Donnerstag, 13. Mai 2010

Erst shoppen

Die Innenstadt lag direkt vor ihnen. Eingerahmt von den unliebsamen Klängen eines Akkorde­ons, bewegten sich die Leute durch die Passagen. An Baustellen vorbei überquerten sie die noch nicht autofreien Straßen der Innenstadt ohne zu schauen. Franka und Wera hatten Zeit. Sie waren heute extra früh aufgestanden, um bummeln zu gehen.
 „Warte, ich muss hier rein“, sagte Franka und hielt vor einem Geschenkeartikelladen.
„Was brauchst du?“ Wera drehte an einem Kartenständer mit gelben Schildern mit mehr oder we­niger geschmacklosen Aufschriften. „Haha. Schau mal: ‚Erst shoppen, dann poppen‘. Schön wär's.“
„Ich brauch noch ein Geschenk für Tilo. Übermorgen sind wir sechs Monate zusammen. So lange habe ich es noch nie mit einem Typen ausgehalten.“ Franka nahm Verschiedenes in die Hände und stellte es wieder in die Auslage zurück. „Er bedeutet mir echt was. Er hat eine Ar­beit und eine eigene Wohnung. Weißt du, er be­handelt mich nicht wie Dreck. Er schlägt mich nicht. Was Besse­res kommt mir nicht mehr unter. Deshalb will ihm etwas holen. Er soll nicht denken, ich würde ihn nur wegen des Geldes mögen.“
Wera hatte sich hingehockt und las die Schildern im unteren Bereich. „Du hast Recht. Tilo ist schon besser als deine Exfreunde. Schon krass, dass zwei von denen im Knast sitzen. Da las­sen sie dich wenigstens in Ruhe.“
„Hier.“ Franka zeigte auf einen Aschenbecher. „Der ist toll. Grünweiß. Wie Chemie. Den nehm ich. Halt mal. Ich muss mein Geld rauskramen.“
Wera schaute irritiert auf den tönernen Gegenstand in ihrer Hand. „Warum steckst du ihn nicht einfach ein? Guckt doch keiner.“
„Nein, weißt du, ich will ihm was kaufen, weil er mir was bedeutet. Klauen kann ich ohne Grund.“
„Also, ich bezahl auf jeden Fall nicht.“
Während Franka an die Ladentheke trat und bezahlte, steckte Wera drei der Schilder in ihre Handtasche.

Franka zählte jeden einzelnen Freiton mit. Gleich würde die Mailbox angehen.
„Ja?“ Tilo.
„Hi. Wann kommst du nach Hause?“
„Später.“
„Ich hab gekocht.“
„Gut. Ich hab noch nicht gegessen.“
„Ich will nicht, dass es kalt wird.“
„Dann stell es in die Mikrowelle.“
„Es ist unser Sechsmonatiges.“
„Ja?“
„Ich wollte mit dir zusammen essen. Wann kommst du?“
„Gegen acht.“
„Ich hab auch ein kleines Geschenk für dich.“
„Das ist süß. Hör mal, ich muss jetzt weiter.“
„In Ordnung. Bis gleich.“
„Ja.

Franka saß am gedeckten Tisch. Sie blickte auf ihr Handy. Halb neun. Er hat­te sich verspätet. Er war mit seinen Kumpels unterwegs. Da konnte das schon mal was länger dau­ern. Er kam nicht zu spät, um sie zu ärgern. Sie hatte jetzt schon mal bei ihm anklingeln lassen. Ein zwei­tes Mal traute sie sich nicht. Vielleicht würde er dann verärgert reagieren. Jungs mochten es nicht, wenn Mädchen klammerten.
Es wäre schlimm, Tilo zu verlieren. Dann müsste sie wieder zu ihren Eltern ziehen. Dann wäre nie­mand mehr da, der sie weckt, wenn sie nachts schlecht träumt. Tilo wurde zwar ziemlich wü­tend, wenn sie wieder etwas Dummes angestellt hatte, aber er beruhigte sich schnell, wenn sie schwieg und nicht reagierte. Sie war selbst nie auf Streit aus.
Wenn sie beide alleine waren, schmusten sie viel. Vor dem Fernseher oder abends im Bett störte es ihn nicht, wenn sie sich an ihn kuschelte. Er redete von der Arbeit und sie hörte ihm interessiert zu. Er teilte manchmal Gedanken mit ihr, die er sonst nicht aussprach. Wie sehr es ihn getroffen hatte, als sich seine Eltern hatten scheiden lassen. Dass er sich zwar gern mit seinen Kumpels be­trank, ihm deren Geschnorre aber zu stören begann. Bei vielen von ihnen war es mehr ihre Faul­heit als ihr Unkönnen, warum sie Geldprobleme hatten. Am Anfang ihrer Beziehung, kurz nachdem sie hergezogen war, hatte er ziemlich unter Druck gestanden. Sei­ne Exfreundin hatte ein Kind bekom­men und Unterhalt gefordert. Ein Vaterschaftstest hatte beweisen müssen, dass es nicht seins war.
Die Pille vergessen. Franka hatte auch schon mal dran gedacht. Mit einem Kind würde sie sich nicht mehr so langweilen. Sie würde bessere staatliche Unterstützung bekommen und sie würde ei­ne beständige, feste Bindung zu Tilo aufbauen. Auch wenn sie ihn aufrichtig liebte, wusste sie aus Erfahrung, dass Jungs trotz fester Beziehungen nicht blind wurden. Sie waren triebgesteuert. Franka würde Tilo niemals auf Schritt und Tritt überwachen, so wie das manche ihrer Freundinnen mach­ten. Kein Typ machte das lange mit.
Franka ließ zu, dass Tilo sich herumtrieb (jedenfalls nahm sie das an, beweisen konnte sie es nicht). Wo auch immer er gewesen war, am Ende kam er zu ihr zurück. Ein Kind würde dies unter­stützen, besonders wenn es ein kleiner Junge wäre. Tilo kam aus einer Großfamilie. Er konnte gut mit Kindern umge­hen. Er würde sie nicht zur Abtreibung zwingen. Um sicher zu gehen, würde sie ihm die Schwangerschaft erst mittei­len, wenn die ersten zwölf Wochen vorbei wären.
Bei ihr würde es keine Diskussion um die Vaterschaft geben. Sie war Tilo treu.
Sie hörte, wie er den Schlüssel in der Tür herumdrehte. Er roch nach einer Mischung aus Tabak und Bier.
„Ach ja, du hast gekocht“, sagte er nach der Begrüßung und ließ sich auf den Stuhl fallen.
Sie nahm die Teller und erhitzte das Essen. Während sie aßen, erzählte Franka von einem Betrunkenen, den die Polizei abgeführt hatte, nachdem er in einem Ge­schäft Leute belästigt hatte.
„Warum warst du in der Innenstadt?“, fragte Tilo und kratzte das Essen auf seinem Teller zusam­men. „Ist noch was da?“
„Ja. Warte, ich hol‘s dir.“
Als sie mit dem erhitzten Essen zurückkam, holte sie den eingepackten Aschenbecher hervor. „Hier, ich hab dir ein kleines Geschenk mitgebracht.“
Er packte es aus. „Ah. Cool. Grünweiß. Genau richtig. – Mein Geschenk bekommst du später“, sag­te er und zwinkerte.
Sie lächelte.

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