Sonntag, 9. März 2014

Lani (1/4)

Das erste Mal traf ich Lani auf dem Augustusplatz. Ich weiß noch ganz genau, wie sie da saß, als mein Blick auf sie fiel. Mit angezo­ge­nen Knien kauerte sie auf den Stu­fen vor der Oper. Ihr schokoladenfarbiges Haar wehte im Wind. In reflexartigen Bewegungen strich sie es sich immer wie­der aus dem Gesicht. Der Wind deplatzierte es sofort wieder.
    Normalerweise hätte ich sie nicht einmal bemerkt. Nur eine Jugendliche. Doch sie hockte dort wie ein Fötus zusammen gekauert. Sie wirkte so alleine. Ich wollte nur an ihr vorbeigehen, aber ich blieb stehen.
    Als mein Schatten auf sie fiel, hob sie den Kopf und blickte mich überrascht an. Ihre Augen wa­ren leicht ver­quollen und gerötet.
    In diesem Moment schalt ich mich einen Idioten. Was, um alles in der Welt, machte ich hier ge­rade? Rumstehen und Glotzen wie ein Idiot.
    „Hallo“, begrüßte ich sie.
    Sie nickte ein wenig verwundert. „Hallo.“
    Ihre Stimme klang ganz dunkel – ein herber Widerspruch zu ihrem niedlichen Ausse­hen. Unzäh­lige Som­mer­sprossen sammelten sich auf ihrem sanft gerundeten Gesicht. Ihre dunkelbrau­nen Au­gen besaßen einen exotischen, mandelförmigen Schnitt. Ich wusste nicht, in welchen Teil der Erde ich ihre Herkunft einordnen sollte, obwohl ich auf eine Schule mit Schülern aus zig verschiedenen Nationen ging.
    Ihr erstaunter Gesichtsausdruck ließ auf Erklärungsbedarf schließen. Verdammt, wie sollte ich et­was begrün­den, was ich selbst nicht verstand?
    „Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen? Du siehst so verloren aus.“
    Sie lächelte. Leicht. Ganz leicht. Und senkte ihren Blick zu Boden. Ich bemerkte die Traurigkeit, die für einen kurzen Moment ihr Gesicht überzog.
    „Ich hab mich verlaufen“, antwortete sie schließlich, „und habe darauf gewartet, dass mich je­mand findet.“
    Und so war es. Ich hatte sie gefunden. Die Quelle in der Wüste.
    „Also, soll ich dir helfen?“, erkundigte ich mich erneut.
    „Wenn du dich hier auskennst.“ Sie nannte mir den Namen einer Straße und ich schlug vor, sie dorthin zu begleiten.
    „Das würdest du machen?“, lächelte sie mich an. Doch es war wieder kein strahlendes Lächeln. Sehr reserviert. „Obwohl du mich gar nicht kennst? Das ist sehr lieb von dir.“
    Ich bot ihr meine Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie bedankte sich mit einem kurzen Blick. Wir machten uns auf den Weg zur Haltestelle. Der Bäcker auf der anderen Straßenseite erweckte meine Aufmerksamkeit.
    „Ich hab noch nicht gefrühstückt. Hast du Hunger?“
    „Tierischen. Aber ich hab kein Geld dabei.“
    „Ich kann dir welches leihen.“
    Normalerweise verlieh ich nie mein Geld, weil ich niemandem traute, es auch zurückzuzahlen. Aber in die­sem Moment hätte ich geschworen, dass Lani mich nicht betrügen würde. Jemand, der zusammen gekauert auf eine öffentlichen Platz hockte und darauf wartete, dass man ihn fand, zog einen nicht ab.
    Sie blickte mich mit großen Augen an. „Das wäre klasse. Natürlich gebe ich es dir zurück.“
    Ich kramte ein paar Münzen aus meinem Portemonnaie und wir holten uns beide belegte Brötchen. Als wir dann in der Straßenbahn saßen, fing ich erst wieder mit einem Gespräch an.
    „Wo kommst du denn eigentlich her?“
    „Ach, den Ort kennst du bestimmt nicht. Er liegt im Vogtland und hat nur etwa achthundert Einwohner. Wir sind erst gerade hergezogen, weil mein Vater hier ei­nen neuen Job angenommen hat. Und du? Müsstest du nicht eigentlich in der Schule sein?“
    „Dasselbe könnte ich dich fragen.“
    „Ich hab Mittlere Reife und aufgehört. Also?“
    „Hätte ich auch gern, aber die Lehrer wollten mich lieber noch ein Jahr da behalten.“
    Sie musterte mich kühl. „Und das dankst du ihnen, indem du schwänzt?“
    Ich verdrehte die Augen und sagte nichts mehr zu dem Thema. „Ich heiße übrigens Scott.“

Kur­ze Zeit später stand ich in einer winzigen Wohnung, die noch nach frischer Farbe roch. Die Wände strahlten in einem angenehmen Hellgrün. Ich sah mich ungeniert um. Die Möbel be­standen größtenteils aus Bam­bus. Der Teppichboden war dunkelbraun. Die Stühle um den runden Tisch waren mit bun­ten Leinen bezogen. Vergrößerte Fotos an der Wand zeugten von einer Vor­liebe für die Südsee.
    Lani bemerkte mein Interesse an den Bildern und erklärte: „Meine Mutter kommt aus der Do­mi­ni­kanischen Republik. Sie ist sehr Heimatbezogen.“
    „Warst du auch schon mal da?“
    „Nein. Wir wollten nächsten Sommer hin fliegen.“
    „Wollten?“
    Sie zögerte leicht. „Der Flug ist sehr teuer. Wir wissen nicht, ob wir uns das leisten können – jetzt nach dem Umzug.“
    „Es würde sich auf jeden Fall lohnen. Dort muss es wunderschön sein.“ Ich sah die Szenerie förmlich vor Au­gen: Der weiße Sandstrand, die großen Palmen, die Sonne brannte, das türkise Meer schlug sanfte Wellen heran, vom nahen Urwald er­klan­gen Geräusche exotischer Tiere und in der Luft lag der Duft süßer Früchte.
    „Ist es.“ Lani sprach es aus mit der Überzeugung ungebrochenen Glaubens. Sie rückte einen Bildrahmen zu­recht. „Manchmal wünschte ich mir ...“ Sie sprach nicht weiter.
    „Was denn?“
    „Ach, ist nicht wichtig.“
    „Sag schon.“
    Sie wandte sich ab. „Na, eben dort zu sein. Bis an mein Lebensende. Ich hab da eine Familie. Sie sind sehr arm – verglichen zu allem, was in Deutschland so wichtig ist. Und doch sind sie – unge­hemmt. Ich stehe in Briefkontakt mit meiner Cousi­ne. Sie ist achtzehn und hat schon zwei Kinder. Sie führt ein hartes Leben und – das inter­essiert dich si­cherlich nicht wirklich.“
    „Doch, doch“, widersprach ich schnell und fragte mich, woher plötzlich ihre Bitterkeit kam. „Aber du bist noch jung. Willst du wirklich bis an dein Lebensende da leben? Schließlich sind es noch einige Jährchen.“
    Ich meinte es ironisch. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, wandte sie sich ab.
    „Du wartest sicherlich auf dein Geld“, hörte ich sie murmeln.
    „Lani, habe ich etwas Falsches gesagt?“ Sie antwortete nicht. „Wenn ja, dann tut’s mir leid.“
    „Du entschuldigst dich ohne zu wissen, warum, richtig?“
    Sie schaute mich nicht an, aber ich sah die Tränen in ih­ren Augen. Ich war schockiert und erwi­derte nichts. Lani verließ kurz den Raum und kam mit einer Geldbörse in der Hand zurück. Sie drückte mir vier Euro in die Hand.
    „Hier, ich hab’s passend. Behalte den Rest. Als Dankeschön. Warst echt nett zu mir.“
    Während sie redete, drängte sie mich zur Haustür. Ich stammelte, dass es nicht nötig wäre und danke und – 
    „Tschüss, Scott.“ Die Tür krachte, als Lani sie ins Schloss warf. Ich stand ein­fach nur mit offenem Mund da und starrte sie unmittelbar unter dem Guckloch an. Ich hatte schon meine Faust gehoben, um zu pochen, als ich dachte: Das ist das verkehrteste, was du jetzt machen kannst. Ich ließ die Hand fallen und schaute auf meine Uhr. Kurz nach elf.

Lani ging mir nicht aus dem Kopf. Gammelte ich in der Schule an meinem Platz herum, verwandelten sich meine Striche in zusammen gekauerte Lanis mit ver­quollenen Au­gen. Fälschte ich zu Hau­se meine Entschuldigungen, begann ich darüber nachzuden­ken, dass Fernbleiben nicht die richtigen Art war, sich bei den Lehrern fürs Sitzenbleiben lassen zu rächen. Kam ich an einem Reisebüro mit karibischen Schau­fens­ter­bil­dern vorbei, stellte ich mir La­ni und ihre Cousine vor, wie sie mit den beiden Kin­dern im Meer baden gingen, lachten und Spaß hatten. Und wenn ich gerade nichts machte, überlegte ich, was für Gründe Lani ge­habt hatte, mich rauszuwerfen. Hatte sie meine Bemerkung ausländerfeindlich ge­deutet? Aber das war sie nicht gewesen. Und wenn sie das hinein interpretierte, phantasierte sie sich ganz schön etwas zusammen. Hatte ich sie beleidigt? Wenn ja, war sie eine Mimose. Aber das kon­nte ich mir beides nicht richtig vorstellen. Vielleicht war sie auch einfach nur mit ihrer Lebenssitua­tion un­zufrieden und ich hatte sie dar­an erinnert.
    „Du hörst auch echt nichts“, erklang eine belustigte Stimme.
    Ich schaute vom Fernseher zur Zimmertür. Dort stand Edgar mit verschränkten Armen.
    „Hä?“
    „Mann, ich hab fünf Mal geklingelt und sogar deine Mutter nach dir schreien hören.“
    Ich zuckte mit den Schultern. „Jetzt bist du hier. Zocken wa ‘ne Runde?“
    „Klar.“
    Edgar pflanzte sich neben mich. Ich schaltete die Spielkonsole an.
    „An was hast'n du grad gedacht?“
    „Nur so überlegt.“
    Edgar von Lani erzählen? Dass ich über sie grübelte wie er über die aktuelle Bundesligatabelle? Frauen waren unlogischen Gedankenwege folgende Wesen, die nicht verstanden, was Abseits war, immer zu­sammen auf Toilette gehen mussten und über andere ih­rer Art in gemeinster Weise lästerten, wäh­rend die zwei Meter daneben standen. (Seine Meinung, nicht meine.)
    „Was ist eigentlich mit dir los, Scotsman?“
    „Wie jetzt?“
    „Generell. Du erscheinst zwei Tage lang pünktlich zum Unterricht und hast sogar die Mathehaus­aufgaben gemacht.“
    Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Wenn ich zu oft fehle, lassen die mich vielleicht noch mal durch­rasseln.“
    „Verdammt. Wirst vernünftig, was?“
    „Scheint so.“

Ich beschloss, Lani noch einmal aufzusuchen. Da stand etwas zwischen uns, das unbedingt geklärt werden muss­te. Ich wusste, würde ich nicht die Gründe ihres Verhaltens erfahren, würde ich mich noch zu Tode grü­beln. Der Beschluss beschäftigte mich den ganzen Tag. Am liebsten wäre ich schon vormittags zu ihr gegangen, aber das würde sie sicherlich verärgern, darum wartete ich die verdammten sechs Stunden ab und fuhr dann zu ihr.

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