Donnerstag, 4. Oktober 2012

Die Stille

Die Wolken hingen tief am Himmel über der kleinen Stadt. Sie waren grau, wenn nicht sogar schon schwarz. Diese Wolken verdarben alles Gute in der Gegend. Sie schienen böse zu sein, nichts Gutes zu wollen. Sie vertrieben die letzten Vögel, die noch da waren, vom Himmel und verkündeten einen schlimmen Winter. Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Der Wind hatte sie vertrieben. Der Wind, der mit den Wolken gekommen war, war schnittig, kalt und grausam. Er schmerzte auf der Haut und folterte die Bäume, die sich unter seinen Qualen in alle Richtungen warfen.
Zwischen dem Friedhof und dem Kindergarten, gegenüber der Kirche, die über der Stadt thronte wie ein alternder, tyrannischer König, stand ein kleines, quadratisches Haus. In diesem Haus saß ein Mädchen in einem Ohrensessel direkt neben dem Fenster und las ein Buch. Dass draußen etwas aufzog, was diese Gegend hier noch nie gesehen hatte, bekam sie nicht mit, denn die Seiten des Buches hatten sie in den Bann gezogen. Die Knie angezogen, die dicke Brille auf der Nase und das aufgeschlagene Buch auf den Knien: So saß sie da. Die wachen Augen folgten den Zeilen schneller als die Blätter draußen dem Wind. Eine nackte Birne neben dem Mädchen beleuchtete nur das Buch. Im Haus war es nahezu noch lebloser als draußen. Der Wind pfiff nicht. Kein Hundegebell. Kein Autolärm. Nichts drang zu dem Mädchen. Sie war alleine zu Hause und nicht einmal das Umschlagen der Seiten verursachte ein Geräusch. In der Stille schwang der bedrückende Ton der Leere. Die Stille wusste, dass das Mädchen allein war. Und nichts drang zu ihr vor. Sie wusste: Eigentlich war sie gar nicht mehr da.
Jemand sang. Die Sängerin im Buch. Sie sang. Sang ein trauriges Lied mit kräftiger Stimme. Niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit. Die Männer in der Bar interessierten sich nur für ihre Geschäfte und ihre Getränke und das traurige Lied verlor sich im Raum. An einem Tisch in der Ecke direkt neben dem Fenster saß ein Mann. Auch er hörte der Sangesdame nicht zu. Seine Gedanken kreisten um sein Leben. Heute morgen war er aufgewacht und hatte einen Zettel neben sich gefunden. Dieser trug sie Aufschrift: Du wirst heute sterben. Er war nicht abergläubig, aber er glaubte auch nicht an Zufall.
Du wirst heute sterben, dachte er abermalig. Tanzende Schatten fielen auf seine Person und den Tisch, an dem er saß. Zwei Männer prügelten sich vor der Bar. Geräusche dumpfer Schläge drangen herein.
"Ich bring dich um!", erklang es. Ein lauter Knall folgte. Jemand wurde durch die Fensterscheibe geschleudert und landete auf dem Mann, der heute Morgen einen Zettel erhalten hatte, auf dem "Du wirst sterben." gestanden hatte. Sein Kopf schlug hart auf die Tischkante auf. Sein Genick brach. Für eine Sekunde konnte er noch sein Blut sehen, das sich auf dem Tisch ausbreitete. Dann starb er.
Zwischen dem Friedhof und dem Kindergarten, gegenüber der Kirche, die über der Stadt thronte wie ein alternder tyrannischer König, stand ein kleines, quadratisches Haus. In diesem Haus lag in einem Zimmer ein Mädchen auf dem Boden. Sie hatte so konzentriert gelesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie der Wind draußen auf der Straße einen Ast durch das Fenster geschleudert hatte. Er traf sie mit aller Kraft. Für eine Sekunde konnte sie noch ihr Blut sehen, das sich vor ihr auf dem Boden ausbreitete. Dann starb sie.
Das Buch blieb offen liegen.

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