Montag, 24. Mai 2010

Mutterinstinkt

14:30 Natacha hörte die Straßenbahn kommen. Es war eine zu früh – genau die, die Sina nie erwischte, weil eine zu lange rote Ampelphase sie daran hinderte. Die nächste kam in fünf Mi­nuten.
Natacha wischte den Tisch der kleinen Küchensitzecke ab. Ein paar Restkrümel des Frühstücks be­fanden sich noch dort direkt neben einigen Tintenklecksen. Ergebnisse der gestrigen Haus­aufgaben
Mama, Sachaufgabe fertig“, hatte Sina gekräht und beim Jubeln mit dem Füller herum gewedelt.
Das war typisch Sina. Ein stürmischer, dunkellock­iger Frech­dachs mit Zahn­lücke und Sommersprossen. Sie sah ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, auch wenn Natacha nicht mal mehr ein Foto des Mannes hatte. Es gab gar keine Bilder von anderen Familienmitglie­dern in der Wohnung als die von Mutter und Tochter.
Der Großvater hatte Sina am Tag nach ihrer Geburt gesehen. Danach nie wieder.
Kinder von Alleinerziehenden sind automatisch psy­chisch gestört, weil ihnen die Vaterfigur im Leben fehlt“, hatte er gesagt. „Und bei dir kommt es noch schlimmer. Dir fehlt es an Mutterinstinkt. Du bist selbst noch ein Kind. Ungelernt, noch nie gear­beitet, aber Hartz IV. Und jetzt auch noch ein Balg von einem dahergelaufenen Typen ohne Nachnamen. Eine weitere Belastung für die Staats­kasse. Du hättest abtreiben sollen. Jetzt steckst du in der Scheiße – nur weil du es verpennt hast zu verhü­ten. Realschulabschluss hast du. All die ganzen Kosten für die Schule waren umsonst. Ich hab mir den Arsch aufgerissen für nichts. Ich will dieses Enkelkind nicht. Also denk nicht daran, mich weiter damit zu belästigen.“
Im Hinausgehen hatte er noch ein „Wenigstens kein Ausländerkind.“ gebrummt. Die Kran­kenschwester hatte empört weggesehen.
Natacha würzte den Spinat nach, rührte ein letztes Mal um und begann den Tisch zu decken. Kar­toffeln mit Spinat und Ei. Dazu Orangen­saft und den neusten Klatsch vom Schulhof.
Draußen bimmelte die Bahn. Natacha warf einen Blick raus.
Du lässt dein Kind allein mit der Straßenbahn fahren? In dieser Stadt?“, fragte ihr Vater in ihrem Kopf.
14:36 Sie hatte zu lange den Spinat beobachtet. Kurz schüttelte sie den Kopf. Draußen war die Straßen­bahn längst weitergefahren. Jetzt fehlten nur noch Fußgetrappel, Schlüssel­rasseln, das „MUTTI, ich bin zu HAUSE!!“
Sie würde Sina nur zu gern von der Schule abholen, aber es war schlichtweg zu teuer. Sie be­saß kein Au­to. Die öffentlichen Verkehrsmittel konnte sie sich nicht leisten. Zwar könnte sie den Weg mit dem Fahrrad zurücklegen, aber sie bevorzugte es, Sina ein warmes Essen vorzusetzen, wenn sie heim kam.
Bald musste sie zu ihrer Schicht aufbrechen. Wareneinräumen. 400 € Basis. Das meiste davon be­kam das Amt, aber sie brauchte das Restgeld. Insbesondere mit einem schnell wachsendem Kind. Natacha wollte nicht, dass Sina wegen Hochwassers in der Schule gehän­selt wurde.
14:44 Es kam immer noch niemand die Stufen hoch. Kein Schlüsselgerassel, keine quiet­schende Haustür.
14:46 Natacha stand mit dem Handy am Fenster. Beobachtete die Straßenbahnen. Mit jeder weiteren klopfte ihr Herz lauter.
14:52 „Noch eine Bahn. Dann ruf ich in der Schule an.“
14:54 Du lässt die Kleine alleine mit der Straßenbahn fahren?
14:55 „Nein, Sina, es gibt kein Handy zu Weihnachten. Es ist mir egal, ob Celenta schon eins hat. Du brauchst in deinem Alter noch kein eigenes Telefon.“
14:57 Das Schreiben mit den Telefonnummern vom ersten Elternsprechtag zitterte in Natachas Hand. Sie wählte die Nummer. „Ja, hallo, Hellmwisch hier. Meine Tochter Sina ... sie geht in die 1. Klasse bei Frau Nagerl. Ist sie ... Gab es da heute Unregelmäßigen im Lehrplan? – Ja, sie ist bisher nicht angekommen. Zwanzig Minuten. – Nein, sie verbummelt sonst nie den Tag. Sie weiß, dass sie ... – Nein, die Straßenbahnen fahren pünktlich. – Nein, sie geht nicht einfach zu einer Freundin ohne Bescheid zu sagen. – Warten? Das ist leicht gesagt. – Ja. Danke. Tschüssi.“
15:15 „Ja, hallo Iris. Hier ist Natacha. Kannst du auf der Arbeit für mich einspringen? Sina ist nicht von der Schule heim gekommen. – Fast schon ‘ne Stunde. Ich werd‘ bald wahnsinnig. Ich – ach, scheiße. Ja, sag mal einer Mutter, dass sie nicht weinen soll, wenn ihr Kind nicht nach Hause kommt. Natürlich mache ich mir Sorgen.“
15:49 „Sie ist also nicht bei Ihnen. Können Sie mal bitte fragen, wann sie sie das letzte Mal gesehen hat? – Gut. Nein, das hilft mir leider nicht weiter. Rufen Sie mich bit­te an, wenn Sie etwas hören. Auf Wiederhören.“
15:50 Beim zweiten Anruf im Sekretariat hatte man ihr empfohlen, jedes Kind auf der Tele­fonliste anzurufen. Sie verwählte sich oft, weil ihre Finger zitterten.
16:37 Zwei Nummern hatte sie nicht erreichen können. Sie steckte den Zettel ein. Jetzt würde sie mit den Fahrrad die Strecke Wohnung-Schule abfahren. Auf dem Ess­tisch lag ein Zettel: Ruf mich auf dem Handy an, wenn du da bist. Mutti
18:13 „Sina, bist du da?“ Schon beim Aufschließen der Wohnungstür wusste sie, dass sie die Tochter hier nicht vorfinden würde. Während sie jetzt viermal die Strecke abgefahren war, sämtli­che Perso­nen öffentlichen Lebens, Bauarbeiter, Stadtdienst, gefragt hatte, ob sie ein sommerspross­iges, braunhaariges Mädchen mit roter Daunenjacke, blauem Schulranzen und cha­rakteristischer Zahn­lücke gesehen hatte, hatte sie kein Anruf erreicht.
Sie startete die zweite Telefonlistenaktion.
18:43 „Gehen Sie zur Polizei, und hören Sie auf, uns anzurufen.“ Die Frau legte auf. Natacha bekam einen Heulkrampf.
19:22 Die Tür zur Polizeistation ließ sich nicht öffnen. Sie musste erst klingeln. Eine Männer­stimme meldete sich. Starkes Sächseln. „Ich“, sie schniefte, „ich suche meine Tochter. Sie ist ver­schwunden.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen