Dienstag, 5. November 2013

Veit muss fallen


Veit beschloss, keine Lust mehr zu haben. Er verweigerte sich Ursache und Wirkung und kletterte auf einen Baum. Veit war nicht ganz so dick, wie seine Mitschüler ihn schimpften. Er trug diesen roten, gepolsterten Anorak, wenn es kälter wurde. Schon seit 3 Jahren nannten sie ihn deswegen „Fat-Red“. Veit fühlte sich warm und sicher.
Der Stamm des Baumes bewies, dass er sich über Jahrzehnte hinweg hatte durchsetzen können. Wenn Veit die Arme um den Stamm legte, berührten sich seine Fingerspitzen nicht. Und wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte und ein wenig hüpfte, erreichte er kaum den untersten Ast. Nun hatte Veit aber Glück gehabt. Letzte Woche hatte es einen schweren Sturm gegeben. Eine benachbarte Birke war in den großen Baum gekippt und hatte eine Brücke gebildet zur untersten Astgabelung des Baumes.
Er ließ seinen Schulrucksack nahe der Wurzeln liegen. Im Schlamm. Im Dreck. Im Blätterhaufen.
So begann der Aufstieg auf den Baum, der alle anderen überragte, nicht ganz so schwer wie erwartet. Veit konnte den blauen Himmel sehen, aber das war nicht so wichtig. Veit wollte zur Krone. Die Äste gabelten sich in einem ungeometrischen Muster. Mal dick, mal schmal, spalteten sich die Wege fort vom Zentrum. Veit griff nach dem nächsten Ast und führte seinen Weg fort. Seine Schuhe waren stark abgelaufen. Wenn er seine rote Jacke nicht trug, nannten seine Mitschüler in manchmal „Schuh-Wrack“ oder „SchuWa“, weil Wrack jetzt auch nicht das leichteste Wort der Welt ist. Jetzt ließ ihn das ungleichmäßig abgelaufene Profil seiner Schulen rutschen. Er fasste nach dem nächsten Ast, schwang sein Bein hoch und in dem Moment rutschte sein anderer Fuß weg. Er fiel nach vorn. Seine Nägel hinterließen Kratzspuren in der Rinde, als er versuchte, sich festzuhalten. Und da war sein Weg. Zweieinhalb Meter über den Boden fiel Veit.
Und der Baum fing ihn auf. Er landete mit dem Bauch auf den untersten, dicken Ast und in einer hektischen Bewegung umarmte Veit diesen. Sein Oberkörper schmerzte. Er hatte Kratzer im Gesicht. Seine Finger bluteten an drei Stellen. Aber er atmete noch. Und er stand wieder auf und kletterte weiter. Wenn seine Schuhe rutschten, lernte er jetzt, es auszubalancieren. Und er spürte, es wurde kälter. Die Wolken wurden dunkler. Kein Blau mehr.
Und dann war er ganz oben. Die Äste knickten um. Eine Schneise um ihn herum bewies, dass er nicht mehr weiterkam. Seine Füße fanden keinen neuen Halt. Veit setzte sich hin. Schlang seine Beine um die Gabelungen, klammerte seine Arme um die Äste, bettete seinen Kopf, wo er Halt fand.
Veit saß im Baum. Der Wind wehte. Einzelne Regentropfen fielen. Aber nicht viele. Der Baum wiegte sich hin und her und Veit fühlte mit.

Irgendwann erklangen Rufe. Es schrie auch mal jemand. An seinem Rucksack fanden sie seinen Namen. Die Feuerwehr kam. Die Polizei ebenso. Seine Mutter sprach zu ihm durch eine Flüstertüte. Er schloss kurz die Augen. Seine Beine waren eingeschlafen und seine Finger von der Kälte des Windes taub.
Man spannte ein Auffangtuch. Die Versammelten drohten ihm, er solle herunterkommen. Veit fiel und Veit landete. Hart. Ohne Verletzungen. Man half ihm aufstehen. Man half ihm weggehen. Veit war unten angekommen.

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