Donnerstag, 27. September 2012

Dunkel und kalt

Ich hatte es übertrieben. Jetzt, nach all den Jahren, stand ich hier, morgens um fünf Uhr in dieser Bäckerei und starrte auf mein Getränk. Kaffee. Sonst trank ich ihn frisch, noch während er dampfte. Hitze bedeutete mir nichts. Empfindungen beruhten auf Einstellungen.
Die Wohnung war so seltsam leer gewesen, dass sie mich beschämt hatte. Selbst im Kinderzimmer hatte es keine Verzierungen oder Fensterschmuck gegeben. Nur dieses abgenutzte Bett, unter dem sich das Kind versteckt hatte. Wie in einem beschissenen Film.
Aber ich war nicht der Böse. Ich hatte den Mann aus einem Grund aufgesucht. Die Frau hatte das Gebäude verlassen. Von dem Kind war nie die Rede gewesen. Der Hundesohn war vor dem Fernseher eingeschlafen. In dem Moment, in dem ich das Messer aus der Tasche holte, gab es eine Bewegung im Flur. Sie stand da. Vielleicht hundertzehn Zentimeter groß. Braune, lockige Haare, große Augen. Das Kind war sicherlich nicht von ihm. Ihr Hautton war zu dunkel. Deshalb investierte er nicht in diese Wohnung. Die Frau war nur etwas zum Unterkommen. Und das Kind nicht mal mehr die Randnotiz.
"Versteckt dich unter dem Bett. Dann sehe ich dich nicht."
Sie rannte weg und ich hörte kurz danach das Gerumpel hektischer Bewegungen.
Er wachte auf, als das Messer seine Halsschlagader durchtrennte. Er fuchtelte noch ein bisschen herum, japste Silben. Was interessierte mich sein Tod.
Ich stand jetzt da und schaute auf meinen Kaffee. Er war schon kalt. Seit fast zwanzig Jahren beseitigte ich jetzt schon in Ungnade gefallene Personen. Noch nie hatte ich einen Zeugen hinterlassen. Kinder kosteten nicht extra. Kinder waren nicht umsonst. Es gab einfach keine Kinder für mich.
Aber dieses Mädchen. Wie sie mich angestarrt hatte. Diese dunklen Augen.
Sie würde mich wiedererkennen. Und ich hatte mit ihr gesprochen. Meine Stimme hatte immer noch den gleichen Akzent wie die meiner Mutter. Den hörte man nicht überall und besonders nicht hier in der Gegend.
Ich konnte nicht wieder zurück in meine Heimat. Und ich durfte auch nicht länger hier bleiben. Mein Auto stand bereit.
Ich trank den Kaffee aus. Dunkel und kalt.

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