Mittwoch, 19. Dezember 2012

Hohlenfeld (1/3)

13.6.2000
„Oh, bitte! Wir können nicht in dieses Dorf ziehen. Es ist ein verdammtes Kuhkaff. Ihr wollt das nicht wirk­lich. Das ist nämlich das genaue Ge­gen­teil von dem, was ihr sonst immer erzählt. Dass ihr nur das Beste für mich wollt und all die­sen Kram. Wenn wir dahin ziehen, hab ich keine Chan­ce, mich weiterzuentwicke­ln. Ich werde eingehen.“
Während sie sprach, kam sich Maleen blöd vor. Die Worte fühlten sich holzig auf der Zunge an. Sie, die nur zurecht als mundfaul ver­schrieen war, hielt auf einmal eine Brandrede.
Als die Eheleute Storchmann sich vor zwei Jahren das Ferienhaus in den Bergen zugelegt hatten, hatte Maleen schon davon ge­träumt, dort mit ihren Freun­den die ein oder andere Feier fern der elterlichen Überwachung zu starten. Das Nein der Eltern kam schon, bevor sie ihre I­dee hatte zu Ende vortra­gen kön­nen. Stattdessen durfte sie nun je­de Frühlingsfe­rien mit ihren Eltern nach Hohlenfeld reisen und zwei Wochen Kühen beim Gras fressen zu sehen.
Hohlenfeld war für Maleen das Grauen. Ein Dorf mitten im Hochgebirge, in dem man nicht einmal un­beobachtet Zi­ga­retten kaufen konnte, ohne dass es gleich Stadtgespräch war. Jegliche Entbehrung ihres geliebten kultivierten Stadtlebens.
„Mam, Paps, be­denkt doch einmal, was das be­deutet! Für euch und für mich. All meine Freunde leben hier. Ich ha­be einen festen Platz in dieser Welt. Selbst in der Schule läuft es mittlerweile zu­friedenstellend und ich hänge nicht mehr allzu sehr nach. Ich bin sogar soweit, dass meine Leh­rer sa­gen, dass ich die Mittle­re Reife gut schaffe und etwas Vernünf­tiges ma­chen kann. In Hohlenfeld kann ich das nicht. Ich weiß gar nicht, wo die mit dem Stoff dran sind. Ich müsste mich anpassen und ein­ordnen. Das würde mich schulisch wie­der vollkom­men zu­rückset­zen. Dann bliebe ich viel­leicht noch einmal hän­gen. Ich will das doch genauso we­nig wir ihr. Aber selbst wenn ich die Schu­le da be­ende, gibt’s dort doch nichts Ver­nünf­ti­ges, wo man eine Aus­bildung an­fangen könnte. Mensch, wir reden von Hohlenfeld!
Es ist ein wahnsinnig großer Fehler dort hin­zuziehen. Seht das doch ein! Dass ihr euch zu Ruhe set­zen wollt, kann ich nachvollziehen. Schließlich habt ihr euer ganzes Leben lang genug geackert. Ihr wollt wegziehen, um eu­ren Le­bensabend zu ge­nießen, doch warum muss es denn unbedingt jetzt sein? Das ist ein voll­kommen falscher Zeit­punkt. Wartet wenigstens, bis ich die Schule fertig hab und ausgezogen bin.“
Sie wandte sich zu ihrem Vater, der mit zusammengezogenen Augenbrauen neben der Mut­ter Maleen gegen­über­saß. „Paps, du hast im­mer viel Wert auf meine schulis­chen Leis­tun­gen gelegt. Dir muss doch ein­leuch­ten, was ich meine. Außer­dem bist auch du ein Stadt­kind. Die Ruhe in Hohlenfeld mag dir über einen kurzen Zeit­raum ge­fallen. Nach einiger Zeit wirst du dich da langweilen. Auch du, Mam“, Maleen drehte sich nun zu ihrer Mutter um, die damit beschäftigt war, sich die nächste Zi­ga­rette an­zu­zünden, „du liebst das Ein­kau­fen. Dort gibt es nicht einmal ein Kleiderge­schäft. Die nächstgrö­ßere Stadt ist zwei Fahrtstunden entfernt. Es gibt kein Thea­ter, keine Oper, keine Diskos, keine schicken Restaurants, keine kleinen Ca­fés und keine Clubs. Wir säßen dort voll­kommen fest. Wir sind Groß­städter! Wir sind kul­ti­viert und in­tellektuell. Das sind Dörfler. Landeier. Die erzählen sich gegensei­tig, wie sehr sie ihre Kühe mögen und essen sie dann auf ...“
„Maleen, das reicht!“, fuhr ihr Vater dazwischen. „Es ist ja schon ko­misch, dass du sonst deine Klappe nicht auf­reißen kannst, dir jetzt jedoch hier vollkommen umsonst den Mund fus­selig re­dest. Deine Mutter und ich haben be­schlossen, unseren Hauptwohnsitz zu verlegen und dorthin zu zie­hen. Weil du noch nicht volljährig bist, wirst du mit uns kommen.“
„Das ist nicht ge­recht. Ihr seid unfair und ge­mein! Ihr denkt immer nur an euch“, schrie Maleen.
„Tochter!“, erklang die Stimme ihrer Mutter. „Reiß dich zusam­men.“
Maleen stand auf und und verließ ohne ein weite­res Wort die Wohnung.


17.8.2000
Langsam trafen die neunzehn Schüler der 10 in ihrem Klassenraum ein. Die Hohlen­fel­der waren froh, seit gut dreiundzwanzig Jahren eine eigene Schule zu haben und ihre Kinder nicht in eine ­ent­fernt liegende, größere Stadt schi­cken zu müssen. Aus eigenen Kindheitstagen erinnerten sie sich noch an den Spott der Mitschüler, welchen sie nach einer anstrengenden Anreise ausgesetzt waren. Jetzt kamen die Kinder der umgrenzenden Dörfer hier her und niemand musste mehr zwei Stunden in die nächste Stadt fahren.
Es gongte, die Flure leerten sich und auch die Tür der Klasse 10 schloss sich. Es wurde ru­hig auf den Gän­gen. Das Klackern zweier Absätze war zu hören. Es war ein war­mer Sommermorgen. Deshalb hatte sich Maleen für hochhackige Sandaletten entschieden. Sie liebte offene Schuhe. Auf ihrem dunkelvioletten Kleid prangte eine aufge­stickte gelbe Blume. Dazu trug sie passenden Schmuck und Schminke – wie immer ganz in ihrem Stil. In ihrer alten Schule war sie dafür bekannt ge­wesen. Teilweise hatte man sie sogar nachgeäfft.
Der Grund, warum Maleen zu spät kam, war, dass sie sich die Schule angesehen hatte. Es war ein grauer Alt­bau aus den Siebzigern, den man versuchte durch ausgestellte Schüler­pro­jekte zu ver­schö­nern. Stühle wie Tische bestanden aus splitterndem Holz. Maleen hatte keine Versuche ehemaliger Schüler ausgemacht sich im Mobiliar zu verewigen. Ihr Hauptaugenmerk hatte auf der Klei­dung ihrer zukünftigen Mitschülerinnen gelegen. Entsetzt hatte sie feststellen müssen, dass kei­nes dieser Mäd­chen et­was Modi­sches oder wichtiger: etwas Eigenes trug. Die Mädchen vereinigten sich zu einer Armee und ihre Uniformen bestanden aus Halbschuhen, Hosen, Blusen und unauffälligen Fri­suren: Keine Tönun­gen, keine wirren Haar­schnitte. Das Motto „Hängen und Hängen lassen“ herrschte.
Schließlich stand Maleen vor der Tür ihrer zukünftigen Klasse und starrte diese missge­stimmt an. Seit dem Tag, als sie sich damit hatte abfinden müssen in Hohlenfeld zu wohnen, war sie launisch und ag­gres­siv gewesen. Diese Laune wurde nur al­lein von dem alltäglichen An­blick des Dorfes geschürt. Mochte das traumhafte Pano­ra­ma der Berge für viele Men­schen wunderschön und in­spirierend sein, sah Maleen die Berge als stei­nerne Mauer, die ih­re Abgeschie­denheit von der Welt da draußen nur noch verdeut­lichte.
Kurz nach ihrer Ankunft hatte ihr die Schulleitung mehrere Kontakt­ad­ressen zugeschickt. Maleen hatte den Zettel wegge­worfen. Sie würde schon alleine zu­recht­kommen.
Alleine, jedoch mit dem Eindruck am ersten Tag zehn Minuten zu spät gekommen zu sein, betrat sie nach kurzem Klopfen den Klassenraum. Neun­zehn Augenpaare ihres Al­ters musterten sie. Dass es eine Neue ge­ben würde, hatte sich längst herumgespro­chen. Und jetzt war sie da.
Vorne am Lehrerpult stand ein drahtiger Lehrer mit kleiner Brille ohne Rän­der. Kantige Gesichtzü­ge, zusammengepresster Mund, vom Rasieren aufgeschürfte Haut.
„Guten Morgen“, wünschte Maleen. Ein paar der Mäd­chen in der Klasse kicherten hinter vor­ge­haltenen Händen. Maleen musterte sie. Für die war es jetzt ganz vorbei.
„Guten Morgen“, erwiderte der Lehrer aus Höflichkeit. „Du bist Maleen Storchmann, richtig?“
„Ja.“
„Warum kommst du zu spät zum Unterricht?“
„Es ist mein erster Tag hier und ich hatte einige Probleme mich ein­zu­finden.“
„Hat man dir keine Namen zur Kontaktaufnahme mitgeteilt?“
„Ich habe den Zettel nicht mehr. Außerdem finde ich mich alleine zurecht.“
Sie setzte sich ohne Aufforderung an den einzig freien Platz, der sich ganz vorne in der Mitte und di­rekt vor dem Lehrer­pult befand. Hinter ihr tu­schel­ten Mit­schülerinnen.
„Die ist echt voll cool, was?“, wisperte die eine.
„Oh ja, und wie. Allein ihre Klamotten! Die erinnern mich an die einer Prostituierten. Ja, genau! Das ist sie: Eine bil­lige Stadt­schlampe“, sagte die andere.
„Die ist erst vor ein paar Wochen hergezogen. Reiche El­tern, die wohl denken, sie stän­den über uns, weil sie aus einer Großstadt sind und vor Geld stin­ken. Wir beide standen bes­timmt auf der Liste. Sie hält es nicht mal für nötig, sich bei uns zu melden.“
„Ich weiß gar nicht, warum diesen Großstädtern erlaubt wird, hier ihre Häu­ser zu bauen. Was sind wir denn? Ein Asylantenheim für Reiche? Die sol­len uns gefäl­ligst in Ruhe las­sen und sich ihr Geld sonst wo hinstecken.“
„Lena und Rita! Seid ruhig!“
Die Rüge des Leh­rers kam zu spät. Maleen hatte die Charakterisierung verstanden und aufgenommen. Sie drehte sich um, damit sie die beiden Mädchen ausfindig machen konnte. Das eine war hellblond, das an­dere brü­nett. Im Gegensatz zu den anderen in der Klasse trugen sie etwas modernere Kleidung. Ihre Haare waren aufwendig geflochten. Darf ich vorstellen? Die Alphaweibchen – Maleen. Maleen – Die Al­phaweibchen.
Maleen wartete, bis beide Mädchen sie ansahen, und knurrte: „Wenn ich ’ne billige Stadtschlampe bin, seid ihr läufige Dorfnutten.“
„Maleen, dreh dich nach vorne!“, wies der Lehrer an. „Auch wenn du neu hier bist und dich um neue Kontakte sorgst, mach das gefälligst in den Pausen. Das hinterlässt keinen guten Eindruck.“

24.3.2001
In Hohlenfeld gab es eine feste, ungeschriebene Hierarchie. Die fing schon in der Schule an. Lena und Rita ge­hörten zu den Privilegierten. Lena war die einzige Toch­ter des Bür­ger­meis­ters war und Ri­ta die älteste des Polizei­chefs. Wo sie sich befanden, schwirrten die Mitschüler herum. Sie hatten stets gute Noten und wurden von den meisten Lehrern auch besser behandelt. Die ein­zige Ausnahme darin bestand aus ih­rem Klassen­lehrer, der alle Schüler mit gleicher Härte handhabte.
Maleen eckte in der Gemeinschaft an. Sie ordnete sich keiner Hierarchie unter, war ganz Außenseiterin. Jeder kann­te sie, aber niemand sprach mit ihr. Sie wollte keinen erkennen und das einzige, was aus ihrem Mund kam, waren Verwünschungen. Hauptziel Lena und Rita. Innerhalb des knappen halben Jahres, in dem sie nun in Hohlen­feld wohnte, waren schon al­lerlei böse Worte von beiden Seiten gefallen.

Lena und Rita standen während der großen Pause alleine auf dem Schulhof. Normaler­weise versammelte sich stets ein großer Schwarm ihrer Freundinnen um sie. Diesen hatten sie heute kurzerhand verjagt. Es gab ein ernstes Thema zu besprechen, beide Mädchen wa­ren restlos wütend.
„Ich hab mich richtig auf die Klassenfahrt gefreut“, fing Rita an, „bis dieser ver­damm­te Klas­senlehrer gekom­men ist und einfach die Zimmeraufteilung bestimmt hat. Das kann der doch nicht machen! Uns mit der Stadt­schlampe Maleen und die­ser Langeweilerin Haila zusammenzustecken. Unsere ganzen schönen Pläne sind jetzt umsonst! Seit fast einem halben Jahr verstecke ich den Wodka schon unter meinem Bett.“
„Ich werde zu Papa gehen, der wird das schon regeln“, schwor Lena.
An einem anderen Ecke des Pausenhofs saß Haila Jerrykens im Sonnen­schein und las ein Buch. Damit ver­brachte sie die meiste Zeit: Lesen. Denn, wenn man keine Freunde hatte, brauchte man wenigstens eine gute Freizeitbeschäftigung. Die Personen in den Büchern hatten richtige Prob­l­e­me und sie mit ihnen zu durchleben, half ihr, die eigenen zu ignorieren.
Auch Haila hatte heute von der Anordnung des Klassenlehrers erfahren. Nicht, dass sie et­was dagegen hätte. Ihr waren die meisten Lehreranweisun­gen im Bezug auf Grup­penarbeit oder Zimmereinteilung, e­gal gewesen. Seit Maleen in der Klasse war, hatte sich das geändert. Furcht und Interesse bestimmten ihr Ver­hältnis zu Maleen. Deren Charakterstärke war anziehend. Da war jemand, der es mit der Kapazität einer ganzen Schule aufnahm und keinerlei Verluste verbüßte. Sie gab nie klein bei, ging immer ihren eigenen Weg und zeigte dabei nie Ge­fühls­re­gungen. Haila spürte, dass Maleen nicht die Stoikerin war, für die sie sich ausgab. Es war nur das Gewand, welches ihr gerade am besten passte.
Maleen war immer alleine. Sie war einsam. Haila ging es genauso. Vor knapp zehn Jahren war sie aus den Niederlanden hergezogen. Im Gegensatz zu Maleen hatte sie Lena und Rita weder eine Angriffsfläche geboten noch hatte sie irgendein Interesse geweckt. Prompt wurde auch kein Kontakt zu ihr gesucht. In der kurzen Zeit, in der Maleen nun schon hier war, hatten Lena und Rita schon mehr Worte an sie gerichtet als an Haila.
Über den Rand ihres Buches hinweg schielte Haila nach jedem Satz zu Maleen herüber. Diese saß, gele­gentlich aus einer Milch­fla­sche trinkend, auf einer Bank und blätterte in einer Mode­zeit­schrift. Das machte sie jede Pause. Sie kaufte sich morgens vor der Schule in der Bä­cke­rei ein Schokobrötchen und ei­ne Flasche Vanille­milch und ver­zehrte beides in der Pause, während sie in einer mitgebrachten Zeit­schrift blät­terte. Haila beobachtete Maleen schon länger.
Haila wollte Maleens Freundschaft. Die Klas­sen­fahrt würde ihr dazu ver­helfen Maleen näher zu kommen. Schließlich mussten dort sie immer alles zu zweit machen. Da sie beide Außenseiterinnen waren, schweißte sie dies zusammen. Maleen konnte ihr nicht entrinnen.

Am Abend saß Maleen in ihrem Nachtdress an ihrem Schminktisch und zupfte die hauchdünnen Bögen über ihren Augen zurecht. Emi­nems „The Mar­shall Mathers LP“ beschallte den Raum. In der Zeit, in der sie in Hohlenfeld wohnte, hatten sich ih­re Ge­wohnheiten nicht ge­ändert. Sie zog sich nach wie vor an, wie sie wollte, schminkte und fri­sierte sich aufwen­dig. Die jeweiligen Materia­lien, die sie dazu brauch­te, be­stellte sie sich entwe­der per Katalog o­der übers Internet. Dieses war zu ihrer wichtigsten Verbindung nach au­ßen geworden. Stun­denlang unterhielt sie sich, flirtete und tratschte in Chatrooms. Früher war sie viel unterwegs gewesen, hatte Cafés besucht und sich munter in ihrem Freundeskreis bewegt. Jetzt lag ein dickes Kissen auf ihrem Schreibtischstuhl, damit das lange Sitzen sie nicht schmerzte.
Es klopfte an der Tür. Maleen runzelte die Stirn. Ihre Eltern waren bei ei­nem Treffen des zum Asthma neigenden Bürgermei­s­ters.
„Herein?“
Die Tür öffnete sich nicht. Es klopfte erneut. Ein Stich in ihrem Magen. Nicht mehr als ein ungutes Gefühl. Ein Klopfen in einem leeren Haus. Maleen stand auf, ging zur Tür, lauschte. Nichts war zu hören.
„Hallo?“
Keine Antwort. Maleen öffnete die Tür und schaute nach draußen. Niemand zu se­hen. Nur der dunkle Flur.
„Mam? Paps? Seid ihr wieder da?“
Immer noch Stille, die nur Eminem sehr laut hinter ihr durchdrang, indem er sein „Kill you“ rappte. Maleen schüt­telte den Kopf und schloss die Tür wieder, um mit dem Augen­brauenzupfen fortzufahren. Doch kaum saß sie wieder, als ein neues Klopfen er­tönte. Wütend sprang Maleen auf, rannte zur Tür, riss diese auf und schrie: „Was, zur Hölle, ist los?“
Sie schrie die Leere des Flurs an. Das unwohle Gefühl wandelte sich zur Angst. Mit schnellen Schrit­ten rannte Maleen zur Kü­che und holte sich dort ein Messer. (Sie hatte Scream gesehen.) Dann durch­suchte sie jeden einzelnen Raum des Hauses. Es war überall dunkel. Maleen schaltete jede Lampe an, die sie fand. Wenn jemand im Haus war, würde sie ihn finden.
Sie fand niemanden. Außer ihr war niemand im Haus. Das Messer in ihrer Hand betrachte­nd, schüttelte sie den Kopf aufgrund ihrer Überreaktion. Wahrscheinlich war alles nur Einbildung gewe­sen. Sie ging zurück zur Küche und legte das Messer wieder in die Schublade. Als sie diese ener­gisch schloss, gab es einen lauten Knall. Alle Lichter im Haus erlo­schen. An­statt voll­kommener Stille kam Gestotter aus ihrem Raum. Eminem wiederholte die beiden Worte „Kill you“, als wäre ein Sprung in der CD.
„Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! Kill you!“
Mit jeder Wiederholung verzerrte sich die Stimme des Rappers, wurde langsamer und schiefer und endete schließlich in einem dunklen „K-k-k-k-i-i-i-i-i-i-i-l-l-l-l-l-l-l-l-l-l y-y-o-o-o-u-u-u-u-u“.
Dann war es still. Maleen starrte in Richtung Küchentür. Sie konzentrierte sich auf mögliche Geräusche. Au­tomatisch glitt ihre Hand zurück zur Schublade und ergriff erneut das Mes­ser. Ein Blick durchs Fenster be­zeugte, dass die anderen Häuser noch Strom hatten. Es war kein regulärer Stromausfall. Ein kalter Schauer lief ihr den Rü­cken herunter. Auf einmal hatte sie das Ge­fühl, be­obach­tet zu werden. Hastig sah sie sich im Dun­keln um, doch sie konnte nichts sehen.
Da!
Ein leises Rascheln. Mehr noch der Hauch eines Geräusches. Maleen kreischte auf und ergriff die Flucht in ihr Zimmer. Mit aller Kraft warf sie die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um. Es gab ihr kein Gefühl der Sicherheit. Sie spürte die Angst noch mit jedem Klopfen, das ihr Blut in ihrem Kopf verursachte.
Wieder horchte Maleen und machte keine Geräuschquelle aus. Kurz zwang sich der Gedanke in ihren Kopf, wie denn die CD hatte weiterspielen kön­nen, ob­wohl der Strom ausge­fallen war – Nicht drüber nachdenken, sagte sie sich. Einfach akzeptieren. Es wird schon irgendeinen be­schis­senen Grund da­für ge­ben, den ich nicht weiß, weil ich nie im Physikunterricht aufge­passt habe.
Einige wenige Lichtstrah­len der Straßenlaterne fielen durch das Fenster herein. Sie überlegte, was sie jetzt machen sollte. Ich hab im Nachttisch eine Taschenlampe, schoss es ihr durch den Kopf. Sofort stürzte sie hin und kramte sie her­aus. Sie schlich zur Tür und verharrte dort re­gungslos.
Nichts.
Kein Geräusch war zu hören. Zögernd griff Maleen zum Schlüssel und öffnete die Tür wieder. Die einzi­gen Laute, die sie vernahm, verursachte sie selbst.
„Ein Stromausfall“, sagte sie laut „Es ist bestimmt nur ein ganz gewöhnlicher Strom­aus­fall. Die Sicherung ist rausge­flogen. Ich muss sie nur wieder reindrehen.“ Sie betrat den Flur, ging langsam voran, die Taschen­lampe in der einen, das Messer in der anderen Hand. „Das Stromnetz war überlastet, weil alle Lampen im Haus brannten. Das Klopfen hast du dir eingebildet. Du schaust zuviel fern.“
Kurze Zeit später stand sie vor dem Sicherungskasten und beleuchtete ihn. Ihre Vermu­tung hatte sich bestä­tigt: Die Hauptsicherung war herausgeflogen.
„Na, siehst du“, beruhigte sie sich selber. „Ist ja gar nichts Schlimmes. Du bist eine hirn­überdrehte, ver­dammte Idiotin! Die reinste Witzfigur.“
Ein kurzer Dreh des Hauptschalters und das Haus der Storchmanns erleuchtete wie­der ne­ben den anderen der Straße. Maleen machte sich daran, alle ü­berflüssigen Lichter zu löschen.
Doch noch am nächsten Tag, als sie teilnahmlos im Unterricht saß, ver­ließ sie das Ge­fühl nicht, dass es kein regulärer Stromausfall gewesen war.


Hohlenfeld ist ein dreiteilige Horror-Serie. Hier geht es weiter zu Teil 2 und Teil 3:

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