Samstag, 22. März 2014

Lani (3/4)

Wir lagen auf der Wiese vor dem Zooschaufenster. Es war ein ange­nehm warmer Freitag­nach­mittag. Musik schallte herüber. Es wurde gegrillt. Leute spielten Fußball oder Frisbee. Lani und ich lagen wie ein Ruhepol bewegungslos zwischen den anderen. Wir hatten grad beide ein großes Eis geschlachtet.
    „Wenn wir uns jetzt öfter mal treffen, Scott“, fing Lani an, „kommst du da überhaupt noch mit deinen Haus­auf­gaben klar?“
    Das war typisch Lani. Sie fing einen Satz an, der alles Mögliche nach sich ziehen konnte und dann fügte sie etwas Banales wie Schule hinzu.
    „Ich bin nicht der Typ, der sich stundenlang damit aufhält.“
    „Das heißt, du schreibst sie fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn ab“, tadelte sie mich.
    Ich zuckte mit den Schultern. „Du hast schon erreicht, dass ich regelmäßig zur Schule gehe, Lani. Einen Mus­terschüler wirst du nie aus mir machen.“
    „Was hab ich erreicht? Ich hab nie gesagt, dass du – “
    „Bei unserem ersten Treffen hast du etwas in die Richtung erwähnt. Daraufhin hab ich ein schlechtes Gewis­sen bekommen.“
    „Und jetzt hast du das Schwänzen aufgehört?“
    „Größenteils.“
    Sie schwieg einen Moment. Ihr entzückter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie äußerst begeistert von ihrem positiven Einfluss auf mich war.
    „Hat sich denn etwas in der Schule geändert?“
    „Ein paar Sprüche von Seiten der Lehrer gab’s. Oh – und ich kenne mittlerweile die Gesich­ter meiner Klassenkameraden.“
    „Das ist doch schon mal ein Anfang.“
    Über diesen spöttischen Kommentar lächelte ich nur. Ich liebte es, einfach mit Lani her­umzuhängen. Wir lachten viel. Spielten Airhockey in einem Lokal. Ich brachte ihr Skateboard-Fahren bei. Sie lehrte mich ein bisschen Spanisch. Wenn wir es uns leisten konnte, gingen wir ins Kino, schauten niveau­lose Teeniekomö­dien oder übertriebene Actionfilme.
    In die Dramen gingen wie nie.
    „Lani, kann ich dich mal was fragen?“
    Sie antwortete nicht. Ich kannte das mittlerweile. Lani zeigte sich gern mundfaul. Würde sie et­was gegen meine Frage haben, würde sie es sagen. Aber sie zeigte keinerlei Reaktion, wie sie da mit ihrem Kopf auf meinen Bauch gelegt in den Himmel starrte. 
    „Hast du einen Traum, den du dir erfüllen möchtest?“
    Bei meiner Frage drehte Lani ihr Gesicht zu mir und funkelte mich verärgert an. „Ich hab doch gesagt, dass du mich zu nichts überreden sollst.“
    „Nein, nein! Das, was du denkst, meine ich nicht. Ich spreche von Sehnsüchten. Einen heimlichen Wunsch.“
    Sie bettete ihren Kopf wieder und wandte ihren Blick zum dunkelblauen Himmel. „Ich will nicht hier sterben.“
    „Nicht hier in Leipzig?“
    „Nein, nicht in Deutschland. An Leipzig hab ich zu wenig Erinnerungen. Wir wohnen ja noch nicht lange hier. Aber an den Ort, in dem wir vorher gelebt haben, hab ich viel Schlechtes erfahr­en.“
    „Sie haben dich fertiggemacht?“
    „Hab mal braune Haut auf dem Land. Als wir fortzogen, gab es niemand, dem ich es erzählen konnte, weil niemand traurig deswegen gewesen wäre.“
    „An so einen Ort würde ich auch nicht zurückdenken wollen.“
    Ich hatte auch nicht großen Freundeskreis, aber ein paar richtige Kumpels, Edgar zum Beispiel. Wir würden uns niemals über theologische Ansichten unterhalten, aber das war ein Zeichen unserer Freundschaft: Um uns zu verstehen, mussten wir nicht miteinander reden.
    Ich seufzte in mich rein. Mal wieder verglich ich La­nis Welt mit meiner. Immer, wenn sie von ih­rem Leben er­zählte, wollte ich Parallelen zu meinem ziehen. Ich fand selten welche.
    „Ich“, Lani setzte sich auf und starrte über alle Menschen hinweg zum Horizont, „würde zu gerne das Geburtsland mei­ner Mutter kennen lernen. Von klein auf bin ich mit ihm aufgewachsen ohne jemals dort gewesen zu sein. Ich fühle mich dem Land so verbunden. Ich spreche ihre Sprache. Ich kenne das Dorf mei­ner Mutter von Fotos und Erzählungen. Seit Jahren schreibe ich mir mit meiner Cousine, habe sie nie getroffen und kenne sie doch. Das alles hinterlässt eine Leere in mir. Als hätte man mir Erinnerungen geklaut und mir bleibt die Mög­lichkeit verwehrt, sie zurückzuholen. Wir hatten geplant hinzuflie­gen, hatten angefangen, Geld zu sparen, möglich lange zu bleiben. Dann kam meine Krankheit. Das Geld ist jetzt größtenteils weg.“ Sie stockte. „Das ist schmerzhaft. Meine Eltern mussten soviel aufgeben für mich, im Wissen, dass sie mich trotz allem verlieren werden.“
    Aus Trost legte ich meinen Arm um sie und drückte sie an mich. Etwas, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Lani schaute mich nur an und setzte zu einem halben Lächeln an. Sie drückte meinen Unterarm kurz. Ich ließ meinen Arm wieder von ihrer Schulter gleiten.
    „Es ist nicht mehr schlimm, Scott. Ich träume nicht mehr. Träume bringen nun mal nichts Anderes mit sich als das Aufwachen.“
    Sie legte ihren Kopf wieder auf meinen Bauch und wir sprachen nicht mehr darüber. Mir ging das Thema nicht aus dem Kopf.

In der Pause saßen Edgar und ich in unserem kleinen Schulcafé. Er malträtierte den Lack des Ti­sches mit einer Schere und ich starrte ein Loch in den Boden.
    „Was bist du so schweigsam, Scotsman?“
    Ich zuckte mit den Schultern.
    „Machste dir Gedanken wegen Englisch?“
    „Ach, dass der Stanze mich zusammen geschissen hat, juckt mich nicht. Ich denk über was An­dres nach.“
    „Darf man wissen, worüber?“
    „Ich brauch dringend eine Arbeit. Weißt du was?“
    Edgar musterte mich. „Nee, aber ich kann mich ja mal umhorchen.“
    „Wär cool, danke.“
    Ich beschloss, mich nicht auf Edgars Abhördienste zu verlassen, sondern machte mich am gleichen Tag noch auf die Suche. In mehreren Geschäften fragte ich nach, ob sie dort Arbeit für mich hätten. Alle lehnten ab. Schließlich fand ich in einer kleinen Kaufhalle einen Aushang: Aushilfe gesucht. Drei­mal nachmittags, von sechzehn bis zwanzig Uhr, fünf Euro die Stunde. Morgen könnte ich anfangen.
    Die Arbeit war simpel: Ware aus- und einsortieren und etikettieren. Mein Chef war ein Unsymphat. Er halste mir die ganze Drecksarbeit auf. Plötzlich zerhackte ich Kakerlaken und schrubbte mona­telang nicht mehr gesäuberte Regale. Hätte mich mei­ne Mutter gesehen, wäre sie in einen an Wahnsinn grenzen­den Lachanfall ausgebrochen. Aber ich bekam mein Geld pünktlich.
    Mit Lani konnte ich mich nur noch treffen, wenn ich nicht arbeiten musste. Fußballschauen mit Edgar fiel auch immer öfters flach.
    Mittlerweile hatte ich Lani von meinem besten Kumpel Edgar erzählt. Ich hatte sie auch gefragt, ob sie ihn kennen lernen wollte, aber sie hatte abgelehnt – glücklicherweise. Ir­gendwie gehörten Edgar und Lani nicht in den selben Raum.
    Edgar wusste hingegen überhaupt nichts von Lani. Er dachte sich nichts Böses dabei, wenn wir uns in letzter Zeit seltener trafen. Zwei Wochen, nachdem ich die Ar­beit im Supermarkt angefangen hatte, kam er mit der Nachricht, dass sein Onkel einen Aushilfskellner für seine Bar suchte. Ich legte meine Schicht im Supermarkt am Freitag eine Stunde vor und stand nun freitags und samstags von zwanzig bis vierundzwanzig Uhr hinterm Tre­sen, genau wie am Sonntag von zehn bis dreizehn Uhr.

Am Freitag kam ich wie sonst auch um zwanzig nach sieben nach Hause. Meine Mutter saß am Esstisch und las eine Illustrierte.
    „Hallo“, begrüßte ich sie.
    „Hallo. Scott, kann ich mal grad mit dir reden?“
    Ich blickte auf die Uhr. „Klar.“
    Sie legte die Zeitschrift fort und starrte mich an. „Was ist eigentlich in letzter Zeit mit dir los? Du bist kaum noch zu Hause“, begann sie.
    „Ich bin viel unterwegs.“
    Der Zweifel in ihrem Blick irritierte mich. „Warum auf einmal soviel und früher eher selten?“
    Ich war überrascht, dass ihr das aufgefallen war. Sie war doch selber an­dauernd ar­beiten. Weil ich nicht wusste, was ich antworten sollte, sagte ich gar nichts.
    „Scott, dein Vater und ich machen uns Sorgen um dich. Du bist nie da und wenn, bist du in dei­nem Zimmer. Bist du denn immer noch mit Edgar befreundet? Er kommt in letzter Zeit gar nicht mehr her.“
    „Natürlich bin ich noch mit Edgar befreundet. Wir schauen doch regelmäßig Fußball zusammen in der Bar seines Onkels“, log ich.
    „Und was ist mit der restlichen Zeit?“
    Ich hielt kurze inne und betrachtete meine Mutter. Ihr Gesicht spiegelte ehrliche Besorg­nis wider. So egal, wie ich immer gedacht hatte, war ich ihr wohl doch nicht. Mein schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort.
    „In Ordnung. Ich habe gelogen. Ich kellnere in der Bar von Edgars Onkel und arbeite als Warenauffüller in einer Kaufhalle.“
    Sie fühlte sich mit meiner Begründung nicht zufrieden. „Wozu brauchst du das Geld? Bisher bist du mit deinem Taschengeld immer gut ausgekommen.“
    „Das Geld ist nicht für mich.“
    „Wirst du erpresst?“
    Ich lachte kurz auf. „Nein.“
    „Nimmst du Drogen?“
    „Mutter, nein!“ Jetzt verging mir das Lachen. „Das Geld ist für keine illegale Angelegenheit. Ich will einfach mehr Geld auf meinem Konto wissen.“
    Sie glaubte mir nicht. Wie sie die Lippen schürzte und nicht wusste, ob sie mich oder den Boden ansehen sollte. Meine Mutter fehlte die Überzeugung, ihr Sohn könnte etwas Ehrliches vollbringen.
    „Scott, wenn du in Schwierigkeiten bist, bitte sag es mir. Ich werde mit deinem Vater reden. Zu­sammen kön­nen wir dir helfen.“
    Ich seufzte. „Warum glaubst du mir nicht? Hast du so wenig Vertrauen in mich?“
    „Es wäre nicht das erste Mal, dass du lügst, Scott“, sagte sie leise und sah mich dabei nicht an.
    „Diesmal lüge ich nicht. Hör doch auf mich – bitte.“
    Sie antwortete nicht und ich ging ohne weiteren Kommentar wieder in mein Zimmer.

Meine Eltern trauten mir nicht mehr. Sie glaubten, ich wäre mit kriminellen Machenschaften zugange. Wenn sie mich jetzt ansahen, er­kannte ich die Fragen in ihren Augen. Früher hätte mir das nichts ausgemacht. Es hat eine lange Zeit gegeben, in der ich gewissenlos gelogen habe, was Schule und meinen sonstigen Zeitvertrieb anging. So haben meine Eltern zum Beispiel erst erfah­ren, dass ich sitzenblieb, als mein damaliger Klassenlehrer abends um halb zehn Uhr anrief – um auch ganz sicher zu sein, dass meine Eltern zu Hause waren. Er hatte den ge­fälsch­ten Un­ter­schriften auf meinen blauen Briefen nicht geglaubt.
    Sie haben danach geglaubt, mich mit Verboten gängeln zu können, aber ich habe alle gebrochen. Sie konnten mich schließlich nicht überprüfen. Irgendwann haben sie es dann aufgegeben, genau wie sie aufgehört hatten zu fragen, was ich mache, wie ich in der Schule liefe, wohin ich gehe.
    Dass sie sich die ganze Zeit trotzdem Gedanken um mich gemacht hatten, war mir entfallen. Jetzt fielen mir ihre stillen Blicke auf und riefen ein stetiges schlechtes Gewissen in mir hervor. Ihnen je­doch jetzt etwas von Lani zu erzählen, würde auch nicht bringen. Sie würden es mir nicht glauben. Ein Mädchen? Wie einfach willst du es dir denn noch machen?
    Das Thema beschäftigte mich die ganze Zeit über. Lani fiel auf, dass ich weniger ausgelassen war als sonst. Sie sprach mich darauf an, aber ich wink­te ab. Stress mit ‘nem Kum­pel, Stress mit der Schule, Stress zu Hause.
    „Scott, du lügst mich an“, schimpfte sie und blieb stehen. „Was soll das? Hab ich dir was getan?“
    „Nein, Lani. Ich hab einfach schlechte Laune. Das ist alles.“
    „Dann hast du also seit einer Woche jedes Mal schlechte Laune, wenn wir uns treffen. Sehr glaubhaft ist das nicht. Und da wir schon mal beim Thema sind: Warum halbierst du unsere Treffen von heu­t auf morgen?“
    „Wir schreiben momentan eine Menge Arbeiten. Ich will einfach raus aus dem Fünferbereich.“
    „Du willst mir ehrlich verklickern, dass du jeden Tag für die Schule lernst?“
    „Nein.“
    „Aber du hast es gerade getan! Scott, warum, zur Hölle, belügst du mich?“ Ihre Stimme war laut geworden und sie schubste mich kurz vor die Brust.
    „Ich muss viel nachhholen, okay?“
    „Du lügst weiter. Ich kenne dich, Scott. Du schreibst dir lieber ‘nen Haufen Spickzettel als wirk­lich zu lernen. Du fängst nicht von heute auf morgen an wie doof zu büffeln.“
    „Gut, ich sage dir die Wahrheit: Ich habe eine Arbeit in einer Kaufhalle angenommen.“
    Sie schwieg kurz. „Das soll alles sein? Wenn das stimmen würde, Scott, hättest du das nicht vor mir verheim­lichst. Ich will mich nicht in dein Leben einmischen, aber ich dachte, wir würden offen zueinander sein.“
    Als ich in ihren Augen Tränen sah, fühlte ich mich richtig schlecht. Ich hätte glatt mitheulen kön­nen, denn sie wiederholte die Frage, die ich meiner Mutter gestellt hatte: „Vertraust du mir so wenig?“
    „Nein, das ist es nicht! Ich kann es dir einfach nicht sagen, Lani.“
    „Du hast eine Freundin, nicht wahr?“
    „Was?“
    „Gib’s doch zu: Du hast eine andere Freundin.“
    „Nein.“ Ich gab auf. „Es bringt nichts, weiter zu reden. Du glaubst mir eh nicht. Ich hab dir die Wahrheit gesagt. Ob du sie glaubst, liegt an dir.“
    Ohne Abschiedsworte drehte ich mich um und verschwand in der nächsten Nebenstraße.

„Mal sehen, wer von euch darf mir denn jetzt seine Hausaufgaben vorlesen. Hm“, der Stanze ließ seinen Blick durch die Reihen schweifen, „Scott, von dir hab ich seit Monaten nichts mehr gehört.“
    „Dann haben Sie für diese Zeit glatt Ihr Gedächtnis verloren“, erwiderte ich.
    „Jetzt werd nicht frech, junger Mann. Lies deine Hausaufgaben vor.“
    Ich verfluchte ihn kurz und begann den hastig von Edgar abgeschriebenen Text vorzulesen. „The text is about a girl, which ...“
    „Who“, unterbrach der Stanze mich.
    „... who falls in love with a guy with the name Steve, but her love don’t ...“
    „Does not!“
    „ ... but her love does not bring anything, because he will go to...“
    „Is going to“
    „ ... because he is going to go to war, where he dies.“
    „Scott,“ der Lehrer schwieg kurz, „ist das dein Ernst?“
    „Sehen Sie mich lachen?“
    In der Klasse erklang unterdrücktes Gekichere.
    „Du solltest einen Einleitungssatz zu einer summary schreiben“, sagte der Stanze scharf. „Was du da gemacht hast, ist nicht mal Fünferniveau. Manchmal glaube ich echt, dass du das extra machst. Du bist schon mal sitzen geblieben, Scott.“ Kunstpause. „Für ein paar Wochen schien es so, als hättest du heimlich eine Erleuchtung gehabt, aber mittler­weile tust wieder alles dafür, diesen Eindruck zu zer­stören. Ich weiß nicht, wie oft ich dir das noch sagen soll: Das Leben ist kein Spiel. Beweg jetzt endlich mal deinen Hintern, verdammt!“
    Erleuchtung, dachte ich, ja, die habe ich echt gehabt.

Als ich nach Hause kam, lag ein Zettel auf den Tisch: Scott, eine Frau versucht dich zu errei­chen. Darunter war eine Telefonnummer gekritzelt. Lanis. Aber eine Frau? Lanis Stimme war ganz klar die eines Mäd­chens, meine Mutter würde sie nie als Frau bezeichnen. Ich griff nach dem Telefon, wählte. Es dauerte einige Zeit, bis jemand dran ging: „Hallo?“
    „Hallo, hier ist Scott. Ich glaube, Lani hatte bei mir angerufen.“
    Lanis Mutter schluchzte auf. „Nein, Scott, ich habe bei dir angerufen.“
    Mir wurde kalt. „Ist etwas mit Lani?“
    „Ach, Scott, es ist schrecklich. Lani ist gestern zusammen gebrochen. Sie ist jetzt im Kranken­haus.“
    Eine Kälteschauer fuhr meinen Rücken entlang. Ich starrte auf die Wand vor mir und konnte nicht aussprechen, was ich dachte. Es war soweit.
    „Scott, es ist nicht das erste Mal, dass so etwas ge­schieht.“
    „Kann ich ... also, ähm, ist sie ... Kann ich sie besuchen?“
    „Ja, natürlich.“
    Sie nannte mir Krankenhaus und Zimmernummer. Wir verabschiedeten uns voneinander. Zwanzig Minuten brauchte ich bis zum Krankenhaus. Schließlich stand ich ganz außer Atem vor der brauen Zimmer­tür. Ich klopfte kurz an und trat ein.
    Lani lag dort in einem Bett und blickte mir müde entgegen. Wie schlecht sie aussah! Ganz fahl im eingefalle­nem Gesicht, dunkle Ringe unter den Augen. Sie lächelte schwach.
    „Hallo Scott.“
    Ich blieb an der Tür stehen. „Hallo Lani! Deine Mutter hat mich angerufen“, sagte ich. „Wie, ähm, geht’s dir jetzt?“
    „Wieder besser.“
    „Du siehst nicht gut aus, ehrlich gesagt.“
    Sie nickte. „Kann ich mir vorstellen.“
    Ich trat ans Bettende und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ihre Krankheit war über die Zeit in meinen Hinterkopf gedrängt worden. Wenn ich mit ihr etwas unternommen hatte, hatte ich daran nicht gedacht. Jetzt war es auf einmal so präsent: Sie lag vor mir in einem Krankenhausbett.
    „Du bist ganz rot im Gesicht“, bemerkte sie.
    „Ich hab mich beeilt herzukommen.“
    „Du riechst auch unverkennbar nach Schweiß.“
    „Das lässt sich leider nicht vermeiden.“
    Wieder trat peinliche Stille ein. Wir beide schauten in entgegen gesetzte Richtungen und wuss­ten nicht, wie weiter.
    „Lani, ich hab keine Freundin“, platzte ich heraus.
    „Es war dumm von mir, das zu behaupten“, erwiderte sie. „Ich konnte es natürlich nicht bewei­sen, aber das war das einzige, was ich mir vorstellen konnte. Das mit der Schule glaube ich aller­dings immer noch nicht.“
    „Da hab ich wirklich gelogen.“
    „Was war es denn dann?“
    „Ich hab zwei Arbeitsstellen angenommen. Als Warenauffüller und als Kellner. Du hast gesagt, du würdest gerne zu deiner Familie reisen. Ich wollte dir diesen Wunsch erfüllen. Deshalb konnten wir uns nicht mehr so oft treffen.“
    Lani schwieg eine Sekunde, bis sie gerührt lächelte. „Scott, das ist so lieb von dir.“ Ihr stiegen Trä­nen in die Augen. „Jetzt fühle ich mich richtig mies, weil ich ganz schlecht von dir gedacht habe.“
    „Nein, Lani, nicht weinen“, sagte ich. „Das war nicht allzu glücklich, aber da tragen wir beide gleich viel Schuld dran. Ich hätte dich nicht belügen müssen, aber ich wollte dich eben überra­schen.“
    Sie schniefte und nickte. „Ich weiß nicht, was die Ärzte dazu sagen.“
    „Es wird immer kritischer, was?“
    „Ja.“ Lani nagte an ihrer Oberlippe. „Es kommt immer näher.“
    Ich setzte mich neben sie aufs Bett und nahm ihre Hand. Und diesmal ließ sie es zu.

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