Freitag, 21. Dezember 2012

Hohlenfeld (2/3)


"Hohlenfeld" ist eine dreiteilige Horror-Serie. Sie beginnt hier:

2.5.2001
Am Tag der Abreise organisierte Haila es, dass sie die letzte war, die in den Bus stieg, sodass sie automa­tisch neben Maleen sitzen musste. Haila begrüßte Maleen, aber die reagierte nicht, weil sie Musik hörte. Maleen hatte sich dazu entschlossen, sich vollkommen von der Welt abzukoppeln, um die nächste Woche über­stehen zu können. Eigentlich hatte sie die Klassenfahrt boykottieren wollen. Ihre Eltern hatten ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie ahnten, was die Tochter plane, hatten sie gesagt und würden sie notfalls dazu zwingen.
Sie fuhren Berge herauf, Berge herunter, mal sahen sie etwas Schnee, mal einen See, im­mer wieder die Häuser mit den bunten Geranien und den gepflegten üppi­gen Gär­ten und natür­lich die heimlichen Götter der Berge: Kü­he, Pferde und Ziegen.
Haila ließ Maleen gut eine Stunde Zeit, dann versuchte sie die Sitznachbarin anzusprechen. Diese jedoch bemerkte sie nicht. Haila entschloss sich, tatkräftig zu werden. Sie zupfte an Maleens Ärmel. Maleen zog den rechten Ohrstöpsel heraus.
„Was ist?“, fragte sie.
Ihr barscher Ton schüchterte Haila ein. „Wa ... was hör ...“ Nein! Auf diese Art durfte es nicht anfangen! „Was läuft bei dir? Darf ich mithören?“
„Nein.“
Maleen setzte sich die Kopfhörer wieder ein. Was war denn mit Haila los? Maleen wurde sofort misstrauisch, aber dann mahnte sie sich selber. Vielle­icht suchte Haila eine Freun­din und wand sich an sie, Maleen, weil sie beide Au­ßenseiterinnen waren und sich außerdem ein Zimmer teilen mussten. Haila ge­hörte nicht zum Throngefolge, was sie allein deshalb sympa­thisch machte. Maleen überrei­chte Haila einen der Stöpsel. Daraufhin wandte sie sich wieder von Haila ab. Musik war schließ­lich da, um ge­hört zu werden.
Haila lächelte.

Nach zwei Stunden legten sie bei einem kleinen Restaurant eine Pause ein. Die Gaststätte stand zur einen Seite an einem steilen Grasabhang. Am an­deren Ende begann dichter Na­delwald. Im Aufenthaltsraum gab es mehrere Sitzplätze, die sofort beschlagnahmt wur­den. Ein großer Kamin heizte den Raum. Die ganze Ein­richtung war im Al­penstil gehal­ten und sehr gemütlich. Das Wirtsehepaar empfing sie fre­undlich.
Kaum waren sie im Haus angekommen, verschlechterte sich das Wetter. Graue Wolken zogen auf, die Tempe­ratur schwankte um den Nullpunkt. Eisiger Wind wehte.
„Seltsam“, meinte der Lehrer stirnrunzelnd, „heute war doch gutes Wetter gemel­det. Hoffentlich bekom­men wir kein Glatteis, sodass wir weiterfahren können.“
Während des Mittagessens ließ sich Haila an Maleens Tisch nieder, die in ei­nem gemischten Salat herumstocherte.
„Du scheinst heute nicht gut gelaunt zu sein“, sagte Haila.
„Hab keinen Bock auf die Fahrt“, antwortete Maleen ohne Haila anzusehen.
„Weil wir uns mit Rita und Lena das Zimmer teilen müssen?“ Haila deutete mit dem Kopf leicht zu den beiden Mäd­chen, die das optische Zentrum der Gruppe bildeten.
„Auch.“
Sie macht es mir wirklich nicht gerade leicht, dachte Haila. „Was ist denn sonst noch, was dir miss­fällt?“
Maleen sah von ihrem Salat auf und blickte ihre Tischnachbarin das erste Mal an. „Haila, hast du was?“
Schneller Rückzug: „Nein.“
Maleen zuckte mit den Achseln und fuhr fort zu essen.
Die restliche Zeit verlief schweigend. Haila traute sich nicht mehr, etwas zu sa­gen. Maleen war an keiner wei­teren Unterhaltung inter­essiert. Gerade, als ihr Teller leer war, hüllte plötzlich der Schat­ten des Klassen­lehrers den Tisch ein.
„Maleen, bist du so freund­lich und holst meine Tasche aus dem Bus? Ich kann die Klasse nicht un­beaufsichtigt lassen und du bist die einzige, die schon fertig gegessen hat.“
Maleen gab ein unfreiwilliges Knurren von sich, stand auf und verließ das Lokal wortlos – oh­ne an ihre Jacke zu denken, die über der Stuhllehne hing. Auf den Weg zum Bus begann eine unangenehme Mischung aus Schnee und Regen vom Himmel zu fallen. Sie fluchte bösartig und beschleunigte ihren Schritt. Im Bus saß der Fahrer in der ersten Reihe. Anscheinend las er eine Zeitung. Maleen konnte nur seine Beine sehen. Die Tür des Buses stand offen. Warum der Fahrer nicht mit hereinkam, war ihm selbst überlassen.
Ohne ein Wort zu sagen, er­griff sie die Ta­sche, die neben der er­s­ten Stuhl­rei­he stand, beim Henkel. Uff! Was trug der Kerl denn bitte so Schweres bei sich? Sie öffnete die Tasche und erkannte eine große, noch gefüllte Trinkflasche, ein Schreibetui, einen Block, einen Schlüsselbund, ein veraltetes Handy, einen ledernen Terminplaner und drei dicke Bücher, zwei über heimische Tierarten und einen Roman von jemanden namens Ludlum. Maleen hatte keine Ahnung, wer das war.
Sie überlegte, ob sie etwas aus der Tasche hier lassen sollte, aber dann entschied sie sich dagegen. Das würde richtigen Ärger geben und vor genau diesem hatten ihre Eltern sie gewarnt.
„Solltest du auf der Fahrt unangenehm auffallen, sodass dein Lehrer dich zurückschicken muss, werden wir Konsequenzen ziehen“, hatten sie gesagt. Das hieß soviel wie Laptop weg, Fernsehen weg, Telefon weg.
Sie vernahm ein Rascheln. Der Busfahrer hatte die Zeitung weg gelegt. Er stieß ein langes Stöhnen aus. Maleen hievte die Tasche hoch und schaute dem Mann ins Ge­sicht.
Hätte er eines gehabt.
Fünf ungleichmäßig verlaufende Striemen durchschnitten sein Kopf. Sie waren tief, die Schädelknochen traten in Splittern hervor. Haut hing in blutigen Fetzen herab. Ein Auge fehlte vollkommen, das andere war nur noch an ein paar Adern befestigt und lugte aus der Augenhöhle hervor. Die Nase war von oben bis unten aufgerissen. Der Mund war nur noch ein schräges Loch, die Lippen dermaßen von den Schnitten durchtrennt, dass sie nicht mehr als einmal zusammengehörend erkannt werden konnten. Das Loch gab den Blick auf das Gebiss frei, in dem sich nur noch wenige Zähne halb herausgerissen, halb zerstört befanden. Ein tröpfelnder Fluss aus Speichel und Blut strömte seinen Hals herunter.
Maleen begann zu schreien.
Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg!, schoss es durch ihren Kopf. Aber diese Striemen in diesem Gesicht ... Wie von einer Hand. Oh, nein! Das bedeutet, dass ...
Ein Geräusch. Ein Rascheln. Maleen sah sich um. Es war niemand mehr im Bus. Vielleicht in der letzten Rei­he. Dort war ein Schatten im Fenster. Sie erkannte ihn ganz deutlich zwischen den beiden Sitzreihen.
Der Busfahrer stöhnte erneut. Er streckte eine Hand nach ihr aus. Maleen stieß die Tasche von sich und rannte aus dem Bus.
Auf dem Asphaltplatz hatte sich Glat­teis gebildet. Maleen sprang aus dem Bus und schlug hart auf dem Asphalt auf. Ihre Angst ließ sie sich wieder aufrappeln. Sie igno­rierte Schmerzen wie Blut und schlidderte weiter zum Wald. Dort gab es bessere Verstecke. Nicht zu den anderen in die Gaststätte. Keine geschlossenen Räume. Sie rannte durch das Dickicht. Äste schlugen ihr ins Gesicht. Dornen rissen ihre Kleidung auf. Maleen hielt nicht inne. Fort von diesem Ding im Bus. Fort vom Schatten. Fort von all ihren verachtenswerten Klassenkameraden. Fort von allem, was sie jemals wieder zurückbrin­gen konnte.
Sie blieb hängen und fiel erneut. Der Versuch sich aufzurappeln scheiterte. Ihr Fuß steckte fest. Maleen packte ihr Fußgelenk und befreite ihr Bein aus einer kleinen, mit Wurzeln durchwachsenden Mulde. Maleen drehte sich auf den Rücken. Ihr Kopf bebte. Ihr Herz pumpte. Ihre Augen beobachteten Dickicht, Himmel und Boden. Sie be­fand sich mitten im Wald, war von allen Seiten mit dichtgedrängten Sträuchern und imposanten Bäumen umge­ben. Es gab keinen Weg hierher. Der Pfad, den sie gerade selbst geschlagen hatte, war undeutlich zu erken­nen.
Maleen sah an sich herunter und bemerkte, dass sie voller Blut war. Ihre Kleidung war voller Risse. Kletten und Dornenstränge hingen an ihrer Hose. Maleen hob die Hände, die mehrere tiefe Schnitzer aufwiesen. Erst als sie die Wunden sah, spürte sie auch den Schmerz. Sie stöhnte. Sie wollte schreien, aber sie hatte Angst, dass sie leichter entdeckt werden könnte.
Maleen schloss die Augen. Jetzt lag sie hier mitten in einem ihr fremden Wald, verfolgt von ... etwas, was im Schatten existierte und Krallen besaß. Re­gen nagelte sie an den Boden fest. Ihr ganzer Körper brannte. Der Schmerz zog sich durch die Wunden und verbrei­tete sich in ihrem ganzen Körper. Krämpfe durchzogen ihre Muskeln. Schluchzer entrangen ihrer Kehle. Tränen traten ihr in die Augen und mischten sich mit dem Regen. Wasser sammelte sich in ihrem Mund. Sie drehte den Kopf und spie. Sie spuckte auch Blut.
Sie öffnete die Augen wieder, nahm alles nur noch verschwommen war. Für einen kurzen Moment setzte ihr Herzschlag aus. Maleen griff sich an die Brust. Sie riss den Mund weit auf. Ihr Atem versagte.
Da war ein Geräusch.
Blätterrascheln. Sie hörte es selbst durch den Regen. Etwas kam auf sie zu. Und es lähmte sie. Sie wusste nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Der Boden hielt sie fest. Die Angst durchschoss ihren Körper und zog sie herunter.
Es war da. Maleen kannte das Gefühl, hatte es während des Stromausfalles gespürt genau wie gerade eben im Bus. Der Schatten. Das Dunkle. Es war nicht nur im Bus gewesen, sondern auch bei ihr zu Hause. Ihr selbst ganz nahe. Und jetzt war es hier.
Ein Zweig knackte. Der Regen prasselte. Die Erde bebte und der Himmel drehte sich um hundertachtzig Grad. Maleen fing an zu schreien. 

Und hier geht es weiter.

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