Freitag, 27. August 2010

Zweieinhalb Wochen

Meine Freundin testet Hotels. Sie wird von ihrem Arbeitgeber durch ganz Europa geschickt, untersucht akribisch die Sauberkeit, den Service und das Ambiente, vergleicht hoteleigene Anpreisungen mit den realen Verhältnissen und verfasst dazu Berichte, die online veröffentlicht werden. Im Fernsehen gibt es manchmal Reportagen über Hoteltester. Meine Freundin sagt, das würde sie auch gerne mal machen.
Ihre Arbeit braucht ein bisschen Tarnung. Sie trägt besonders gerne weiße, oftmals stark verkürzte Kleidung - weil deutsche Frauen ihres Alters diesen Aufzug im Urlaub bevorzugen würden. Daheim hat sie ein Solariumabo. Sie möchte streifenfreie Bräune. Unsere Putzfrau kommt zweimal die Woche, während meine Freundin andernorts Staubdicken auf Bilderrahmen und Deckenventilatoren überprüft.
Ihr schlimmster Fall war die rennende Kakerlakenherde, ihr bester der gutaussehende Nachtportier. Wegen beidem lag sie weinend in meinen Armen. Ein Fehler. Ein Alptraum. Nachts beobachte ich sie im Schlaf. Der Nachtportier kommt sie wohl öfters besuchen als die Kakerlaken. Wegen mir hat sie noch nie nächtliche Anwandlungen bekommen.
Meine Freundin nimmt immer alle kleinen Pflegebedarfsets aus den Hotels mit und erzählt mir etwas von 10 Euro Einsparung jeden Monat.
"Hallo Schatz. Da bin ich wieder." Inklusive Shampoo und Duschgel, viele viele Haarnetzpackungen, Schuhreinigung und Nähzeug.
Mit einem Lächeln kommt sie zurück. Die Willkommensschokolade bekomme ich nie zur Sicht.
Wenn wir beide duschen gehen, brauchen wir zusammen etwa siebenachtel eines Fläschchens auf. Der Rest steht solange im Bad herum, bis wieder genau eine Portion Haarwaschmittel daraus wird. Einmal bin ich zu spät auf Arbeit erschienen. Stau war meine Begründung. Die Wahrheit: Es dauert sehr lange, einachtel Restshampoo aus mehreren kleinen Flaschen herauszuschütten.
Als wir zusammen kamen, hatte meine Freundin lange, honigblonde Haare - genau solche Haare, wegen denen Männern zur Überzeugung gelangen, Frauen seien den Genuss wert.
Zweieinhalb Wochen später kam sie mit einem Bobschnitt vom Friseur. Das wäre jetzt modisch. Ich lag nicht weinend in ihren Armen.
Die Shampoo-Angelegenheit ist noch nicht ausgestanden. Für die Dusche im Fitnessstudio habe ich mir andere Hygieneartikel zugelegt. Jetzt sparen wir eben nur noch fünf Euro im Monat. Ich verstecke die Flaschen in meinem Auto. Für den Anschein nehme ich die Hotelflakons mit, und lass sie in der fremden Dusche in den Abguss laufen.
Mein Verrat an ihr ist definitiv schlimmer als ihr Fremdgehen, denn ich werde weitermachen und nicht heulend zusammenbrechen. Bis sie mich irgendwann entlarvt. Allein der Gedanke: Sie riecht an meinen Haaren und kann den Geruch nicht identifizieren. Ich habe mir eine Liste an Ausreden zurecht gelegt.
Es gab im Fitnesscenter eine Werbeaktion mit Gratispröbchen. Ich hatte mein Shampoo vergessen und mir welches geliehen. Da war noch eine fast volle Flasche von meinen Vorgänger in der Kabine - von diesem überteuerten, im Fernsehen aggressiv beworbenen Shampoo. Da hab ich zugegriffen.
Irgendwann wird es herauskommen. Sie wird einen Aufstand machen. Vielleicht muss ich Rückzahlungen an die Haushaltskasse leisten. Vielleicht trennen wir uns sogar.
Wegen Haarshampoo.
Wegen des Nachtportiers.
Eigentlich hat sie angefangen, weil sie sich die Haare abschnitt.

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