Donnerstag, 28. November 2013

Schneereif

Der Schnee fiel. Und er fiel so leise. Tore beobachtete ihn. Weiß auf Weiß. So früh am Morgen spiegelten sie noch das orangene Licht der Straßenlampen wider. Krank sahen sie aus.
Tore wäre gern dort draußen gewesen, umgeben vom Lebenseigenem Kältespeicher. Der Tumult hier drinnen gehörte nicht zu ihm.
Der Tumult bestand aus seinen Mitschülern. Kreischen. Rumgetrampel. Handygebimmel. Es gab kein Verbot für schlechte Lautsprecherleistung.
Er könnte sich draußen in den Schnee legen und warten, bis seine Ohren zugeschneit wären. Er würde in regelmäßigen Abständen den Schnee festklopfen. Eine feste Wand aus Eis und Schnee als Schutz und alles, was jetzt fehlte, war das offene Fenster, durch das er dorthin springen konnte.
Alles war besser als in diesem Zimmer voller halbgarer Langzeit-Affen, dem stetigen Konsumrausch eingepfercht gegenüber zu stehen und sich zu bekennen: „Ja, ich habe auch die Materialien dabei. Einmal werden wir sie brauchen.“
Tore legte den Kopf auf den Tisch. Presste die Wange an das lackierte Stück Holz. Ein totes Stück Natur. Angenehm kühl. Ein besseres Stück Freude als dieses Kunstgezücht namens Lehranstalt.
Wie ruhig er war. Er wusste schon und trotzdem blieb er. Tore, der mit seinen kurzen Haaren aussah wie ein Mädchen. Klar. Warum hänselten ihn seine Mitschüler? „Kennst du irgendwelche Folklore, Tore?“, hatte der Musiklehrer gefragt. „Na, mit deinem Namen spielst du Stürmer“, entschied der Sportlehrer. Was für ein Idiot.
Schule war etwas für Leute, die nicht wachsen wollten. In einem demokratischen Land lernte der zu gehorchen, der für nicht gemachte Hausaufgaben Tadel bekam.
Sein Mathelehrer fragte ihn, warum er seine Aufgaben nicht erledigte. „Die Lösungen sind doch bekannt. Warum muss ich sie wiederholen?“ – „Du sollst beweisen, dass du es verstanden hast.“ Er solle dieses neunmalkluge Rebellentum sein lassen. Es brächte ihn nirgendwohin. Unsinn.
Tore hatte mal einen ganzen Nachmittag probiert, ohne Zirkel einen perfekten Kreis zu malen. Das war eine Herausforderung gewesen.
Ein Ringen. Der Lehrer betrat den Raum. Tore löste sein Gesicht von der Tischplatte und hinterließ einen warmen Fettfleck. Was war es, was er wollte? Natürlich sein ist das Weitergehen. Er wollte natürlich sein in seiner Entwicklung.
Hier lernte er zu sitzen, zu stehen, zu laufen, zu gehen, zu bleiben, wie ein Hund, bis er frei gelassen wurde für ein Leben mit Verantwortung und Tadel, der seiner Dressur entgegen kam.
Aber was dagegen unternehmen? Tore legte Block und Stift zurecht.

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