Sonntag, 1. Januar 2012

Wechselbalg

Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Treffen am Markt. Oleg machte sich viel zu früh auf den Weg. Es regnete, als er den Hauptbahnhof verließ. Einen Schirm hatte er nicht dabei und er blieb vorerst unter dem Dach des zweckoptimierten Einkaufszentrums stehen. Er hasste diesen Schuppen. Eine Ladenkette neben der anderen. Die Menschen schoben sich grüppchenweise durch die engen Gassen zwischen Geländer und Geschäftsfassaden und ähnlich den Kühen in Schlachthöfen flüchteten sie in den nächsten Eingang.
Oleg verstand diese Dummheit nicht. Er kannte keine schönere Stadt als Leipzig. Die Renovierungswut hatte der Stadt ein gutartiges Antlitz verliehen. Während anderswo glasige Fassadenfratzen bereits ihr Lächeln verloren, verschlang hier eine Aufmachung an Passagen und Durchgängen den Menschen zu einer Erkundungstour durch das Innere der Stadt.
Und trotzdem strömten die Leute zwanghaft in dieses Einkaufszentrum, sodass mindergeniale Köpfe noch eins direkt daneben bauten.
Oleg betrachtete die Leute, die an ihm vorbei in die Osthalle strebten. Eine Mutter mit ihrem Kind. Hochwasser und eine bescheuerte Frisur. Eine Gruppe Jugendlicher mit ihren Mobiltelefonen in den Händen. Zwei Punks lachten mit halbleeren Bierflaschen in den Händen. Ein schwitzender Geschäftsmann schob sein Fahrrad neben sich her und löste den Helm an seinem Kinn.
Oleg trat hervor. Er musste weg davon. Rein in den Rest dieses Sommers, der immer mehr einem Wechselbalg glich, unfruchtbar in seiner Hitze und gewissenlos während der Regenmomente.
Die Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolken. Sie blendeten ihn, aber er hatte lange genug gestanden. Er machte sich auf den Weg. Einzelne Tropfen fielen auf seinen Kopf und verfingen sich in seinen Haaren. Nur einer fand seinen Weg an seinem Nacken entlang. Es prickelte. Oleg bekam eine Gänsehaut.
Und dann sah er sie. Lange Haare umhüllten ihre Gestalt. Hellbraun. Dunkelblond. Regentropfen hatten sich auch bei ihr verirrt und die herausbrechende Sonne verfing sich in ihnen. Ihre blauen Augen warfen ihm einen Blick zu.
Folge mir, sprach es in seinem Kopf. Sie drehte ihm den Rücken zu und bewegte sich den Weg zur Innenstadt hoch.
Halt! Er musste folgen. Reifen quietschten. "Eh, bist du wahnsinnig?", brüllte man ihm aus einer größeren Limousine entgegen. Es entging ihm. Dabei waren schon Leute stehen geblieben, um sich den Unfall anzuschauen.
Warte! Er lief und er stolperte. Das Regenwasser hatte die Pflastersteine rutschig gemacht. Wie konnte sie sich so schnell bewegen?
Die Straße entzweite sich. Türen standen offen.
Sie war weg. Er drehte sich einmal um sich selbst. Niemand trug das Licht hier wie sie. Die Wolken hielten den Himmel wieder verschlossen. Er stand jetzt vor der Kirche und hatte sie verloren. War sie dort hinein?
Er betrat die Nikolaikirche und setzte sich in eine der Reihen.  Helle, freundliche Farbtöne. Eng beieinander stehende, weiße Bänke. Ach ja, man kniete nicht bei den Protestanten.
Was war das gerade eben gewesen? Sein Herz klopfte noch. Fast wäre er überfahren worden. Er hatte ihr folgen wollen und er hatte sie verloren. Er hatte versagt, schnell und stümperhaft. Er starrte zum Altarraum herüber.
Sein Telefon begann zu klingeln. Er zuckte zusammen. Einer seiner Geschäftspartner. Das Treffen. Er war zu spät. "Ich beeile mich", sagte er. "Ich war ... ich hab ... ich weiß es nicht. Ich bin auf dem Weg."
Draußen hatte der Regen aufgehört. Kurz erwischte er sein Spiegelbild in einem der Schaufenster. Er erkannte sich selbst. Wenn er es nicht besser wüsste, dächte er, er hätte einen Geist gesehen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen