Donnerstag, 2. Juni 2011

Dein Gewissen




Im Kindergarten an der Ecke gibt es die Froschgruppe, die Igelgruppe, die Marienkäfergruppe und nachdem endlich das Geld für eine Erweiterung bewilligt worden ist, neuerdings auch die Opossumgruppe. Es sind zwei neue Betreuerinnen eingestellt worden. Eine ist groß, neigt zu einem unschönen Bauchansatz und trägt ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie heißt Rita Tunkel. Die andere, Elena Iwanczyk, hat ihre Ausbildung gerade erst hinter sich gebracht. Sie kommt jeden Morgen aus Torgau hergefahren. Sie hat ein Nasenpiercing und selbst gezogene, weißblonde Strähnen im Haar.
Der Name der Gruppe ist rein obligatorisch gewählt worden. Viele Kinder können "Opossum" nicht mal richtig aussprechen und nennen sie die "Heidi-Gruppe". Den älteren Kolleginnen gefällt der exotische Name nicht.
"Wir müssen nicht auf jeden Zug aufspringen. Was ist, wenn wir Probleme mit dem Zoo bekommen, weil die irgendwelche Lizenzrechte haben?", fragt Igel-Vorsteherin Inge die Leiterin bei einer feierabendlichen Zigarettenrunde.
"Wir können die Gruppe jederzeit umbenennen", antwortet die Leiterin. "Der Name ist ganz praktisch. Ein Opossum kann man auch mit einem Bleistift malen. Weißt du, wie teuer mir die einzelnen grünen Stifte zu stehen kommen, die ich regelmäßig für die Froschguppe kaufen muss?"
"Wie machen sich die beiden Neuen? Das Piercing – also, ich weiß nicht."
"Sie ist besser als die andere. Man kann sie noch formen." Die Leiterin zieht ein letztes Mal an ihrer Zigarette.

Es ist 13 Uhr. Obwohl draußen schönes Wetter ist, verlangt die Ordnung, dass die Kinder drinnen abgeholt werden, damit gewährleistet ist, dass sie nur den gemeldeten Erwachsenen mitgegeben werden. Sieben Kinder sind noch da, Gerhard, Annabelle, Chiara, Rikardo, Jeremy-Jay, Joseph und Frederik. Elena, von den Kindern Eli genannt, steht mit ihnen in der Vorhalle.
"Keine Kommentare über Namen!", hat ihr die Leiterin bei der Einarbeitung eingeschärft. "Jeder Kevin rettet Ihren Arbeitsplatz."
Rikardos Mutter kommt. Gerhards gleich danach. Jeremy-Jay und Joseph sind Geschwister und werden wie gewöhnlich von ihrer Oma abgeholt, die so stark sächselt, dass Elena Probleme hat, sie zu verstehen. Elena ist in Posen geboren und mit fünf Jahren nach Leipzig gezogen. Selbst nach all den Jahren hier kann sie das Genuschel der Alten nicht verstehen.
Annabelles Mutter verspätet sich wie üblich. Chiaras Vater sackt seine Tochter ein ohne die Kindergärtnerin zu begrüßen.
"Meine Mutter ist noch einkaufen", plappert Frederik drauf los. "Am Montagmorgen macht sie den ganzen Wagen voll, aber sie geht nur alleine, weil wir sie nerven beim Einkaufen. Jetzt geht sie aber nicht mehr alleine. Jetzt ist Davey immer dabei. Weil der ist noch klein und kann nicht alleine bleiben."
Elena hat Frederiks Mutter schon kennen gelernt. Mitte Zwanzig, schwarzes Haar, so rund, dass man ihr die Schwangerschaften kaum anmerkt. Sie holt ihre Kinder mit der Straßenbahn ab. Es gibt noch einen älteren Sohn, der letztes Jahr eingeschult worden ist, und die Anmeldung für Alois, der Bruder zwischen Davey und Frederik liegt schon vor.
Annabelles Mutter kommt, ein Handy am Ohr. Sie nickt Elena zu, formt "Danke. Schönen Tag noch!" mit den Lippen und nimmt ihr Kind an die Hand.
"Jetzt bin ich der letzte", schlussfolgert Frederik. "Aber Mama sagt, dass wir bald wieder die ersten sein werden. Unsere Zeit wird kommen und dann sind wir am Zug."
Elena starrt den kleinen Jungen an. Vier Jahre. Noch ein Kindergesicht wie alle anderen auch. Jeremy-Jay und er schubsen sich gerne. Seit der Sandschlacht letzten Monat dürfen sie nicht mehr zusammen spielen.
"Und was meint sie damit?"
"Ich weiß nicht. Ich will gar keinen Zug. Ich will ein Auto. Ein rotes."
Das Schreien eines Kleinkindes kündigt Frederiks Mutter an. Heute kommt sie nur mit Davey, der nicht damit einverstanden ist, im Kinderwagen sitzen zu müssen. Die Temperaturen draußen nähern sich höheren Zwanzigerwerten. Es ist das erste Mal, dass Elena Frederiks Mutter in einem kurzärmligen T-Shirt sieht.
"Hallo Mama!", kräht Frederik und läuft zu seiner Mutter. Sie bleibt stehen und umarmt ihren Sohn.
"Warst du artig, Fredi?" Sie lacht und gibt ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn.
"Ja, Mama."
"Keine Sandschlacht?"
"Nein. Keine Sandschlacht."
Die Mutter nickt Elena zu. "Schönen Tag noch!"
Frederik will den Kinderwagen schieben. Als er nicht darf, beugt er sich zu seinem Bruder hinunter und schneidet Fratzen. Davey vergisst seine vorherigen Beschwerden und kräht vergnügt.
Selbst als die Familie außer Sichtweite ist, steht Elena noch in der Vorhalle des Kindergartens. Die Leiterin kommt, um die Vordertür abzuschließen.
"Was ist denn los? Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen."
"Haben Sie mal die Tätowierungen von Frederiks Mutter gesehen?"
"Die auf den Armen?" Die Leiterin dreht den Schlüssel um und rüttelt als Test kurz an der verschlossenen Tür.
"Die Frau hat SS-Runen und Hakenkreuze auf dem Unterarm und weiß Gott, was der Rest drum herum zu bedeuten hat."
Die Leiterin seufzt. "Ja, das ist nicht schön."
"Das müssen wir dem Jugendamt melden."
"Frau Iwanczyk. Ich kenne drei Jungen aus dieser Familie und habe nie einen Grund zur Beanstandung gefunden. Sie kommen ordentlich genährt und gekleidet und benehmen sich Altersgemäß. Da war nie ein Problem auszumachen. Ihre Eltern sind Nazis. Na und? Ihre Kinder sind normal."
Elena starrt ihre Vorgesetzte an und weiß nicht, was sie antworten soll.
Die Leiterin mustert ihr Gegenüber ebenso kritisch. "Sie sind noch in der Probezeit. Machen Sie nichts Unüberlegtes. Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend."

Am Abend telefoniert Elena mit ihrer Schwester.
"Weißt du, während meiner Ausbildung hat uns Frau Golpe etwas Ähnliches erzählt. Da war der Fall eines Mädchens mit schwarzweißroten Fahnen. Sie hat sich selbst auf einem Pferd gemalt mit einer Flagge in der Hand. Und als sie gefragt worden ist, warum sie schwarzweißrot als Farben gewählt hat, hat sie geantwortet, dass ihre Eltern eine solche über dem Bett hängen haben. In der Mitte fehle noch ein Kreuz, aber ihr Eltern hätten ihr gesagt, sie solle das im Kindergarten nicht malen. Der Fall wurde dem Jugendamt gemeldet und die Kleine ist jetzt bei Pflegeeltern."
"Das Problem mit den Nazis ist, dass sie sich so schnell vermehren", sagt ihre Schwester.
"Unsinn. Das Problem mit den Nazis ist, dass sie akzeptiert werden. Wie von unserer Leiterin. Wenn ich jetzt dem Jugendamt weitergebe, dass da diese Nazifamilie ist, dann verliere ich meine Arbeit. Die Alte feuert mich. Die ist so geil auf jedes einzelne Kind, das da angemeldet ist. Sie sieht die Kinder wie einen Punktestand. Ich mache da nicht mit. Es gibt beim Jugendamt sogar eine Fachstelle Extremismus und Gewältprävention. Uns hat man während der Ausbildung eingeschärft, keine Scheu vor Behördengängen zu haben."
"Und was machst du jetzt?"
"Ich werde mich nach einer anderen Arbeit umsehen. Ich komme aus Polen. Ich kann keine Nazis erziehen. Ich beobachte Frederik ab jetzt und wenn mir noch etwas auffällt, was in Richtung rechts geht, melde ich dies dem Amt."

Zwei Tage später bittet die Leiterin Elena in ihr Büro.
"Ich habe mich mit meiner Stellvertreterin ausführlich beraten und wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir mit Ihnen nicht die richtige Entscheidung getroffen haben, als wir die neue Stelle besetzt haben. Sie sind zu unerfahren und ich kann Sie noch nicht mit gutem Gewissen alleine die Gruppe leiten lassen. Wenn ich mir vorstelle, dass Frau Tunkel vielleicht mal krank wird, möchte ich jemanden angestellt wissen, dem ich blind die Verantwortung übertragen kann. Verstehen Sie das bitte nicht falsch, Sie haben einen sehr guten Abschluss hingelegt, aber leider fehlt Ihnen die Erfahrung, von der ich anfangs gehofft hatte, dass Ihre guten Noten und Ihre Empfehlungsschreiben diese schnell einholen können. Das war leider nicht der Fall. Ihr Kündigungsschreiben bekommen Sie separat nach Hause geschickt. Ab heute werde ich persönlich die Opossum-Gruppe mitleiten. Sie müssen daher nicht mehr wiederkommen. Die Demütigung, den Kindern zu erklären, warum Sie nicht mehr da sind, bleibt Ihnen erspart. Ich wünsche Ihnen einen positiven, weiteren Werdegang, Frau Iwanczyk."
Die Leiterin reicht ihr die Hand. Elena greift nach ihrer Tasche, die sie auf dem anderen Besucherstuhl abgelegt hat, und verlässt das Büro.
"Gut. Dann eben nicht", sagt die Leiterin und sucht Zigaretten und Feuerzeug aus ihrem Schreibtisch heraus.

Elena schaut auf den Stapel Bewerbungen neben sich. Jetzt geht das wieder von vorne los. Fünf Monate hat ihre erste Arbeitsstelle nach der Ausbildung gedauert. Als Jahrgangsbeste. Ihre Mutter ist sehr enttäuscht gewesen.
"Hättest du doch den Mund gehalten. Dann hättest du jetzt noch Arbeit. Die Deutschen sind sehr eigen mit ihrer Vergangenheit", hat sie gesagt. "Du musst arbeiten und Geld verdienen. Was interessiert dich der kleine Junge? Der ist in zwei Jahren nicht mehr da. Hattest du das Gefühl, dass er geschlagen wird zu Hause? - Nein? Jetzt wird er von seiner Familie getrennt, weil du deiner Leiterin eins auswischen willst."
Gerade eben hat Elena eine Email an das Jugendamt geschrieben. Danach hat sie mit ihrer Mutter telefoniert. Elena fühlt sich schuldig, weil sie den kleinen Frederik verraten hat.
Was ist, wenn es stimmt, was meine Mutter gesagt hat, und ich einen Fehler begangen habe mit dieser Email? Habe ich überreagiert und Schutzbefohlenen Schaden zugefügt, nur weil ich Nazis melden wollte?
Sie denkt lange darüber nach. In der Schule ist sie oft von den Mitschülern schikaniert worden, weil sie damals noch kein akzentfreies Deutsch gesprochen hat. Obwohl sie einen deutschen Pass hat, nannte einer der Lehrer sie andauernd "die Polin". Allein die Erinnerung macht sie jetzt wieder wütend.
Und das ist die Ursache für ihr Handeln. Sie hat Wut.

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