Freitag, 4. März 2011

Dem Herzen hörig

Das Lied schien beliebt zu sein. Die Tanzfläche war schon vorher gut gefüllt gewesen, aber jetzt drängten noch mehr hinzu und suchten nach jedem kleinsten freien Raum, den sie ausfüllen konnten. Viele bewegten sich im Kreis ihrer Freunde. Die Kameras wurden gezückt. Die Arme bewegten sich in Schlangenlinie, hoben sich in die Höhe. Die Beine verweigerten die Bodenhaftung. Der eine sang den Text mit, die andere die Melodie. Mache schrien einfach. Die Mädchen bewiesen die Tauglichkeit ihrer Kleidung. Die Jungs berührten manchmal mehr als erlaubt. Die verschütteten Getränke verdampften in der Wärme. Der Körperkontakt wurde ein fließender Übergang. Immer enger wurden die Kreise gezogen. Die homogene Masse pulsierte vor Leben.

Malik saß in einer Ecke, das Glas Cola in der Hand und beobachtete, was sich vor ihm abspielte. Manche Gesichter kannte er. Da war das Mädchen mit dem grünem Piercing an der Unterlippe, an dem sie gerne herumspielte. Sie kam meistens in Begleitung ihrer Freundin, die gut ein Meter dreiundachtzig groß war und jedes Mal kurz ihre stets nackten Arme in die Luft streckte, wenn ein Lied kam, das ihr gefiel.
Drei oder vier Jungen seines Alters waren auch für Malik schwer zu unterscheiden. Sie trugen meistens einfarbige Polohemden mit aufgestelltem Kragen. Ihre blond überfärbten Haare hatten sie auf ähnliche Weise hoch gegelt. Sie sahen nicht nur aus wie zusammen gestellte Zwillinge, sie benahmen und bewegten sich einheitlich, artikulierten sich gleich und holten in hervorsehbarer Häufigkeit ihre modischen Mobiltelefone hervor.
Ganz im Gegensatz dazu stand ein Mädchen mit mal hellroten, mal pinken Haaren, welches meist gepunktete Oberteile trug. Ihre Armbänder konkurrierten in der Anzahl mit ihren Ohrringen. Sie lachte viel, hüpfte eher, als dass sie tanzte. Malik spürte eine Form der Anerkennung für sie, weil sie oft ein großes Bierglas in der Hand hielt und selten etwas davon verschüttete.
Malik selbst trank erst aus, bevor er sich wieder auf die Tanzfläche begab. Wie viele Lieder er hindurch tanzte, wusste er nicht. Wenn sich der Rhythmus des Basses veränderte, glich er sich ihm an. Manchmal schloss er die Augen, um sich ihm ganz zu überlassen. Dann spürte er die zappelnden Körper um sich herum nur noch als tragendes, zusammen gewachsenes Element. Homogenität. Wenigstens einmal gehörte er zu seinen Gleichaltrigen.
Ein Kratzen im Rachen meldete sich und er bewegte sich an die Bar. Er trank Cola, weil die Kellner das leicht von den Lippen ablesen konnten. Mit dem Glas in der Hand stand er wieder am Rand.
Jemand stieß ihn an. Er drehte den Kopf. Ein Mädchen stand neben ihm und lächelte ihn an. Nicht die Gepiercte, nicht die Grellhaarige, nicht die Riesin. Sie war niedlich. Etwas Natürliches umwehte sie, auch wenn ihr Kleidungstil das Diktat der weltweiten Kleiderhäuser widerspiegelte. Die dicke Luft hatte ihre Frisur zu Nichte gemacht. Die blonden Haare klebten widerstandslos an ihrem Kopf. Ihre Schminke krümelte sich leicht zu künstlichen Augenringen und der Schweiß auf ihrem Gesicht kämpfte flächendeckend gegen ihr Make-up.
Sie sprach sehr schnell. Er schaffte es nicht nicht von ihren Lippen abzulesen. Sie hatte einen schönen Mund. Die obere Lippe war etwas größer als die untere. In der Mitte wölbte sie sich deutlich nach vorn. Zu schade, dass ihre Worte ihn nicht erreichten. Gerne hätte er gewusst, was sie ihm sagte. Ihr Atem roch nicht nach Alkohol. Ein deutlicher Pluspunkt.
Malik schüttelte den Kopf und deutete auf seine Ohren. Sie lachte, nickte und sprach weiter. "Ja, zu laut um zu reden." Das hatte er verstanden. Er deutete auf sein Glas und anschließend auf sie. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf einen ruhigeren Bereich.
Sie setzten sich. Er zögerte. Starrte lächelnd auf seine Cola. Sein Herz klopfte so stark, dass es sogar den hallenden Bass überspielte. Er verschränkte seine Arme auf dem Tisch, damit sie seine Unsicherheit nicht zeigten.
Sie redete und noch im Schwung klappte sie den Mund zu. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Irritiert starrte sie ihn an. Jetzt kam der Moment, wo sie verstehen musste, dass er ihr nie eine mündliche Antwort geben würde. Er legte sich die Hände auf die Ohren und schüttelte den Kopf. Er zeigte auf seinen Mund und wiederholte die Geste der Verneinung.
"Taubstumm?" Jetzt pressten sich ihre Lippen deutlich aufeinander.
Ja.
Oh.
Sie führte ihre Hand, als würde sie etwas notieren.
Malik musste lachen. Natürlich konnte er lesen und schreiben.
Sie holte ihr Handy aus der Tasche und textete ihm ihren Namen. Tasja. Ihr Lächeln hatte sich nicht verändert. Malik hatte sich noch nie mit einer Gleichaltrigen unterhalten, die nicht ebenfalls taubstumm war. Die meisten Mädchen wandten sich von ihm ab, nachdem sie von seiner Behinderung erfuhren. Wer will schon einen Freund, der nicht zuhören kann.
Tasja und er holten sich neue Getränke. Es gab vieles, was er ihr hätte mitteilen wollen. Weil er ein Sinnesorgan weniger zur Verfügung hatte, musste er die vorhandenen schärfen. Er nahm viele Details wahr, die oftmals verloren gingen. Das Mädchen ihnen gegenüber schielte auf jeden Jungen, der vorbei ging, in der Hoffnung, sich an jemanden hängen zu können. Da war einer der Kerle mit dem hoch gestellten Kragen, den er mal in einem Zeitschriftenladen beobachtet hatte, wie er eine Frauenzeitschrift länger als nötig durchgeblättert hatte.
Generell war es auffällig, dass sich die Jungen in ihrer Kleidung eher ähnelten als die Mädchen. Die meisten trugen enge Jeans, oftmals gestreifte Polohemden und Chucks. Um die Hälse wanden sich Bänder mit einfachen Symbolen und die gegelten Haare waren zu einem Kamm aufgestellt.
Vielleicht wusste Tasja das aber auch schon alles, denn sie hatte sich an ihn gewandt, der Jeans und Turnschuhe trug, aber dessen dunkelbraune, gelockten Haare zu widerspenstig waren, um sie modegerecht hinzubiegen. Sein T-Shirt war nicht eindeutig mit einem Markennamen versehen. Das einzig Extravagante an ihm war der kleine Holzring an der linken Hand.

Tasja stieß ihn an und zeigte auf ein Mädchen, das gerade an ihnen vorbei ging. Ihre künstlich braune Haut hob sich gegen ihr weißes, glitzerndes Oberteil ab. Jede freie Pore ihres Gesichts war mit Farbe überzogen. Dunkle Striche markierten Brauen, Augen und Mund. Ihr Minirock spannte sich eng um ihre Oberschenke. Sie trug Sandaletten mit hohen Absätzen, die sie nicht auf den schmalen Stufen aufsetzen konnte. Sie musste seitwärts gehen.
Tasja und Malik fingen gleichzeitig an zu lachen. Tasja schüttelte den Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
Sie warteten nicht ab, ob das Mädchen den Weg die Treppen hoch schaffte, sondern bewegten sich wieder auf die Tanzfläche. Jetzt bildeten Tasja und er für sich selbst eine kleine Gruppe. Die früheren Male, die er hier gewesen war, hatte er auf den Bass geachtet, den er spüren und dem er folgen konnte. Jetzt schloss er nicht mehr die Augen, sondern achtete nur noch auf Tasja, die ihnen beiden durch ihren ausgelassen Tanzstil Platz sicherte. Sie kannte jedes einzelne Lied, sang laut mit und schaffte es zusätzlich, ihn mit einzubinden, indem sie allein ihn zwischendurch anlächelte.
Und Malik konnte sich selbst nicht hören, aber er lachte lauthals zurück.

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