Freitag, 20. Januar 2012

Krokodile

Steinschlag. Sie dachte immer an einen Steinschlag, wenn sie bei dem alten Mann am Krankenbett saß und nicht die Kraft fand, Worte zu ergreifen, die sie ihm durch den Nebel des Komas zulassen kommen könnte.
Der Sprechauftrag, initiiert von der Oberschwester, verweilte auf ihrer Zunge. Es war kein Novum. Ihre Mundhöhle war gefüllt mit den unterschiedlichsten Steinen, die sie davon abhielten zu sprechen. Dabei mochte sie die Steine. Sie waren seit Jahren ein Teil von ihr. Jeder schmeckte besonders in seiner geologischen Zusammensetzungen, aber alle zusammen gaben ihr das Gefühl, jedes von ihr besuchte Fleckchen Erde im Ganzen zu kennen und im Einzelnen zu schätzen. Mit akribischer Sorgsamkeit hatte sie die Steine über die Jahre hinweg gesammelt. Aus Angst, auch nur einen zu vergessen, transportierte sie diese stets in ihrem Mund. Kaum etwas war ihr je näher gewesen.
Gelegentlich fand sie die Zeit, spuckte sie alle aus, schaute sie sich an und betrachtete die Ecken und Kanten, die sie bei jeder Wiederaufnahme auf ein neues beachten musste. Sie erkannte den einzelnen Stein an seiner kristallinen Eigenschaft. Dieser hier war aus altem Lavagestein. Er war dem Mittelpunkt der Erde näher gewesen als jedes lebendiges Wesen. Sie fühlte in ihm den inneren Magnetismus, der sie am Boden festhielt. Andere waren von einem naturbelassenen Strand oder herausgefischt aus dem Auffangbecken einer Bergquelle oder einem starren Wüstenboden entnommen. Einer, länglich und voller Splitter, hatte zu einem zertrümmerten Altar gehört. Sie war in einem Krisengebiet gewesen zu einer Zeit, als nicht der eine gegen den anderen kämpfte, sondern jeder gegen alle, Nachbar gegen Nachbar, Rechte gegen Linke, Taube gegen Stumme und du gegen mich. Die Kirche war zerstört und geplündert worden und dem Versuch der Brandstiftung hatte strömender Regen den Gar ausgemacht. Sie hatte zwischen den verwüsteten Betbänken gestanden, hatte lange die angekokelte Kanzel betrachtet und anschließend das abgebrochene Stück des Altars ihrer Sammlung hinzugefügt.
Wiederholt saß sie nun mit schmerzenden Kiefermuskeln am Bett des alten Mannes, der sie einst geleugnet, beschimpft und vertrieben hatte. In ihrem Gaumen sammelte sich Speichel und zwang sie mehrmals hintereinander zu schlucken - mit aller Vorsicht wohlgemerkt, denn keiner der Steine durfte seinen Platz für eine Reise in das Säurebecken verlassen.
In ihrem Mund rieben sie sich naturgemäß aneinander und würden mit der Zeit glatter werden, aber in dem Bad der Magensäure blieb eine aufgezwungene Veränderung nicht aus.
Es wurde Abend draußen. Die Besuchszeit war zu Ende. Sie stand auf, wollte nicht mehr an die stechenden Steine im Rachen denken und den juckenden Schweiß auf der Stirn fühlen.
"Sie haben ja wieder nicht mit gesprochen", fuhr die Oberschwester sie beim Verlassen an. "Wenn Sie ihn besuchen, müssen Sie auch mit ihm reden. Er hört Sie, auch wenn er nicht antworten kann." Es folgte das Nebelbild. Ja, er irrte durch so dicken Nebel, dass er die Hand vor Augen nicht erkennen konnte und eine bekannte Stimme war eine Orientierungshilfe für ihn, einen wachen Zustand erreichen zu können.
"Gemäß seines eigenen Tenors lockt ihn meine Stimme nur in den nächsten Abgrund", sprengte sie das ausgeleierte Bild. Sie ließ die Frau stehen und begab sich zum Parkplatz.
Auf dem Stadtring hatte es einen Unfall gegeben. Sie fädelte ihr Auto durch Polizeiabsperrungen und Spannerkonvois. Gelangweilt nahm sie ihr Mobiltelefon und fotografierte die kleine Menge, die sich versammelt hatte, um das herausgeschweißte Opfer zu beglotzen. Gaffermenge, Teil 173: Oh, sie haben doch beide Beine drangelassen.

Am nächsten Morgen nahm sie sich viel Zeit. Sie duschte, benutzte sehr ausgiebig den Peelinghandschuh, massierte sogar eine Haarpflegekur ein und stand so lange unter dem warmen Wasserstrahl, dass sie sich später für diesen Luxus schämte. Warmes Wasser war ein Segen. Einmal hatte sie in einem Camp gearbeitet, in welchem sie wochenlang nur einen Eimer kaltes Wasser für die Morgenhygiene zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Es war eine Qual gewesen für ihren mitteleuropäischen Sauberkeitswahn.
Sie frühstückte, briet sich Eier, buk sich Brötchen auf, las dazu die Fernsehzeitung von letzter Woche.
Was mache ich mir eigentlich vor?, dachte sie. Wenn ich noch mehr trödel, komme ich zu spät und dann wird eh aller Augenmerk auf mich gerichtet sein.
Samstagmorgen. Zehn Uhr.

Samstagnachmittag. Sechzehn Uhr. Klassentreffen. Abiturjahrgang 1980.
"Na, wie geht's denn so? Alleine hier? Ich hab deinen Blog gelesen - also den Zeitungsausschnitt darüber. Warst du nicht letztens auch mal in dieser Sendung von diesem Quaksalber. Zum Weltaidstag, ne? - Dafür, dass du so lange in Afrika warst, bist du aber nicht braun geworden. Wie geht's denn deinen Eltern?"
"Meine Mutter ist bei einem Zusammenstoß mit einem Lkw auf der Autobahn ums Leben gekommen und mein Vater ist so gut wie tot. - Hast du nicht den Zeitungsausschnitt über den Unfall gelesen?"
Die ehemalige Mitschülerin stutzte. Ihrem Namensschild nach hatte sie geheiratet. Als sie fortging, war ein deutliches "Lesbische Kuh" zu hören.
Ah, ja. Es hatte sich nichts geändert.

Mila besuchte sie zwei Tage vor ihrer Abreise. "Jetzt sehen wir uns wieder so lange nicht." Ihr Kummer war ehrlich. Das war er jedes Mal.
"Es sind nur drei Monate."
"Du hast recht. Die anderthalb Jahre haben uns fast das Rückrat gebrochen." Mila seufzte. "Was machst du mit dem alten Mann?"
"Ich darf nichts mit ihm machen. Ich würde die Geräte sofort abschalten lassen, aber enterbt und verstoßen stehen mir keine Optionen offen."
"Gehst du ihn noch mal besuchen?"
"Ja, morgen."
"Kommst du zur Beerdigung, wenn er stirbt?"
"Nein."
"Schreibst du deinen Blog weiter?"
"Diesmal nicht. Es wird sehr anstrengend werden. Wir bekommen das Internet nur über Satellit und ich möchte die Kosten nicht strapazieren."
"Du solltest es trotzdem versuchen. Vielleicht ergibt sich vor Ort die Möglichkeit, deine Worte zu digitalisieren. Dein Blog war sehr gut besucht."
"Ja, nach den Medienberichten."
"Ich meine, deine Worte geben den Menschen Hoffnung und bestärken sie in Wohltaten. Du reist als Psychologin in Krisengebiete und kämpfst auf dem äußersten Posten, damit sie nicht verloren gehen. Das zeugt von Mut und Einsatzbereitschaft. Weißt du, du bist das Vorbild, das viele suchen."
"Du beschönigst da sehr viel. Das erste Projekt habe ich damals mit dem Hintergedanken angenommen, eine räumliche und geistige Distanz zwischen allem hier Geschehenen zu bringen. Also mach mich nicht zu der Heldin, die ich nicht bin. Ich brenne drauf, mich in Arbeit zu stürzen. Die Hilfe, die wir dort ausrichten, bedeutet mir etwas. Allerdings bin ich kein besserer Mensch, weil ich von Arbeitswegen her Menschen helfe. Schau doch nur: Wenn ich zurück gekommen bin, brauche ich nur den alten Mann am Krankenbett zu besuchen und verfalle automatisch einem Bild, das mir den Hals zuschnürt. Zwei Stunden sitze ich regungslos da und habe Angst zu sprechen."

Sie saß an einem See. Der Sonnenaufgang kündigte sich an. Im seidenen Dunst glitzerten die Augen eines ruhenden Krokodils. Das Wasser war tief. Das Tier musste unter den Oberfläche schweben. Es war zu früh, um mit der Arbeit zu beginnen. Eine strenge Ausgangssperre verhinderte, dass das einheimische Personal früher herkam. Sie hatte noch etwa eine halbe Stunde Zeit und war zum Wasserloch herunter gegangen. Ein letztes Mal tief Luft holen. Ein anstrengender Tag lag vor ihr. Viele Kinder schrieen. Die Frauen beteten lautstark. Die Männer wurden ungeduldig, wenn die Übersetzungen der Dolmetscher ihnen nicht reichten.
Jetzt gerade war sie innerlich ausgeglichen wie nach einer langen, tiefen Meditation. Das Wasser roch anders als daheim. Es war wie eine stoffliche Dicke, die man durch die Nase einzog und die sich im Gaumen festsetzte. Der Geruch ähnelte Verrottung - ein trauriger Widerspruch bei all dem Leben hier.
Sie hatte sich dem Wasser zu sehr genährt. Das Reptil musste nur einen Satz machen und es erwischte sie. In der Stadt hatte sie in einem der feineren Restaurants Krokodilfleisch gekostet. Es war ganz weiß und schmeckte eigenartig. Und jetzt wurde sie von einem solchen Exemplar beobachtet, einem wildgeborenem, kein gezüchtetes, gewogenen und exekutiertes.
Sie nahm einen Stein vom Ufer und warf ihn nach dem Tier. Das Krokodil tauchte unter und sie sah es nicht mehr.

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