Dienstag, 14. Februar 2012

Contractor

Das Telefon klingelte. Er öffnete die Augen. Es war hell. Das bedeutet, er hatte wieder nicht lange geschlafen. Dünne Streifen Tageslicht traten durch die Jalousien und hinterließen ein geschecktes Muster auf seiner Hand. Sein Zeigefinger lag komplett im Dunkeln. Wenn er sich konzentrierte, verschwand er ganz aus seinem Fokus. Er konnte sich selbst verstümmeln mit nur einem Blick. Er schloss die Augen wieder. Die Kälte kam. Seine Anspannung ließ ihn nicht zurückweichen. Er hatte frieren gelernt. Er konnte dem Gefühl nicht entweichen. Die Kälte erreichte ihn von innen. Er war der Pol der Lähmung. Er konnte sich selbst nicht entfliehen.
Das Telefon klingelte. Sonst rief ihn nie jemand an außer das Arbeitsamt oder einer dieser Versicherungsfritzen. Nicht bezahlte Policen. Dritte Mahnung.
Es war ihm nicht einfach egal. Es lag derzeit außerhalb seiner Welt. Er hatte damit zu tun, aus dem Bett zu kommen. Diesen Tag schaffte er es. Das Bad war furchtbar dreckig. Mehr Staub als Haarfussel auf der Ablage der Badewanne. Danach lag er stundenlang auf der Couch. Manchmal schlief er ein und erwachte aus Alpträumen. Die Erde unter ihm schaukelte unregelmäßig. So war das im Gefecht. Man musste lernen, sich zu verstecken, sich zu tarnen. Auch wenn man der Beste in der Gruppe war, brauchte nur ein Blindgänger vorbeizuzischen und den Kopf zu treffen. Oder die Granate, die der Kamerad neben einem warf, glitt unglücklich aus dessen Hand, weil ihn am Tag vorher ein Moskito in die Handfläche gestochen hatte und die angeschwollene Haut unter den Handschuhen das Fingergefühl beeinträchtigte. Es war viel möglich, wenn es kein Drehbuch gab. Handeln nach eigenem Ermessen. Zog man sich zurück oder rettete man den Kameraden da vorne noch, nachdem er sich mit dieser Granate den eigenen Arm abgerissen hatte. Er war noch relativ jung, hatte eine Verlobte und einen kleinen Sohn, dessen Foto er immer bei sich trug. Was machte er also hier im Kampfgetümmel und verlor seine Gliedmaßen? Unkonzentriert, unprofessionell. Selbst schuld. Ab jetzt: Ohne Arbeit. Er würde eh zu Grunde gehen.
Seine Einstellung von damals prügelte ihn wach. Er war nicht umgedreht und hatte geholfen. Er hatte sich zurückgezogen.
Ein weiteres Beben erschütterte die Couch. Im Laufe des Tages hatte er den Fernseher angeschaltet und die Lautstärke so niedrig eingestellt, dass er die Worte nicht vernahm. Der Sportsender. Keine Politik. Keine Nachrichten. Wettbewerb nach Regeln. Gelegentlich Werbung. Abends ein paar Titten. Er musste von der Couch herunter und legte sich auf den Boden. Sein Kopf schwirrte. Hunger nagte an ihm. Hunger war Schmerzen. Wenn er genug gelitten hatte, genehmigte er sich einen Jogurt. Mehr vertrug sein Magen derzeit nicht. Er würgte alles hervor, was Konsistenz hatte. Manchmal krampften seine Bauchmuskeln zusammen, weil er sich nach einem Steak sehnte. Ein schönes saftiges Steak mit hellrosanem Fleisch in der Mitte. Dazu Kartoffeln mit Quark. Oder auch nur mit Kräuterbutter. Zur Zeit blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich in Erinnerung zu rufen, dass es noch jenseits all dieser Schmerzen Formen des Genusses gab. Angebratenes Fleisch. Zartbittere Schokolade. Auf der Zunge prickelndes Bier. An Formen der Unterhaltung wollte er gar nicht denken. Er würde nie wieder lachen können. Er wusste es. Sein Sinn nach Freude war in seinem Kopf gerissen. Er sah nur mehr Tod und Zerstörung. Er sah sich selbst, wie er nicht zurückging und half. Er sah tote Kinder und schreiende Mütter. Er sah verwesende Leichen in der Wüste. Ein Arm, der aus einem dürftig ausgehobenen Erdloch herausragte, von den Tieren der Umgebung angenagt. Maden in Fleischwunden. Ein Raubvogel, der mit einem Stück Leber in die Luft stieg. Er wollte ihn erschießen, aber er traf ihn nicht.
Und zwischendurch bebte es immer wieder.
Jetzt lag er auf dem Boden. Auch hier war es dreckig. Der Teppich starrte vor Schmutz. Wieder schloss er die Augen. Jetzt roch er den Dreck. Und es roch nach ihm.

Das Telefon klingelte. Wieder. Um die Uhrzeit arbeiteten Beamte und Versicherungskaufleute nicht mehr. Es klingelte auch nicht durch. Immer wieder mit Unterbrechungen. Zweimal. Viermal. Sechsmal.
Er lag auf dem Bauch und hob den Kopf Richtung Telefonstation. Viermal. Zweimal. Es war ein Signal. Sechsmal. Jemand wollte, dass er abnimmt. Ich will nichts Böses. Geh ran.
Ajax stemmte sich auf die Ellbogen und zog sich über den Boden. Die Telefonstation leuchtete kurz auf, bevor sie einen Laut von sich gab. Er wartete bis zur Pause zwischen dem sechsten Klingeln und dem Anfang des Codes.
"Ja?"
"Ajax. Mein Freund. Du lebst."
"Wieso – " Er brach ab. Sprechen war schwierig.
Wenigstens hatten sie keinen Augenkontakt. Er konnte schweigen. Das Lügen lag ihm nicht. Fragen nach Arbeit, dem Leben, nach dem, was man so macht ... Er hatte nichts zu antworten. Er hatte Angst. Das war nichts, was man so machte.
"Ajax. Ich muss mit jemanden reden. Bitte weise mich nicht ab." Till war sein Freund. Sie waren während ihrer Ausbildung zusammen bei der Bundeswehr gewesen. Sie hatten beide in Afghanistan gedient. Wenn auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Till war nachher auf ihn zu gekommen. Hatte ihm einen Firmennamen und einen vierstelligen Tagesverdienst genannt. Ajax hatte damals einen Vorgesetzten gehabt, den er nicht mochte. Er wollte nicht mit Ränkeschmieden und Stiefellecken den nächsten Rang erreichen. Er wollte arbeiten so wie er es gelernt hatte. Er war Soldat gewesen und Söldner geworden. Zurück nach Afghanistan. Hinein in das gleiche Leben mit einem zigfachen Verdienst.
Tills Stimme war ganz rau, als hätte er geweint. Till war Anfang Dreißig, nicht groß, aber Muskelbepackt und wendig. In seiner Einsatzgruppe nannten sie ihn German Cheetah. Er hatte nicht wie Ajax am Hindukusch, sondern im Irak als Söldner gearbeitet.
Ajax wies Till nicht ab und dieser begann zu erzählen. Er hatte seiner Freundin einen Antrag gemacht und diese hatte ihn abgelehnt. Sie hatte ihm von Monaten seiner Abwesenheit berichtet, mit der stetigen Angst, dass er sich nicht wie verabredet zweimal am Tag meldet. Sie wollte keine Kinder von ihm, weil der Beruf des Kindvaters nichts war, worüber man in der Schule seinen ersten Aufsatz schreiben konnte. Sie hatte einen Bericht im Fernsehen über die Menschenrechtsverletzungen und Folterpraktiken von Blackwater gesehen und glaubte ihm nicht, dass er nicht Ähnliches praktizieren würde, nur unter einem anderen Auftragsgeber. Er würde nicht die Welt befrieden und Hilfsorganisationen Schutz bieten, wie er ihr seine Arbeit beschönte, sondern mit scharfen Waffen auf Zivilisten zielen und nach Gutdünken abdrücken. Ihre Beziehung basierte auf Lügen. Sie konnte ihn nicht lieben, weil sie nicht wusste, was er war. Sie hatte ihn Mörder und Verräter genannt. Sie hatte nicht geweint oder geschrieen, aber sein Haus verlassen und den Hund mitgenommen. Jetzt saß er allein in seinem Neubau, welchen er ganz ohne Geldspritze der Bank hatte errichten können. Alle Möbel, jede Gardine, jeden Dekogegenstand hatte seine Freundin ausgesucht. Während er in der Nähe von Bagdad in einem Humvee gesessen hatte, hatte sie das Haus eingerichtet mit dem Geld, welches er ihr einmal im Monat schickte.
Zwei Kinderzimmer waren im Bau mit eingeplant gewesen. Jetzt saß er vor seinem 800 Euro teurem Plasmabildfernseher und bekam SMS wie "Wenn ich morgen meine Sachen hole, will ich dich nicht sehen".
Ajax wusste nicht, was er erwidern sollte.
"Ich habe sie so geliebt. Ich wollte ihr alles bieten, was sie sich wünschte." Er hörte Till weinen. "Danke, dass du mir zugehört hast. Du bist mein Freund, Ajax."
Till legte auf.

Es klingelte an der Tür. Es war der DHL-Bote. Heute mit Mütze und Handschuhen. Der Winter zeigte sich freundlich-aggressiv. Es hatte die ganze Nacht über geschneit und Ajax hatte gerade eben die Einfahrt zur Garage und den Gehweg zu seinem Miethaus frei geschippt. Er machte es freiwillig. Es war eine gute Aufwärmung für den Tag nach den fünfzig Liegestütze, die er jeden Morgen machte.
Ajax nahm das Paket entgegen. Er hatte sich über Internet ein paar T-Shirts bestellt. In letzter Zeit kam er kaum dazu, mal bummeln zu gehen. Seit einem halben Jahr arbeitete er jetzt bei der Sicherheitsfirma und es nahm einen angenehmen Teil seines Lebens ein.
Mitte letzten Jahres, kurz nach dem Telefonat mit Till, hatte er sich zu einer Therapie erwogen. Er hätte es nicht aus eigenem Antrieb geschafft, sich aus diesem Sumpf der Depression herauszuziehen. Zu viel Zeit hatte er auf dem Boden seiner alten Wohnung verbracht. Er war zu dem Zeitpunkt auf rund fünfzig Kilo abgemagert. Jetzt verbrachte er wieder Zeit im Fitnessstudio. Er ging gerne aus in Restaurants und Bars. In letzter Zeit traf er wiederholt die Schwester seiner Nachbarin. Sie war frisch geschieden mit einem kleinen Kind. Sie sah etwas abgezehrt aus, aber ihr ehrliches Lächeln verfolgte ihn noch die nächsten Tage lang. Dann hatte er sie wieder angetroffen und sie zu einem Kaffee eingeladen. Mit dem Kind. Ein Mädchen. Alina-Marie.
Er hatte sich wieder aufgerappelt. Es war ihm furchtbar dreckig gegangen. Und er wollte nie wieder dorthin zurück. Er ging noch regelmäßig zur Therapie und besuchte auch eine Selbsthilfegruppe ehemaliger Soldaten und Söldner.
Am Abend bekam er einen Anruf von einem Bekannten aus der Selbsthilfegruppe. Er hatte früher bei der gleichen Firma gearbeitet wie Till. Über einen Kontaktmann hatte er mitbekommen, dass Till vor zwei Tagen im Irak bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. Er fragte, ob Ajax Kontaktdaten von Tills Ehefrau habe. Der Arbeitgeber informierte keine Angehörigen.
"Till war nicht verheiratet", sagte Ajax. "Ich weiß nur, wo er mal gebaut hat."
"Aber er hat wiederholt von seiner Frau gesprochen. Er trug sogar ein Foto von ihr bei sich."
"Hm." Ajax tippte mit den Fingern auf die Rückseite seines Mobiltelefons. "Ich sag ihr Bescheid."

Er erinnerte sich an den Namen von Tills Freundin. Wiebke Tollersdorf. Ein Blick ins digitale Telefonbuch hatte ihm gezeigt, dass sie nach wie vor dort wohnte, wo Till für sie gebaut hatte. Ajax hatte das Haus das letzte Mal im Rohbau gesehen. Mittlerweile war ein bisschen Efeu die Drahtseile an den Wänden emporgewachsen. Beide Nachnamen standen auf dem Briefkasten unter der Klingel. Ajax betätigte den Knopf. Er hatte sich extra für den heutigen Tag frei genommen.
Wiebke öffnete und sah ihn an. Auf ihrem Arm trug sie ein kleines Kind, vielleicht drei Monate alt. Sie wusste ihn erst auf den zweiten Blick einzuordnen. Er erkannte sie gar nicht. Sie färbte ihre Haare nicht mehr rot und war nicht wie früher geschminkt. Tiefe Ringe lagen unter ihren Augen. Sie war schon bleich, aber als sie sich in Erinnerung rief, wer er war, verlor ihr Gesicht jegliche Farbe.
"Ajax. Warum bist du hier?"
"Wiebke, bitte. Ich möchte, dass du das Kind ablegst und dich hinsetzt."
"Ajax. Sag mir nicht, dass du – Nein!"
Sie wandte sich ab und ließ ihn an der Tür stehen. Ajax wartete kurz, bis er eintrat und die Tür hinter sich schloss. Sie hatte das Kind in ein kleines Bettchen abgelegt und saß zusammen gesunken auf der Couch. Wiebke weinte minutenlang, dann schrie sie auf, die Hände zu Fäusten an die Stirn gedrückt. Ein unkontrolliertes Zucken durchfuhr ihren Körper. Sie fiel von der Couch und ihre Schreie wurden von dem Teppich, auf dem der gläserne Wohnzimmertisch stand, teilweise aufgenommen.
Ajax blieb in der Nähe des Türrahmens stehen. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er hatte Wiebke nie aufrichtig leiden können. Sein letzter Kenntnisstand war, dass sie sich von Till getrennt hatte. Till hatte ihm niemals mitgeteilt, dass er sie doch geheiratet hatte. Und sie hatten sogar Nachwuchs. Dieser war von den Lauten seiner Mutter vollkommen verängstigt und brüllte seine Furcht ebenfalls heraus.
Wiebke setzte sich langsam auf. Ihr Zittern hörte nicht auf. "Er hat gesagt, es ist sein letzter Einsatz. Er hat es mir bei der Hochzeit versprochen. Danach wollte er etwas Ähnliches wie du machen. Etwas mit Sicherheit oder so. Aber das Angebot war einfach zu gut. So viel Geld. Dann ist das Auto komplett abbezahlt, hat er gesagt." Sie stieß ein hysterisches Lachen aus. "Mir ist das Auto scheiß egal."
Ajax wandte den Blick von der Frau ab und entdeckte ein Foto des Ehepaars an der Wand. Sie hochschwanger. Till mit einem Lächeln auf den Lippen, das glücklicher nicht hätte sein können. Du bist mein Freund, Ajax, wiederholte Ajax in seinem Kopf. Aber von meinem Glück erzähle ich dir nichts. Nur wenn ich in Nöten bin, wende ich mich an dich.
"Ich gehe jetzt", sagte er. Wiebke blickte ihn nur verständnislos an. Er ließ sie allein und schloss die Haustür hinter sich.

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