Sonntag, 27. November 2011

Carla


Das Handy in der roten Socke vibrierte. Carla meldete sich.
"Ja, also, hier ist, hm, also, ich möchte meinen Namen noch nicht nennen. Ist da Carla?" Eine Frauenstimme. Ungewöhnlich. Meistens riefen die Männer an und die Frauen hörten über Lautsprecher aus dem Hintergrund zu.
"Ja, hier spricht Carla."
"Ich habe von einem Bekannten gehört, dass Sie Paartherapie betreiben."
"Das ist korrekt."
"Mein Mann und ich benötigen Ihre Dienste."
Dringend. Sie konnte es hören. Die Frau. Erfolgsorientiert. Jede dritte Woche beim Friseur. Aufwändiger Kleidungsstil. Glattes Gesicht. Wenig Schminke. Der Meinung, Sex & the City hätte den Frauen etwas gebracht.
Carla kannte ihre Kunden. Wenn im Bett nichts mehr lief, versandete das Zueinanderempfinden. Dann ging man zum Therapeuten, sprach viel, verstand den zukünftigen Weg und es hielt sich besser, wenn man auch den Kindern erklärte, warum Mama und Papa mehr Zeit für sich brauchten.
Oder aber man rief Carla an.
Wenn man sich Carla leisten konnte.
Fehlende Kommunikation war der größte Feind einer intakten, sexuellen Beziehung. Carla führte ein körperliches Gespräch herbei. Meistens fing sie mit der Frau an, nicht weil diese gesprächiger war, sondern weil sie einen empfindlicheren Körper hatte.
Carla führte Paare zur Sinnlichkeit. Sie mussten lernen zu berühren, wo sie anfassten, zu hauchen, wenn sie flüsterten. Einfühlungsvermögen konnte erlernt werden. Viele Paare waren der Therapeuten in ihrem Leben überdrüssig. Sie wollten eine Erfahrung. Carla brachte Erfahrung mit.
Erst zwei mal hatte es nicht geklappt. Einmal war der Mann ein verfahrener Fetischist gewesen. Ohne Latexunterwäsche konnte er sich nicht erregen. Seine Frau empfand das Tragen als unangenehm. Der Streit war zu verfahren gewesen. Carla hatte nicht helfen können.
Beim anderen Fall war die Frau unnatürlich dominant aufgetreten. Carla praktizierte kein SM. Mit Schlagen und Kneifen hatte sie nichts zu tun und sie ließ sich nicht demütigen. Der Ehemann teilte diese Auffassung und war zum Zeitpunkt des Treffens bereits aus der Wohnung ausgezogen.
Eine Zeit lang hatte Carla Vorgespräche geführt. Allerdings führten diese meist zu einer fehlenden Sensibilität während des Treffens, weil die Erwartungen zu hoch gesetzt waren. Carla befürwortete eine intuitiv entstehende Verbindung.
Die Frau am Telefon nannte Carla ihre Adresse. Sie zögerte und schaute auf den an der Wand hängenden Stadtplan, der mit roten und grauen Papierfähnchen markiert war. Aktive und inaktive Posten. Zwei schwarze Fahnen zeigten die beiden Fehlschläge an.
"Das Gebiet ist voll. Ich kann keinen Kunden mehr annehmen."
"Ich bezahle das Doppelte. Bitte." Vielleicht war es dieses eine Wort, das sie umentschied. Carlas Auftragslage war gut. Sie brauchte das Geld nicht.
Die Stimme der Frau beinhaltete eine Form der Verzweiflung, die sie selbst einmal gekannt hatte. Da war eine Furcht vor dem endgültigen Versagen. Noch wusste sie nicht, was vorgefallen war innerhalb dieser Beziehung, aber es war etwas Anderes als sonst. Sie hatte vielen Anrufenden an der Stimme anhören können, wie ernst es ihnen mit der Verbesserung ihrer Beziehung war. Hier fühlte sie, dass es das letzte war, was in Angriff genommen wurde vor der endgültigen Zerstörung.

Es war eine Doppelhaushälfte. Zwei separate Auffahrten. Sie klingelte und wurde ohne Fragen hereingelassen. Der Hund, vor dem mit einem gelben Schild gewarnt wurde, blieb aus.
Hermann und Gloria wohnten hier. Er geleitete sie herein. Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Carla hatte sich geirrt. Keineswegs verkappte Akademiker mit New Age-Besessenheit und weißer Smartphonegalerie. Das war ihr seit ihren Anfangstagen nicht passiert. Das Pärchen setzte sich direkt nebeneinander. Sie lächelten sich an. Auf eine unangenehme Weise wirkten sie homogen.
"Ich hatte dich kontaktiert", sagte Gloria. Eine klare Stimme. Ganz anders als am Telefon.
"Was kann ich für Sie tun?" Carla blieb lieber auf Distanz. Noch kannte man sich nicht.
"Mein Mann und ich schlafen nicht mehr miteinander."
"Wie lange ist der letzte sexuelle Kontakt her?"
Gloria und Hermann reagierten gleich. Sie schauten Carla an und zuckten mit den Schultern.
"Wir wissen es nicht mehr."
"Gut." Carla schlug die Beine übereinander. "Wir können uns nur näher kommen, wenn wir reden. Haben Sie bitte keine Hemmungen. Es bleibt innerhalb Ihrer eigenen vier Wände."
"Meine Frau hatte letzten Monat eine Fehlgeburt."
Carla schwieg.
"Jetzt denken Sie vielleicht, wir haben Sie angelogen, weil ich eine Fehlgeburt hatte, obwohl ich keinen Verkehr mit meinem Mann pflege. Das Kind war nicht von ihm. Wir führen eine offene Beziehung. Aufgrund der Fehlgeburt muss ich kurzweilig pausieren und begnüge mich damit, meinem Mann über die Schulter zu blicken."
Sie redete, als behandelte sie ihre Essgewohnheiten. Carlas Intuition meldete Bedenken an. Welche Art von Frau sprach über eine Fehlgeburt wie über einen abgehandelten Sachschaden?
"Ich stehe nicht auf meine Frau", sagte Hermann. "Ich mag schwarze Frauen. Wie dich."
"Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor." Carla betrachtete die Eheleute vor sich. Beide hatten ihr weder die Hand gereicht noch etwas zu trinken angeboten. Sonst wurde sie wie ein willkommener Gast empfangen. Noch nie hatte sich jemand über ihre Hautfarbe geäußert. Ihr Großvater mütterlicherseits war gebürtiger Äthiopier gewesen. Carla hatte die Hautfarbe, für die andere Leute regelmäßig ein Solarium aufsuchten. "Ich bin keine Prostituierte."
"Du verkaufst Sex", sagte Gloria. "Wir haben dir einen ganz schönen Batzen Geld gezahlt und du machst dafür die Beine breit."
"Das hier ist eine Sitzung. Sie haben ein Problem mit Ihrem Sexualleben -"
"Wir haben kein Problem. Ich stehe auf schwarze Weiber und meine Frau besucht regelmäßig Swingerclubs."
"Sie klangen verzweifelt, als Sie bei mir angerufen haben."
Gloria lächelte. "Von Lügnerin zu Lügnerin: Du behauptest ja auch, keine Nutte zu sein."
Mit einem Ruck stand Carla auf. "Ich verlasse Sie jetzt. Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen."
"Wenn du jetzt gehst, verlange ich das Geld zurück", sagte Hermann. "Da kann ich ja zweimal für in den Puff gehen und da bekomme ich wenigstens eine Leistung."
Einen Moment lang starrte Carla den Mann an. "Sie haben ernsthafte Probleme in Ihrem Kopf."
"Wenn wir das Geld nicht wiederbekommen, benachrichtige ich die Polizei wegen Schwarzarbeit."
"Genaugenommen müssen Sie zum Zoll deswegen."
Carla verließ das Haus angstlos. In sämtlichen Behörden dieser Stadt gab es Menschen, die ihr etwas schuldeten.

Carla nahm ein schwarzes Fähnchen und steckte es auf die Stelle der Karte, an der Hermann und Gloria wohnten. Nie wieder.

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