Montag, 7. Mai 2012

Wüstenwind

Wüstenwind nannten sie mich in der Schule. Ich kam aus Afrika und im Norden des Kontinents begann ich zu wirken, wie eine Sense, bestehend aus feinst geschliffenen Quarzen, versetzt mit dieser Kraft, die Menschen auf die Knie zwingt und Augen ohne zu zögern verklebt. Bei Blindheit fokussierst du deine restlichen Sinne fort vom Diktator Augennerv. Und wenn dieser mein größter Feind war, dann wusste ich ihn zu bekämpfen.
Die Luft hier war nie wie zu Hause. Zuhause brachte das Feuer die Luft zum Zittern. Dann drehten alle dem Himmel den Rücken zu und verharrten erdnah und fern von dem Funken, der den Verstand brach.
Mein Vater kam damals zurück mit Kerben im Gesicht, zu tief, als dass Knochen hätten Einhalt gebieten können. Und wir zogen fort. In euer Land, das lieber Narben als Asche kennen würde. Und ich lernte eure Sprache, bis ich sie ohne Akzent beherrschte.
Mein Vater starb. Meine Mutter brach. Und ich, ich wurde Teil der Welt, die mich vertrieb.
Ich konnte sehr bald fliegen und ich fand Blondschöpfe und Schwarzhaargeschorene, die mich unterschätzten. Wüstenwind schneidet Fleisch von Knochen.
Ich verließ euch, bevor euer Leben auch mein Problem wurde, und in der Heimat wartete ich auf. Ein Leben, das mir fremd war.
Das Seidenfadenmädchen glitzerte im Morgentau. Ich grüßte sie. Sie verstieß mich recht.
Sie: Ohne dich kann ich hier scheinen.
Ich: Mit mir tanzt du mehr im Licht.
Ich wollte sie schützen, kannte ich doch die Macht der Wut. Aber du, sagte sie, zerreiß mich nicht. Ich habe nur mich selbst. Bin ich zerstört, erlöscht das Licht.
Und ich, der Wüstenwind, brauche ich Platz zum Tanzen, brauche ich Licht zum Schutz der Liebe, die mich hält, die mich Kreise lehrt statt Chaos, die mir Sorgfalt zeigt statt Hass.
Und ich, ich komme nicht mehr zurück in euer Land der Kälte, weil der Wüstenwind jetzt Heimat kennt.

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