Donnerstag, 1. September 2011

Zwischen Fingerspitzengefühl und Mehrkanthammer

Vor Jahrhunderten musste es hier gestunken haben. Kürschner und Gerber hatten hier gearbeitet, nahe der ehemaligen Stadtmauern. Ich stelle mir vor, wie damals richtiger Unrat die Straße verengte, nicht wie heute, wo Fleischabfall zwei Beine mit sich herumschleppt und sich langsam in Ellipsen den Weg voranbahnt.
Ich studiere Soziologe. Ich hasse Menschen.
"Sanfte Satire", sagt Hieronymus neben mir.
"Halt's Maul", sage ich.
Eine Touristengruppe. Fünfzig und älter. Beleibt. Zu verbraucht für die Bank. Sie bewegen sich in einem Kreis, alle mit dem Gesicht nach außen. Rote Borsten trägt die eine von ihnen auf dem Kopf. Bunte, blau-weiß gestreifte Wallawalla-Kleidung. Bäuche als Maßstab für die Schlachtplattenparade.
"Ah, hier ist der Brühl", sagt Professor Weiße Nase und faltet sich einen Spitzhut aus dem Stadtführer.
"Aber wo ist denn der Vergnügungspark?", schreit Borste in den Kreis. Alle quieken vor Begeisterung. Sie schauen zur großen Baustelle herüber.
"Ach, hier wird er gerade gebaut", sagte Frau Witwe-aber-glücklich. Sie schielt. Uh, sie erinnert mich an diesen Film mit dem orangefarbenen Vorspann.
Ich studiere Philosophie. Ich hasse Worte.
Hieronymus biegt in die falsche Passage ab. Ich brülle ihm hinterher, er sei ein nichtsnutziges Stück Terpentindose und alles, was er anhäuft, versinkt in Schlicke.
"Fick deine Mutter", schallt es zurück.
"Ja, das ist alles, was du vom Fernsehen gelernt hast."
Eine Gruppe Kinder steht auf, als wollten sie ihren Lehrer verteidigen. Hieronymus steht da schon längst wieder neben mir. Ich beschimpfe ihn weiter, nenne ihn unflätige Gebirgstriade, verbarrikadierte Jungfernbörse und feuerwerksarmen Metallverschluss.
"Oh ja, das ist alles, was ich brauche." Mit glitzernden Augen bleibt er stehen. Der Geifer wischt den letzten, unbemerkten Rasierschaum von seinem Kinn weg.
Eine barbusige Kellermeisterin im Sarong, am Steinboden angekettet mit ihrem Nasenring - eine Mode, die endlich ihren Sinn erfüllt.
"Hieronymus, du wirst doch nicht!"
Er ist im Ansatz bereit loszusprinten. Ich umfasse seine Mitte mit beiden Armen, ringe ihn zu Boden.
"Ich bin die Ziehharmonika des Todes", schreit er. Und dann stammelt er nur noch und sabbert mir mein Hemd voll mit dem, was er alles aus seinen Träumen hervorzubringen wünscht.
"Früher sind wir für so was in ein Hotel gegangen", gibt uns ein älterer Herr Schelte. Er trägt eine Kappe und seinen Gürtel sehr locker.
Ich schaue runter auf Hieronymus, der unter meiner Umarmung schwitzt. Seine Fersen bohren sich in den matschigen Grund, er will mit gefundener Haftung neu zustürmen auf das so bereitfertig hinplatzierte Tageslichtopfer, das dort - Moment, wo ist es hin? Nur noch die Kette mit dem Piercing baumelt am steinernen Untergrund. Kein Blut und noch weniger Zeugen.
"Sie ist weg. Sie ist weg." Hieronymus schlägt mit Fäusten und Füßen auf den Boden ein. Ich stehe auf und verweise mich selbst in die nächste Passage.

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