Donnerstag, 21. Oktober 2010

Klirrende Kälte

Als ich klein war, hab ich mal eine Leiche gesehen. Es war an einem Sonntag. Mein Vater schleppte mich jedes Wochenende zum Grab meiner Urgroßmutter. Soll eine sehr weise Frau gewesen sein.
Er nutzte die Gelegenheit auch, mir die Gräber der gefallenen Soldaten des 1. Weltkrieges zu zeigen. Als Kind hat man manchmal Probleme, sich phonetisch gleichende Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen auseinander zu halten und für mich beinhalteten diese Gräber keine umgekommenen Soldaten, sondern solche, denen der Krieg schlicht gefallen hatte. Selbst als Kind ohne genaue Vorstellung von den Leiden eines Krieges, irritierte mich das. Ich fragte nie nach und betrat den Friedhof nur mit Unbehagen.
Damals war es März. Die klirrende Kälte färbte meinen Atem weiß und meine Nase rot. Es war noch während meiner Grundschuljahre. Ich trug zusätzlich zu meiner dicken Jacke eine Kombination aus Mütze, Schal und Fäustlingen - alles in Gelb gehalten, damit man mich im Straßenverkehr gut erkennen konnte.
Vater hatte mich an der Hand genommen. Ich stolperte neben ihm her. Er war in Eile an diesem Tag. Das zügige Gehen fiel mir schwer, da mir meine Winterschuhe leicht zu groß waren. Wir folgten nicht dem normalen Fußweg, sondern schlüpften zwischen den Gräbern hindurch. Dort häuften sich braune, gefrorene Schneereste. Wir hinterließen Fußabdrücke und ich weiß noch, wie unangenehm mir das war.
Es gab kein einziges Grab in der Nähe, welches Blumen aufweisen konnte. Die Abwesenheit jeglicher bunter Flora betrübte mich.
Wir beschritten einen weiteren unwirtlichen Weg, als mein Vater in seiner Hektik ohne jegliche Vorwarnung stehen blieb. Ich konnte nicht plötzlich anhalten und rannte gegen sein rechtes Bein. Der Tadel dafür blieb aus. Mein Vater starrte auf einen Mann, der sich zwischen zwei großen Grabsteinen in eine rostbraune Decke gewickelt hatte. Er lag auf dem Rücken. Ein ausgestreckter Arm lugte hervor
"Papa, was macht der Mann hier?", fragte ich.
Mein Vater zögerte keine Sekunde so wie Eltern nun mal nicht lange überlegen müssen, wenn sie eine angenehme Lüge der unbequemen Wahrheit bevorzugen.
"Er schläft."
"Papa, ich glaube, der Mann ist tot."
Jetzt ließ sich mein Vater Zeit mit der Antwort. "Auf einem Friedhof befinden sich nun mal tote Menschen", sagte er und ging weiter.
Sein Tempo steigerte sich noch. Ich lief hinterher, lediglich bemüht in meinen großen Schuhen zu ihm aufzuschließen.

Ich würde gerne mit einer edlen Tat meines Vaters abschließen. Er benachrichtigte die Polizei und stiftete Geld für eine richtige Beerdigung des Mannes. Mir ist nichts dergleichen bekannt. Ich sprach ihn nie auf den Toten an. Er hoffte wohl, dieser eine Spaziergang sei in meinen Kindheitserinnerungen verloren gegangen.

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