Freitag, 22. März 2013

Bian im Winter

Gegen Dienstag begann wieder der Schnee zu fallen. Bian drückte ihre Nase ans Fenster. Ein kalter Zug fuhr an ihrem Gesicht entlang. Sie atmete aus. Ein Fleck blieb am Glas zurück. Sie zog ihren Ärmel über die Hand und wischte ihn eilig weg. Es hatte Ärger gegeben. Da waren Gesichter im Glas erschienen. Lächelnd. Mit einem Auge schielend. Vergnügt. Eine kleine Katze. Wenn auch der Kopf zu groß geraten war.
Was für ein Unsinn. Wozu hast du Blätter, Bian, und Stifte? Erst letzte Woche gekauft. Mit Glitzer. Bian, wenn du malst, bemal Papier!
Aber überall war eine Fläche. Bian bestaunte die bunten Häuserwände draußen. Auf dem Weg zum Spielplatz war alles vollgemalt. Große Figuren. Ein Dinosaurier. Ein Hai.
Manchmal gingen sie in die Stadt. Dort, wo die großen Bagger standen, hatten sie einen riesigen Zaun aufgezogen, und auch dort war alles voller Gesichter und Bilder. Seltsame Gesichter. Bunte Bilder. Sie erzählten Bian Geschichten, doch bevor Bian ihnen zuhören konnte, drängte ihre Mutter oder ihre Tante, ihre Schwester, ihr Bruder, sie solle sich beeilen. Manchmal kam auch ihre Großmutter mit in die Innenstadt. Sie beschwerte sich am meisten. Großmutter mochte diese Welt hier nicht. Die Leute waren unfreundlich, das Essen schmeckte nicht und es war andauernd so kalt.
Je älter die Menschen wurden, desto mehr jammerten sie.
Bian war letztens fünf Jahre alt geworden und erst seit sie Spielplatzverbot bekommen hatte, verstand sie ein bisschen, wie sich die Großmutter fühlte. Auch die wollte gern woanders sein. Der Spielplatz, wo sie so gern schaukelte, lag nur zwei Straßen weiter. Meistens begleitete sie ihr älterer Bruder, Thien, zusammen mit ihrer Schwester Thao. Sie packten einander an den Händen. Thao ging in der Mitte, weil sie die jüngste war. Dann schaute Thien irgendwann auf die Uhr, die er zu seinem Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und rief, dass sie wieder gehen müssten. Thao bekam manchmal Ärger, weil sie ihre Hose dreckig gemacht hatte. Bian hatte mal ihre Haarspange verloren. Da war sie sehr traurig gewesen. Jemand hatte sie gefunden und mitgenommen, denn am nächsten Tag lag sie nicht mehr am Spielplatz, obwohl sie überall gesucht hatte. Eine bunte Klammer mit einer glitzernden Blume drauf. Sie war so hübsch gewesen.
Wenn sie jetzt etwas verlor, musste es irgendwo in der Wohnung liegen. Vielleicht hatte es Mama weg geräumt oder Thao hatte damit gespielt. Es fand sich alles wieder. Und es wurde langweilig.
Draußen hatte der Schnee die komplette Straße bedeckt. Zwei Leute hatten Fußspuren hinterlassen. Keine Autos fuhren vorbei.
"Mama, dürfen wir morgen raus auf die Wiese und einen Schneemann bauen?", hörte sie Thien in der Küche fragen.
"Nein, ihr geht nicht mehr alleine heraus. Da draußen sind Schweine. Und ich habe keine Zeit. Vielleicht begleitet euch Thang morgen."
Bian seufzte. Da draußen sind Schweine. Jemand hatte am Hauptbahnhof ein Schwein vor dem Seiteneingang auf den Boden gemalt. Es trug eine Mütze und einen Stock. Es war ein hässliches Tier und Bian mochte es nicht.
Das letzte Mal, als sie zusammen den Spielplatz besucht hatten, stand da ein Mann im Gebüsch. Er trug einen Mantel und als Bian ihn bemerkte, öffnete er den Reißverschluss und sie sah, dass er nackt war. Bian fing an zu schreien und lief weg. Sie zeigte Thien den Mann. Thien warf einen Stein nach ihm. Dann befahl er ihnen, nach Hause zu laufen. Thao verstand es nicht. Sie wollte noch länger spielen. Aber Thien war auf einmal sehr böse geworden. Er erzählte zu Hause davon und ihr ältester Bruder, Thang, der mal ausnahmsweise zu Hause gewesen war, war sofort herunter zum Spielplatz gelaufen, um zu schauen, ob der Mann noch da war.
Bian glaubte, Thang wollte den Mann hauen. Sie träumte schlecht in der Nacht. Ihre Oma nahm sie in den Arm und betete mit ihr. Sie verscheuchte die bösen Geister. Aber seitdem durften die drei Kinder nicht mehr alleine zum Spielplatz. Thang war selten da. Bian mochte ihren ältesten Bruder. Er war sehr klug und ging aufs Gymnasium. Er hatte eine hübsche Freundin, Minh, die aber kein vietnamesisch sprach, sondern nur deutsch, was besonders die Großmutter nicht mochte. Früher hatte Thang ihr Geschichten erzählt von Prinzessinnen, die zaubern konnten und von mächtigen Drachen beschützt wurden.
Den ganzen Winter über hatte Bian im elterlichen Schlafzimmer am Fenster gesessen und heraus geschaut. Von hier gab es einen guten Einblick über die Straße. Sie konnte die Leute im Haus gegenüber sehen. Da war die Frau, die immer nur telefonierend in ihrer Wohnung herumlief. Fast überall verfärbte das Fernsehen die Fenster mit milchigen Abdrücken. Bian beobachtete die Menschen, wie sie auf dem Balkon rauchten. Wie sie sich unterhielten, sich stritten, sich anschwiegen. Manche zogen ihre Kleidung um. Selten tanzte mal jemand. Einmal die junge Frau. Das hatte Bian gefreut. Sie würde auch gern tanzen draußen im Schnee. Spuren hinterlassen. Mit ihren Fingern Figuren in den Schnee malen. Eine Blume. Eine Katze. Ein Mädchen, das zaubern könnte, wenn sie nicht ihre magische Haarspange verloren hätte.
Draußen gingen die Straßenlampen an und die weiße Schneedecke wies nun orangefarbene Flecken auf, wo das Licht sie traf. Warum ist unser Licht hier drinnen hell und warum macht das Licht draußen alles dunkel?, fragte sich Bian.
Ein Auto hielt vor ihrem Haus. Sie hörte die Musik bis hier herauf. Thang stieg aus der Beifahrertür heraus. Er hob die Hand zum Gruß und schlug die Tür zu. Das Auto hupte und fuhr weiter.
Bian hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde und wieder ins Schloss fiel.
"Thang, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?", begrüßte ihn die Großmutter.
"Natürlich. Alles schon erledigt."
"Gut. Hilf deinen Geschwistern, sich für das Abendessen zurecht zu machen. Es gibt gleich Essen."
Jemand schaltete das Licht im Schlafzimmer an.
"Hallo Bian. Was sitzt du hier?" Thao kam herein. Er hockte sich neben sie.
"Ich beobachte die Welt."
"Und was geschieht da draußen?"
"Nicht viel." Bian seufzte. "Immer nur das gleiche."
Thao lachte. "Schau mal." Er hauchte das Fenster an und bevor die Spuren seines Atems auch schon verblichen, zeichnete er schnell einen kleinen Drachen. "Das da draußen ist nur Bildfläche. Wichtig ist, was du daraus machst. Und jetzt, komm, kleine Schwester, lass uns etwas essen gehen."

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