Mittwoch, 16. November 2011

Lincoln hatte einen Hund

Während der Schulzeit glich jeder Morgen dem davor. Meine Freundin Gretel, und so hieß sie wirklich, holte mich von zu Hause ab. Wir bequatschten Aktuelles, wer sich etwa von wem getrennt hatte, und lästerten über die, die wir nicht mochten. Über Lincoln redeten wir nicht. Lincoln hieß eigentlich nicht Lincoln, sondern irgendwie anders. Ich weiß nicht mehr, wie er zu seinem Spitznamen gekommen war. Er hatte uns jahrelang durch Kindergarten und Grundschule begleitet und jetzt gingen wir auch in dieselbe Klasse. Zwar waren wir nie miteinander befreundet gewesen, aber wir hatten nicht gegen ihn. Wenn man ihn ansprach, war er immer ganz nett. Lincoln war einer der Menschen, die man mit einem Wort beschreiben kann: Unaufdringlich.
Er sah nicht sonderlich gut aus, war aber auch nicht hässlich. Seine Leistungen in der Schule waren im oberen Mittelfeld, außer im Sport. Da war er eher einer der Typen, die beim Basketball gelegentlich die Pässe vermasselten und selten wagten, einen Korb zu werfen.
Lincoln war mein Nachbar. Vom Haus meiner Familie konnte man in das seiner sehen. Hinten im Garten hatten sie einen großen Zwinger für ihren Hund. Er kam aus einer Großfamilie mit sieben oder acht Kindern. Ein paar von ihnen waren schon ausgezogen.
Wir hatten den gleichen Weg zur Bushaltestelle. Manchmal verließen wir zeitgleich unsere Häuser. Er grüßte Gretel und mich zwar, schloss sich uns allerdings nie an. Vielleicht weil wir rauchten. Gretel und ich hatten zu der Zeit damit angefangen.

Das neunte Schuljahr ging aufs Ende zu. Die Noten standen bereits fest, waren nur noch nicht eingetragen. Allenfalls konnten wir sie nur noch durch extreme Aufmüpfigkeit um Nuancen verschlechtern. Es war ein wunderschöner Sommertag. Ich schmiss die beiden letzten Stunden und plante des Rest des Tages, mich im Garten in der Sonne zu aalen. Ich zog mir meinen Bikini an, holte mir zu Sicherheit Handy und Telefon mit und widmete mich einer der spannenden Zeitungen meiner Mutter. Die Titelgeschichte lautete: "Der Ex - in Hass geschieden oder in Freundschaft verblieben?" Ein Test von Doktor Klugscheißer ohne Brille von der Uni Weiß-der-Teufel-wo in Zusammenarbeit mit Institut Wen-interessiert's? entwickelt, rief dazu auf, das Verhältnis zwischen sich und dem Exfreund herauszufinden.
Ich dachte an meinen Exfreund. Ulf. Der Idiot. Und ich hatte es ein halbes Jahr mit ihm ausgehalten, bis mir seine Eifersucht endgültig zu weit ging. Ich war seine Freundin, nicht sein Eigentum. Das schien er missverstanden zu haben. Ansonsten war er eigentlich vollkommen in Ordnung gewesen. Im Gegensatz zu anderen Beziehungen hatte ich nicht das Gefühl, dass er nur auf sexuelle Aktivitäten jeglicher Art aus gewesen war, sondern dass ihm wirklich etwas an mir gelegen hatte. Laut einer SMS von letzter Woche hatten sich seine Gefühle für mich nicht verändert. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht entschieden, ob ich dem nachgehen sollte oder nicht.
Ich machte den Test.
Wie lange sind Sie mit Ihrem Ex auseinander? - a) keinen Monat; b) über einen Monat; c) über ein Jahr 
Ich kreuzte a) an.
Sind Sie im Streit auseinander gegangen? - a) ja; b) nein; c) weiß nicht 
Antwort c).
Wer hat Schluss gemacht? - a) Er; b) Ich.
Antwort b) wohl.
Denken Sie noch oft an Ihren Exfreund? - a) selten; b) oft; c) Ich träume jede Nacht von ihm.
Ich wusste nicht, ob "gelegentlich" eher zu a) oder zu b) tendierte. Ich nahm b).
Das wurde langweilig. Ich ging die Fragen durch und wusste bei mehreren nicht, was ich antworten sollte. Der Test beinhaltete insgesamt zwanzig Fragen. Ich blätterte weiter und las mir die drei Lösungsmöglichkeiten durch, die angegeben wurden. Auf mich traf wahrscheinlich die zweite zu: Zwischen Ihrem Exfreund und Ihnen stehen immer noch Gefühle, die Sie beide nicht einordnen können. Sie sollten ihn kontaktierten, um dies mit ihm (noch) einmal zu bereden ...
Laber Rhabarber. Und es gab wirklich Frauen, die derartigen Müll schluckten. Ich warf die Zeitung weg und döste ein. Hundegebell weckte mich. Lincoln verließ zusammen mit dem Hund sein Zuhause zum Abendspaziergang. Er sah mich auf meiner Liege und starrte kurz herüber. Ich hob eine Hand zum Gruß. Er erwiderte den Gruß, ging aber schnell weiter.

Am Samstag nach dem letzten Schultag gab Melle ihre Geburtstagsfete. Sie lud die ganze Klasse in die große Gartenlaube ihrer Eltern ein. Jene waren an dem Samstag nicht anwesend. Melle hatte außerdem einen neunzehnjährigen Freund, der ihr jegliche Art von Alkohol kaufte. Wir freuten uns alle darauf. Gretel kam vorher zu mir. Sie würde die Nacht auch bei mir schlafen. Wir schminkten uns und diskutierten die Kleiderfrage. Da wir wussten, dass Melles Freund mit Sicherheit einige seiner Kumpels mitbringen würde, entschieden wir uns fürs Doppel-K: kurz & knapp.
Während Gretel mir einen sauberen Kajalstrich auf dem oberen Augenlid zog, klingelte das Telefon. Ich hob ab und meldete mich mit geschlossenen Augen.
"Hallo, ähm, hier ist Lincoln", kam eine zögerliche Stimme aus dem Hörer.
"Hallo, Lincoln! Warum rufst du an?"
"Mein Bruder fährt mich zu Melle. Willst du mitfahren?"
"Das wäre cool. Gretel ist bei mir."
"Kein Problem. Könnt ihr gegen halb neun zu mir herüberkommen?"
"Klar doch. Bis gleich dann." Wir legten beide auf. "He, Gretel, Lincolns Bruder fährt uns zu Melle."
"Sieht der gut aus? - Hier. schau mal, ich bin fertig."
Ich öffnete meine Augen und begutachtete das Resultat im Spiegel.
"Na ja, alle Geschwister von Lincoln sehen aus wie er."
Gretel gab sich enttäuscht und wir wechselten das Thema.

Pünktlich gingen wir herüber. Der Hund begann im Haus zu bellen, als wir klingelten. Gretel erkundigte sich, ob er groß wäre. Sie mochte keine Hunde. Bevor ich antworten konnte, öffnete Lincoln die Tür, den Hund am Halsband haltend.
"Hallo", begrüßte er uns. Er bemerkte Gretels ängstliche Miene und meinte: "Keine Angst, er tut euch nicht. Ihr könnt ihn ruhig streicheln."
Ich kniete mich zu ihm und ließ ihn an meiner Hand schnuppern. Lincoln brüllte nach seinem Bruder, dass wir fahren könnten.
"Lincoln, wie heißt der Hund?", fragte ich.
"Saño", antwortete er.
"Ja, Saño, bist ein guter, nicht wahr, ja, ja, ist ja gut", lobte ich den Hund, während er um mich herumscharwenzelte. Gretel stand gegen die Wand gedrückt und sah abwertend zu uns.
Lincolns Bruder kam. Er musterte uns und warf Lincoln einen skeptischen Blick zu. Der zuckte mit den Schultern. Ich bekam das freilich nicht mit, weil ich immer noch Saño streichelte. Gretel erzählte es mir später.
"Na, dann lasst uns mal fahren."
Lincolns Bruder besaß einen kleinen Fiat, in den wir uns quetschten. Der Motor hörte sich altersschwach an und jedes Mal, wenn Lincolns Bruder schaltete, glich dies einem Gewaltakt. Gretel und ich schwiegen die Zeit über. Als wir ankamen, hörten wir schon den Bass der Musik.
"Hoffentlich spielen sie vernünftige Musik und nicht wieder diese Hardcorescheiße", bemerkte Gretel, während sie von der Rückbank kletterte, wobei sie redlich bemüht war, niemandem einen Blick unter ihren Rock zu gewähren. Mein Kleid war zwar nur unwesentlich länger, dafür aber weiter geschnitten, sodass ich mich diesem Problem nicht konfrontiert sah. Lincolns Bruder wendete den Fiat, hupte kurz und fuhr wieder.
"Kommen deine Freunde auch?", fragte Gretel Lincoln.
Der zuckte mit den Schultern. "Eigentlich wollten sie."
Gretel warf mir einen Blick zu, der deutlich sagte, was sie dachte. Ich lachte.
Es war kaum die Hälfte der Leute da, die Melle eingeladen hatte. Gretel und ich nahmen die Salatbar in Angriff und futterten uns von Kartoffel- über Nudelsalat bis zu Würstchen und Frikadellen durch. Auf leeren Magen trinken soll man schließlich nicht.
Melle hatte wieder gründlich vorgesorgt. Auf einem Tisch, dem größten wohl gemerkt, machten wir bis zu über zehn verschiedene Sorten Hochprozentiges aus, dazu noch Mixgetränke, Bier, Sekt und Wein.
"Wie kommen wir eigentlich nachher zurück?", fragte Gretel, als wir mit Sekt anstießen.
Ich zuckte mit den Schultern und kicherte: "Ist doch egal."
Es war 'ne coole Party. Mit der Zeit erschienen immer mehr Leute, darunter auch solche, die gar nicht eingeladen worden waren. Melles Feier vom letzten Jahr hatte sich herumgesprochen. Die Kumpel ihres Freundes kamen gegen halb zwölf. Zu der Zeit hatten wir schon lustig was getrunken. Wir spielten so ein dämliches Spiel auf dem Boden. Auf eine leere Flasche wird ein Stapel Karten gelegt. Nach der Reihe muss jeder versuchen, genau eine Karte vom Stapel zu pusten. Schafft er es nicht, muss er etwas stürzen. Bei uns war es Korn. Wir spielten, bis die Flasche leer war. Ich versuchte aufzustehen und bemerkte, dass das nicht so einfach war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Gretel sah sich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert. Gemeinsam schafften wir es kichern.
Ich fühlte mich betrunken und gut. In der Gartenlaube hatten mittlerweile ein paar angefangen zu tanzen. Dieser Idee nahm ich mich an und schmiss mich zu den anderen auf die Tanzfläche.
Zwischendurch kamen einzelne Leute, mit denen ich mich unterhielt. Worüber , wusste ich nicht mal in dem Moment. Auch wie lange ich letzten Endes getanzt hatte, erinnerte ich mich nicht. Nachdem ich genug davon hatte, setzte ich mich zu einigen Leuten an den Tisch und trank auch dort weiter. Ich beteiligte mich nicht am Gespräch und hörte auch nicht sonderlich zu. Ich schlief ein. Irgendwann kam jemand zu mir und rüttelte an meiner Schulter. Lincoln stand vor mir.
"Hallo, Lincoln", begrüßte ich ihn und fand mich tierisch nett.
Er hockte sich neben mich. "Es ist jetzt gleich vier Uhr. Ich gehe jetzt zurück. Für dich wäre es das beste, mit mir zu kommen. Du schaust ziemlich fertig aus."
"Ich bin so zu."
"Kannst du noch gehen?"
"Ich kann gehen."
Mit seiner Hilfe stand ich auf. Er legte einen Arm um meine Hüfte. Trotzdem schwankte ich anfangs den Weg bis zur Tür. ich blieb stehen und schüttelte seinen Arm ab, um mich von den anderen zu verabschieden. Enttäuscht stellte ich fest, dass die anderen nicht mehr da waren.
"Wo sind denn alle hin?"
"Die meisten sind schon gegangen."
"Gretel! Gretel! Wo ist Gretel?"
"Die ist mit einem Typen weg. Ich soll dir sagen, dass sie heute Nacht nicht bei dir schläft. Und du brauchst dir keine Sorgen machen."
"Und warum hat sie mir nichts gesagt?"
"Sie hat's versucht, aber du hast geschlafen."
"Oh. Kann ich mich gar nicht dran erinnern."
"Wie viel hast du denn getrunken?", fragte er.
"Keine Ahnung."
"Zu viel, wie's scheint." Ich verstand nicht, was er damit meinte. "Hast du alles? Deine Jacke und deine Handtasche hab ich hier."
Ich fand's lustig, dass er als Junge eine Handtasche trug und lachte. "Ich muss mich von Melle verabschieden."
"Das geht nicht. Sie hat sich mit ihrem Freund in ihrem Zimmer eingeschlossen."
"Die Drecksau. Gut, dann können wir jetzt gehen." Ich machte einen Schritt und verlor die Balance. Lincoln fing mich auf. "Oh, fast hingefallen", stellte ich fest.
Er murmelte etwas, was ich nicht verstand. Mir fiel auf, dass ich mich nicht übergeben musste. und war richtig stolz auf mich. Lincoln las anscheinend meine Gedanken.
"Wenn du kotzen musst, sagst du mir vorher Bescheid, hörst du?"
"Ja."
"Versprichst du's mir?"
"Ja."
Wir waren gerade von Melles Grundstück herunter, als jemand auf uns zu kam und brüllte: "He, du! Was machst du da mit meiner Freundin?"
"Toll, noch ein Suffkopf", hörte ich Lincoln sagen.
"Scht, scht, das ist Ulf, mein Ex", raunte ich ihm zu und erkannte die einmalige Gelegenheit, Ulf eins auszuwischen.
"Hallo, Ulf!", rief ich ihm entgegen. "Warst du auch auf Melles Feier?"
"Nein." Er blieb vor uns stehen und starrte Lincoln wütend an. Dem wurde die Situation sichtlich unangenehm, aber das kümmerte mich nicht. "Ich wollte gerade schauen, ob da noch etwas los ist. Wer ist das?"
"Ach, Ulf, darf ich dir Lincoln vorstellen. Er ist mein Nachbar und auch mein neuer Freund."
Lincoln zuckte merklich zusammen. "Nein, nein. Das stimmt nicht. Sie ist betrunken und weiß nicht, was sie sagt."
Ulf ballte die Fäuste und trat näher heran. Lincoln ging automatisch einen Schritt zurück und zog mich mit. Ich stolperte und er konnte mich nur mit Not daran hindern, hinzufallen. "Kein Arsch macht sich an meine Freundin ran, hörst du."
"Wir sind überhaupt nicht zusammen. Sie redet Scheiße."
"Du beleidigst meine Freundin. Überleg dir, was du sagst. Sonst schlag ich dich zusammen, dass dich deine eigene Mutter nicht wiedererkennt."
Ich kannte das ganze Gerede schon von früheren Eifersuchtsszenen und langweilte mich. "Lincoln, ich will nicht Hause." Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und schloss die Augen.
"Sie ist sehr betrunken und ich will sie nur nach Hause bringen. Sie ist nicht meine Freundin."
"Wenn sie sagt, dass sie mit dir zusammen ist, dann seid ihr es auch", beharrte Ulf.
Lincoln seufzte hörbar. "Hilfst du mir, sie nach Hause zu bringen?"
"Pah! Kümmre dich doch um deine eigene Scheiße." Ulf schaute zu Melles Haus. "Gibt's da noch Alkohol?"
"Ganz, ganz viel", antwortete ich und öffnete die Augen wieder.
Ulf hob eine Faust Richtung Lincoln. "Wenn du sie anfasst, bring ich dich um!"
"Ich liefere sie nur nach Hause ab. Ich will sie nicht mal anfassen", schwor Lincoln. Ich fand das echt gemein, aber ich sagte nichts, weil Ulf schon weitergegangen war und er es nicht mehr gehört hätte.
"Na, komm. Weiter geht's." Lincoln schritt wieder vorwärts und zog mich mit. "Was redest du da für Müll? Musst du mich benutzen, um deinen Ex eifersüchtig zu machen? Der Typ hätte mir fast eins auf die Fresse gehauen."
"Ist doch nicht passiert."
Den restlichen Weg nach Hause schwiegen wir. In meinem halben Wachkoma bekam ich erst mit, dass wir zu Hause waren, als Lincoln in meiner Handtasche meinen Schlüssel suchte. "Endlich! Findest du den Weg ab hier?", fragte er, als er die Haustür aufschloss.
"Ja, ist voll in Ordnung", sagte ich und schloss die Tür hinter mir.

Am nächsten Tag schlief ich bis drei Uhr nachmittags. In der Küche machte ich mir ein Butterbrot und einen Kaffee. Ich war verkatert, aber ich hatte Schlimmeres hinter mir. Das Telefon klingelte. Gretel. Sie erzählte mir, dass sie gestern Abend einen unglaublich coolen Typen kennen gelernt hatte. Ich hörte nur halbwegs interessiert zu, weil sich Gretels Eskapaden meist ähnelten. Sie fragte, wie es mir ergangen war, und ich verriet, dass Lincoln mich nach Hause gebracht hatte.
"Lincoln? War der so lange da? Ist voll lieb, dass er dich nach Hause gebracht hat."
Auf einmal verspürte ich nicht mehr die geringste Lust, mit Gretel zu telefonieren. Ich erzählte ihr, dass ich noch zu tun hätte, und legte auf. Während des Gespräches mit ihr hatte ich mich erinnert, wie dumm ich mich Lincoln gegenüber benommen hatte. Ich schämte mich und beschloss, herüber zu gehen und mich bei ihm zu entschuldigen.
Es dauerte einige Zeit, bis bei ihnen jemand öffnete. Es war Lincolns älterer Bruder, der uns auch zu Melles Feier gefahren hatte.
"Du!", stieß er durch zusammen gebissenen Zähne hindurch. "Du traust dich, herzukommen, nachdem, was du meinem Bruder angetan hast, du Miststück?"
"Was?" Ich hab Lincoln nichts angetan. Ich möchte mit ihm sprechen."
Ich fragte mich, was denn geschehen war. Allein von der Tatsache, dass Lincoln mich volltrunken nach Hause gebracht hatte, würde Lincolns Bruder nicht dermaßen wütend reagieren. Ich überlegte. Ulf, fuhr es mir durch den Kopf. Oh, nein! Er hat Lincoln etwas angetan. 
Lincoln trat an die Tür. "Was willst du?" Seine Stimme war eiskalt und seine Augen ...
Ich bekam es mit der Angst zu tun und traute mich nicht mehr, ihn anzusehen. "Eigentlich bin ich hier, um mich bei dir zu wegen gestern bedanken. Außerdem wollte ich mich wegen meines Verhaltens dir gegenüber entschuldigen. Das Theater mit Ulf war nicht in Ordnung."
"Entschuldigen." Tränen stiegen in seine Augen. "Dein Exfreund war gestern Abend noch hier und hat meinen Hund umgebracht."
Ich zuckte zurück. "Was? Saño? Er hat Saño getötet?"
"Wir sind wach geworden, als Saño laut heulte. Dein Ulf hat ihn erstochen. Wir konnten nichts mehr für ihn tun. Er ist vor unseren Augen verblutet. Er liegt hinten unter einer Plane."
Ich verschränkte meine Hände und hielt sie vor meinen Mund. Vor Schreck konnte ich nichts sagen.
"Meine Mutter hat Ulf beim Weglaufen gesehen und anhand ihrer Beschreibung wusste ich, wer er war. Das ist alles deine Schuld. Ohne deine lächerliche Eifersuchtsszene würde Ulf mich überhaupt nicht kennen und Saño wäre noch lebendig." Lincoln wischte sich über die Augen.
"Das wollte ich nicht", schaffte ich es zu sagen. "Das ... oh, es tut mir leid. Lincoln, ich ..."
"Ach, halt den Mund!", fuhr er mich an. Einen kurzen Moment lang war ich fest davon überzeugt, er würde mich schlagen. "Verschwinde einfach und lass mich in Ruhe. Sprich mich auch in der Schule nie wieder an. "Du bist ein richtiges Miststück."
Jetzt hatte ich auch Tränen in den Augen. Ich sagte nichts mehr, drehte mich um und rannte davon. Er hatte wirklich Recht. Lincoln war immer nett zu mir gewesen. Nicht jeder, nicht mal die meisten meiner Freunde, hätten mich die zwei Kilometer nach Hause geschleppt. Auch, nachdem ich mich ihm gegenüber ungerecht verhalten hatte, hatte er mir weiter geholfen. Und jetzt war wegen mir sein Hund umgebracht worden. Der arme Saño. Der arme Lincoln.
Zuhause setzte ich mich in meinen Sessel und heulte. Ich fühlte mich nur schlecht.

Das Gefühl ging auch die nächsten Jahre über nicht weg. Jedes Mal, wenn ich Lincoln sah, dachte ich an seinen toten Hund. Mehrmals bekam ich in der Öffentlichkeit einen Heulkrampf. Ich hielt mich an seine Worte, ließ ihn in Ruhe, redete nicht mit ihm. Jeder in meinem Umfeld erfuhr von der Geschichte. Sogar meine Eltern. Jetzt war ich die, die Lincolns Hund umgebracht hatte. Ulf bekam eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und musste ein paar Sozialstunden ableisten. Wir trafen und noch einmal in einem Supermarkt. Ich rastete total aus, weil er vorgab, es wäre nichts geschehen. Ich bewarf ihn hysterisch schreiend mit Ketchupflaschen, die am nächsten gestanden hatten, und bekam Hausverbot. Ulf erstatte keine Anzeige, obwohl ich ihn traf und er aus einer Wunde am Kopf blutete, die genäht werden musste
Lincoln ging nach der zehnten Klasse ab und begann eine Lehre. Dazu zog er ans andere Ende der Stadt. Ich sah ihn nie wieder, aber ich dachte noch oft an ihn. Das Schuldgefühl ihm gegenüber ging nie wieder weg.

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