Freitag, 7. Oktober 2011

Der böse Mann


Der böse Mann verkauft Blumen am Straßenrand. Er sammelt sie auf den Rasenflächen der Innenstadt. Überquert er die Straße, schaut er nicht auf den Verkehr. Mehr als einmal habe ich haarscharfe Vollbremsungen beobachtet. Der böse Mann lebt gern gefährlich.
Wenn er unseren Laden betritt, stellt er seine beiden Eimer mit den wehleidig heraushängenden Pflanzen vor dem Kassentisch ab und sucht zusammen, was er kaufen möchte. Wenn sich zu viele andere Kunden im Geschäft befinden, verlässt er uns kommentarlos.
Der böse Mann redet nie mit uns. Spricht man ihn an, wird er fuchsteufelswild. Nur ihm körperlich nahe kommen, ist noch schlimmer. Einmal wäre ein Stift fast vom Kassentisch heruntergefallen. Wir wollten ihn beide aufhalten und unsere Finger hätten sich bald berührt. Da hat er als Reaktion einen Aufsteller mit sauber sortierten Impulsartikeln herunterschmissen.
Kein Einzelfall. Kommt ihm ein anderer Kunde zu nahe, tritt er kräftig nach diesem aus. Bisher hat er noch nie jemanden getroffen.
Oftmals kauft er Stifte und Kleber. Wir alle, die hier arbeiten, sind vor ihm gewarnt. Wir wissen nicht, wie gefährlich er werden kann. Wir fordern ihn deshalb nicht heraus.
Einmal hat er meiner Vorgesetzten zwei Rosen geschenkt. Sie hat sie sofort weggeworfen. Ein anderes Mal hat er sie grundlos mit Ausdrücken beschimpft, die sie mir gegenüber nicht aussprechen wollte. Seitdem wissen wir, dass er reden kann.
Er wurde auch schon dabei gesichtet, wie er sich mit anderen Leuten unterhielt. Da trug er einen schicken, weißen Anzug. Es muss wohl ein besonderer Tag gewesen sein. Die hat er nicht oft. Wer wohl seine Blumen kauft?
Er ist schon alt. Sein Gesicht ist trocken und faltig, sein Kopf komplett haarlos. Er trägt oft die gleiche Kleidung, aber er riecht nicht danach. Er riecht gar nicht. Man hört ihn auch nicht. Man sieht ihn nur. Und am besten nie in die Augen.
Anfangs kommt er nicht zu den Neuen bei uns. Wenn dann doch, ist das Prozedere stets das gleiche. Erst legt er seine Ware und das Geld dazu gleichzeitig auf den Tisch. Wir kassieren ohne Begrüßung und ohne Hinweise auf die Sonderangebote, die ihm das Leben verbessern könnten, und sagen nur, wenn wir es wagen, den Preis. Wir geben ihm Wechselgeld und Kassenbeleg. Er nimmt den Zettel, begutachtet mit grimmiger Miene das Resultat und zählt sein Wechselgeld.
Wenn der böse Mann zufrieden ist, legt er danach die Handflächen aneinander und ahmt eine Verbeugung nach. Was auch immer sonst in seinem Kopf vorgeht, Gehässigkeit existiert in ihm ähnlich der Kohlensäure in Erfrischungsgetränken.
Als er das letzte Mal den Laden betrat, war ich gut gelaunt. Ich wagte es, aus dem Geld, das er mir auf den Tresen warf, den Betrag passend abzuzählen und ihn dabei dienstleistungssektorgemäß professionell anzulächeln. Er wartete ab, bis ich ihm den Bon gab. Er verzog er sein hässliches, altes Gesicht zu einer grinsenden Fratze. Erst zeigte er mir den Vogel. Dann zog er den rechten Arm hoch und reckte mir kurz seinen Mittelfinger in die Luft.
Mir fiel auf, was für peinlich kleine Finger der böse Mann hat. Ich musste lachen und ich lachte auch noch, nachdem er mich mit kalter Wut angesehen und den Laden verlassen hatte.
Vielleicht hatte er keinen guten Tag. Vielleicht hat er nie einen guten Tag und ist deshalb böse. Es interessiert mich nicht wirklich, denn, hey, böser Mann: Du kannst mich mal gern haben.

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