Sonntag, 8. April 2012

& die Dunkelheit

Anmerkung: "& die Dunkelheit" ist eine Weitererzählung zu "Das Licht"


Ihr Name lautete Annabella. "Ist das dein echter Name?", fragte ich sie. "Glaubst du, ich mache Witze?", war ihre Erwiderung.
In dem Moment stand ich auf meinem Badezimmerhocker, weil ich die dortige Glühbirne gegen eine rote auswechselte. Ich hatte mein kleines Dunkelkammerequipment aufgebaut. Annabella stand die ganze Zeit am Rande und beobachtete mich dabei. Sie trank das Glas Cola, welches ich ihr hatte anbieten können.
Ich hatte noch nie ein Mädchen mit in die Dunkelkammer gebracht. Sie wartete nicht, bis ich vom Hocker herunterstieg, sondern schloss sofort die Tür und schaltete das Licht an. Sie schlürfte die Cola. Das Rotlicht hinterließ einen fasrigen Schatten auf ihrem Gesicht, wenn sie das Glas zu ihrem Mund hob.
"Und wie lange wird das jetzt dauern?"
"Etwa zwanzig Minuten. Der größte Teil besteht aus Warten. Zeit genug für das, was du mir erzählen wolltest."
"Ah ja."
Gerade eben hatte sie ihre Mütze ausgezogen. Ihr blondes, relativ kurzes Haar türmte sich um ihren Kopf. Ich traute mich nicht so recht, sie anzuschauen, weil ich ihr nicht das Gefühl geben wollte, beobachtet zu werden.
Dabei wollte ich nichts Anderes als sie anstarren.
Sie nahm noch einen Schluck und zog die Nase kraus. "Die Kohlensäure springt mir bis in die Nase. Voll krass. - Also, ich wollte dir gar nichts erzählen."
"Dann sei bitte so nett."
"Kannst du während des Entwickelns zuhören?"
"Ich kann sogar während des Zuhörens entwickeln."
Gut, vielleicht verstand sie, dass mich ihre Frage ein wenig kränkte. Ich war Amateur, kein blutiger Anfänger. Sie beließ es dann auch dabei. Ich überlegte kurz, ob ich ihr etwas vom Entwickler, vom Stopp- und Fixierbad erklären sollte. "Kannst du mal bitte die Heizung auf zwei drehen. Es muss etwas wärmer werden", kam dann schließlich über meine Lippen. "Was genau hast du gegen Fotografie?"
Annabella schnaufte kurz. Ich hörte es und drehte ihr den Rücken zu, als ich mit dem Entwickeln begann.
"Ich habe gar nichts gegen Fotografie an sich. Mir ist aufgefallen, dass, wenn ich auf Feiern bin, oder zu irgendwelchen Anlässe gehe, überall Fotos im Übermaß geschossen werden. Wir profilieren uns natürlich durch die Fotos, die wir zu Dutzenden bei den sozialen Medien hochladen. Wir wollen einen Eindruck hinterlassen. Und dieser beruht auf einer Reihe von Abbildungen. Genau das mag ich nicht. Eine Fotografie ist immer nur ein Duplikat der Realität. Das Internet als Freizeitaktivität ist eine Flut von Bildern. Die Filter in deinem Kopf, welche das alles verarbeiten, werden irgendwann mit der Masse nicht mehr zurecht kommen. Es gibt keine Wertigkeit mehr dessen, was du dir gerade anschaust. Ich merke das an mir selber. Gerade noch hochwertige Kunstportraits angeschaut, danach lustige Tierfotos oder Bilder aus den Nachrichten."
Sie nagte kurz an der Unterlippe. "Es geht mir auch viel darum, dass ein großer Bereich des Lebens verloren geht, weil wir unsere Kommunikation ins Digitale verlegen. Das ist doch nicht echt. Ich weiß nicht, wie es meinen Freunden geht, nur weil ich ihre Statuserneuerungen lese."
"Kommunikation unterliegt einem stetigen Wandel", setzte ich an, aber sie unterbrach mich unwirsch.
"Ich weiß um den Wandel. Darum geht es mir nicht. Ich als Mensch bin viel mehr als ein Abdruck von mir. Und wenn sich der Fokus darauf liegt, nur noch Fotos anderer Menschen anzusehen, dann geht da die Form der Zwischenmenschlichkeit verloren. Das Leben ist etwas Aktives. Wir lernen durch Handeln und Begegnen. Das Digitale, in das wir derzeit versteift sind, ist nur ein überbrückter Kontakt, nicht der Kontakt selber, aber wir halten ihn dafür. Das ist eine Wertverschiebung, die uns voneinander entfernt. Wir stumpfen uns selbst ab und transportieren das in die reale Welt. Und in dem Moment, in dem wir stumpf sind, können uns echte Gefahren leichter überwältigen
Ich drehte mich wieder zu ihr herum. Die Luft im Badezimer war mittlerweile verbraucht. Ich griff an ihr vorbei und öffnete die Tür. Das Licht aus dem Flur fiel auf ihren stark geröteten Kopf. Sie atmete schwer.
"Ich verstehe in Ansätzen, was du meinst." Ich drückte ihr den Abzug des Negativs in die Hand, das ich für sie gemacht hatte. "Hier hast du dein Foto."
Sie war immer noch in Rage. Ihre Hand, welche das Fotopapier hielt, zitterte leicht.
Ich begann den erneuten Glühbirnenwechsel. Währenddessen stand sie im Licht der Flurlampe und betrachtete das Foto.
"Ist das immer schwarzweiß?", fragte sie.
"Ja. Farbe ist schwierig. Das lasse ich dann im Fotolabor entwickeln", antwortete ich und kletterte von dem Hocker herunter. Ich kippte das Fenster im Bad und trat zu ihr hinaus. "Du bist nicht zu erkennen."
"Ich glaube, hier oben sieht man meine Mütze. Aber es ist nicht weiter der Rede wert." Sie ließ das Papier sinken. "Was denkst du über das, was ich gerade gesagt habe?"
"Manchmal kann eine kleine Momentaufnahmen die ganze Welt festhalten. Egal, wie viel Fotos du anschaust, es werden immer welche darunter sein, die dich begleiten. Und meine Kommunikation hat noch nie darunter gelitten, dass ich mir stundenlang Fotos anschauen kann." In dem Moment, in dem ich sie in ihrer Wut erlebt hatte, hatte ich meine Scheu vor ihr verloren. Annabella war nur ein Mensch. "Möchtest du noch etwas zu trinken?" Ich lächelte sie an.

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