Donnerstag, 3. November 2011

Flaschengeist (Teil 2)

"Hast du deine Hausaufgaben fertig?" Beata hielt ihren Sohn an der Schulter fest, als dieser die Wohnung verlassen wollte.
"Ja, also, ähm, nein, also, Papa hat gesagt, dass ich noch -"
"Es ist halb fünf und du verlässt dieses Haus erst, wenn du deine Aufgaben erledigt hast. Irgendwo gibt es hier noch Regeln. Ich will nicht noch ein Vermerk im Muttiheft unterschreiben müssen."
"Aber Papa hat gesagt, ich soll zum Aldi gehen."
"Was willst du beim Aldi? Ich war gestern erst da."
"Die legen die Prospekte aus und ich soll welche holen."
"Und wieso macht dein Vater das nicht selber? Er ist für das Sammeln verantwortlich."
"Die haben ihm gesagt, nur Abgabe von haushaltsüblichen Mengen und er darf keine mehr mitnehmen. Die passen jetzt auf."
"Nichts da. Mach deine Aufgaben!"

Später kam der Vater nach Hause. Es gab ein unfreundliches Intermezzo, weil Henny keine Werbeblättchen vorweisen konnte. Beata mischte sich ein, als Alwin seinem Sohn eine Ohrfeige gab.
"Der Junge muss seine Aufgaben erledigen. Sonst bleibt er dumm, wenn er sich in der Schule nicht anstrengt."
Mutter und Vater schrieen sich gegenseitig an. Henny versteckte sich in seinem Zimmer unter dem Schreibtisch. Seit der Vater Papier statt Flaschen sammelte, war er wesentlich aggressiver geworden. Papier gab es überall umsonst. Flyer und kostenlose Zeitschriften, ausliegende Werbung, Bekleidungs- und Einrichtungskataloge, die nur halb ins Postfach passten und leichter herausgezogen werden konnten. Ähnlich war es bei Zeitungen. Donnerstags zog der Vater mit einem kleinen Rollkoffer los, den er sich besorgt hatte, um all das Papier bewegen zu können. Er ging davon aus, dass auch andere Flaschensammler bald umsteigen würden. Deshalb musste er soviel abgreifen wie möglich. Papier wog recht schwer und Henny musste immer öfter tragen helfen.
"Papa, ist es Diebstahl, wenn wir die Zeitung aus dem Briefkasten nehmen?"
"Halt den Mund, Henny."
Am gleichen Abend, als die Familie stumm beim Abendessen saß, zeigte Alwin auf seinen Sohn. "Du! Stell dir deinen Wecker auf halb fünf."
"Was soll der Junge um die Uhrzeit?", schaltete sich Beata ein.
"Der Russe von gegenüber. Der bekommt dann seine Werbung geliefert. Warum soll ich eigentlich hier herumlaufen und sammeln, wenn ich zig Euro Papier vor meiner Nase habe."
"Das ist aber nicht rechtens."
"Wenn du nicht willst, dass dir jemand was nimmt, dann pass auf dein Zeug auf. Wir nehmen ja nicht alles. Und der Alte bekommt gleiches Geld dafür, dass er weniger Arbeit hat."

"Versteck dich hier. Der Wagen kommt." Vater und Sohn duckten sich hinter den Mülltonnen und spähten zum gegenüber liegenden Haus.
Der kleine Transporter hielt. Zwei Männer stiegen aus und beförderten große Bündel in Plastik eingeschweißte Stapel heraus. Kaum waren sie weitergefahren, richtete sich Alwin Plenkowitzsch zu seiner vollen Größe auf.
"Ah, ich hab nicht an dieses beschissene Plastik gedacht. Junge, hol ein Messer aus der Küche! Und bring gleich Mutters Einkaufskorb mit. Pass auf, dass sie das nicht mitbekommt."
Alwin lief auf die andere Straßenseite, seinen Rollkoffer unter dem Arm geklemmt. Er versuchte, das Plastik mit den Händen aufzureißen. Es gelang ihm nur mäßig. Striemen blieben an seinen Fingern zurück. Henny kam mit dem Messer und dem Korb.
"Du läufst hin und her und stapelst das Papier erst mal hinter der Haustür. Wir tragen es später in unseren Keller. Am besten ist, wir schaffen alles fort, damit es so aussieht, als wäre es nie geliefert worden."
"Gestern hast du noch zu Mama -"
"Halt's Maul, verdammt!" Sah er das Papier vor sich, begannen Alwins Augen zu glänzen. Dafür würde er ganze Scheine bekommen. "Los, Junge, beweg dich!"
Er nahm Henny das Messer ab und begann mit dem Aufschneiden der Pakete. Das Plastik zeigte sich widerstandsfähiger als gedacht. Zudem hielten noch kabelbinderähnliche Konstrukte eine abgepackte Papiereinheit zusammen. "Was für ein Unsinn. So viel Mühe dafür, dass es nur Werbung ist." Alwin entwich der ein oder andere Fluch, während er mit dem Messer zugange war. "Mensch, Junge, mach voranl! Du kommst nicht hinterher."
"Es ist voll schwer." Henny wischte sich über die verschwitzte Stirn.
"Hör auf zu ningeln! Wir machen das für die Familie, hörst du! Für die Familie."
Also fuhr Henny fort. Stapelte Papier in den Wagen des Vaters und in den Korb der Mutter und beförderte beides in den Flur ihres Miethauses. Einer ihrer Nachbarn kam mit seinem Hund die Treppen herunter. Es war der Frührentner Zügner, der sein ganzes Geld für seinen kleinen Garten drüben in der Anlage ausgab. Sein Hund heulte, wurde er allein gelassen. Henny Mutter hatte sich schon mal bei der Hausverwaltung darüber beschwert, aber es war nichts geschehen.
"Eh, kleiner Plenkowitzsch, was denn ihr da?"
"Nichts." Henny griff nach dem letzten Bund aus dem Korb. Er hatte ungerade gestapelt. Langsam begann sein Turm zu kippen. Hoffentlich sah der Vater das nicht so eng, wenn er mehr Platz für das Papier brauchte als eingeplant.
"Du klaust dem Russen doch nicht etwa das Papier?"
"Was? - Ich? Nein."
"Junge." Zügner griff nach Hennys Arm und zog ihn aus dem Hausflur zur Straße hin. "Wo ist dein Vater?"
"Lassen Sie mich los", brüllte Henny und versuchte, sich loszureißen.
"Henny, was ist los?", meldete sich der Vater lautstark.
"Hab ich es doch gewusst! Ihr asozialen Nazis klaut dem armen Mann seine Werbung!"
"Wir sind nicht asozial!", fuhr Henny den Mann an.
"Ach, Junge, halt dein Maul." Zügner wandte sich dem Vater zu. "Sie begehen hier Diebstahl, Plenkowitzsch!"
"Das geht Sie gar nichts an. Machen Sie sich besser fort!"
"Wollen Sie mir etwa drohen? Legen Sie das Messer weg!"
Die beiden Männer begannen sich zu umkreisen, während sie sich anschrieen. Zügners Hund sah sein Herrchen in Gefahr und begann zu bellen. In den herumliegenden Häusern gingen Lichter an. Im dritten Stock wurde ein Fenster geöffnet. "Was ist da unten los?"
Zügner schaute nach oben. "Russe – der Plenkowitzsch klaut dir dein Papier!"
"Du Mistkerl! Warte, bis ich da bin."
Der Russe kam in Windeseile herunter. Er stürmte auf Alwin zu, der, als er die verkrampften Fäuste des Rentners sah, einen unkoordinierten Rückzug ins Haus bevorzugte.
"Komm her, du Lumpenschwein", brüllte der Russe. "Gib mir mein Papier zurück."
Alwin schmiss die Haustür hinter sich zu. Sein Schatten verlor sich in dem Milchglas der Tür.
"Papa! Papa!, brüllte Henny.
Zügner packte den Sohn an der Jacke. "Du gehst nirgends hin, Freundchen. Du bleibst, bis die Polizei hier ist."


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