhalten Sinn. Ein Gehirntumor. Ver­dammt! Wer hätte denn an so etwas gedacht? Ich nahm ihre Tränen wahr und wollte ihr keine weiteren Schmer­zen zufügen, a­ber ich musste etwas sagen. Ich fühlte mich schuldig, weil ich ihr diese Unterhaltung aufzwang.
    „Lani, ‘tschuldige, ich wollte nicht ...“
    „Außer meiner Familie weiß niemand etwas davon, also sprich nicht darüber. Nicht mal mit ihnen. Ich möchte nicht, dass sie daran erinnert werden, dass ich – “ Sie brach ab und wandte mir ihren Rü­cken zu.
    „Lani, das ist – furchtbar.“ Furcht. Ja. Wäre ich Lani, hätte ich einfach nur Furcht. Vor allem.
    „Das brauchst du mir nicht sagen.“
    „Seit wann weißt du es denn? – Also, nein! Du musst mit mir nicht darüber reden. Wirklich nur wenn du willst. Ich, ähm, kann auch wieder gehen. Das wird wohl das beste sein.“ Ich stand auf. Sie schüttelte den Kopf.
    „Brauchst du nicht. Vielleicht“, sie sprach es zögernd aus, „tut’s mir ja gut, mal mit wem zu re­den – auch wenn ich dich gar nicht kenne.“ 
     Lani wandte sich mir wieder zu und wir schauten uns lange Zeit in die Augen. Diese dunkelbraunen Augen, wieder einmal von Tränen umgeben. Ihre Unterlippe bebte leicht. Sie hatte ihre Ar­me vor ihrer Brust verschränkt und ihre Finger krallten sich in die Oberarme.
    „Sie haben mir damals ein Jahr gegeben. Davon habe ich noch drei Monate.“
    „Drei Monate“, murmelte ich. In einem Monat gab es Zeugnisse. Ich hatte in fünf Monaten Ge­burtstag und in sieben Monaten war Weihnachten. Was war das für eine Rechnung im Gegensatz zu dem Gedanken, dass man in drei Monaten sterben würde? „Bist du nicht in Behandlung?“
    „Ich bin in ärztlicher Obhut. Die Ärzte haben mir mitgeteilt, dass sie zwar versuchen können, mir mit Chemotherapie ein bisschen Zeit zu verschaffen, aber es gibt keine Heilungschancen.“
    „Wie viel Zeit ist ein bisschen?“
    „Meinst du denn nicht, ich hätte mich erkundigt, wie diese Chemotherapien aussehen? Was da abläuft? Was das anging, waren die Ärzte sehr erfahren. Sie gaben mir bereitwillig jegliche Aus­kunft gegeben. Und ich will es nicht. Ich will sterben wie ich jetzt bin und nicht als haarlose, abge­zehrte Außerirdische. Ich muss mir selbst nichts beweisen. Ich weiß, dass ich lebe und ich weiß, dass ich bald sterben werde.“
    „Lani – “
    „Scott, fang nicht an mich überreden zu wollen! Meine Eltern haben das bereits ver­sucht. Es hat kei­nen Sinn. Ich will nicht in einem Krankenhausbett mit ei­ner Men­ge Schläuche und lauter Gift in meinem Körper sterben.“
    Ich schwieg erneut und setzte mich wieder auf das Bett. Lani setzte sich neben mich. Als sie an­fing zu spre­chen, klang ihre Stimme sehr ruhig: „Scott, sieh mich an. Du kennst mich kaum und reagierst trotzdem wie ein langjähriger Freund. Das ist unglaublich nett von dir. Niemand zuvor hat sich je mir gegenüber so verhalten. Das, was ich dir gerade eben erzählt hab, ist schwer verdaulich. Wer will schon wissen, wann er stirbt? Meine restliche Zeit möchte ich in Frieden verbringen. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr zur Schule gehe oder eine Ausbildung anfange.“
    Es klopfte an der Tür. Lanis Mutter lugte herein und ließ ihren Blick einmal zwischen uns her schweifen.
    „Scott, magst du deinen Kaffee noch oder soll ich ihn wegschütten?“
    Ich stand auf. „Entschuldigen Sie. Den hab ich vollkommen vergessen. Ich trinke ihn sofort.“
    Lanis Mutter nickte und verschwand wieder. Wir beide kamen ihr nach. Im Esszimmer holte sich auch Lani eine Tasse Kaffee.
    „Hast du schon Mittag gegessen?“, erkundigte sie sich, während sie Zucker und Milch portionierte.
    „Nein. Ich hab zu Hause was stehen.“
    Es war vollkommen surreal. Gerade eben hatte sie mir mitgeteilt, dass sie todkrank war, wir hat­ten uns gegen­seitig er­bost angeschnauzt und jetzt saßen wir hier am Tisch und unterhielten uns, als wäre nichts gewesen. Von dem Schrecken, der mir widerfahren war, war nur ein kleiner fester Bro­cken zurückgeblieben, der ein ungemütli­ches Gefühl in mir ausbreitete.
    Während wir redeten, ließ sie sich nicht anmerken, ob sie Ähnliches empfand. Schließlich war der Kaffee aus­getrunken. Bisher war ich noch nie in die Privatsphäre eines Menschen eingedrungen und ich begann, mich unwohl zu fühlen. Ich musste erst mal darüber nachdenken, warum ich auf einmal auf eine mir so fremde Art handelte. Oder warum ich überhaupt handelte. Sonst machte ich mir auch keine Gedanken darüber. Mir war meistens alles egal.
    Im Hintergrund klapperte Lanis Mutter in der Kü­che und summ­te eine mir fremde Melodie.
    Ich räusperte mich. „Ich gehe dann mal, Lani.“
    „In Ordnung.“
    Sie begleitete mich zur Tür. „Wenn du, ähm, möchtest, können wir uns noch mal treffen.“
    „Klar. Wann du kannst.“
    Wir tauschen noch unsere Nummern aus und ich verließ das Haus.

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