Montag, 12. September 2011

Es war Mord


Marcel schaute verlegen aus, als er sprach: "Könntest du dich bitte um Tami kümmern. Ich habe meine Schicht nicht tauschen können. Es ist nur der Vormittag. Bitte, Maxi, nur das eine Mal."
"Deine Schwester." Maxi schaute auf ihre Schnitte. "Die hat 'nen Knall."
"Ja, seit ihrem Unfall damals ..."
"Ihre Gehirnerschütterung dauert schon 15 Jahre an."
"Ich weiß." Marcel nagte an der Oberlippe. "Sie ist nicht ganz einfach. Aber sie ist meine Schwester und ich habe meiner Mutter damals versprochen, mich um sie zu kümmern."

Sie stieg aus dem Zug. Sie hatte noch mehr zugenommen. Das läge an ihrer Diabetes, hatte sie einst ungefragt erklärt. "Hier nimm mal meinen Koffer", sagte sie zur Begrüßung.
"Hallo Tami", erwiderte Maxi.
Sehr zum Unmut der anderen Passagiere blieb Marcels Schwester auf der untersten Sprosse des Ausstiegs des Regionalexpresses stehen. "Ich heiße Tamina-Sophie. Das solltest du mittlerweile wissen."
"Hier, nimm deinen Koffer doch selber." Maxi drehte sich um und verließ den Bahnsteig Richtung Parkhaus West.
"Halt! Ich kann nicht so schnell. Mein Blutzucker! Was ist das für ein Empfang? Wo ist mein Bruder?"
Maxi blieb vor der Treppe zum Ausgang stehen. "Der ist arbeiten."
"Er hat sich nicht frei genommen für mich." Tamina-Sophie ließ den Unterkiefer vorschnellen.
"Sein Urlaub ist schon verplant."
"Ja, mit dir."
"Genau. Mit seiner Frau. Dreieinhalb Wochen Forteventura." Maxi stieg die Treppen herunter und ignorierte das Keuchen und Schnaufen hinter ihr.
"Hilf mir mal mit meinem Koffer! - Der Urlaub hat bestimmt ein Vermögen gekostet. Warum macht ihr nicht in Deutschland Ferien? Da bleibt das Geld wenigstens im Land. Bei uns im Thüringer Wald ist es so schön. Ein Großteil des kulturellen Erbes Deutschlands befindet sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft."
"Leipzig ist grün genug für uns. Und die Seenlandschaften sind ein hervorragendes Naherholungsgebiet. Wir wollten es mediterran."
Tamina-Sophie spitzte die Lippen. "In der Stadt soll's grün sein. - Die Abgase hier verhindern dir das Denken. Dabei habt ihr schon so eine grüne Plakette und schau, wie sich hier der Verkehr stapelt. Sie mussten sogar für die Straßenbahnen eigene Wege bauen, damit die noch ihren Platz finden."
Maxi benutzte ungefragt die Stufen zum Parkdeck 2. Tamina-Sophie bevorzugte den Aufzug.
"Hast du schon wieder ein neues Auto?" Der blaue Scirocco glänzte im Licht der Morgensonne. "Was hat VW sich denn dabei gedacht? Ich habe selten ein hässlicheres Auto aus deutscher Hand gesehen."
Sie verstauten das Gepäck im Kofferraum. "Passt du in die Lücke oder soll ich ein Stück vorfahren?"
"Hältst du mich für fett, oder was?"
"Passt du rein - ja oder nein?"
"Fahr vor."

Maxi sprach auf der Fahrt zur Wohnung kein Wort. Ihre Schwägerin erläuterte die unvernünftige Straßenführung, die Ampelphasenverschwendung, die fehlende staatliche Unterbindung des Fahrradfahrens ohne Helm und eine fehlende gesetzliche Regelung, Kinderwagen mit ähnlich vielen Lichtreflektoren auszustatten wie Schulranzen. Die Doppelhaushälfte ihres Bruders war ihr zu klein. "Das nennt ihr Eigentum? Das ist grad mal die Hälfte von einem richtigen Haus." Das Gästezimmer bezeichnete sie als eine peinliche Schuhschachtel. Der Garten blieb nur ein Versuch. "Der Garten unseres Elternhauses ist fünfmal so groß. Wieso stehen hier eigentlich die ganzen Altbauten in den Nebenstraßen? Haben sie hier etwa auch so ein hübsches Gebäude aus der Gründerzeit weggerissen, nur um ein paar Stapelhäuser hinzustellen?"
"Da ist viel in der DDR verrottet."
"Na, na, na! In der DDR war nicht alles schlecht. Bei den Pionieren zum Beispiel war ich sehr glücklich. Aber das kannst du ja nicht beurteilen. Du kommst aus Bayern."
"Ich komme aus Franken, Tamina-Sophie."
"Ach, komm." Die Schwägerin verdrehte die Augen. "Kochst du eigentlich für Marcel?"
"Wenn ich Zeit habe, koche ich."
"Soll er sich selbst verpflegen, oder was?"
"Er ist ein erwachsener Mann."
"An einer funktionierenden Frau hängt der Haussegen."
"Ward ihr bei den Pionieren eigentlich gleichberechtigt?"
"Das hat damit nichts zu tun."
"Was ist denn mit deinem Lebensgefährten? Wollte er nicht mitkommen?"
"Nein."
"Ist er zurück zur Mutter?"
"Was erlaubst du dir?"
"Wollte er nicht nach zwei Monaten zu dir ziehen?"
Die Schwägerin hob das Kinn. "Er wollte nur das Haus. So wie alle."
"Alle? Wen kennst du denn noch?"
"Du bist unverschämt. Du kannst mir nichts vorwerfen. Ich sehe es hier in deinem kahlen, unfreundlichen Zuhause. Dir fehlt das Händchen zur Dekoration, generell zur Weiblichkeit. Vielleicht sind es die kurzen Haare oder deine fehlende Brust. Mutter hatte schon Recht, als sie meinte, Marcel hätte ein Mannweib geheiratet. Aber, nein, nein, ich weiß schon, warum du mich hier angiftest. Du bist neidisch auf mich, weil ich das Haus der Eltern geerbt habe."
Maxi lachte. "Ja, du hast Recht, ich, ein Mannweib mit einem 2000er Nettoeinkommen und einem so gut wie abgezahlten Neubau, bin neidisch auf dich. Bei dir läuft es einfach rund. Du lebst mit Ende dreißig alleinstehend in einem Haus, dessen Erhaltung dein Gehalt auffrisst, das du dir als mittlerweile nur noch Halbtagsangestellte zusammenschusterst. Du bist adipös. Deine Freunde aus der Pionierzeit sind seit 1989 verschollen. In deiner Gemeinde bist du trotz Kandidatur in kein Amt gewählt worden. Deine eigene Familie mag dich nicht. Alles, was du hast, sind einsame Fernsehabende in dem schlecht abgedichteten Wohnzimmer. Und du, Tamina-Sophie, nimmst jetzt deinen Koffer und verschwindest von diesem Grundstück in deinen Thüringer Wald zurück. Deine Gemeinheiten mir gegenüber haben jetzt ein Ende."
"Du wagst es, mich aus dem Haus meines eigenen Bruders zu werfen?"
"Es ist auch mein Haus, du blöde Kuh", brüllte Maxi.
"Eine Frechheit sondergleichen." Der Atem der Schwägerin ging in kurzen, heftigen Stößen. "Oh! Oooh!" Tamina-Sophie griff sich an die linke Brust. "Ich ... oh, ich habe Schmerzen. Mein Herz. Der Arm. Was - ruf ..."

Die 120 Kilo Frau fiel um. Auf dem Weg ins Krankenhaus in der Ambulanz setzte ihr Atem komplett aus und fand keinen Anfang mehr. Nur die beiden Sanitäter waren bei ihr. Maxi hatte die Mitfahrt verweigert.

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