Donnerstag, 26. August 2010

Ein Kapitel nach dem Essen

„Bei diesem Wetter sollten wir nicht hier drin versauern“, hatte sie gesagt und ihn dazu gedrängt, einen Spaziergang durch die Innenstadt zu machen. Sie hatte es geliebt, die fremden Menschen zu beobachten. „Die jungen Leute“, wusste sie zu sagen, „leben intuitiver als wir. Wir rechnen nur an unserer Rente herum und schränken uns vor lauter Angst selbst ein. Sie hingegen nehmen sich einfach, was sie haben wollen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Dabei stehen sie noch vor der Herausforderung, sich eine Basis zum Leben aufzubauen, und wir sollten diejenigen sein, die nichts mehr zu verlieren haben, denn wir sind am Ende unseres Lebens angekommen.“
Er hatte wie so oft nicht gewusst, was er antworten sollte. Solche Gedanken hatten ihn nie beschäftigt.
Meist waren sie nur an den Geschäften vorbei gebummelt, hatten den Zoo besucht oder waren auf ihr Anregen in Museen und zu öffentlichen Anlässen gegangen. Selten hatten sie sich mit Gleichalt­rigen getroffen.
„Die sind alle so verbohrt“, hatte sie den Kopf geschüttelt. „Sie haben gar nichts gelernt in ihrem Leben. Wir sind doch alle gleich in unseren Belangen. Nur weil sie alt sind, wollen sie als etwas Besseres behandelt werden. Dabei sind sie diejenigen mit Erfahrung, die wissen soll­ten, dass es an ihnen ist, die Mitmenschen respektvoll und als Gleichgesinnte zu behandeln, und mit dieser Erkenntnis etwas Wertvolles an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Denkst du das nicht auch?“
Er hatte die Schultern hoch gezogen. „Ich weiß nicht.“
Wie jedes Mal, wenn er seine Unsicherheit gezeigt hatte, hatte sie gelacht, sein Gesicht mit ihren Händen umfasst und es kurz gedrückt.
„Entschuldige, ich weiß, dass dir diese Themen nicht belieben.“
Es entsprach der Wahrheit, dass er jedes gesellschaftspolitische Thema umging. Er war als Arbei­ter aufgewachsen, war als solcher über fünfzig Jahre tätig gewesen und lebte nun von seiner Rente. Sie war dieje­nige mit der Bildung gewesen, die Worte wie „Bewusstsein“ und „Verantwortung“ aus vollster Überzeugung benutzte, die bei Diskussionen gut durchdachte Argumente hervorbringen konnte, die ihn gelehrt hatte, Verpflichtungen als Teil seines Lebens zu sehen, nicht als Lebens­grundlage.
In der Anfangszeit, als sie sich kennen gelernt hatten, hatte sie ununterbrochen geredet. Dabei hatte das Leuchten in ihren Augen etwas in ihm erweckt, an dessen Existenz er vorher nie geglaubt hatte. Er hatte sie dorthin ausgeführt, wo sie sich wohl fühlte. Er hatte ihr die Grund­lage zu einem sorgenfreien Leben geboten. Er war ihr mit all seiner Treue verfallen. Über all die Jahre hinweg war das Leuchten ihrer Augen nie verschwunden, wenn sie ein Thema ansprach, das sie bewegte.
Mittwochs waren sie gern in ein Lokal nahe ihrer Wohnung eingekehrt. Es war ihr wöchentli­cher Luxus gewesen und dazu eine über die Jahre geliebte Gewohnheit.
Später, als ihr erster Schlaganfall sie in den Rollstuhl gezwungen hatte, hatte er alles unternom­men, um ihr vorheriges Leben weiterzuführen. Wenn sie sich auch nicht mehr artikulieren konnte, wusste er doch, dass ihr Geist immer noch vorhanden war. Morgens beim Frühstück durchsuchte er die Zeitungen nach Anlässen, die sie interessieren könnten.
Sie hatte ihm nicht mehr danken können, aber manchmal hatten ihre Augen geleuchtet. Dann hat­te er den Kopf gesenkt und leicht gelächelt.
Nach dem zweiten Schlaganfall hatten die Ärzte sie nicht mehr aus dem Krankenhaus gelassen. Er war an ihrer Seite verweilt, hatte ihre Hand gehalten und manchmal ein wenig erzählt von dem neuen Gi­raffenkind im Zoo, von der Baustelle in ihrer Straße oder dass sie in ihrem Lieblingspark neue Bäume gepflanzt hatten. Er war noch nie ein großer Redner gewesen und als ihm die Stille zu unheimlich wurde, hatte er vor lauter Verzweiflung angefangen, ihr Bücher vorzulesen. Es waren ihre Bücher gewesen, die sie alle schon oft gelesen hatte. Wenn sie das Gewohnte nicht mehr besu­chen konnte, musste er es eben zu ihr bringen. Er las jeweils ein Kapitel nach ihrem Frühstück. Da­nach schlief sie ein und er ging, erledigte Einkäufe, reinigte die Wohnung und löste die Rätsel in der Tageszeitung. Nachmittags kam er wieder und las weiter.
An einem Mittwoch ging er nach langem noch mal in das Restaurant.
„Guten Tag“, begrüßte ihn die Wirtin und hielt ihm die Speisekarte hin. „Das freut mich aber, Sie noch mal bei uns zu sehen. Wo ist denn Ihre Frau?“
„Ich habe sie letzte Woche zu Grabe getragen“, antwortete er mit leiser Stimme.
Die Wirtin zuckte zusammen und hielt ihre Hand immer noch über den Tisch, obwohl er ihr die Speisekar­te längst abgenommen hatte. „Das tut mir leid“, sagte sie und er fühlte die Ehrlichkeit in dieser Aussa­ge, auch wenn er nicht in ihr erschüttertes Gesicht blickte.
Er bestellte ein Bier und sie ging zurück in die Küche. Sie wischte sich eine Träne weg, be­vor diese den Weg aus dem Auge gefunden hatte.
„Was ist passiert?“, fragte ihr Mann sie und unterbrach seine Arbeit, die Schnitzel zu panieren.
„Du kennst doch die beiden alten Leute, die jeden Mittwoch kommen.“
„Die Dame jetzt im Rollstuhl, er sehr still?“
„Genau.“
„Was ist mit denen?“
„Der Mann ist wieder da. Seine Frau ist tot.“
„Ich kümmere mich drum“, sagte er.
„Danke. Ich kann das nicht. Das geht mir einfach zu nah. Sie war so nett.“
Der Wirt wusch sich gründlich die Hände und zapfte das Bier.
„Das ist nett, dass Sie sich zu mir setzen“, sagte der alte Mann, als der Wirt zu ihm kam.
„Das ist das Mindeste, was ich tun kann“, antwortete der. Er erwartete, dass der alte Mann von seiner Frau erzählte, dass er weinte und zu viel Bier trank. Doch er aß und trank in gleich gebliebe­ner Ruhe.
„Meine Frau war diejenige von uns“, sagte er, als er das Besteck auf den Teller legte, „die mit den Leuten geredet hat. Ich kann das immer noch nicht.“
„Es tut mir sehr leid, dass Ihre Frau gestorben ist“, sagte der Wirt.
„Ja. Das ist das schlimmste, was passieren konnte. Und ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, um sie zu trauern. Ich vermisse sie sehr. Aber es entspräche nicht ihrem Wunsch, wenn ich mich jetzt komplett aufgebe. Wir hatten ein erfülltes Leben zu­sammen und deshalb beinhaltet je­der meiner Gedanken an meine Frau die Freude, sie überhaupt an meiner Seite gewusst zu haben. Ich werde bald neben ihr beerdigt werden und dieser Gedan­ke hilft mir sehr weiter. Ich bin ihr mein ganzes Leben lang gefolgt und mir ist dabei nie etwas Schlimmes widerfahren. Das wird sich auch jetzt nicht mehr ändern.“
Darauf wusste der Wirt nichts Richtiges zu sagen. Der alte Mann schlug seine Einladung aus, die Rechnung ginge aufs Haus. Er bezahlte, gab dem Wirt die Hand und verließ das Restaurant, lang­sam, leicht humpelnd. Sein Arbeiterleben hatte seinen Körper gezeichnet.
Der Wirt stand neben dem Stuhl, von dem er aufgestanden war, um dem Herrn zu verabschieden, und schaute dem Gast hinterher. Er wischte die Träne nicht weg, als sie sein Gesicht herunterlief.

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